Bett-Postille

Man kann nicht sagen, dass der japanische Künstler Tatzu Nishi den Reformator Martin Luther von seinem Sockel geholt habe. Eher im Gegenteil. Er hebt uns auf Sockel hinauf. Mit der Installation „Als dann flugs und fröhlich geschlafen (In bed with Martin Luther)“ hat Tatzu Nishi das Eisenacher Martin-Luther-Denkmal mit einem vollständigen, sehr durchschnittlichen deutschen Schlafzimmer umbaut. Und zwar auf Sockelhöhe. Man kann nun ein Gerüst ersteigen, um dieses Schlafzimmer zu betreten und die einstige Luther-Statue aktuell als Bett-Statue zu begutachten.

Ist das nun Kunst oder höherer Blödsinn? Will hier jemand den Reformator veräppeln – oder warum muss man ihn ins Bett zerren (oder korrekt formuliert: ihn mit einem Bett umstellen)?

Es mag schon sein, dass Tatzu Nishi uns nicht nur auf den Sockel heben, sondern mit seiner Installation auch auf den Arm nehmen möchte. Und das ist gut so. Denn er spielt auf sehr intelligente, weil irritierende Weise mit der Frage, wie aktuell uns dieser Luther heute noch sein kann, was uns dieser Luther gegenwärtig bedeutet und wie nahe beziehungsweise entfernt uns dieser Luther ist. Mit eben diesen Fragen von Nähe und Distanz jongliert die Sleep-In-Installation.

Es ist insbesondere das heroisierte und nationalistisch aufgeladene Luther-Bild des 19. Jahrhunderts – das Eisenacher Luther-Denkmal wurde 1895 eingeweiht –, das durch die Installation konterkariert wird. Aus dem deutschen Übermenschen wird durch die Positionierung im Bett wenn schon keine Alltagsperson, dann doch zumindest ein entsockelter Heros. Man kann dem Reformator, der ansonsten mehrere Meter über den Betrachtenden thront, ganz nahekommen, kann den Helden veralltäglichen und kann sich vielleicht sogar für einen Moment der Illusion hingeben, die historische Distanz eines halben Jahrtausends zum Reformator zu überbrücken.

Aber der Clou der Installation besteht darin, durch die Bettsituation nicht nur Nähe zu schaffen, sondern durch die übergroße Intimität des Schlafzimmers auch schon wieder Distanz herzustellen – der Eintritt in die fremde Bettstatt als Moment der Scham.

Was also bedeutet uns Luther heute? Tatzu Nishi hat diese Frage auf komplexe und durchaus widersprüchliche Weise adressiert. Einige mögen darin den ‚Untergang des Abendlandes‘ sehen, wie manche kritische Stimmen sich mit Blick auf das Kunstwerk geäußert haben sollen. Aber wenn es darum geht, nationalistisch aufgeblähte Heroen vom Sockel zu holen, dann kann dieses Abendland meines Erachtens gar nicht schnell genug untergehen.

Jenseits von Aktualisierung und Historisierung

Aktualisierung

Der erste größere Reformationsjubiläumsschluckauf hat das Land einmal durchgerüttelt. Es wird nicht der letzte gewesen sein. Zum 499. Begängnis des – ja, des was eigentlich? Des Thesenanschlags wohl nicht, der Thesenanschläge wohlmöglich, der brieflichen Thesenversendung recht sicher, der Thesenanleimung unter Umständen … Auf jeden Fall wurde beim 499. Jahrestag des Ereignisses, bei dem wir gar nicht so genau wissen, was sich eigentlich ereignet hat, schon einmal groß aufgefahren, obwohl es ja erst das Aufwärmen für das wirkliche Jubiläum gewesen sein soll, erst der Auftakt für die einjährige Dauerfanfare in Rotationsschleife, die Ende Oktober 2017 in einen großen Tusch münden wird. Es wurde noch nicht alles aufgeboten, eher das Übliche serviert. Zum 3. Oktober 2016 haben zahlreiche Zeitungen, Fernsehsender, Internetseiten und sonstige Medien mit dem Reformationsthema aufgemacht, die Evangelische Kirche in Deutschland hat einen sehr ökumenisch ausgerichteten Eröffnungsgottesdienst gefeiert, der Papst hat die Reformationsfeierlichkeiten im schwedischen Lund besucht, und ein Staatsakt wurde in Berlin gefeiert mit all den Granden, die dieses Land so herzugeben hat.

Dominierendes Thema dieser ersten Reformationseruption war die Frage, was uns dieses Ereignis samt seiner herausragenden Gestalt Martin Luther denn heute noch bedeuten könnte. Eine naheliegende Frage, so möchte man meinen. Denn wozu sollten solche historischen Feierlichkeiten gut sein, wenn nicht zur kollektiven Selbstreflexion im Angesicht der Vergangenheit (die in einer etwas befremdlichen, possessiv-adjektivischen Formulierung dann auch flugs zur ‚eigenen‘ Vergangenheit wird)?

Ja, wozu sollten solche Feierlichkeiten eigentlich gut sein? Der Schwerpunkt der öffentlichen Debatte setzt eindeutig auf Aktualisierung. Es wird also versucht, den historischen Vorgang der Reformation, noch viel häufiger aber die historische Figur Martin Luthers in unsere Zeit zu übertragen. Dankenswerterweise halten diese beiden Gegenstände der gegenwärtigen Betrachtung derartig viele Facetten bereit, dass sie sich für nahezu jede Form der Aktualisierung anbieten. Da kann man dann aus der Reformation einen Aufruf zu Toleranz, Freiheit, Individualisierung und Nächstenliebe machen, sie aber ebenso zur Mutter aller Glaubenskriege oder zum Beginn eines schier endlosen Abschlachtens im Namen des wahren Glaubens machen. Da kann man Martin Luther verstehen als Vorkämpfer der Freiheit, als Schöpfer der deutschen Sprache, als Ausgang der breiten Bevölkerungsmassen aus einer fremdverschuldeten Unmündigkeit – oder als Judenhasser, als Fürstenknecht und als theokratischen Hassprediger, der heute dem sogenannten Islamischen Staat gut zu Gesicht stünde.

 

Historisierung

Darf man also, bloß weil Jubiläum ist, mit Luther, Reformation und dem ganzen Drum und Dran machen, was man will? Alle basteln sich die Version des Geschehens, die ihnen gerade in den Kram passt? Der Gegenentwurf zur teils gnadenlosen Aktualisierung (gipfelnd in der immer wieder gestellten Frage, die sich eigentlich von selbst verbieten sollte: Was würde Luther heute wohl dazu sagen?) liegt auf Hand und hört auf den Namen Historisierung. Wenn man die Verhältnisse und Ereignisse und Personen von um 1500 nicht einfach um ein halbes Jahrtausend versetzen und in die Gegenwart beamen darf, dann sollte man sie konsequenterweise in ihren jeweiligen historischen Umständen begreifen. Wir alle müssten als Reformationsjubilierende also zunächst zu hinreichend versierten HistorikerInnen werden, um halbwegs angemessen über diesen Gegenstand sprechen zu können.

Das scheinen Alternativen zu sein, die sich zunächst einmal gegenseitig ausschließen. Das Jubiläumsereignis bezieht sich zwar auf die Reformation, findet aber hier und heute statt, kann also gar nichts anderes tun als einem Aktualisierungsbedürfnis nachzugeben. Umgekehrt gehört das Reformationsereignis zweifellos der Vergangenheit an, es ist uns in vielen Bereichen fremd und unverständlich, weshalb eine Historisierung unausweichlich erscheint, um nicht den Kardinalfehler im Umgang mit Vergangenheiten schlechthin zu begehen, sie nämlich nach Kriterien zu beurteilen, die überhaupt nicht die ihren waren und nach denen sie folgerichtig auch gar nicht handeln konnten.

 

Jenseits

Aber auch wenn eine riesige Kluft zu bestehen scheint zwischen dem Martin Luther in Playmobil-Gestalt auf der einen Seite, der uns vertraut lächelnd anblickt und somit zu unserem unmittelbaren Zeitgenossen wird, und dem Martin Luther, der uns auf der anderen Seite in seinen Schriften entgegentritt, der uns sprachlich, gedanklich und hinsichtlich seiner Überzeugungen doch sehr weit entfernt anmutet – trotz dieser vermeintlichen Kluft haben Aktualisierung und Historisierung doch eines gemeinsam: Sie wollen uns beide auf ihre Art weismachen, dass man sich durch die Zeit bewegen könnte. Die einen nehmen Luther, die Reformation und was sich um 1500 noch Nützliches finden lässt und versetzen es in die Gegenwart. Die anderen fordern uns dazu auf, die Geschichtsmaschine (wenn schon nicht die Zeitmaschine) zu besteigen, um die Gegenwart zu verlassen und der Reformation dadurch gerecht zu werden, dass wir sie in ihren Zusammenhängen begreifen.

Möglicherweise ist das Problem der Geschichtskultur, die sich hier offenbart, also nicht, dass man sich entscheiden muss zwischen einem Martin Luther, der als Laienschauspieler händeschüttelnd durch unsere Fußgängerzonen spaziert, oder einem Martin Luther, der als Cranach-Bild in einem Museum unnahbar hinter Sicherheitsglas hängt. Möglicherweise ist das Problem dieser Geschichtskultur eher das Zeitmodell, das ihr zugrunde liegt – ein Modell nämlich, das Zeit immer noch als Linie oder als Pfeil konzipiert und das einen historischen Zusammenhang allein schon dadurch herzustellen vermag, dass sich die Ereignisse auf dieser Linie chronologisch anordnen. Und auch wenn sich die Gerichtetheit bestimmter biologischer oder physikalischer Prozesse ebenso wenig leugnen lässt wie die Entropie und die Thermodynamik, so kann man doch kulturelle Umgangsweisen mit der Zeit nicht darauf reduzieren. In kultureller Hinsicht sind wir nämlich in der Lage, nahezu beliebig viele Beziehungen zu anderen, abwesenden Zeiten herzustellen, mögen diese in der Vergangenheit oder in der Zukunft liegen.

Aber hier liegen sowohl in analytischer als auch in produktiver Hinsicht auch die Chancen einer Geschichtskultur: ein gesellschaftliches und kulturelles Feld zu sein, in dem jeweils neue Verzeitungen hervorgebracht werden und in dem solche Verzeitungen auch untersucht werden können. Dazu braucht es ein anderes, kulturelles Verständnis zeitlicher Phänomene, das der Tatsache gerecht wird, dass Menschen nun einmal dazu in der Lage sind, sich gleichzeitig und auf vielfache Weise auf abwesende Zeiten beziehen zu können. Aktualisierung und Historisierung wären dafür nur zwei Formen.

Jubiläumsfixierung. Erste These zur Geschichtskultur

Titelbild: Michelle Tribe

Die erste These zur Geschichtskultur lautet: Unsere (westlich-europäisch geprägte und in dieser Form global ausstrahlende) Geschichtskultur ist jubiläumsfixiert.

Ach was! Ist das die Möglichkeit? Was für ein Aufsehen erregende Feststellung! Unsere Geschichtskultur soll tatsächlich jubiläumsfixiert sein. Wer hätte das gedacht…

Aber woher rührt diese Jubiläumsfixierung? Warum gedenken wir bestimmten Ereignissen nicht dann, wenn es an der Zeit wäre, sondern dann, wenn sie im Kalender stehen? Es wäre eine durchaus naheliegende Lösungsstrategie, sich solchen Fragen wiederum historisch zu nähern. Dann könnte man die durchaus bekannten chronologischen Stationen abklappern, die bis in alttestamentarische Zeiten zurückreichen. [1] In solchen vorchristlichen Zusammenhängen lässt sich das Jubelfest dann vornehmlich als Vergegenwärtigung begreifen, als regelmäßig wiederkehrende Vergegenwärtigung göttlicher Gnaden nämlich sowie als Vergegenwärtigung der Sündenvergebung. Das Jubelfest konnte dazu dienen, Zeit gleichsam aufzuheben, zumindest insofern man das eigene Leben als gläubiger und sündhafter Mensch bei wieder Null anfangen lassen wollte.

Heilige Jahre

Einige Jahrhunderte später, genauer gesagt im Jahr 1300, wurde dieses Jubeljahr dann an ein kalendarisch markantes Datum angehängt und durch das Papsttum zum heiligen Jahr erkoren. [2] Schon an diesen heiligen Jahren, von Rom nach streng mathematischer Teilbarkeit ausgerufen (erst alle 100, dann alle 50, schließlich alle 25 Jahre – und falls nötig, auch mal zwischendurch und außer der Reihe), lässt sich erkennen, dass die Jubiläen eine andere Ausrichtung annahmen. Einerseits sollte Zeit nun nicht mehr aufgehoben, sondern als historische Zeit bestärkt werden. Andererseits zielte das Jubiläum seither auf die Aufmerksamkeit als Ökonomie sowie auf die Ökonomisierung der Aufmerksamkeit. Denn dass es sich bei der Aufmerksamkeit um ein knappes Gut handelt, ist nun wahrlich keine neue Erkenntnis gegenwärtiger Marketingstrategieagenturen. Schon zu anderen Zeiten mussten Personen und Institutionen darum buhlen. Dabei erweist es sich natürlich als vorteilhaft, wenn man die Stellvertretung Gottes auf Erden samt monopolisierter Heilsgarantie für sich beanspruchen kann. Aus dieser Aufmerksamkeitslenkung lässt sich dann selbstredend Kapital schlagen. Honi soit qui mal y pense …

Die protestantischen Kirchen mussten fast zwangsläufig einen anderen Weg einschlagen, weil sie gegenüber dem Katholizismus deutlich zu machen hatten, dass sie vielleicht historisch jünger, inhaltlich aber wesentlich älter waren als die päpstliche Kirche – schließlich beriefen sie sich unmittelbar auf die ersten Gemeinden des frühen Christentums. Gerade deswegen war es wichtig, beim Jubiläum die historische Zeit nicht aufzuheben, sondern zu bestärken. Das geschah, indem man früh zur weit ausholenden Historisierung der eigenen protestantischen Bewegung schritt, aber auch indem man 1617 das erfand, was uns inzwischen mit schöner Regelmäßigkeit ins Haus steht: das historische Jubiläum, das sich von religiösen und nummerischen Fixpunkten gelöst hatte, um stattdessen die Wiederkehr eines vergangenen Ereignisses zu feiern. Das Reformationsjubiläum von 1617 – noch in bescheidenem Ausmaß begangen – war wohl das erste seiner Art.

Mit den Reformationsfeierlichkeiten von 1617 löst sich das Jubiläum mithin von der kalendarischen Zeit, um sich an die historische Zeit anzuheften. Es wird seither nicht mehr einfach nur der Tatsache gedacht, dass (Schöpfungs-)Zeit vergeht, sondern dass sich Geschichte ereignet. Das ist mag auch eine Begründung dafür sein, weshalb das historische Jubiläum eine – so der wohl nicht nur subjektive Eindruck – stetig wachsende Bedeutung erfährt: Anstatt der Tatsache zu gedenken, dass Zeit (durch den Schöpfer) für uns gemacht und gegeben wird, feiern wir den Umstand, selbst unsere Zeit und unsere Geschichte zu machen. Und wenn sich dies auf vorteilhafte Weise zu einem geldwerten Vorteil verarbeiten lässt, werden sich wohl nur notorische Kapitalismuskritiker beschweren.

Jubiläumitis

Aber die Säkularisierungstendenz, die sich in der Transformation des Jubiläums von der alttestamentarischen Schöpferzeit zur gegenwärtigen historischen Zeit zu offenbaren scheint, ist nur eine oberflächliche. Vielmehr erweist sich im historischen Jubiläum ‚die Geschichte‘ einmal mehr als Gottersatz. Denn der Sinn all des Geschehens, das geschieht, ist immer noch präformiert, aber er kommt nun nicht mehr von dort oben, sondern von dort hinten. Aus eben diesem Grund darf man den einen oder anderen Zweifel an unserer historischen Jubiläumskultur hegen: nicht nur, weil dem Historischen nicht dann gedacht wird, wenn es inhaltlich angemessen wäre, sondern wenn es terminlich verlangt wird; nicht nur, weil diese Jubiläen kapitalistisch schamlos ausgesaugt werden; sondern weil das Jubiläum zu einem Fetisch wird, den wir nahezu bedingungslos und besinnungslos anbeten.

Sollte die Historisierung einst dazu gedient haben, in einem aufklärerischen Sinn als Alternative zu religiösen Welterklärungen der Fetischisierung göttlicher Schöpfermacht entgegenzuwirken, dann wurde offenbar übersehen, wie diese Historisierung ihren Produzenten als neuer Fetisch auf die Füße fiel. [3] Und trotz aller berechtigter Beschwerden, die man immer wieder über die Jubiläumitis lesen kann, sehen wir offensichtlich keinen Anlass, an dieser Fetischisierung des Historischen etwas zu ändern. Ganz im Gegenteil, wir schrauben sie immer weiter in bisher ungeahnte Höhen.

Wenn man den Jubiläumswahn daher schon nicht verhindern kann, dann sollte man ihn konsequent befeuern. Wir sollten alle unseren aktiven Beitrag leisten zu einem massiven Jubiläumsüberschuss, der dann – vielleicht, hoffentlich, endlich – zu einem nicht minder massiven Jubiläumsüberdruss führen möge. Wir sollten so lange und so viele Jubiläen feiern, bis sie uns wirklich zu den Ohren herauskommen, bis so viele Jubiläen so ausgiebig begangen werden, dass wir die Gegenwart eigentlich abschaffen könnten, weil wir unsere Leben nur noch damit verbrächten, Gewesenes zu repetieren, um uns dann endlich einmal zu fragen, was wir denn da angerichtet haben. Deswegen: Gebt uns Luther bis zum Abwinken! Und ich bin mir ziemlich sicher, weniger werden wir auch nicht bekommen.

 

Anmerkungen

[1] Winfried Müller (Hg.): Das historische Jubiläum. Genese, Ordnungsleistung und Inszenierungsgeschichte eines institutionellen Mechanismus, Münster 2004

[2] Arndt Brendecke: Die Jahrhundertwenden. Eine Geschichte ihrer Wahrnehmung und Wirkung, Frankfurt a.M./New York 1999

[3] Hartmut Böhme: Fetischismus und Kultur. Eine andere Theorie der Moderne, Reinbek bei Hamburg 2006

Söder-Postille

Wie nahezu alle Teilnehmer am Medienmarkt machte auch die Wochenzeitung „Die Zeit“ in der letzten Oktoberwoche, genauer in der Ausgabe vom 27. Oktober 2016, mit einem Luther-Thema auf. Waltraud Lewin ist dort mit einem Luther-Portrait vertreten, das leider einige historische Unzulänglichkeiten aufweist, und einige Prominente aus Politik, Kirche, Kultur, Wirtschaft, Journalismus und anderen einschlägigen Lebensbereichen wurden aufgefordert, möglichst knapp, um nicht zu sagen: thesenartig die Frage zu beantworten, was denn heute noch christlich sei. Und man wird nicht darauf kommen, wie viele meistens mehr und manchmal minder bekannte Menschen zum Mitmachen aufgefordert wurden bei diesem durchaus passenden Schwerpunkt des bürgerlichen Wohlfühl-Blatts – genau, es waren 95.

Das eigentlich Bemerkenswerte aber ist, dass es Markus Söder, ein bisher nicht als Luther-Experte in Erscheinung getretener Politiker aus Südostdeutschland, auf Platz 1 der Thesenliste geschafft hat. Man fühlt sich auf unangenehme Weise an Kinder aus der Schulzeit erinnert, die bei jeder noch so nebensächlichen Frage der Lehrerin immer als erste den Finger erhoben und sich zu Wort meldeten, begleitet von einem lautstarken „Ich! Ich! Ich!“. Als hätten nicht alle schon längst gemerkt, dass es um nichts anderes ging als um „Ich!“ Welche Zeitung man aufschlägt und welchen Fernsehsender man einschaltet, an „Ich!“-Markus Söder kommt man nicht vorbei.

Nun hat er sich auch an die erste Stelle der Luther-Deuter und Christentums-Verantwortlichen in der „Zeit“ gearbeitet. Und was ist seine Botschaft? Man solle wieder mehr auf Luther hören, ergo den Leuten aufs Maul schauen und deutsch mit ihnen reden. Ist nur die Frage, ob er da tatsächlich von Luther spricht oder eher seine eigene politische Agenda formuliert.

Jubiläum war schon

 

Nun, da das Reformationsjubiläum vorbei ist, können wir uns alle endlich entspannt zurücklehnen. Alle wesentlichen inhaltlichen Aussagen sind gemacht, alle Marketingartikel sind produziert, alle Museen sind vollgestopft, alle Reden sind vorbereitet, alle Fernsehdokumentationen sind produziert.  Jetzt ist nur noch die konsumierende Seite gefragt, jetzt müssen nur noch ‚die Menschen‘ – was für eine politisch missbrauchte Formel! – das Reformationsjubiläum sehen, hören, essen, kaufen, einschalten. Wäre es nicht eine Mischung aus Bigotterie und Blasphemie, man müsste auf die Knie fallen um dem Herrn zu danken, dass dieser Kelch wenn schon nicht an uns vorübergegangen ist, dann doch wenigstens bald ausgetrunken sein wird.

Manche sollen der Überzeugung sein, das Reformationsjubiläum habe etwas mit dem Glauben zu tun. Das denke ich schon auch. Nur ist die Frage, ob es sich um einen Glauben im religiösen Sinn handelt oder eher um den Glauben an eine ‚Geschichte‘, die unter anderem dadurch hergestellt wird, dass markanter Daten ausgiebig gedacht wird, sobald sie ein Alter erreicht haben, dem unser nummerisches System eine hinreichende Anzahl an Nullen zugedacht hat. (100 oder 1000 eignen sich dazu hervorragend, 500 ist auch nicht schlecht, zur Not tun es aber auch andere mit 5 multiplizierbare Zahlen.)

Warum also feiern wir das Reformationsjubiläum? Um das herauszufinden, haben wir alle – denn so ganz wird an diesem ‚Ereignis‘ über ein Ereignis niemand vorbeikommen – ein ganzes Jahr Zeit. Leider? Gottseidank? (Und schon wieder schleicht sich dieses höchste Wesen in mein Schreiben …) Es könnte sich zumindest lohnen, diese Frage nach dem Warum und dem Wozu des Reformationsjubiläums in diesem Jahr zu begleiten. Nicht, dass ausgerechnet dieses Jubiläum einer besonderen Aufmerksamkeit wert wäre. Aber an seinem Beispiel lässt sich einiges lernen über das Jubiläums(un)wesen unserer Tage und damit vor allem über die Geschichtskultur, in der wir leben – und zwar indem wir sie beleben. Jedes Kollektiv hat daher nicht nur die Geschichtskultur, die sie verdient, sondern vor allem diejenige, die sie selbst macht.

 

Geschichtskultur

Mit dem Begriff der Geschichtskultur verbinden sich unterschiedliche Aspekte, die sich wie folgt zusammenfassen lassen: Auch wenn eine Geschichtskultur wahrlich kein unwissenschaftliches Unterfangen sein muss, zeichnet sie sich doch dadurch aus, über den engeren Kreis einer akademischen Geschichtswissenschaft hinauszugreifen, um kollektive Formen des Geschichte-Habens und Geschichte-Machens zu bezeichnen. Geschichtskultur bezeichnet mithin die Formen, wie Vergangenheit(en) in einer Gegenwart präsent sind, wie solcher Vergangenheiten gedacht und erinnert wird (oder auch gerade nicht gedacht und erinnert wird), welcher Medien man sich zur Vergegenwärtigung des Gewesenen bedient und welche Werte man schließlich mit ‚der Geschichte‘ verbindet, die man ja erst dadurch hervorbringt, dass man sich mit ihr beschäftigt. Und im Zusammenhang derjenigen Geschichtskultur, die sich die Bundesrepublik Deutschland zu Beginn des 21. Jahrhunderts leistet, lässt sich unschwer feststellen, dass die Jubiläen, die mit so großer Aufmerksamkeit bedacht werden, bereits vorbei sind, bevor sie überhaupt begonnen haben.

 

Ein Wettrennen

Ich muss gestehen, dass ich nicht exakt zu sagen vermag, seit wann sich das öffentliche Begehen von Jubiläen in diese Richtung entwickelt hat. Im Jahr 2014 und damit im Zuge des Erster-Weltkrieg-Jubiläums konnte man es aber schon überdeutlich beobachten: Nicht nur wesentliche organisatorische Vorbereitungen, sondern auch die wichtigen inhaltlichen Aussagen zu diesem historischen Jahrestag wurden bereits ein Jahr im Voraus getätigt. Florian Illies‘ Buch „1913“ umging geschickt den zu erwartenden Weltkriegshype, indem es sich einem Nicht-Jubiläum vor dem eigentlichen Jubiläum widmete. Aber noch wichtiger war Christopher Clarks voluminöse Darstellung zum Ersten Weltkrieg, die nicht nur wegen ihrer Thesen, sondern auch wegen ihres Erscheinungstermins im Jahr 2013 die Diskussion deutlich bestimmte: Alle später erschienen Darstellungen wurden wohl oder übel darauf bezogen.

Alle Teilnehmenden am Reformationsjubiläum scheinen aus diesem Umstand gelernt zu haben. Zumindest die Verlautbarungen auf dem Buchmarkt – und dort findet zumindest die inhaltliche Diskussion wesentlich statt – sind alle bereits deutlich vor dem eigentlichen Jubiläumsjahr erschienen. Wer im Jahr 2017 noch ein Buch zu Luther und zur Reformation veröffentlichen möchte, muss fürchten, unter dem Stapel der bereits erschienenen Bücher zu verschwinden. Und wer nach dem Jahr 2017 noch ein Buch zu diesem Thema zu publizieren gedenkt, muss schon außergewöhnlich mutig sein. Denn nach dem Jubiläum – also jetzt schon – wird auf absehbare Zeit niemand mehr etwas über Luther oder Reformation sehen, hören oder lesen wollen. Wie Matthias Drobinski in der Süddeutschen Zeitung vom 31. Oktober 2016 formulierte: „Wer jetzt kein Lutherbuch schreibt, der schreibt auch keines mehr.“

Auch im Fall des Reformationsjubiläums kann man feststellen, dass schon vor Jahren alle Buchverträge unterschrieben, alle Ausstellungen geplant und alle Feierlichkeiten organisiert waren. Es ist also schon alles gesagt worden, noch bevor es (kalendarisch) etwas zu sagen gab. Es geht um das Wettrennen, wer als Erte/r durch das geschichtskulturelle Ziel geht. So kursiert beispielsweise das (durchaus glaubhafte und nachvollziehbare) Gerücht, dass große Institutionen der Wissenschaftsförderung schon seit geraumer Zeit keine Anträge mehr berücksichtigen, die Stichworte wie „Reformation“ oder „Martin Luther“ enthalten, weil für solche Themen bereits mehr als genug Geld ausgegeben worden ist.

 

Reformationsjubiläumswahnsinn

Das Ende des historischen Jubilierens vor seinem kalendarischen Beginn wurde im Falle von 500 Jahren Reformation aber nochmals auf eine neue Ebene geführt. Denn von der Evangelischen Kirche in Deutschland wurde gleich ein ganzes Jubiläumsjahrzehnt ausgerufen, das seit 2008 andauert und nun – endlich, endlich – auf seine Zielgerade zusteuert. Könnte es sein, dass da einige in der EKD ihren Luther nicht genau genug gelesen haben? War es denn nicht dieser Luther, der gegen die willkürliche Vermehrung von Jubeljahren durch die päpstliche Kirche gewettert hatte, weil sich damit das Pilgeraufkommen, ergo auch der ökonomische Ertrag insbesondere für die heilige Stadt Rom erheblich steigern ließen? (Man vergleiche Martin Luthers Werke, Weimarer Ausgabe, Bd. 18, 255-269) Und dann ein ganzes evangelisches Jubeljahrzehnt? Sicherlich, das Ganze sollte dazu dienen, Wissen über die Reformation zu verbreiten, die christliche und lutherische Botschaft in die Welt zu tragen und damit den Glauben zu stärken – aber könnte es nicht auch sein, dass damit Kapital unterschiedlicher Art (wie es uns Pierre Bourdieu gelehrt hat: ökonomisches, politisches, kulturelles, soziales Kapital usw.) generiert werden sollte?

Genug der rhetorischen Fragen. Schon vor Beginn des Reformationsjubiläums geistert das Wort des Reformationsjubiläumswahnsinns durch die Medien (ein Hoch auf das deutsche Kompositum). Und damit ist wirklich alles gesagt, was es zu diesem Ereignis zu sagen gibt. Man könnte sich jetzt darauf kaprizieren, bis zum Reformationstag 2017 diesen Wahnsinn in all seinen Ausfaltungen zu dokumentieren. Aber das allein wäre eher doch zu fad: eine Aneinanderreihung von Oberflächlichkeiten, Fehltritten, Sonntagsreden, Skurrilitäten und Banalitäten. Lohnenswerter ist dann wohl ein Blick hinter die Kulissen, ist ein ethnologisch-verfremdendes, ein kulturhistorisches und politisches sowie ein theoretisch informiertes Fragen nach ‚der Geschichte‘ und nach der Geschichtskultur, die diesem Jubiläumsdauerrauschen zugrunde liegen und die dieses Gebaren überhaupt erst hervorbringen.

Vielleicht gelingt es dem Jubiläum zum 500. Jahrestag der Reformation tatsächlich, als das erste seiner Art in die Geschichte einzugehen, das schon vor seinem eigentlichen Beginn vollkommen totgefeiert war. Deswegen: Seien wir froh, dass dieses Jubiläum endlich vorbei ist, nun da es gerade beginnt.