Jenseits von Aktualisierung und Historisierung

Aktualisierung

Der erste größere Reformationsjubiläumsschluckauf hat das Land einmal durchgerüttelt. Es wird nicht der letzte gewesen sein. Zum 499. Begängnis des – ja, des was eigentlich? Des Thesenanschlags wohl nicht, der Thesenanschläge wohlmöglich, der brieflichen Thesenversendung recht sicher, der Thesenanleimung unter Umständen … Auf jeden Fall wurde beim 499. Jahrestag des Ereignisses, bei dem wir gar nicht so genau wissen, was sich eigentlich ereignet hat, schon einmal groß aufgefahren, obwohl es ja erst das Aufwärmen für das wirkliche Jubiläum gewesen sein soll, erst der Auftakt für die einjährige Dauerfanfare in Rotationsschleife, die Ende Oktober 2017 in einen großen Tusch münden wird. Es wurde noch nicht alles aufgeboten, eher das Übliche serviert. Zum 3. Oktober 2016 haben zahlreiche Zeitungen, Fernsehsender, Internetseiten und sonstige Medien mit dem Reformationsthema aufgemacht, die Evangelische Kirche in Deutschland hat einen sehr ökumenisch ausgerichteten Eröffnungsgottesdienst gefeiert, der Papst hat die Reformationsfeierlichkeiten im schwedischen Lund besucht, und ein Staatsakt wurde in Berlin gefeiert mit all den Granden, die dieses Land so herzugeben hat.

Dominierendes Thema dieser ersten Reformationseruption war die Frage, was uns dieses Ereignis samt seiner herausragenden Gestalt Martin Luther denn heute noch bedeuten könnte. Eine naheliegende Frage, so möchte man meinen. Denn wozu sollten solche historischen Feierlichkeiten gut sein, wenn nicht zur kollektiven Selbstreflexion im Angesicht der Vergangenheit (die in einer etwas befremdlichen, possessiv-adjektivischen Formulierung dann auch flugs zur ‚eigenen‘ Vergangenheit wird)?

Ja, wozu sollten solche Feierlichkeiten eigentlich gut sein? Der Schwerpunkt der öffentlichen Debatte setzt eindeutig auf Aktualisierung. Es wird also versucht, den historischen Vorgang der Reformation, noch viel häufiger aber die historische Figur Martin Luthers in unsere Zeit zu übertragen. Dankenswerterweise halten diese beiden Gegenstände der gegenwärtigen Betrachtung derartig viele Facetten bereit, dass sie sich für nahezu jede Form der Aktualisierung anbieten. Da kann man dann aus der Reformation einen Aufruf zu Toleranz, Freiheit, Individualisierung und Nächstenliebe machen, sie aber ebenso zur Mutter aller Glaubenskriege oder zum Beginn eines schier endlosen Abschlachtens im Namen des wahren Glaubens machen. Da kann man Martin Luther verstehen als Vorkämpfer der Freiheit, als Schöpfer der deutschen Sprache, als Ausgang der breiten Bevölkerungsmassen aus einer fremdverschuldeten Unmündigkeit – oder als Judenhasser, als Fürstenknecht und als theokratischen Hassprediger, der heute dem sogenannten Islamischen Staat gut zu Gesicht stünde.

 

Historisierung

Darf man also, bloß weil Jubiläum ist, mit Luther, Reformation und dem ganzen Drum und Dran machen, was man will? Alle basteln sich die Version des Geschehens, die ihnen gerade in den Kram passt? Der Gegenentwurf zur teils gnadenlosen Aktualisierung (gipfelnd in der immer wieder gestellten Frage, die sich eigentlich von selbst verbieten sollte: Was würde Luther heute wohl dazu sagen?) liegt auf Hand und hört auf den Namen Historisierung. Wenn man die Verhältnisse und Ereignisse und Personen von um 1500 nicht einfach um ein halbes Jahrtausend versetzen und in die Gegenwart beamen darf, dann sollte man sie konsequenterweise in ihren jeweiligen historischen Umständen begreifen. Wir alle müssten als Reformationsjubilierende also zunächst zu hinreichend versierten HistorikerInnen werden, um halbwegs angemessen über diesen Gegenstand sprechen zu können.

Das scheinen Alternativen zu sein, die sich zunächst einmal gegenseitig ausschließen. Das Jubiläumsereignis bezieht sich zwar auf die Reformation, findet aber hier und heute statt, kann also gar nichts anderes tun als einem Aktualisierungsbedürfnis nachzugeben. Umgekehrt gehört das Reformationsereignis zweifellos der Vergangenheit an, es ist uns in vielen Bereichen fremd und unverständlich, weshalb eine Historisierung unausweichlich erscheint, um nicht den Kardinalfehler im Umgang mit Vergangenheiten schlechthin zu begehen, sie nämlich nach Kriterien zu beurteilen, die überhaupt nicht die ihren waren und nach denen sie folgerichtig auch gar nicht handeln konnten.

 

Jenseits

Aber auch wenn eine riesige Kluft zu bestehen scheint zwischen dem Martin Luther in Playmobil-Gestalt auf der einen Seite, der uns vertraut lächelnd anblickt und somit zu unserem unmittelbaren Zeitgenossen wird, und dem Martin Luther, der uns auf der anderen Seite in seinen Schriften entgegentritt, der uns sprachlich, gedanklich und hinsichtlich seiner Überzeugungen doch sehr weit entfernt anmutet – trotz dieser vermeintlichen Kluft haben Aktualisierung und Historisierung doch eines gemeinsam: Sie wollen uns beide auf ihre Art weismachen, dass man sich durch die Zeit bewegen könnte. Die einen nehmen Luther, die Reformation und was sich um 1500 noch Nützliches finden lässt und versetzen es in die Gegenwart. Die anderen fordern uns dazu auf, die Geschichtsmaschine (wenn schon nicht die Zeitmaschine) zu besteigen, um die Gegenwart zu verlassen und der Reformation dadurch gerecht zu werden, dass wir sie in ihren Zusammenhängen begreifen.

Möglicherweise ist das Problem der Geschichtskultur, die sich hier offenbart, also nicht, dass man sich entscheiden muss zwischen einem Martin Luther, der als Laienschauspieler händeschüttelnd durch unsere Fußgängerzonen spaziert, oder einem Martin Luther, der als Cranach-Bild in einem Museum unnahbar hinter Sicherheitsglas hängt. Möglicherweise ist das Problem dieser Geschichtskultur eher das Zeitmodell, das ihr zugrunde liegt – ein Modell nämlich, das Zeit immer noch als Linie oder als Pfeil konzipiert und das einen historischen Zusammenhang allein schon dadurch herzustellen vermag, dass sich die Ereignisse auf dieser Linie chronologisch anordnen. Und auch wenn sich die Gerichtetheit bestimmter biologischer oder physikalischer Prozesse ebenso wenig leugnen lässt wie die Entropie und die Thermodynamik, so kann man doch kulturelle Umgangsweisen mit der Zeit nicht darauf reduzieren. In kultureller Hinsicht sind wir nämlich in der Lage, nahezu beliebig viele Beziehungen zu anderen, abwesenden Zeiten herzustellen, mögen diese in der Vergangenheit oder in der Zukunft liegen.

Aber hier liegen sowohl in analytischer als auch in produktiver Hinsicht auch die Chancen einer Geschichtskultur: ein gesellschaftliches und kulturelles Feld zu sein, in dem jeweils neue Verzeitungen hervorgebracht werden und in dem solche Verzeitungen auch untersucht werden können. Dazu braucht es ein anderes, kulturelles Verständnis zeitlicher Phänomene, das der Tatsache gerecht wird, dass Menschen nun einmal dazu in der Lage sind, sich gleichzeitig und auf vielfache Weise auf abwesende Zeiten beziehen zu können. Aktualisierung und Historisierung wären dafür nur zwei Formen.

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