Bett-Postille

Man kann nicht sagen, dass der japanische Künstler Tatzu Nishi den Reformator Martin Luther von seinem Sockel geholt habe. Eher im Gegenteil. Er hebt uns auf Sockel hinauf. Mit der Installation „Als dann flugs und fröhlich geschlafen (In bed with Martin Luther)“ hat Tatzu Nishi das Eisenacher Martin-Luther-Denkmal mit einem vollständigen, sehr durchschnittlichen deutschen Schlafzimmer umbaut. Und zwar auf Sockelhöhe. Man kann nun ein Gerüst ersteigen, um dieses Schlafzimmer zu betreten und die einstige Luther-Statue aktuell als Bett-Statue zu begutachten.

Ist das nun Kunst oder höherer Blödsinn? Will hier jemand den Reformator veräppeln – oder warum muss man ihn ins Bett zerren (oder korrekt formuliert: ihn mit einem Bett umstellen)?

Es mag schon sein, dass Tatzu Nishi uns nicht nur auf den Sockel heben, sondern mit seiner Installation auch auf den Arm nehmen möchte. Und das ist gut so. Denn er spielt auf sehr intelligente, weil irritierende Weise mit der Frage, wie aktuell uns dieser Luther heute noch sein kann, was uns dieser Luther gegenwärtig bedeutet und wie nahe beziehungsweise entfernt uns dieser Luther ist. Mit eben diesen Fragen von Nähe und Distanz jongliert die Sleep-In-Installation.

Es ist insbesondere das heroisierte und nationalistisch aufgeladene Luther-Bild des 19. Jahrhunderts – das Eisenacher Luther-Denkmal wurde 1895 eingeweiht –, das durch die Installation konterkariert wird. Aus dem deutschen Übermenschen wird durch die Positionierung im Bett wenn schon keine Alltagsperson, dann doch zumindest ein entsockelter Heros. Man kann dem Reformator, der ansonsten mehrere Meter über den Betrachtenden thront, ganz nahekommen, kann den Helden veralltäglichen und kann sich vielleicht sogar für einen Moment der Illusion hingeben, die historische Distanz eines halben Jahrtausends zum Reformator zu überbrücken.

Aber der Clou der Installation besteht darin, durch die Bettsituation nicht nur Nähe zu schaffen, sondern durch die übergroße Intimität des Schlafzimmers auch schon wieder Distanz herzustellen – der Eintritt in die fremde Bettstatt als Moment der Scham.

Was also bedeutet uns Luther heute? Tatzu Nishi hat diese Frage auf komplexe und durchaus widersprüchliche Weise adressiert. Einige mögen darin den ‚Untergang des Abendlandes‘ sehen, wie manche kritische Stimmen sich mit Blick auf das Kunstwerk geäußert haben sollen. Aber wenn es darum geht, nationalistisch aufgeblähte Heroen vom Sockel zu holen, dann kann dieses Abendland meines Erachtens gar nicht schnell genug untergehen.

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