Erasmus-Postille

Titelbild: Babak Fakhamzadeh

Erasmus von Rotterdam und Martin Luther waren sich nicht grün. Als überragende Gestalt der europäischen Gelehrtengemeinschaft war Erasmus einst auch von Luther bewundert worden; Erasmus seinerseits hatte die Kritik des jungen Augustinermönchs an den Praktiken der Papstkirche zur Kenntnis genommen, die seinen eigenen Auffassungen entsprochen haben dürfte. Aber mit der römischen Kirche wollte Erasmus nicht brechen. Und wer sich nicht auf die Seite des Wittenberger Reformators stellte, war in der akuten Gefahr, eines Morgens als dessen Feind zu erwachen. Auch der unumstrittene Humanistenstar des frühen 16. Jahrhunderts war davor nicht gefeit. Öffentlichkeitswirksam vollzogen wurde der Bruch 1524. Erasmus veröffentlichte in diesem Jahr seine Abhandlung über den freien Willen (De libero arbitrio), in der er die freie Entscheidungsmöglichkeit des Menschen zwischen dem Guten und dem Bösen für ein Geschenk Gottes hielt. Martin Luther antwortete ein Jahr später mit einer Schrift über den geknechteten Willen (De servo arbitrio). Darin argumentiert er, der Mensch besitze keinen freien Willen im umfänglichen Sinn, weil er sich beispielsweise nicht dafür oder dagegen entscheiden könne, der göttlichen Gnade teilhaftig zu werden. Diese Gnade sei ihm immer bereits schon von Gott geschenkt worden – und nun müsse das sündhafte Wesen mit diesem unverdienten Geschenk zurechtkommen. Der menschliche Wille erschien Luther eher wie ein Pferd, wie er schrieb, das vom Teufel geritten und von Gott gelenkt wurde. Keinen von beiden wurde der Mensch wieder los. Es war nur die Frage, wer die Oberhand behielt.

Erasmus und Luther sind sich nie persönlich begegnet. Ob ein solches Treffen von zwei der bekanntesten Männer des damaligen Europa irgendeinen Mehrwert gehabt hätte, werden wir nie erfahren. Erasmus und die „Alternative für Deutschland“ sind sich auch nie begegnet. Auf den Mehrwert eines solchen fiktiven Treffens wäre ich allerdings gespannt gewesen. Was wäre wohl geschehen, wenn jemand wie Erasmus, der die Europäizität Europas gar nicht erst groß propagieren musste, sondern sie einfach selbstverständlich gelebt hat, auf die Mitglieder einer stinknormalen, etablierten Gruppierung von Politiker/innen gestoßen wäre, die sich nicht nur verkrampft von ‚den Etablierten‘ abzusetzen versuchen, sondern das Gegenteil dessen verkörpern, was am Europäischen vorbildlich sein könnte? Nun, in einer solchen Situation hätte Erasmus zumindest Einspruch erheben können, dass sein Name für eine parteinahe Stiftung der AfD missbraucht wird. Nun ist Erasmus leider tot und kann sein Nicht-Einverständnis leider nicht mehr artikulieren.

Nach verschiedenen Anläufen ist der AfD also etwas gelungen, was einem als etablierte Partei, die ständig gegen etablierte Parteien wettert, eigentlich gar nicht gelingen sollte, sich nämlich genauso zu benehmen, wie alle anderen (nicht, dass das gänzlich neu wäre …). Die Desiderius-Erasmus-Stiftung ist am 10. Dezember in Frankfurt a.M. gegründet worden. Sie soll sich vornehmlich aus staatlichen Zuschüssen finanzieren, wie bei anderen etablierten Parteien eben auch. Auch Spenden sind möglich, steuerlich abzugsfähig. Solche Modelle hat die AfD immer wieder angeprangert, solange es ihr Stimmen brachte. Aber nun ist sie wahrscheinlich Opfer des lutherischen geknechteten Willens geworden und kann sich gar nicht mehr entscheiden, für oder gegen die staatliche Gnade der Parteienfinanzierung zu sein, sondern nimmt sie einfach nur noch demütig hin.

Der wirkliche Skandal aber lauert an anderer Stelle: im Namen. Es ist nicht die mögliche namensrechtliche Kollision mit dem Erasmus-Programm der Europäischen Union, sondern der Missbrauch eines Vorzeigeeuropäers – Entschuldigung, aber diese abgedroschene Floskel ist für kaum jemanden so passend wie für Erasmus von Rotterdam – durch eine Partei, die sich Fremdenfeindlichkeit, Anti-Europäismus, Anti-Intellektualismus und Weltverschlossenheit auf die Fahnen geschrieben hat (und die vor gefühlten Urzeiten einmal mit dem wesentlichen Programmpunkt angetreten ist, die Euro-Währung wieder abzuschaffen). Da könnte sich Die Linke auch Donald Trump zum Vorsitzenden wählen oder die CSU Karl Marx zum Parteiphilosophen ausrufen. Man möchte geradezu mit Tony Buddenbrook fragend aufstampfen: „… daß dieses Geschmeiß sich erfrecht, der Sache die Krone aufzusetzen?“ [1]

Aber wirklich verwundern kann es eigentlich kaum. Vorsitzender der Stiftung ist schließlich Konrad Adam, ein der Geschichtsklitterung bereits einschlägig vorbestrafter Zeitgenosse. Da fügen sich die Dinge. Da kann man auch einmal den Namen eines echten Europäers für ein dezidiert antieuropäisches Programm missbrauchen. Kann sich ja nicht mehr wehren.

Und wer weiß, vielleicht haben ja Luthers Ideen vom unfreien Willen, die ich ansonsten für wenig vorbildlich halte, doch einen gewissen Grad an Plausibilität. Zumindest kann man im Falle eines gewissen Bekanntheitsgrades nach dem eigenen Ableben und dem damit einhergehenden Verfall von Persönlichkeitsrechten nicht mehr frei darüber entscheiden, wer oder was den eigenen Namen als Feigenblatt für noch so perfide Inhalte in Anspruch nimmt. Aber wenn Luther in gewisser Weise recht gehabt haben sollte, dann stellt sich auch die Anschlussfrage, von wem das AfD-Pferd denn nun geritten wird – von Gott oder vom Teufel?

Desiderius ist der zusätzliche Vorname, den sich Erasmus selbst gab. Das bedeutet ‚der Ersehnte‘ oder ‚der Erwünschte‘. Vielleicht hat sich der unehelich geborene und damit im Verständnis des 16. Jahrhunderts auch ehrlose Erasmus, dieser lange Ausgegrenzte und im positiven Sinn Vaterlandslose zuweilen gewünscht, ersehnter und erwünschter zu sein. Vielleicht würde er sich heute, wenn er einen Wunsch frei hätte, danach sehnen, nicht permanent für den einen oder anderen politischen Zweck als Namensgeber missbraucht zu werden. Und alle anderen dürfen sich wünschen, sich zumindest ein Stückweit an seinem Vorbild orientieren zu können, indem sie sich dem Menschlichen in seiner Allgemeinheit und seiner Vielheit zuwenden, selbst wenn es unehelich, ausgestoßen und heimatlos daherkommt.

Ich möchte aber ungebührliche Spekulationen über die Person des Erasmus beiseitelassen und ihm lieber selbst das Wort geben. Denn wie diejenigen einzuschätzen sind, die besser sein wollen als alle anderen, um sich schlussendlich wie alle anderen zu benehmen, hat er in seinem „Lob der Torheit“ formuliert. Dabei hat er es auch nicht unterlassen, auf paradoxe Weise die Torheit über sich selbst sprechen zu lassen, so dass man sich beständig fragen kann und muss, ob diese Äußerungen nun besonders zutreffend oder außergewöhnlich närrisch sind:

„Wie nichts dümmer als übertriebene Weisheit, so nichts unklüger als überspannte Klugheit; und überspannt klug ist doch einer, der sich den Tatsachen nicht anpaßt, nichts nach dem Kurs fragt, ja nicht einmal an das alte Trinkgesetz denkt, das da heißt: »Sauf oder lauf!«, und verlangt, daß Komödie nicht Komödie sei. Wer wahrhaft klug sein will, der sage sich: Du bist ein Mensch; drum begehre nicht mehr zu wissen, als dir beschieden, und mach‘s wie die andern – die drücken lachend ein Auge zu oder lassen sich gutmütig über den Löffel balbieren. ‚Gerade das aber‘, sagt man, ‚ist Torenmanier!‘ Ich bestreite es nicht; nur soll man mir zugeben, daß sich so und nicht anders die Lebenskomödie spielt.“ [2]

 

Anmerkungen

[1] Thomas Mann, Die Buddenbrooks, Verfall einer Familie (Gesammelte Werke, Bd. 1), Frankfurt a.M. 1990, 552.

[2] Erasmus von Rotterdam, Ausgewählte Schriften, Bd. 2, hg.v. Werner Welzig, 3. Aufl. Darmstadt 2006, 65

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