Club der weitgehend unbekannten Reformator/innen (CWUR), Folge 2: Mikael Agricola

Abbildung: Wikimedia Commons

Was für eine bunte, internationale und vielfältige Angelegenheit die Reformation doch sein konnte! Sicherlich kann man Ressentiments, Vorurteile oder patriotische Vorlieben nicht übersehen, die in dem ganzen Reformationsgeschehen immer wieder zum Vorschein kamen. Trotzdem stelle ich mir gerade das Leben an der Universität Wittenberg oder im Hause Luthers zuweilen wie in einer großen Wohngemeinschaft mit Studierenden aus der Erasmus-Stipendienprogramm der Europäischen Union vor. (Gut, es war eine sehr männerlastige Angelegenheit, aber das war nun einmal zeittypisch.) Aus allen Teilen Europas kamen sie dort zusammen, um ‚das wahre Evangelium‘ zu studieren, überzeugt davon, der neuesten heißen Sache auf der Spur zu sein, die nicht nur wissenschaftlich-theologisch, sondern auch lebensalltäglich die Lösung der großen Probleme zu geben versprach.

Überraschend erweist sich die Internationalität in diesem Reformationsumfeld, wenn man beispielsweise lesen kann, dass Mikael Agricola bereits der vierte finnische Student war, der sich in Wittenberg einschrieb, als er im Wintersemester 1536 dorthin kam. Er blieb zweieinhalb Jahre, um mit dem Magistertitel dekoriert wieder in seine finnisch-schwedische Heimat zurückzukehren.

Geboren wurde Agricola unter dem Namen Mikael Olavinpoika 1507 im Süden Finnlands, das damals noch Teil des schwedischen Königreichs war (und erst 1917 unabhängig wurde, nachdem es zuvor ein Jahrhundert lang zu Russland gehört hatte). Die politische und vor allem sprachliche Situation in diesem Teil Europas spielte auch für das Leben Agricolas eine wesentliche Rolle. Denn er gilt nicht einfach nur als Reformator Finnlands; noch bedeutender ist wohl die Tatsache, dass er auch der Schöpfer der finnischen Schriftsprache ist. Die enge Verbindung von Wort und Glauben, die im gesamten Reformationsprozess des 16. Jahrhunderts eine so wichtige Rolle spielt – hier kommt sie besonders augenfällig zum Vorschein.

An Agricola kann man aber auch sehen, welchen Vorteil es hat, der lutherischen Maxime zu folgen und so viel als möglich über das eigene Leben schriftlich festzuhalten: Dadurch werden nicht nur biographische Mythen mit jahrhundertelanger Haltbarkeit geschaffen, sondern die Nachwelt wird auch ansonsten über vielfältige Facetten eines Menschenlebens genauestens informiert. Agricola ist dem Vorbild Luther in dieser Hinsicht nicht gefolgt, so dass von ihm nicht tausende Briefe überliefert sind und auch keine Tischgespräche mitprotokolliert wurden. Der beste Kenner von Agricolas Leben und Arbeiten, Simo Heininen, kann daher auch nur mit Plausibilitätsgründen argumentieren, wenn er meint, dass Agricola wohl mit Schwedisch als erster Sprache aufgewachsen ist, Finnisch später aber ebenso gut beherrschte. Diese sprachliche Grundkonstellation, wenn sie denn zutrifft, dürfte aber nicht ganz unbedeutend gewesen sein für Agricolas weiteres Wirken. Auf der Lateinschule von Wiborg, auf die er als Kind einer wohlhabenden Bauernfamilie geschickt wurde, kam die klassische Sprache der Antike noch hinzu. Zudem könnte er in dieser Handelsstadt auch mit der deutschen und russischen Sprache in Kontakt gekommen sein. Auf jeden Fall änderte in dieser Zeit der Bauernsohn seinen Namen in guter humanistischer Tradition in Agricola.

Im Anschluss an seine Schulzeit wurde er Schreiber in der Kanzlei von Martin Skytte, dem Bischof von Turku. In dieser Stadt machte er auch Bekanntschaft mit einem dezidierten Vertreter der Reformation, Peder Särkilax. Durch ihn beeinflusst, machte sich Agricola mit Luthers Ideen vertraut, unterzog dessen Schriften einer intensiven Lektüre und begann ab den frühen 1530er Jahren mit ausgiebigen Sprachstudien. Es deutet vieles darauf hin, dass er bereits zu dieser Zeit anfing, das Neue Testament zu übersetzen. Dafür lernte er auch Griechisch.

Als dezidierter Anhänger Luthers wurde Agricola 1536 nach Wittenberg zum Theologiestudium geschickt, fand sich zuweilen auch als Gast an Luthers Tisch ein. 1539 kehrte er nach Turku zurück und wurde Rektor der dortigen Domschule bis 1548. Zum Bischof von Turku wurde er 1554 ernannt, konnte das Amt aber nicht allzu lange ausüben. Auf der Rückreise von Friedensverhandlungen zwischen Russland und Schweden, die in Moskau stattgefunden hatten und an denen Agricola als Mitglied der Delegation beteiligt war, starb er am 9. April 1557.

Agricola wirkt jedoch bis in die Gegenwart hinein, weil es ihm gelang, aus dem Finnischen eine Schriftsprache zu machen. Das erste jemals auf Finnisch gedruckte Buch stammt von ihm und ist passenderweise eine Kombination aus Fibel und Katechismus. Das „ABC-Kiria“ (erstmals erschienen 1543) enthält das Alphabet und die Zahlenwörter auf Finnisch, darüber hinaus auch die Hauptstücke des reformatorischen Glaubens in Form eines Katechismus. In dieser fraglos grundlegenden Art und Weise arbeitete Agricola die kommenden Jahre weiter, veröffentlichte 1544 eine Gebetbuch von fast 900 Seiten, 1548 das Neue Testament und bis 1552 weitere sechs Bücher auf Finnisch, die für den kirchlichen Gebrauch, das Bibelstudium oder den Unterricht in Glaubensdingen gedacht waren.

Agricola hatte mit diesen Veröffentlichungen etwas geschafft, das nur wenigen in dieser Art vergönnt ist, nämlich eine Sprache zu kanonisieren und in einem weit umfangreicheren Sinn überhaupt erst zu ‚erschaffen‘, als dies bei Luther und dem Deutschen der Fall war.

Kaum verwunderlich, dass Agricola bis heute in Finnland verehrt wird. Im 19. Jahrhundert und im Zuge der finnischen Unabhängigkeitsbestrebungen erfuhr er auch eine nationalistische Vereinnahmung. Es wurden Denkmäler für ihn errichtet, Straßen nach ihm benannt, Briefmarken herausgegeben und sein Todestag zum Tag der finnischen Sprache erklärt. Was man eben so macht mit auserkorenen ‚Nationalhelden‘.

Dabei ist es doch diese nationale Vereinnahmung, gleichgültig ob in Finnland oder anderswo, die so gar nicht zusammenpassen will mit der offensichtlich so bunten, internationalen und vielfältigen Angelegenheit der Reformation, wie man sie im 16. Jahrhundert in der wahrlich europäischen Gelehrtenwelt von Wittenberg erleben konnte.

 

Anmerkung

NB: Die Arbeit des „Clubs der weitgehend unbekannten Reformator/innen“ wird maßgeblich unterstützt durch das empfehlenswerte Buch von Irene Dingel/Volker Leppin (Hg.): Das Reformatorenlexikon, 2. Aufl. Darmstadt 2016. Dort ist auch der Beitrag von Simo Heininen zu finden über Mikael Agricola, dem der vorliegende Eintrag wesentliche Informationen zu verdanken hat.

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