Lutherland ist abgebrannt

Nach dem Ende

Nachdem die letzte präsidiale Ansprache verlesen, der letzte Gottesdienst abgehalten, die letzte Aufführung eines Pop-Oratoriums überstanden, die letzte Seite der immer wieder nur vorletzten Luther-Biographie gelesen, der letzte Vortrag gehalten, das letzte Abendmahl im Kochkurs „Futtern wie bei Luthern“ eingenommen und der letzte Ausstellungsbesucher aus dem Museum bugsiert worden ist – was bleibt da vom Reformationsjubiläum? Es bleibt eine große Leere – eine Leere, die sich aber nicht breitmacht, weil das Jubiläum nun zu Ende gegangen ist. Diese Leere ist durch das Reformationsjubiläum selbst produziert worden.

An sich ist die Leere ja bei weitem kein so eintönig‘ Ding, wie man vermuten möchte. Sie kann sich in vielerlei Gestalt zeigen. Nachdem das Reformationsjubiläum nun seinen Abschluss gefunden hat, wird man mindestens mit zwei ihrer Ausgestaltungen konfrontiert. Erstens mit einer Leere, die sich in Zahlen ausdrücken lässt, nicht zuletzt in negativen Zahlen. Auch wenn entsprechende Quantifizierungen noch mit Vorsicht zu genießen sind, weil es sich um Schätzungen und Zwischenergebnisse handelt, so ist eine gewisse Tendenz nicht zu übersehen. In einem Artikel für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung schrieb Ralph Bollmann im Juli 2017 vom Reformationsjubiläum als der „Pleite des Jahres“. Dabei hatte noch im März 2017 Astrid Mühlmann, die Geschäftsführerin der Staatlichen Geschäftsstelle „Luther 2017“, vom Wittenberger Reformator als einem Geschenk für Marketingexperten gesprochen. Schließlich habe er alles, was einen spannenden Werbeträger ausmache: zerrissene Heldenfigur (Seelenheilsangst!), einprägsame Bilder (Thesenanschlag!), spannende Geschichte (Reformation!). Irgendwie kam dieser Werbeträger beim Publikum nicht ganz so an wie ursprünglich gedacht. In nicht wenigen Fällen sind die Besucherzahlen hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Und ausgerechnet Wittenberg, diese kleinstädtische Reformationsmetropole, zog nicht so viele Menschen an, wie man erwartet hatte. Zur dortigen „Weltausstellung Reformation“ waren in den ersten vier Monaten etwa 40.000 Menschen gepilgert – anstatt der erwarteten 500.000. Auch den Abschluss des Evangelischen Kirchentages, der Ende Mai in Wittenberg begangen wurde, besuchten lediglich 120.000 Menschen anstatt der erhofften 200.000.

Doch abgesehen davon, dass auch wirtschaftlich positive Zahlen angeführt werden könnten, dass also keineswegs das Reformationsjubiläum in seiner Gesamtheit eine ökonomische Enttäuschung war, wurde noch eine zweite Leere hervorgerufen, die nichts mit Bilanzen zu tun hat – eine Leere, die weniger durch einen Mangel (an zahlungswilligen Menschen) als durch einen Überschuss (an eintönigen Inhalten) gekennzeichnet war. Weil immer mehr vom Immergleichen produziert wurde, nahm sich das Jubiläumsgeschehen selbst die Luft zum Atmen. Wenn einem die x-te Version weitgehend identischer Veranstaltungsformen mit weitgehend identischen Inhalten präsentiert wird, ist es irgendwann so, als hätte all das überhaupt nicht stattgefunden. Es ist die Leere, die nach gänzlicher Übersättigung zurückbleibt.

Fast zwangsläufig hängt diese inhaltliche Aushöhlung mit dem Versuch zur nahezu hemmungslosen wirtschaftlichen Verwertung des Jubiläums zusammen. Die Feier zu 500 Jahren Reformation fand sich eingeklemmt zwischen Kirche und Kommerz, zwischen Ökumene und Ökonomie. Nein, falsch. Das Reformationsjubiläum war nicht eingeklemmt. Es hat versucht, sich dort bequem einzurichten. Auf der einen Seite pochten die Beteiligten immer wieder auf die Botschaft der Reformation (aber wie lautete sie gleich nochmal?), auf der anderen Seite machten sie keinen Hehl daraus, mit diesem 500. Jahrestag ordentlich Geld verdienen zu wollen. Alle wollten beim großen Luther-Brimborium ihren Reibach machen. Die Länder und Kommunen wollten mehr Touristen und Übernachtungen, die Kultureinrichtungen wollten mehr Besucher, die Stadtführungsunternehmen wollten mehr Menschen, die durch Städte geführt werden wollten, und alle anderen dachten, dass es aus Anlass des Jubiläums eine verkaufsfördernde Idee sei, den Großen Reformator selbst auf ihre Produkte zu pappen. Da wurden nicht nur die durchaus erwartbaren Kleidungsstücke und weitgehend nutzlosen Werbeartikel produziert, sondern auch Luther-Biere in zahlreichen Varianten, Luther-Nudeln (inklusive eines gerichtlich ausgetragenen Urheberrechtsstreits), Luther-Cocktails, Luther-Ostereier, Luther-Brettspiele, Luther-Äpfel oder Luther-Salamis. Und es waren nicht nur profitorientierte Unternehmen, die ihrer Bestimmung nachzukommen trachteten, auch die Evangelische Kirche in Deutschland eröffnete ihren eigenen Internet-Shop zum Reformationsjubiläum, in dem man von Prominenten gestaltete Schmuckschuberausgaben der Bibel ebenso erwerben konnte wie T-Shirts, Babystrampler („Warum rülpset und furzet ihr nicht“), Socken („Hier stehe ich, ich kann nichts anders“) oder Keks-Ausstechformen.

Nun könnte man dieses Gebaren der üblichen kapitalistischen Verflachung zurechnen, von der wir alle und immer umgeben sind. Warum sollten Luther und die Reformation davon verschont bleiben? Ja, warum eigentlich …

Höhepunkt als Finale

Weil es eigentlich doch um das Inhaltliche gehen sollte! Aber mit welchen Inhalten sollte man Luther und die Reformation noch einmal in Verbindung bringen? Im Rahmen des Reformationsjubiläums setzte man nicht unwesentlich auf das, was man mit Ernesto Laclau als leere Signifikanten bezeichnen kann: inhaltliche Hohlformeln, die als Passepartout verwendet werden und gerade deswegen nichts mehr aussagen.

In dieser Hinsicht fand das Reformationsjubiläum am 31. Oktober 2017 wahrscheinlich nur sein offizielles, kalendarisches Ende. Inhaltlich hatte sich das Jubiläumsgeschehen wohl schon mit dem Evangelischen Kirchentag Ende Mai 2017 in Berlin (und Wittenberg) erschöpft. Spätestens zu diesem Zeitpunkt, dem avisierten Veranstaltungshöhepunkt der Feierlichkeiten, waren all die Stichworte, die für das Jubiläumsgeschehen gesetzt werden sollten, gesetzt – nicht selten bis zum Überdruss. Wichtigster leerer Signifikant (wenn es nicht so sinnlos wäre, müsste man geradezu vom ‚leersten‘ Signifikanten sprechen) war: Freiheit. In weiteren Rollen waren zu bewundern: Welt, Leben, Gerechtigkeit, Frieden und Natur, gefolgt von: Spiritualität, Ökumene, Familie und Sprache.

Nicht nur, dass man sich angesichts solcher Stichworte an die Inhalte wohliger Schlagermusik erinnert fühlen darf, man muss sich auch fragen, was sie mit Luther und der Reformation zu tun haben. Sicherlich, irgendwie lässt sich das historische Ereignis mit diesen Formeln in Verbindung bringen. Aber sollten mit der Reformation nicht mehr Bedeutungen verknüpft werden als ein schwammig bleibendes ‚Irgendwie‘?

Dass die Artikulation eines solchen Ungenügens nicht nur auf intellektuelle Hochnäsigkeit oder akademische Arroganz zurückzuführen ist, zeigt gerade der teils mangelnde Zuschauerzuspruch. Der Leerlauf des Jubiläumsgeschehens ergab sich nicht, weil es ein Zuviel an Reformation gegeben hätte, sondern weil zu wenig Reformation in diesem Jubiläum war. Und der Mangel an Reformation kam dadurch zustande, dass man das historische Ereignis mitsamt seinen konkreten Umständen nur in recht homöopathischen Dosen zum Thema machte. (So wurde monoton auf einem ‚Thesenanschlag‘ herumgeritten, von dem wir vor allem wissen, was wir alles nicht darüber wissen.) Stattdessen folgten die Verantwortlichen einer anderen Maxime, nämlich Martin Luther mit allen nur erdenklichen Mitteln zu einem Gegenwärtigen zu machen. Er sollte als die Antwort auf alles erscheinen. Luther hat die Freiheit erfunden, hat die Welt hinterfragt, hat die deutsche Sprache zu verantworten, hat die moderne Familie gegründet, hat Gerechtigkeit gepredigt und sich für den Frieden eingesetzt – zumindest irgendwie. Zum Urheber der Ökumene und der Gleichberechtigung unter den Geschlechtern kann man ihn dann auch noch machen, außerdem wird er wohl das Bier, die Salami, den Cocktail und den Babystrampler erfunden haben.

Es ist kein Wunder, dass ausgerechnet die Luther-Playmobil-Figur ein so ungeheurer Verkaufsschlager geworden ist (über eine Million Exemplare wurden bereits abgesetzt), denn sie kann durchaus als Symptom für die gesamte Veranstaltung herhalten. Genau wie man meinte, die historische Figur Luther für alles Mögliche einzuspannen, um ihn auf diese Weise konturlos und austauschbar zu machen, genauso funktionieren auch Playmobil-Figuren. Sie haben alle dieselbe Größe, dasselbe Gesicht, dieselben Greifhände. Mit ein paar Handgriffen kann man aus einem Luther problemlos wieder einen Müllmann oder einen Polizisten machen.

Ich bin geradezu versucht, mir die Szene auszumalen, wie man es in diversen Organisationskomitees unternommen hat, dieses Ereignis, dass man nun einmal unbedingt feiern musste (wie kann man einen 500. Jahrestag vorbeigehen lassen?), unter die Leute zu bringen. Die Generalformel, die bei solchen Beratungen wohl immer wieder zum Vorschein kam, lautete: Was sagt uns Luther heute?

Und damit fing der ganze Schlamassel an. Oder war auch schon wieder beendet. Denn damit wurde das geschichtliche Ereignis erst zum Gegenstand einer inhaltlichen Entleerung. Unter dem Zwang zur Aktualisierung verschwand die Individualität und das historisch Spezifische bis zu Unkenntlichkeit. Luther und die Reformation wurden zu Trägern von Schlagworten, mit denen eine Begriffsnebelmaschinerie in Gang gesetzt wurde, in der sich zwar nichts mehr recht erkennen ließ, die aber angenehme Gefühle verbreiten sollte: Luther und die Freiheit und die Demokratie und die Sprache und die Frauen… Das gelingt immer und klebt nicht.

Nur ein Beispiel von vielen: In Christine Eichels Buch mit dem Titel „Deutschland. Lutherland. Warum uns die Reformation bis heute prägt“ wird eine direkte Kontinuitätslinie von der Gegenwart zurück bis ins 16. Jahrhundert gezogen. Da kann man mit der Reformation nicht nur erklären, weshalb „wir Deutschen“ (wer auch immer das sein soll) so fleißig sind, so viele Bücher lesen und auf Sparsamkeit achten, sondern weshalb wir es mit Geburtenrückgang, einer politischen Demutskultur, einem reichen Musikleben oder einer außergewöhnlichen Museumslandschaft zu tun haben. Und Eichel findet noch mehr Beispiele, mit denen sie Deutschland im frühen 21. Jahrhundert aus seinen Wurzeln des 16. Jahrhunderts erklären kann. Da wird nicht nur die eine oder andere historische Angelegenheit ausgelassen, die sich zwischen Luther und unserer Gegenwart ereignet hat, da wird vor allem ein krudes historisches Kausalitätsmodell bemüht, das der Komplexität langfristiger Veränderungen über die Zeit hinweg Hohn spricht.

Man hätte im Rahmen des Reformationsjubiläums auf die Fremdheit des Geschehens von vor 500 Jahren hinweisen können, hätte versuchen können, ein Verständnis für die Gedanken, Sorgen, Nöte, Ängste, Hoffnungen und Handlungen zu erzeugen, wie sie sich mit dem Reformationsgeschehen verbunden haben – aber das hätte sich wohl weniger gut verkaufen lassen, das hätte auch kaum Identifikationsangebote für unsere eigene Gegenwart geliefert, und das hätte der Evangelischen Kirche in Deutschland weniger Möglichkeiten geboten, für ihre Sache im Hier und Jetzt zu werben.

Und so befremdlich, ja nahezu pervers es auch erscheinen mag, aber selbst die regelmäßig thematisierte Judenfeindlichkeit Luthers fügte sich in diese inhaltliche Gesamtstrategie der radikalen Aktualisierung ein. Luthers Judenhass ließ sich zwar nicht als Argument für die Bedeutung der Reformation verwenden, aber machte er nicht ex negativo deutlich, wie sehr der Reformator immer noch ein Zeitgenosse ist? Aktuelle Fragen, wie man es mit Andersgläubigen und auch allen anderen Anderen halten soll, finden sich bei ihm ebenso thematisiert wie der Umgang mit der immer wieder zitierten „jüngeren deutschen Vergangenheit“ (selbst wenn diese für Luther eine weit entfernte und unbekannte Zukunft sein musste). Ein halbes Jahrtausend – das stellte nun keinen historischen Abstand mehr dar, sondern war eine hübsche, runde Zahl, die Anlass bot für eine rückstandfreie Wiederbelebung.

Im Sinne dieser Wiederbelebung trat daher neben Kommerzialisierung und Aktualisierung als dritter Faktor die Personalisierung. Dabei gilt es einen nicht ganz unwichtigen Umstand in Erinnerung zu rufen: Es ging eigentlich darum, ein Reformationsjubiläum zu feiern, kein Lutherjubiläum. Aber hat außer Luther überhaupt etwas stattgefunden? Dass der große Reformator auf allen Bühnen die Hauptrolle zu spielen hatte, war jedenfalls schwerlich zu übersehen.

Wenn daher vom Museum „Alte Münze“ in Stolberg im Harz eine Gedenkmedaille hergestellt worden ist, auf der ein fliegender Luther im Superman-Kostüm zu sehen ist, lässt sich das kaum als Zufall beiseiteschieben. Es setzt der extremen Personalisierung nur die Narrenkappe auf. Kaum verwunderlich, wenn alle Involvierten den idealen Werbeträger Luther in den Mittelpunkt rückten – als Bild, als Statue, in Comicform, in Plastik gegossen, als Gummibärchen. Kaum verwunderlich auch, wenn das Publikum von diesem Luther-Wahnsinn irgendwann genug hatte. Und kaum verwunderlich, wenn einen der Gedanke beschleicht, dass es im Rahmen der Reformation noch den einen oder anderen Inhalt mehr geben könnte, noch die eine oder andere beachtenswerte Person, die der Aufmerksamkeit gelohnt hätte.

Man könnte bei einer wirklichen inhaltlichen Beschäftigung einige Dinge recht schnell feststellen: dass Luther nicht die Reformation ist; dass die Reformation ein ungemein komplexes Geschehen mit zahlreichen Beteiligten war; dass es sich um eine theologisch höchst anspruchsvolle und vor allem von Intellektuellen getragene Veranstaltung handelte, die uns heute vielfach fremd sein muss; dass Luther ein kompromissloser Dogmatiker war; dass viele zentrale Fragen, insbesondere diejenige nach dem Seelenheil, uns heute fern vorkommen muss; dass uns überhaupt die Reformation in vielen Bereichen sehr fern ist; dass, mit einem Wort, Reformation sich nicht zur rückstandslosen Aktualisierung eignet – es sei denn, man spült sie weich bis zur Unkenntlichkeit.

Vor dem Ende

Was aber soll denn nun so falsch daran sein, Martin Luther zu einer gegenwärtigen Figur zu machen? Darf man denn nicht versuchen, die aktuelle Bedeutung von Luther und der Reformation herauszustreichen?

Sicherlich darf man das. Streng genommen kann man gar nichts anderes machen, denn noch mit der größten geschichtswissenschaftlichen Gewissenhaftigkeit wird es uns nicht gelingen, die Zeit der Reformation zu ‚rekonstruieren‘, wie es immer wieder so schön und so irreführend heißt. Jede Historisierung ist zwangsläufig eine Aktualisierung. Nur deswegen, weil man sich nicht einem falsch verstandenen Antiquarianismus oder einer rein bewahrenden Musealisierung verschreibt, ergibt historisches Arbeiten überhaupt Sinn. Sie kümmert sich um die Herstellung gegenwärtiger Vergangenheiten.

Aber selbst wenn Gegenwart aus dem historischen Geschäft nicht herausgekürzt werden kann (und auch nicht soll), stellt sich immer noch die Frage, wie wir jeweils die Beziehungen zwischen Gegenwarten und Vergangenheiten, zwischen anwesenden und abwesenden Zeiten ausgestalten wollen.

Eine rabiate Aktualisierung, die Vergangenes zur Spielzeuglandschaft degradiert und mit einigen oberflächlichen Allgemeinplätzen zu erfassen meint (Wittenberg – Thesenanschlag – Reformation – Freiheit), scheint mir ein wenig ertragreicher Weg, um die Verhältnisse zwischen den Zeiten zu arrangieren. Und das hängt noch nicht einmal vorrangig mit wissenschaftlichen Standards zusammen. Diese verallgemeinern zu wollen, wäre gänzlich überzogen (und wäre auch kaum im Sinne der Wissenschaften, die damit ja ihr Alleinstellungsmerkmal und einen erheblichen Teil ihres gesellschaftlich-politischen Einflusses verlieren würden). Nein, gegen eine solche platte Aktualisierung sprechen Gründe, die nicht nur unseren Umgang mit der Vergangenheit, sondern auch unser Eigeninteresse als Gegenwärtige betreffen.

Womit wir es hier zu tun haben, hört auf den Namen ‚flache Geschichte‘: der möglichst geräuscharme, hindernisfreie und vor allem unkomplizierte Gebrauch (oder eher Missbrauch) von Vergangenem für gegenwärtige Zwecke. Flache Geschichte wird allenthalben verwendet. Es ist das vermeintlich historische Stammtischargument, das zur Erklärung heutiger Zustände herhalten muss, es ist die knapp erzählte Vorgeschichte, die Vergangenes genau soweit zurichtet, dass es sich in eine lineare Kausalität einordnet, und es ist das kurze Aufblitzen eines Relikts aus dem Vorgestern, vielleicht ein Bild, ein Zitat, ein Filmausschnitt oder ein bekannter Name, mit denen Vertrautheit hergestellt und die Sicherheit evoziert werden soll, dass es genauso war.

Flache Geschichte zielt drauf ab, sich der Mühen der Komplexität zu entledigen, die Gebirge der Zeiten in aller Eile abzutragen, um freie Sicht auf die Vergangenheit zu erhalten. Das mündet dann gerne in Aussagen, die beginnen mit „Früher waren die Menschen ja …“ oder „Es ist doch allgemein bekannt, dass im Mittelalter …“. Ist es nur eine akademische Verstiegenheit, wenn ich darauf poche, sich dieser Faltenlosigkeit zu enthalten? Wohl kaum, denn die Vielfältigkeit des Vergangenen ist nicht einfach nur ein geschichtswissenschaftlicher Anspruch, der allein als solcher tatsächlich nicht zu verallgemeinern wäre, sondern ist, wie gerade das Reformationsjubiläum zeigen kann, eine ethische Anforderung. Denn wir haben als Gegenwärtige nicht zuletzt die Aufgabe, all denjenigen, die nicht mehr leben oder die noch nicht leben, mit größtmöglicher Verantwortung zu begegnen. Man kann daher einen geschichtsethischen Imperativ formulieren, um der Gefahr der flachen Geschichte zu begegnen: Behandle Vergangenes nicht weniger komplex als du selbst von einer zukünftigen Gegenwart (für die du selbst Vergangenheit sein wirst) behandelt werden willst.

Stellt man sich der Frage, in was für einer Geschichtskultur wir eigentlich leben wollen, wie wir uns also das öffentliche und gesellschaftliche Zusammenleben mit abwesenden, vergangenen Zeiten vorstellen, die wir durch unsere Beschäftigung wieder zu anwesenden Zeiten machen, dann muss man den einen oder anderen Zweifel daran hegen, ob die Konzentration auf Jubiläen der richtige Weg ist.

Die 500. Wiederkehr der Veröffentlichung von Luthers 95 Thesen gegen den Ablass war nun einmal ein Anlass – und zwar ein Anlass, der sich keiner inhaltlichen Notwendigkeit, sondern allein der kalendarischen Logik verdankte. Ich würde es weiterhin für eine gute Idee halten, wenn man sich auf vergangene Ereignisse bezöge, weil sie an der Zeit sind, und nicht, weil sie im Kalender stehen. Aber auch das widerspricht gängigen Vermarktungsstrategien. Denn mehrere hundert Millionen Euro öffentlicher Fördergelder lassen sich bei der Vorliebe unserer Kultur für möglichst runde Jahreszahlen mit möglichst vielen Nullen ohne Weiteres zusammentragen – aber kaum mit dem Argument, dass es in einer bestimmten gesellschaftlichen Situation angebracht wäre, intensiver über so etwas nachzudenken wie beispielsweise die Reformation.

Insofern konnte sich bereits zum Auftakt dieses Reformationsjubiläums der Gedanke aufdrängen, die Feier sei vorbei, noch ehe sie begonnen habe. Und zwar nicht nur, weil die Verantwortlichen in Kirche, Politik und Kultur von einer bisher unbekannten Steigerungsform akuter Jubiläumitis heimgesucht worden waren und gleich eine ganze, im Jahr 2008 einsetzende Lutherjubiläumsdekade ausriefen. Das Feiern und Gedenken war also bereits uralt (uralt zumindest nach Maßstäben der Aufmerksamkeitsspanne für öffentliche Debatten), noch bevor es begonnen hatte. Das Jubiläum hatte ich auch deswegen bereits vor seinem Beginn erledigt, weil alle Planungen schon längst abgeschlossen, alle Bücher schon längst geschrieben, alle Ausstellungen schon längst konzipiert und alle Festveranstaltungen schon längst geplant waren. Da konnte nichts Überraschendes mehr passieren. Es war zu diesem Ereignis ja bereits alles gesagt worden, noch bevor jemand etwas gesagt hatte, weil alle wussten, was zu sagen war.

Welche Ausmaße das Jubiläumswettrennen angenommen hat, lässt sich an einer Pressemeldung ersehen, die im Mai 2017 veröffentlicht wurde. Die Stadt Erfurt, vertreten durch ihren Kulturdirektor Tobias Knoblich, weigerte sich bei diesem „Überbietungswettbewerb“ mitzumachen. Eine kleine Ausstellung zur Luther-Rezeption im 20. Jahrhundert sollte genügen, ansonsten hielten sich Stadt und Kulturdirektor aus der Sache heraus. Erstaunlich (und lobenswert) ist nicht nur die solcherart dokumentierte Haltung. Erstaunlich ist vor allem, dass sie eine eigene Pressemeldung wert war. Bartleby lässt grüßen.

Weshalb aber diese Begeisterung anlässlich von Jubiläen? Weshalb die Vorliebe für das Erinnern an historische Ereignisse, sobald diese sich mit möglichst vielen Nullen jähren, und weshalb die Bedeutsamkeit sogenannter runder Geburtstage – obwohl es doch (zumeist) keinen inhaltlichen Anlass gibt? Warum wird dem ästhetischen Empfinden einer bestimmten Zahlenkombination eher gehuldigt als der Notwendigkeit, sich genau jetzt einem bestimmten Thema zuzuwenden? Wahrscheinlich ist die Anzahl unserer Finger schuld. Sobald sich etwas durch fünf oder zehn teilen lässt, ruft das die nicht unbedingt logische, dafür aber zutiefst menschliche Empfindung hervor, etwas sei vollständig. Deshalb wird an Zapfsäulen wenn möglich für einen gerundeten Geldbetrag getankt; deshalb ist es allgemein verständlich, dass man den 80. Geburtstag als großes Ereignis feiert, den 81. jedoch still und geräuschlos vorüberziehen lässt; und deswegen können 500 Jahre Reformationsjubiläum eine ungeheure Geschäftigkeit auslösen, während die 499. Wiederkehr desselben Ereignisses kaum jemanden interessiert. Gerade im Fall von historischem Geschehen lösen runde Zahlen die zweifache Empfindung sowohl von Abgeschlossenheit als auch von Bedeutsamkeit aus, weil es sich nicht nur um einen gesicherten Teil der Vergangenheit handelt, sondern weil dieses Stück Vergangenheit sich auch als haltbar genug erwiesen hat, um noch nach so langer Zeit seine Auswirkungen spürbar werden zu lassen. Dabei lässt sich füglich die Frage stellen, ob ein Geschehen bedeutsam ist und deswegen immer wieder gefeiert werden muss, oder ob es nur noch bedeutsam bleibt, weil es immer wieder gefeiert wird.

Giacomo Leopardi hat bereits vor nahezu zwei Jahrhunderten im „Zibaldone“ die  sozialpsychologische Seite von Jubiläen ausgeleuchtet: „Es ist doch ein holder Trug, der von den Jahrestagen ausgeht; wohl hat solcher Tag mit dem Vergangenen nicht mehr zu tun als irgendein anderer, und doch sagen wir: an diesem Tag ist das geschehen, an diesem bin ich so glücklich, so verzweifelt gewesen; und wirklich ist uns, als kehrten jene Dinge, die unwiederbringlich für immer dahin sind, ins Leben zurück und wären, zwar schattengleich, gegenwärtig; dies aber gibt uns unendlichen Trost, es verbannt den Gedanken der Zerstörung, des Auslöschens, der uns so sehr widerstrebt, und spiegelt die Gegenwart jener Dinge vor, die wir uns wirklich anwesend wünschen oder deren wir doch aus besonderem Anlaß gerne gedenken. Es ist, wie wenn einer die Stelle besucht, wo ein denkwürdiges Ereignis sich zutrug; er sagt: hier ist es geschehen, und in gewisser Weise meint er davon etwas mehr zu erkennen als anderswo, mag auch der Ort ganz verändert sein gegen damals.“[1]

Und was geschieht nun, nachdem dieser Jahrestag seinen Abschluss gefunden hat? Es wird sich noch eine dritte Art der Leere ausbreiten. War das Reformationsjubiläumsgeschehen selbst durch eine unübersehbare Inhaltsleere geprägt, so wird sich danach nicht minder sichtbar eine Erschöpfungsleere ausdehnen. Das Reformationsjubiläum wird geschichtskulturell verbrannte Erde hinterlassen. Der Reformations- und Luthermarkt wird erst einmal tot sein. Ähnlich wie nach dem Jubiläum aus Anlass des 500. Geburtstags des Reformators im Jahr 1983 wird für eine geraume Zeit niemand mehr etwas über Luther und der Reformation hören wollen. Und das ist schade, denn die wirklich interessanten Fragen werden traditionell während eines Jubiläums kaum einmal gestellt. Sollte man daher demnächst eine Umfrage starten, was der Bevölkerung denn in Sachen Reformationsjubiläum im Gedächtnis geblieben ist, wird es vielleicht der 31. Oktober 2017 als zusätzlicher bundesweiter Feiertag sein. Ein weiterer Tag des Nichts.

Aber auch diese Erschöpfungsleere wird sich irgendwann erschöpft haben. Es wird erneut ein Rumoren zu vernehmen sein. Großes wird sich derart ankündigen. Die Leere wird sich wieder füllen mit Erwartungen und Hoffnungen, mit Rückbesinnungen und Vergangenheitsbezügen. Dann könnte es sein, dass wir das Jahr 2046 schreiben. Das Jubiläum aus Anlass des 500. Todestages Martin Luthers steht an. Die ganze Chose kann wieder von vorne beginnen. Alles ein bisschen anders. Alles ganz genauso.

 

[1] Giacomo Leopardi: Das Gedankentagebuch. Aufzeichnungen eines Skeptikers, hg v. Hanno Helbling, München 1985, 21.

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4 Gedanken zu “Lutherland ist abgebrannt

  1. “(…) ein Verständnis für die Gedanken, Sorgen, Nöte, Ängste, Hoffnungen und Handlungen zu erzeugen, wie sie sich mit dem Reformationsgeschehen verbunden haben – (…)“ Das ist es, was zumindest die Neuburger Ausstellung “FürstenMacht & wahrer Glaube. Reformation und Gegenreformation“ mit dem Fokus auf die konkrete historische Situation im Fürstentum Pfalz-Neuburg herausarbeiten konnte. Simultaneum und Brudermord, vor dieser durchaus widersprüchlichen, allenthalben ‚faltigen‘ historischen Folie lässt sich vor Ort sogar über Ökumene sprechen. Aber auch bei uns verkaufte sich der Playmobil-Luther besser als der Ausstellungskatalog … und 2019 hätte uns der Bund keine 10 Euro für das Vorhaben bewilligt. Hätten wir es bleiben lassen sollen?

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