Mein Dreivierteljahr mit Luther

Finito

„Death by chocolate“ – so heißt eine nicht nur ungesund klingende Süßspeise, die in der englischsprachigen Welt kredenzt wird, um die körperlichen Belastungen mit Fett und Zucker in ungeahnte Höhen zu treiben. Zu ihrer Herstellung braucht man viel von allem: viel Butter, viel Schokolade, viel Zucker und viel Sahne (und noch solche Nebensächlichkeiten wie Eier und Mehl). Garniert wird das Ganze dann mit einer Glasur, die nochmals aus viel Butter, Sahne und Schokolade besteht.

„Death by reformation jubilee“ – so könnte man das vorzeitige Ende dieses Blogs betiteln. Eingegangen ist das Blog an einer Überdosis Einfallslosigkeit, Wiederholungszwang und Ödnis, garniert mit einer Glasur Langeweile. Wohlmöglich könnte diese Diagnose auf die Bloginhalte selbst zutreffen – mea culpa. Nicht weniger litten die Bloginhalte jedoch an den Gegenständen refromationsjubilierenden Geschehens, die sich als zu viel vom Immergleichen herausgestellt haben.

Im ersten Eintrag dieses Blogs habe ich behauptet, das Jubiläum sei bereits vorbei sei, bevor es überhaupt begonnen habe. Mich erschreckt inzwischen selbst, wie sehr sich diese Aussage bestätigt hat.

Daher ist das mein Abschlussstatement. Meine letzte Pressekonferenz. Es folgt ein Schlusskommuniqué. Ich wähle die Ausstiegsklausel. Ich ziehe die Reißleine. Und einen Schlussstrich ziehe ich auch noch. Ich gebe auf.

Obwohl: Aufgegeben habe ich schon vor einigen Wochen. Das sollte aber nicht mit Stillschweigen übergangen, sondern mit der angemessenen staatstragenden Geste in die Öffentlichkeit hineingetragen werden. Daher also klipp und klar: Dieses Blog findet hiermit sein Ende.

Lutherverwurstung

Ich hatte mich zu Beginn dieses Blogs tatsächlich der Illusion hingegeben, das Reformationsjubiläum 2017 sei eine gute Gelegenheit, um sich der deutschen Geschichtskultur des frühen 21. Jahrhunderts zu widmen. Im Prinzip bin ich immer noch dieser Meinung. Nur hatte ich offenbar unterschätzt, wie dröge und phantasielos diese Geschichtskultur ist. Sie hat gewonnen. Ich gebe auf.

Das Problem: Es werden die immer gleichen Inhalte in die immer gleichen Formen gegossen. Die Einfallslosigkeit ist kaum zu überbieten. Sicherlich, dem hätte ich mit ein wenig mehr Einfallsreichtum meinerseits begegnen können. Aber nach meinen bisher geschriebenen Texten sah ich mich schon selbst in eine ähnliche Wiederholungsschleife einbiegen.

Nur um ein gänzlich nebensächliches, eigentlich unbedeutendes Beispiel zu nennen: Ich weiß nicht, wie häufig inzwischen schon das Thema „Luther und das Bier“ aufgegriffen worden ist. Wenig überraschend wurde es häufig im Zusammenhang mit der werbewirksamen Produktion eines solchen alkoholischen Getränks verbunden. Die Brauerei Neunspringe hat sich nicht nur die Internetseite lutherbier.de reserviert, sondern auch gleich vier verschiedene Lutherbiere auf den Markt gebracht; die Rosenfelder Brauerei hat ein Reformationsbräu im Angebot; die Brauerei Goldochsen verkauft ein Martin-Luther-Bier; das Einbecker Brauhaus hat gleich eine Luther-Präsentbox herausgebracht; und für all diejenigen, die in dieser Bierfülle die Übersicht zu verlieren drohen, kann man mit einem Biersommelier den ultimativen Luther-Bier-Test machen. Die Stadt Wittenberg wird zum 31. Oktober 2017 sogar den Stadtbrunnen in einen Bierbrunnen verwandeln. Selbst die FAZ hat sich in einem eigenen Blogbeitrag dem Thema gewidmet. Und mit dieser Auflistung bin ich immer erst noch am Anfang. Ich könnte fortfahren mit Luther-Bier-T-Shirts, dem Luther-Bier-Senf, dem Lutherbier aus Krefeld, dem „Reformator 17“-Bier aus Bergisch Gladbach, dem Lutherbier aus Lahr, dem Köllertaler Luther-Bier zum Pfarrfest in Heusweiler … Aber ich will das nicht.

Nämliches ließe sich wiederholen mit Angelegenheiten, bei denen es nicht um gesetzlich erlaubten Drogenmissbrauch, sondern um augenscheinlich seröse Inhalte geht – aber kaum einfallsreichere. Jede zweite Kirchengemeinde hat ihre eigene kleine Ausstellung zur Reformation aufgestellt, allerorten werden die immer gleichen Vorträge gehalten, das Thema „Frauen und Reformation“ hat eine enorme Aufmerksamkeit erfahren, es gibt Kochkurse sonder Zahl, bei denen man lernen kann, zu futtern wie bei Luthern, wenn man gegen entsprechendes Entgelt nicht gleich in einem Restaurant das gleichnamige Menü serviert bekommt. Eine schier endlose Anzahl von Zeitungsartikeln hat mit einer Variation des immer gleichen Satzes begonnen, dass nämlich vor 500 Jahren der Wittenberger Augustinermönch Martin Luther seine 95 Thesen gegen den Ablass an die Tür der Schlosskirche genagelt habe (was in dieser Form zumindest nicht zu beweisen ist). Und auch ansonsten hat sich unsere kapitalistische Verwertungsgesellschaft nicht zurückgehalten, wenn es darum ging, Luther mit irgendwelchen verkaufswerten, aber sinnfreien Produkten zu kombinieren. Das ist im besten Fall amüsant. In vielen Fällen ist es aber ärgerlich. Und fast immer ist es inhaltlich gänzlich uninteressant.

Mehr Thesen

Warum ist es uninteressant? Weil hier Geschichtskultur nach dem alten Handwerkermotto betrieben wird: Was nicht passt, wird passend gemacht. Denn das Reformationsjubiläum und mit ihm, so meine starke Vermutung, die aktuelle bundesrepublikanische Geschichtskultur in ihrer Gesamtheit, setzt auf Ähnlichkeit und Präsentismus statt auf Irritation durch das Andere des Vergangenen. Vor diesem Hintergrund habe ich versucht, einige Thesen zur Geschichtskultur zu formulieren. Jawohl, ich gebe zu, diese Thesenbildung sollte meine plumpe Verbeugung vor dem Reformationsgeschehen sein. Eigentlich war der Plan, der reformationsjubiläumsüblichen Neigung zu wenig subtilen Anspielungen nachzugeben und mindestens 9,5 Thesen zur deutschen Geschichtskultur zu formulieren (wenn es schon nicht zu 95 reichen sollte). Fünf davon konnte ich etwas ausführlicher darstellen.

Nur zur Übung, nicht zur Strafe, hier noch einmal die Zusammenfassung der bisherigen Thesen: Die erste These wartet mit der wenig überraschenden Behauptung auf, dass unsere gegenwärtige Geschichtskultur versessen ist auf Jubiläen und möglichst verkaufsfördernde, runde Jahrestage. Die zweite These besagt, dass Geschichtskultur personenfixiert ist und auf Verlebendigung setzt. Mit der dritten These soll der Nachweis geführt werden, dass die altehrwürdige Rede von der Kulturindustrie im Zusammenhang mit der Geschichtskultur durchaus noch ihre Berechtigung hat. Die vierte These behauptet, dass sich die Geschichtskultur durch einen starken Zug zum Präsentismus auszeichnet. Und die fünfte These zielt darauf ab, dass Geschichtskultur dadurch geprägt ist, Befremdendes oder Unverständliches glattzubügeln und den eigenen, gegenwärtigen Verhältnissen anzuähneln.

Weitere Thesen, die argumentativ noch hätten ausgearbeitet werden müssen, sollten folgendermaßen lauten: Die sechste These hätte die kapitalistischen Verwertungsformen im Rahmen aktueller Geschichtskultur zum Inhalt gehabt. Das bereits angeführte Bier-Beispiel zeigt es zur Genüge, dass nicht mehr so recht klar ist, ob die gesellschaftlich so breit gestreute Beschäftigung mit „Geschichte“ und „Vergangenheit“ der Erweiterung von Kenntnissen und Erkenntnissen oder vornehmlich der Profitmaximierung dienen soll. Auch und gerade von politischer Seite ist man davon ausgegangen, dass wenn man aus öffentlichen Mitteln etwa 500 Millionen Euro in das Reformationsjubiläum steckt (entspricht einer Million für jedes Jahr seit der Veröffentlichung der 95 Thesen!), sich diese Investition durch Tourismus, Übernachtungen, Eintrittsgelder etc. wirtschaftlich lohnen sollte. Diese Hoffnung scheint sich jedoch nicht zu erfüllen.

Die siebte These wäre eng damit verwandt gewesen (wie ohnehin alle Thesen sehr eng miteinander verflochten sind und zum Teil nur unterschiedliche Facetten desselben Phänomens beleuchten): Geschichtskultur erweist sich unschwer als Teil politischer Machtausübung. Im spezifischen Fall des Reformationsjubiläums kann man das unter anderem anhand der Evangelischen Kirche in Deutschland sehen, die selbstredend versucht, dieses Ereignis für ihre gegenwärtigen Zwecke zu nutzen. Aber auch die Bundesregierung und verschiedene Landesregierungen machen mit dem Jubiläum (und generell im Feld der Geschichtskultur) Politik, weil sie sich davon Effekte in Sachen nationaler Zusammenhalt und Identitätsbildung versprechen. Bei solchen Gelegenheiten werde ich dann gerne mein Mantra los, dass eine ordentliche Portion Irritation von historisch vermeintlich verbürgten Gewissheiten dem Kollektiv besser tun würde.

These acht sollte besagen, dass Geschichtskultur erheblich durch Routine geprägt ist. Die immer gleichen Formate führen zu unübersehbarer Ermüdung. Man weiß schon, was passiert, noch bevor es passiert, weil immer wieder die gleichen Präsentationsformen gewählt und immer wieder die gleichen Inhalte bedient werden. Geschichtskultur steht damit in der akuten Gefahr, Überdruss zu produzieren – und sich somit mittelfristig selbst abzuschaffen. In Deutschland kann man das gerade mit Blick auf die Geschichte des Zweiten Weltkriegs und der Shoah auf eher erschreckende Weise beobachten, wenn sich selbst Studierende des Fachs Geschichte, die sich also intrinsisch für dieses Themengebiet interessieren, dahingehend äußern, von Hitler nichts mehr wissen zu wollen, weil sie es schon zu oft gehört hätten.

Die neunte These wäre eng mit der vorhergehenden verwandt gewesen. Sie hätte gepocht auf das Phänomen der Inversion im Zusammenhang der Geschichtskultur. Soll heißen: Nach dem Jubiläum ist vor dem Jubiläum. Gerade anhand des sogenannten Anschlags der 95 Thesen durch Martin Luther kann man das recht gut erläutern. Wir wissen über die Publikation der Thesen recht wenig, wissen auf jeden Fall nicht, ob sie an die Tür der Wittenberger Schlosskirche genagelt wurden. Es ist sogar recht wahrscheinlich, dass genau das nicht geschehen hat. Und trotzdem, oder gerade deswegen, muss im Rahmen der Geschichtskultur ein Thesenanschlag, der nie stattgefunden hat, immer wieder stattfinden. Jedes Jubiläum, jeder Gedenktag, jede Rückbesinnung wird beim nächsten Mal ganz genauso sein wie beim letzten Mal, nur ein wenig anders. Nach dem Reformationsjubiläum kann niemand mehr etwas von Luther hören – bis zum nächsten Jubiläum anlässlich des 500. Todestag des Reformators im Jahr 2046.

Und die neuneinhalbte These hätte zum Schluss mich selbst betroffen. Denn wenn ich mich schon kritisch zum Reformationsjubiläum im Besonderen und zur Geschichtskultur im Allgemeinen äußere, dann sollte ich auch nicht unerwähnt lassen, dass ich Teil dieser Maschinerie bin. Die liebe Leserschaft sollte also nicht vergessen, mir bei meinem Geschimpfe nicht über den Weg zu trauen. Was mache ich denn anderes, als selbst zu einer Geschichtskultur beizutragen, die ich noch während ihres Entstehens kritisiere?

Ich kann daher das Mikrophon an Andy Partridge von der großartigen Band XTC übergeben, der bereits 1983 in dem Lied „Funk Pop a Roll“ die Mechanismen der Musikindustrie kritisiert hat, um dann mit den Worten zu enden:

„But please don’t listen to me / I’ve already been poisoned by this industry!” (XTC: Funk Pop A Roll, Virgin Records 1983)

Advertisements

Luthermobil

Zu den Menschen

Man kennt es möglicherweise noch, das Guidomobil, jenes unsägliche Symbol siegestrunkener FDP-Überheblichkeit, mit dem der Parteivorsitzende Westerwelle 2002 Wahlkampf machte; oder den Brexit-„Vote Leave“-Bus, mit dem die Befürworter des britischen EU-Austritts 2016 landauf, landab behaupteten, 350 Millionen Pfund pro Woche an den nationalen Gesundheitsdienst anstatt nach Brüssel überweisen zu wollen (eine Aussage, von der Nigel Farage schon einen Tag nach der Brexit-Abstimmung nicht mehr wissen wollte – noch so ein Siegestrunkener, der langsam wieder nüchtern werden musste).

Nur zwei Beispiele aus einer schier endlosen Reihe von Gefährten – Züge, Wohnmobile, Sattelschlepper –, die regelmäßig bei politischen Kampagnen eingesetzt werden. Busse und ähnlich geartete Fahrzeuge sind eine gern gewählte Möglichkeit, um den direkten Kontakt mit ‚den Menschen‘ zu suchen. (Auch wenn ich bis zum heutigen Tag noch nicht so recht verstanden habe, um was für eine Kollektiveinheit es sich bei den in politischen Äußerungen ständig angerufenen ‚Menschen‘ handeln soll. Wohl ein freundlich klingender Ersatz für die kontaminierten beziehungsweise inhaltlich entleerten Begriffe ‚Nation‘ und ‚Volk‘. ‚Menschen‘ tönt irgendwie sympathischer, vor allem persönlicher, ruft aber selbstredend ebenso eine Chimäre an wie die ehemals verwendeten Alternativen.)

Da es allen, die in diesem Gemeinwesen Verantwortung tragen, laut herrschendem politischen Diskurs um ‚die Menschen‘ gehen muss, gilt es diese amorphe Masse möglichst effektiv zu erreichen. Eine solche Menschenerreichung kann mittels Medien nur vermittelt gelingen – wie der Begriff ‚Medium‘ schon hinreichend deutlich macht –, weshalb auch immer wieder andere Wege gesucht werden, um mit ‚den Menschen‘ in direkten Kontakt zu treten. Wollen politische Entscheidungsträger nicht abgehoben, realitätsfern, alltagsuntauglich oder gar arrogant wirken, müssen sie die unmittelbare Begegnung mit denjenigen suchen, für die und in deren Namen sie Entscheidungen fällen. Daher das so gern genommene Bad in der Menge, das Händeschütteln, das Zuwinken, das Kinderkopftätscheln.

Der tatsächliche Zweck solcher Begegnungen ist die Produktion von Bildern, die all denjenigen, die dieser unmittelbaren Begegnung nicht teilhaftig werden konnten – also eigentlich fast allen –, zumindest einen visuellen Eindruck davon vermitteln sollen. Am Ende geht es darum, die unmittelbare Medienlosigkeit doch wieder medial zu vermitteln.

Geschichten einsammeln

Das Gefährt, das seinen Weg zu den Menschen sucht, hat auch im Rahmen des Reformationsjubiläums seinen Einsatz. Ein Reformationstruck bahnt sich auf dem Europäischen Stationenweg im Namen der frohen Kunde seine gewundene Schneise durch größere Teile des Kontinents. Seit November 2016 ist der Truck unterwegs, fährt noch bis Mai 2017 und wird am Ende seiner Reise durch 19 Länder gefahren sein und 67 Stationen absolviert haben. Ein eindrückliches Programm.

Und welche Aufgabe hat der Truck? Er soll Geschichten einsammeln, wie es etwas nebulös heißt. „Die Geschichten und Erfahrungen aus Regionen aller Himmelsrichtungen werden zur Weltausstellung Reformation nach Lutherstadt Wittenberg gebracht“, so kann man es im entsprechenden Prospekt nachlesen (und die eher unsinnige Formulierung mit den Himmelsrichtungen überlesen wir großzügig – denn bekanntlich kann man sich von jedem Ort ohne große Anstrengung in alle Himmelsrichtungen bewegen, das ist noch keine besondere Leistung).

Wuppertal war ein Halt auf der Strecke. Am 23. März 2017 öffnete der Truck seine einladenden Seitenflügel, offenbarte einen breiten gläsernen Eingang, um sie zu empfangen, ‚die Menschen‘ – also zumindest die Menschen, die an diesem blaubehimmelten Frühlingstag über den Alten Markt in Wuppertal-Barmen, unweit der Gemarker Kirche, unter den Stahlträgern der Schwebebahn entlangschlenderten. In den wenigsten Fällen dürfte es sich bei den Besuchern, wie bei mir, um solche gehandelt haben, die das Luthermobil gezielt angesteuert haben. Mir schienen an diesem frühen Donnerstagnachmittag nahezu zwangsläufig Schulpflichtige, Pensionsberechtigte und Einkaufswillige zu dominieren.

Insbesondere die Erziehungsbefohlenen schätzten an dem Gefährt, dass sich sein Dach besteigen ließ und man von dort die durch hässliche Nachkriegsgeschäftshausarchitektur beschränkte Sicht genießen konnte. Fotografische Selbstportraits wurden für das soziale Medienschaffen angefertigt.

Innere Leere

Das Innere des Reformationstrucks betretend, schlug einem zunächst eine irritierende Leere entgegen. Nicht, dass dort niemand gewesen wäre, im Gegenteil waren Menschen hier und da in angeregte Gespräche vertieft. Es war vielmehr eine inhaltliche Leere, die einen dort umfing. Rechts vom Eingang ein kleiner Empfangstisch, links eine Sitzecke, an der Längsseite des Trucks mehrere Bildschirme zur visuellen Unterhaltung, Broschüren im Raum verteilt, der eine oder andere Computer und einige freundliche Reformationsjubiläumsangestellte – das war’s. Die Gespräche drehten sich vor allem um das Unterwegssein, wo der Truck bereits ‚die Menschen‘ erreicht hatte und welche Städte er noch ansteuern würde. Eine Europakarte auf dem Boden, versehen mit einem Stern für jede Station, diente der Illustration.

Um das Gefährt waren weitere Tische aufgestellt, es gab noch mehr gesprächsbereite Menschen der örtlichen Kirchengemeinde, auch ein kleines Zelt war errichtet (ohne Sitzgelegenheiten) und sollte wohlmöglich ‚zum Verweilen‘ einladen. Ein überdimensionierter, etwa ein Meter großer Playmobil-Luther zeigte das Niveau der gesamten Veranstaltung an. Es ging, der Inhaltsarmut des Trucks entsprechend, überhaupt nicht um Information – Information beispielsweise über die Reformation, als ein durchaus naheliegendes Thema, oder meinetwegen über irgendeinen anderen relevanten Inhalt welcher Art auch immer. Es ging viel eher um den gänzlich zwanglosen, wahrscheinlich aber auch gänzlich unverbindlichen Austausch über – ja, über was eigentlich? Das naheliegende Thema war eben der Lutherkraftwagen (LKW) selbst, seine Zweckfreiheit und der zurückgelegte beziehungsweise der noch zurückzulegende Weg, der bei dieser Aktion tatsächlich das Ziel zu sein scheint.

Ansonsten war der in Dauerschleife laufende und professionell produzierte Imagefilm über die Station Wuppertal samt Eindrücken von Stadt und Kirchengemeinde sowie Interviews mit Vertretern einschlägiger Institutionen das einzige Gehaltvolle, das sich von diesem Ort entführen ließ. Auch dieses Gefährt hat damit neben der Anhebung des CO2-Gehalts in der Atmosphäre (der Truck ist gänzlich unironisch von Volkswagen gesponsert) den Zweck erfüllt, der ihm zugedacht war: Medienwirksame Bilder zu produzieren, die all denjenigen, die nicht unmittelbar an dieser Reformationsjubiläumsveranstaltung teilnehmen konnten – also fast allen –, einen Eindruck davon zu vermitteln, wie es gewesen wäre, hätten sie dabei sein können.

In allen Teilen Europas will der Reformationstruck vor Ort Geschichten einsammeln, so lautet der vollmundige Anspruch. Warum wird man (oder werde zumindest ich) dann aber den Eindruck nicht los, das übergeordnete Narrativ, in das all diese Geschichten eingespannt werden sollen, war bereits festgelegt und erzählt, bevor bei diesem Truck auch nur das erste Mal der Zündschlüssel umgedreht wurde?

Jenseits von Aktualisierung und Historisierung

Aktualisierung

Der erste größere Reformationsjubiläumsschluckauf hat das Land einmal durchgerüttelt. Es wird nicht der letzte gewesen sein. Zum 499. Begängnis des – ja, des was eigentlich? Des Thesenanschlags wohl nicht, der Thesenanschläge wohlmöglich, der brieflichen Thesenversendung recht sicher, der Thesenanleimung unter Umständen … Auf jeden Fall wurde beim 499. Jahrestag des Ereignisses, bei dem wir gar nicht so genau wissen, was sich eigentlich ereignet hat, schon einmal groß aufgefahren, obwohl es ja erst das Aufwärmen für das wirkliche Jubiläum gewesen sein soll, erst der Auftakt für die einjährige Dauerfanfare in Rotationsschleife, die Ende Oktober 2017 in einen großen Tusch münden wird. Es wurde noch nicht alles aufgeboten, eher das Übliche serviert. Zum 3. Oktober 2016 haben zahlreiche Zeitungen, Fernsehsender, Internetseiten und sonstige Medien mit dem Reformationsthema aufgemacht, die Evangelische Kirche in Deutschland hat einen sehr ökumenisch ausgerichteten Eröffnungsgottesdienst gefeiert, der Papst hat die Reformationsfeierlichkeiten im schwedischen Lund besucht, und ein Staatsakt wurde in Berlin gefeiert mit all den Granden, die dieses Land so herzugeben hat.

Dominierendes Thema dieser ersten Reformationseruption war die Frage, was uns dieses Ereignis samt seiner herausragenden Gestalt Martin Luther denn heute noch bedeuten könnte. Eine naheliegende Frage, so möchte man meinen. Denn wozu sollten solche historischen Feierlichkeiten gut sein, wenn nicht zur kollektiven Selbstreflexion im Angesicht der Vergangenheit (die in einer etwas befremdlichen, possessiv-adjektivischen Formulierung dann auch flugs zur ‚eigenen‘ Vergangenheit wird)?

Ja, wozu sollten solche Feierlichkeiten eigentlich gut sein? Der Schwerpunkt der öffentlichen Debatte setzt eindeutig auf Aktualisierung. Es wird also versucht, den historischen Vorgang der Reformation, noch viel häufiger aber die historische Figur Martin Luthers in unsere Zeit zu übertragen. Dankenswerterweise halten diese beiden Gegenstände der gegenwärtigen Betrachtung derartig viele Facetten bereit, dass sie sich für nahezu jede Form der Aktualisierung anbieten. Da kann man dann aus der Reformation einen Aufruf zu Toleranz, Freiheit, Individualisierung und Nächstenliebe machen, sie aber ebenso zur Mutter aller Glaubenskriege oder zum Beginn eines schier endlosen Abschlachtens im Namen des wahren Glaubens machen. Da kann man Martin Luther verstehen als Vorkämpfer der Freiheit, als Schöpfer der deutschen Sprache, als Ausgang der breiten Bevölkerungsmassen aus einer fremdverschuldeten Unmündigkeit – oder als Judenhasser, als Fürstenknecht und als theokratischen Hassprediger, der heute dem sogenannten Islamischen Staat gut zu Gesicht stünde.

 

Historisierung

Darf man also, bloß weil Jubiläum ist, mit Luther, Reformation und dem ganzen Drum und Dran machen, was man will? Alle basteln sich die Version des Geschehens, die ihnen gerade in den Kram passt? Der Gegenentwurf zur teils gnadenlosen Aktualisierung (gipfelnd in der immer wieder gestellten Frage, die sich eigentlich von selbst verbieten sollte: Was würde Luther heute wohl dazu sagen?) liegt auf Hand und hört auf den Namen Historisierung. Wenn man die Verhältnisse und Ereignisse und Personen von um 1500 nicht einfach um ein halbes Jahrtausend versetzen und in die Gegenwart beamen darf, dann sollte man sie konsequenterweise in ihren jeweiligen historischen Umständen begreifen. Wir alle müssten als Reformationsjubilierende also zunächst zu hinreichend versierten HistorikerInnen werden, um halbwegs angemessen über diesen Gegenstand sprechen zu können.

Das scheinen Alternativen zu sein, die sich zunächst einmal gegenseitig ausschließen. Das Jubiläumsereignis bezieht sich zwar auf die Reformation, findet aber hier und heute statt, kann also gar nichts anderes tun als einem Aktualisierungsbedürfnis nachzugeben. Umgekehrt gehört das Reformationsereignis zweifellos der Vergangenheit an, es ist uns in vielen Bereichen fremd und unverständlich, weshalb eine Historisierung unausweichlich erscheint, um nicht den Kardinalfehler im Umgang mit Vergangenheiten schlechthin zu begehen, sie nämlich nach Kriterien zu beurteilen, die überhaupt nicht die ihren waren und nach denen sie folgerichtig auch gar nicht handeln konnten.

 

Jenseits

Aber auch wenn eine riesige Kluft zu bestehen scheint zwischen dem Martin Luther in Playmobil-Gestalt auf der einen Seite, der uns vertraut lächelnd anblickt und somit zu unserem unmittelbaren Zeitgenossen wird, und dem Martin Luther, der uns auf der anderen Seite in seinen Schriften entgegentritt, der uns sprachlich, gedanklich und hinsichtlich seiner Überzeugungen doch sehr weit entfernt anmutet – trotz dieser vermeintlichen Kluft haben Aktualisierung und Historisierung doch eines gemeinsam: Sie wollen uns beide auf ihre Art weismachen, dass man sich durch die Zeit bewegen könnte. Die einen nehmen Luther, die Reformation und was sich um 1500 noch Nützliches finden lässt und versetzen es in die Gegenwart. Die anderen fordern uns dazu auf, die Geschichtsmaschine (wenn schon nicht die Zeitmaschine) zu besteigen, um die Gegenwart zu verlassen und der Reformation dadurch gerecht zu werden, dass wir sie in ihren Zusammenhängen begreifen.

Möglicherweise ist das Problem der Geschichtskultur, die sich hier offenbart, also nicht, dass man sich entscheiden muss zwischen einem Martin Luther, der als Laienschauspieler händeschüttelnd durch unsere Fußgängerzonen spaziert, oder einem Martin Luther, der als Cranach-Bild in einem Museum unnahbar hinter Sicherheitsglas hängt. Möglicherweise ist das Problem dieser Geschichtskultur eher das Zeitmodell, das ihr zugrunde liegt – ein Modell nämlich, das Zeit immer noch als Linie oder als Pfeil konzipiert und das einen historischen Zusammenhang allein schon dadurch herzustellen vermag, dass sich die Ereignisse auf dieser Linie chronologisch anordnen. Und auch wenn sich die Gerichtetheit bestimmter biologischer oder physikalischer Prozesse ebenso wenig leugnen lässt wie die Entropie und die Thermodynamik, so kann man doch kulturelle Umgangsweisen mit der Zeit nicht darauf reduzieren. In kultureller Hinsicht sind wir nämlich in der Lage, nahezu beliebig viele Beziehungen zu anderen, abwesenden Zeiten herzustellen, mögen diese in der Vergangenheit oder in der Zukunft liegen.

Aber hier liegen sowohl in analytischer als auch in produktiver Hinsicht auch die Chancen einer Geschichtskultur: ein gesellschaftliches und kulturelles Feld zu sein, in dem jeweils neue Verzeitungen hervorgebracht werden und in dem solche Verzeitungen auch untersucht werden können. Dazu braucht es ein anderes, kulturelles Verständnis zeitlicher Phänomene, das der Tatsache gerecht wird, dass Menschen nun einmal dazu in der Lage sind, sich gleichzeitig und auf vielfache Weise auf abwesende Zeiten beziehen zu können. Aktualisierung und Historisierung wären dafür nur zwei Formen.

Jubiläum war schon

 

Nun, da das Reformationsjubiläum vorbei ist, können wir uns alle endlich entspannt zurücklehnen. Alle wesentlichen inhaltlichen Aussagen sind gemacht, alle Marketingartikel sind produziert, alle Museen sind vollgestopft, alle Reden sind vorbereitet, alle Fernsehdokumentationen sind produziert.  Jetzt ist nur noch die konsumierende Seite gefragt, jetzt müssen nur noch ‚die Menschen‘ – was für eine politisch missbrauchte Formel! – das Reformationsjubiläum sehen, hören, essen, kaufen, einschalten. Wäre es nicht eine Mischung aus Bigotterie und Blasphemie, man müsste auf die Knie fallen um dem Herrn zu danken, dass dieser Kelch wenn schon nicht an uns vorübergegangen ist, dann doch wenigstens bald ausgetrunken sein wird.

Manche sollen der Überzeugung sein, das Reformationsjubiläum habe etwas mit dem Glauben zu tun. Das denke ich schon auch. Nur ist die Frage, ob es sich um einen Glauben im religiösen Sinn handelt oder eher um den Glauben an eine ‚Geschichte‘, die unter anderem dadurch hergestellt wird, dass markanter Daten ausgiebig gedacht wird, sobald sie ein Alter erreicht haben, dem unser nummerisches System eine hinreichende Anzahl an Nullen zugedacht hat. (100 oder 1000 eignen sich dazu hervorragend, 500 ist auch nicht schlecht, zur Not tun es aber auch andere mit 5 multiplizierbare Zahlen.)

Warum also feiern wir das Reformationsjubiläum? Um das herauszufinden, haben wir alle – denn so ganz wird an diesem ‚Ereignis‘ über ein Ereignis niemand vorbeikommen – ein ganzes Jahr Zeit. Leider? Gottseidank? (Und schon wieder schleicht sich dieses höchste Wesen in mein Schreiben …) Es könnte sich zumindest lohnen, diese Frage nach dem Warum und dem Wozu des Reformationsjubiläums in diesem Jahr zu begleiten. Nicht, dass ausgerechnet dieses Jubiläum einer besonderen Aufmerksamkeit wert wäre. Aber an seinem Beispiel lässt sich einiges lernen über das Jubiläums(un)wesen unserer Tage und damit vor allem über die Geschichtskultur, in der wir leben – und zwar indem wir sie beleben. Jedes Kollektiv hat daher nicht nur die Geschichtskultur, die sie verdient, sondern vor allem diejenige, die sie selbst macht.

 

Geschichtskultur

Mit dem Begriff der Geschichtskultur verbinden sich unterschiedliche Aspekte, die sich wie folgt zusammenfassen lassen: Auch wenn eine Geschichtskultur wahrlich kein unwissenschaftliches Unterfangen sein muss, zeichnet sie sich doch dadurch aus, über den engeren Kreis einer akademischen Geschichtswissenschaft hinauszugreifen, um kollektive Formen des Geschichte-Habens und Geschichte-Machens zu bezeichnen. Geschichtskultur bezeichnet mithin die Formen, wie Vergangenheit(en) in einer Gegenwart präsent sind, wie solcher Vergangenheiten gedacht und erinnert wird (oder auch gerade nicht gedacht und erinnert wird), welcher Medien man sich zur Vergegenwärtigung des Gewesenen bedient und welche Werte man schließlich mit ‚der Geschichte‘ verbindet, die man ja erst dadurch hervorbringt, dass man sich mit ihr beschäftigt. Und im Zusammenhang derjenigen Geschichtskultur, die sich die Bundesrepublik Deutschland zu Beginn des 21. Jahrhunderts leistet, lässt sich unschwer feststellen, dass die Jubiläen, die mit so großer Aufmerksamkeit bedacht werden, bereits vorbei sind, bevor sie überhaupt begonnen haben.

 

Ein Wettrennen

Ich muss gestehen, dass ich nicht exakt zu sagen vermag, seit wann sich das öffentliche Begehen von Jubiläen in diese Richtung entwickelt hat. Im Jahr 2014 und damit im Zuge des Erster-Weltkrieg-Jubiläums konnte man es aber schon überdeutlich beobachten: Nicht nur wesentliche organisatorische Vorbereitungen, sondern auch die wichtigen inhaltlichen Aussagen zu diesem historischen Jahrestag wurden bereits ein Jahr im Voraus getätigt. Florian Illies‘ Buch „1913“ umging geschickt den zu erwartenden Weltkriegshype, indem es sich einem Nicht-Jubiläum vor dem eigentlichen Jubiläum widmete. Aber noch wichtiger war Christopher Clarks voluminöse Darstellung zum Ersten Weltkrieg, die nicht nur wegen ihrer Thesen, sondern auch wegen ihres Erscheinungstermins im Jahr 2013 die Diskussion deutlich bestimmte: Alle später erschienen Darstellungen wurden wohl oder übel darauf bezogen.

Alle Teilnehmenden am Reformationsjubiläum scheinen aus diesem Umstand gelernt zu haben. Zumindest die Verlautbarungen auf dem Buchmarkt – und dort findet zumindest die inhaltliche Diskussion wesentlich statt – sind alle bereits deutlich vor dem eigentlichen Jubiläumsjahr erschienen. Wer im Jahr 2017 noch ein Buch zu Luther und zur Reformation veröffentlichen möchte, muss fürchten, unter dem Stapel der bereits erschienenen Bücher zu verschwinden. Und wer nach dem Jahr 2017 noch ein Buch zu diesem Thema zu publizieren gedenkt, muss schon außergewöhnlich mutig sein. Denn nach dem Jubiläum – also jetzt schon – wird auf absehbare Zeit niemand mehr etwas über Luther oder Reformation sehen, hören oder lesen wollen. Wie Matthias Drobinski in der Süddeutschen Zeitung vom 31. Oktober 2016 formulierte: „Wer jetzt kein Lutherbuch schreibt, der schreibt auch keines mehr.“

Auch im Fall des Reformationsjubiläums kann man feststellen, dass schon vor Jahren alle Buchverträge unterschrieben, alle Ausstellungen geplant und alle Feierlichkeiten organisiert waren. Es ist also schon alles gesagt worden, noch bevor es (kalendarisch) etwas zu sagen gab. Es geht um das Wettrennen, wer als Erte/r durch das geschichtskulturelle Ziel geht. So kursiert beispielsweise das (durchaus glaubhafte und nachvollziehbare) Gerücht, dass große Institutionen der Wissenschaftsförderung schon seit geraumer Zeit keine Anträge mehr berücksichtigen, die Stichworte wie „Reformation“ oder „Martin Luther“ enthalten, weil für solche Themen bereits mehr als genug Geld ausgegeben worden ist.

 

Reformationsjubiläumswahnsinn

Das Ende des historischen Jubilierens vor seinem kalendarischen Beginn wurde im Falle von 500 Jahren Reformation aber nochmals auf eine neue Ebene geführt. Denn von der Evangelischen Kirche in Deutschland wurde gleich ein ganzes Jubiläumsjahrzehnt ausgerufen, das seit 2008 andauert und nun – endlich, endlich – auf seine Zielgerade zusteuert. Könnte es sein, dass da einige in der EKD ihren Luther nicht genau genug gelesen haben? War es denn nicht dieser Luther, der gegen die willkürliche Vermehrung von Jubeljahren durch die päpstliche Kirche gewettert hatte, weil sich damit das Pilgeraufkommen, ergo auch der ökonomische Ertrag insbesondere für die heilige Stadt Rom erheblich steigern ließen? (Man vergleiche Martin Luthers Werke, Weimarer Ausgabe, Bd. 18, 255-269) Und dann ein ganzes evangelisches Jubeljahrzehnt? Sicherlich, das Ganze sollte dazu dienen, Wissen über die Reformation zu verbreiten, die christliche und lutherische Botschaft in die Welt zu tragen und damit den Glauben zu stärken – aber könnte es nicht auch sein, dass damit Kapital unterschiedlicher Art (wie es uns Pierre Bourdieu gelehrt hat: ökonomisches, politisches, kulturelles, soziales Kapital usw.) generiert werden sollte?

Genug der rhetorischen Fragen. Schon vor Beginn des Reformationsjubiläums geistert das Wort des Reformationsjubiläumswahnsinns durch die Medien (ein Hoch auf das deutsche Kompositum). Und damit ist wirklich alles gesagt, was es zu diesem Ereignis zu sagen gibt. Man könnte sich jetzt darauf kaprizieren, bis zum Reformationstag 2017 diesen Wahnsinn in all seinen Ausfaltungen zu dokumentieren. Aber das allein wäre eher doch zu fad: eine Aneinanderreihung von Oberflächlichkeiten, Fehltritten, Sonntagsreden, Skurrilitäten und Banalitäten. Lohnenswerter ist dann wohl ein Blick hinter die Kulissen, ist ein ethnologisch-verfremdendes, ein kulturhistorisches und politisches sowie ein theoretisch informiertes Fragen nach ‚der Geschichte‘ und nach der Geschichtskultur, die diesem Jubiläumsdauerrauschen zugrunde liegen und die dieses Gebaren überhaupt erst hervorbringen.

Vielleicht gelingt es dem Jubiläum zum 500. Jahrestag der Reformation tatsächlich, als das erste seiner Art in die Geschichte einzugehen, das schon vor seinem eigentlichen Beginn vollkommen totgefeiert war. Deswegen: Seien wir froh, dass dieses Jubiläum endlich vorbei ist, nun da es gerade beginnt.