Ähnlichkeitsbeschlagung. Fünfte These zur Geschichtskultur

Die fünfte These zur Geschichtskultur lautet: Die deutsche Geschichtskultur des frühen 21. Jahrhunderts tendiert dazu, Vergangenes nicht mehr als fremd und irritierend wahrzunehmen, sondern es sich der eigenen Gegenwart anzuähneln.

Immer Ärger mit den Unterschieden

Mit Unterschieden scheint die Gattung Mensch so ihre liebe Müh‘ und Not zu haben. Insbesondere bei Unterschieden, die irritierend wirken können, weil sie Unbekanntes, Fremdes, Unpassendes oder Abweichendes mit sich führen, sind regelmäßig Schwierigkeiten unterschiedlicher Art zu konstatieren. Denn Unterschiede wirken verunsichernd. Sie machen sogar Angst. Bekanntermaßen lassen sich solche Unterschiede nicht vermeiden (höchstens verdrängen). Sie platzen zuweilen unangemeldet in unseren Alltag hinein, stehen da in ihrer ganzen Nichteinsortierbarkeit, machen Arbeit, machen Ärger und vermitteln vor allem die unerwünschte Einsicht, dass die jeweils eigene Weltsicht keineswegs selbstverständlich, schon gar nicht naturnotwendig ist. Nach dieser Erkenntnis haben die Unterschiedsgeplagten aber meistenfalls gar nicht gefragt. Sie fiel ihnen meistens unerwartet auf die Füße.

Wie gut, dass es Areale dieser Welt gibt, die zwar durch eine Vielzahl von Unterschieden geprägt sind, in denen diese Unterschiede sich aber nicht aktiv aufdrängen, sondern vornehmlich passiv registriert und einsortiert werden können – und in denen die derart Einsortierten sich auch nicht großartig zur Wehr setzen. Das ist vielleicht ein Grund, weshalb für westliche Kulturen der Dualismus von Kultur und Natur nicht nur überzeugend wirkt, sondern auch weiterhin attraktiv bleibt, weil zwar beide Bereiche sich durch eine schier unübersehbare Vielzahl von Differenzen auszeichnen, die sogenannte Natur sich aber durch übersichtliche Klassifikationsschemata disziplinieren lässt – und noch kein Tier und keine Pflanze dagegen aufbegehrt haben, in diverse Klassen, Familien und Gattungen verschoben zu werden. Es gibt dann zwar weiterhin unzählig viele Unterschiede, aber üblicherweise keine Überraschungen mehr.

Irritationslosigkeit

Der sogenannten Natur nicht ganz unähnlich ist die Welt der Vergangenheit. Tote Menschen teilen mit Tieren und Pflanzen die wesentliche Eigenschaft, Zumutungen der Taxonomie nicht (mehr) widerstehen zu können. Auch vergangenes Leben wird rubriziert, wenn auch nicht mit der Strenge und Detailliertheit wie dies im Bereich nicht-menschlichen Lebens geschieht. Doch auch jede Epochenbezeichnung und jede Festlegung eines historischen Wandlungsprozesses unterwirft das Leben der Vergangenheit einer kategorialen Eindeutigkeit, von der zumindest implizit alle wissen, dass sie in der beschriebenen Form nie existiert hat.

Das ist weder schlimm noch verwerflich. Unsere Denkapparate sind nun einmal so strukturiert, dass sie nicht mit endlos großer Differenziertheit umgehen können, sondern Vereinfachungen in Form von Schemata benötigen. Das mag man bedauern oder nicht, vermeiden lässt es sich kaum.

Die Angewohnheit, insbesondere vergangenes Leben mit entsprechenden Rubrizierungsanstrengungen zu bewältigen, wird jedoch dann problematisch, wenn ihm alle Fremdheitseffekte abgesprochen, sämtliche Irritationspotentiale entzogen und durchgehend Verunsicherungsmöglichkeiten untersagt werden.

Wenn ich im Folgenden von ‚der Geschichtskultur‘ (insbesondere in seiner deutschen Variante zu Beginn des 21. Jahrhunderts) spreche, dann ist das ebenfalls eine Kategorie, die viel zu vielfältige Dinge zusammenfasst, die sich eigentlich gar nicht zusammenfassen lassen. Daher möchte ich bereits an dieser Stelle jedem Absolutheitsanspruch bezüglich ‚der Geschichtskultur‘ entsagen und feststellen, dass es um nicht mehr (aber auch nicht weniger) als die Feststellung von Tendenzen geht.

Genauso, nur ein bisschen anders

Und die Tendenz lautet: Vergangenheit wird mit Ähnlichkeit beschlagen. Ganz im Sinne der erkenntnistheoretischen Binsenweisheit, dass man nur sehen kann, was man bereits weiß, zeigt sich am Beispiel der gegenwärtigen Geschichtskultur, dass sie häufig nur noch wissen will, was sie ohnehin schon sieht. Und das ist meistens nichts allzu weit entfernt von der eigenen Nasenspitze.

Nun sind Beziehungen welcher Art auch immer zuweilen keine ganz einfache Angelegenheit. Auch das eine Binsenweisheit, die aber nicht nur für den Bereich des Zwischenmenschlichen zutrifft, sondern auch für das Zwischenzeitliche gilt. Anders als bei Menschen, die sich das Leben gegenseitig schwermachen können, sind aber Chancenverteilung und Machtgefälle im Temporalen von vornherein und damit grundsätzlich ungleich verteilt. Nicht-gegenwärtige Zeiten haben nur wenig Möglichkeiten, sich gegen die Zumutungen einer Gegenwart zur Wehr zu setzen. (Dafür hatten sie einst andere Möglichkeiten, um vergangenen Zukünften, also unter anderem unserer Gegenwart, ein Schnippchen zu schlagen; aber das zu erläutern, würde vom eigentlichen Thema wegführen.) Wenn solche Gegenwarten bei der Beschreibung von Vergangenheiten also nicht aufpassen und sich zwischendurch nicht einmal auf die eigenen Fingerchen klopfen, dann, ja dann kann es geschehen, dass sie den einfachsten Weg historischer Erkenntnis wählen. Und der lautet bekanntermaßen: Früher war es genauso wie heute, nur ein bisschen anders. Also ähnlich.

Das Andere, das vergangene Zeiten für uns sein könnten, wird dadurch in Eigenes und Vertrautes verwandelt und muss eine Ähnlichkeitsbeschlagung über sich ergehen lassen. Der Vorgang ließe sich auch mit der angemessenen Negativität zum Ausdruck bringen: Es geht um Störungsverweigerung.

Wer spricht denn da?

Und ohne Frage ist das Reformationsjubiläum 2017 dafür ein illustratives Beispiel, schließlich fasst es sich selbst immer wieder zusammen in dieser einen Frage: Was kann uns Luther heute noch sagen? Darauf ließe sich mit ungebührlicher Besserwisserei antworten: Luther sagt uns heute gar nichts mehr, verstorben wie er ist! Wischt man jedoch eine solche oberflächliche Spitzfindigkeit beiseite, zeigt sich darunter ein ernsthaftes Anliegen. Denn wollte man tatsächlich herausfinden wollen, was Luther uns heute noch zu sagen hätte, dann gälte es vor allem, Luther zu lesen. Ich habe meine Zweifel, dass diese Lektürearbeit anlässlich des Jubiläums tatsächlich geleistet wird. Denn würde man Luther lesenderweise zur Kenntnis nehmen, müsste man feststellen, dass er in vielen, wenn nicht gar den meisten seiner Texte überhaupt nicht mehr zu uns spricht – zumindest nicht in dem Sinn, dass er unsere Probleme, unsere Fragen, unsere Gedanken, unsere Welt anspräche. Viel eher würde eine solche Lektüre andere Fragen provozieren. Nicht: Was kann er uns heute noch sagen? Sondern eher: Weshalb sprach er zu seinen Zeitgenossen so? Nicht: Welche heutigen Probleme können wir mit Luther behandeln? Sondern: Welche Probleme hatten die Zeitgenosse Luthers, dass er ihnen solcherart aus der Seele sprechen konnte?

Aber geht das nicht mit dem Verbot einher, Vergangenheiten, ganz egal welcher Art, in und für eine Gegenwart behandeln zu dürfen? Kann man dann überhaupt noch nach der Aktualität des Gewesenen fragen? Sicherlich kann man das. Aber nicht unter schamloser Ausnutzung des bereits benannten Machtgefälles zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Wir müssen dem Vergangenen seine Einzigartigkeit nicht nur zugestehen, sondern sie auch schützen. Nur dann kann es zu einem Dialog kommen zwischen den Zeiten, nur dann können wir etwas lernen aus dieser Beziehung (denn wir lernen nicht ‚aus der Vergangenheit‘, sondern aus der Art und Weise, wie wir uns auf Vergangenheiten beziehen), nur dann können wir uns durch das Vertraut-Fremdartige, durch das Bekannt-Verwirrende hinreichend aus dem Trott bringen lassen, um nicht nur die Vergangenheit, sondern auch unsere Gegenwart neu und anders zu befragen.

Die Realität des Reformationsjubiläums zeigt uns jedoch, wie die Ähnlichkeitsmaschinerie weitgehend gehaltlos vor sich hinschnurrt. Wir wollen gar nicht hören, was Luther uns heute noch zu sagen hätte. Wir lassen ihn vielmehr sagen, was wir heute hören wollen.

Unsere Vergangenheit soll schöner werden. Vierte These zur Geschichtskultur

Die vierte These zur Geschichtskultur lautet: Unsere Geschichtskultur tendiert zur Bevorzugung von Inhalten, die mit gegenwärtigen Interessen korrespondieren und auf die Vergangenheit ein (falsches) besseres Licht werfen.

Gleichförmigkeit

Geben wir uns für einen Moment der naiven Annahme hin, eine Internet-Suchmaschine wie Google stünde stellvertretend für das Wissen der Welt über sich selbst. In diese Suchmaschine können wir Stichwörter eingeben wie „Reformation“ oder „Martin Luther“. Welche Ergebnisse werden uns präsentiert? Unfehlbar werden wir zunächst mit einigen Werbeanzeigen konfrontiert (wobei die Unfehlbarkeit in diesem Zusammenhang eine durchaus mehrdeutige Konnotation erfährt), zum Beispiel von Tourismusanbietern oder aus der Modebranche (jawohl, auch die Reformation wird in eine Modekollektion verwandelt). Sodann folgen einige Informationsseiten, deren Angebote sich in der Google-Hierarchie, mit welchen Mitteln auch immer, ganz nach oben gearbeitet haben: Wikipedia-Artikel oder die Eingangsseite des Zentralkomitees der Kommission zur Durchführung der Jubiläumsfeierlichkeiten der Reformation, kurz ZKDJR (oder so ähnlich). Etwa ab Google-Suchmaschinentreffer Nr. 11 wird man dann mit Veranstaltungshinweisen ganz unterschiedlicher Art überhäuft, mit internationalen, nationalen, regionalen und lokalen Aufführungen, Ausstellungen und Informationsveranstaltungen, die dem historischen Ereignis der Reformation zur größeren Ehre gereichen sollen.

Im Moment – ich schreibe dies im März 2017 – ist unübersehbar, dass und wie der Reformationsjubiläumszug Fahrt aufnimmt. Die Freiluftsaison der Feiersause beginnt. Man kann tatsächlich den Eindruck gewinnen, dass jede Kirchengemeinde, jede Ortschaft, jeder Landstrich und jede Institution ihren jeweils eigenen Beitrag zu diesem Jubelfest leisten will, und dabei gewillt und in der Lage ist, jedes verfügbare Mittel in Anspruch zu nehmen.

Versucht man sich zumindest ansatzweise einen Überblick über den Inhalt dieser Aktivitäten zu verschaffen, dann fällt recht schnell deren Gleichförmigkeit auf – ein erster Eindruck, der durch ein ausdauernderes Studium der zahlreichen Veranstaltungsprogramme bestätigt wird. Es sind wenige Themen, die dominieren. Ohne hier eine eindeutige Hierarchie aufstellen zu können (das würde einen größeren statistischen Aufwand erfordern), lassen sich als inhaltliche Schwerpunkte nennen: Reformation und Moderne; Luther und die deutsche Sprache; Luther und die Freiheit; Reformation als Gemeinsamkeit (Ökumene); Reformation und Judentum; Frauen in der Reformation.

Man kann diese Themen auch übersetzen. Dann würden sie lauten: Inwiefern war die Reformation der Anbruch unserer eigenen Gegenwart? Inwiefern hat Luther unsere Sprache als zentrales Merkmal kollektiver (deutscher) Identität geprägt? Inwiefern hat Luther mitgeholfen, unsere „freiheitlich-demokratische Grundordnung“ zu begründen? Inwiefern kann die Reformation, nach all den Trennungen, die sie nach sich zog, zu einem Moment (ökumenischer) Gemeinschaftlichkeit werden? Wie ist die Reformation mit Minderheiten umgegangen? Und wie war das Verhältnis der Geschlechter in der Reformation ausgestaltet? Es handelt sich also durchgehend um Fragen, die uns in der Gegenwart des frühen 21. Jahrhunderts umtreiben.

Mit anderen Worten: In der Beschäftigung mit der Reformation geht es daher vor allem um uns selbst.

Präsentismus

Das zeigt auch die Abwesenheit bestimmter Fragen im Kontext des Reformationsjubiläums. Weniger scheint im Jahr 2017 zu interessieren, was die Menschen des Jahres 1517 vornehmlich interessierte: Wie finde ich mein Seelenheil? Wie finde ich einen gnädigen Gott? Wie kann ich mich am besten auf ein Leben im Jenseits vorbereiten? All diese Fragen sind für die Jubiläumspraxis irrelevant, weil sie in unserer Gegenwart keine Rolle mehr spielen. Ein solcher Umgang mit der Vergangenheit hört üblicherweise auf den Namen Präsentismus.

Der Präsentismus genießt in historischen Debatten keinen besonders guten Ruf, wird meist mit abwertenden Vorzeichen versehen und will vornehmlich besagen, dass eine Vergangenheit allein aus der Perspektive und mit den Maßstäben der Gegenwart betrachtet wird. [1] Aber gar so schnell und gar so leicht sollte man den Präsentismus nicht über Bord werfen. Denn das glatte Gegenteil dieser Gegenwartsseligkeit, also ein Sich-in-die-Vergangenheit-Hineinversetzen mittels Zeitmaschine, wäre mindestens ebenso naiv und gefährlich. [2] Präsentismus können wir daher, streng genommen, gar nicht umgehen, weil wir keinen anderen zeitlichen Standpunkt einnehmen können als unseren eigenen, wenn wir mit Vergangenheiten umgehen. Die Frage ist eher, wie wir diesen Präsentismus einsetzen wollen. Wenn jede Form der Geschichtsschreibung zwangsläufig präsentisch sein muss, weil sie ihre Gegenwart nicht verlassen kann, dann stellt sich das Problem anders: Beinhaltet dieser Präsentismus die Relationen einer Gegenwart zur Vergangenheit oder konzentriert er sich auf die Gegenwart einer Vergangenheit?

Ein besseres Gestern

Aber eine bestimmte, durchaus negative Auswirkung des Präsentismus kann man im Zusammenhang des Reformationsjubiläums besonders gut beobachten. Sie funktioniert nach dem Motto: Unsere Vergangenheit soll schöner werden. Beispiel: Frauen in der Reformation. Bei der Vielzahl von Vorträgen, Präsentationen, Filmen usw. zu Argula von Grumbach, Katharina Luther, Barbara Cranach und anderen Protagonistinnen muss man zuweilen den Eindruck gewinnen, hier wird eine bisher gänzlich übersehene Hälfte der Reformationsgeschichte ans Tageslicht geholt. Aber machen wir uns nichts vor: Die Reformation war eine Männerangelegenheit. Man mag das im Nachhinein aus nachvollziehbaren Gründen bedauerlich finden, nur ändern wird es sich dadurch nicht.

Nach der Rolle von Frauen zu fragen, ist richtig und wichtig, aber eben nicht um die Vergangenheit im Nachhinein und im Sinn der Gleichberechtigung besser zu machen, sondern um aufzuzeigen, warum und in welcher Form Ungleichheiten vorgeherrscht haben. Einige wenige Frauen hervorzuheben, die die Reformation mitprägten, die sich aber genau deswegen besser in unser gegenwärtiges Selbstbild fügen lassen, tut nur den 99% anderen ein weiteres Mal Unrecht an, die ihr ganz durchschnittliches Leben in einer patriarchalischen Gesellschaft geführt haben. Die Frage wäre also weniger, welche Frauen auf welche Weise die Reformation beeinflusst haben, damit sich das Gewesene unserem eigenen Hier und Jetzt besser anpassen möge. Die Frage ist eher, weshalb Frauen in dieser Gesellschaft so gut wie keine Chance hatten, Vorgänge wie die Reformation mitzugestalten. Unsere Vergangenheit soll nicht schöner werden, sie sollte vielmehr anders bleiben dürfen.

 

Anmerkungen

[1] Zur Diskussion um den Präsentismus vgl. die Debatte in der Zeitschrift Past & Present, Heft 234 (2017).

[2] Ausführlicher dazu Achim Landwehr: Die anwesende Abwesenheit der Vergangenheit. Essay zur Geschichtstheorie, Frankfurt a.M. 2016.

Geschichtskultur als Kulturindustrie. Dritte These zur Geschichtskultur

Wat is ne Jeschichtskultur?

Mit den famosen Was-ist-Was-Fragen kommt man ja – wem auch immer sei Dank – nie an ein Ende: Was ist eine Welle im Meer? Was ist eine Doppelhelix? Was ist der Sinn des Lebens? Und die Frage alle Fragen: Was ist eine Dampfmaschine? Wenden wir uns in diesem Sinne und ganz sesamstraßenartig der Frage zu: Was ist Geschichtskultur? Zu diesem Gegenstand existiert eine veritable wissenschaftliche Diskussion, die sich nicht nur, aber zu erheblichen Teilen in der Geschichtsdidaktik tummelt (zahlreiche sachdienliche Hinweise zu diesem Gegenstand finden sich bei Public History Weekly). Es ist hier nicht der Ort, um in diese Debatte einzusteigen oder sie ausführlich wiederzugeben. Hilfreiche Diskussionshinweise stammen von Jörn Rüsen, Bernd Schönemann und Marko Demantowsky [1]. Aber wenn ich schon behaupte, mit diesem Blog Reisen in die deutsche Geschichtskultur zu unternehmen, wäre es wohl angebracht, das Terrain der Reise etwas genauer abzustecken und die Frage zu stellen, welche Geschichtskultur denn aktuell durch das Reformationsjubiläum geprägt wird.

Geschichtskulturen, so kann man feststellen, hat es schon immer dort gegeben, wo sich menschliche Kollektive mit sinnstiftender Absicht auf vergangene Verhältnisse bezogen haben. Schließlich ist es eine nicht ganz unbedeutende Qualität des Menschen, sich auf Wirklichkeiten beziehen zu können, die entweder noch nicht oder nicht mehr existieren. Den verfügbaren Vergangenheiten – verfügbar aufgrund von Erzählungen, Berichten, dokumentarischen Überlieferungen – wird dabei üblicherweise mehr Raum gelassen als den unsicheren Zukünften, allein schon, weil diese Vergangenheiten für gewöhnlich mit einer deutlich größeren Materialfülle aufwarten können. In allen Fällen von Beschäftigung mit Vergangenem ist es aber so, dass nie einfach nur festgehalten und festgestellt wird, was einst geschah. Dieses Geschehene wird vielmehr immer in der einen und anderen Weise, und sei es noch so unterschwellig, zu einem Bestandteil derjenigen Gegenwart gemacht, die sich dieser Vergangenheit zuwendet. Schon der Umstand, sich überhaupt einem vergangenen Geschehen, und dann auch noch ausgerechnet diesem vergangenen Geschehen zugewendet zu haben, knüpft eine Band zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Vergangenes wird solcherart zur Geschichtskultur einer Gegenwart.

Ubiquitär!

Damit wird ein Problem offenbar, das Diskussionen um die Geschichtskultur immer begleitet: Jeder gegenwärtige Bezug auf Vergangenes ist schon ein Beitrag zur Geschichtskultur, ob intendiert oder nicht. Wenn aber alle Beschäftigungen mit Vergangenheit zur Geschichtskultur beitragen, lässt sich diese Geschichtskultur dann noch von irgendetwas unterscheiden? Ist sie identisch mit der ominösen ‚Geschichte‘ in ihrer Gesamtheit? Belegt sie nicht eigentlich einen erheblichen Teil unseres alltäglichen Handelns, weil wir uns ja beständig auf Vergangenes beziehen? Sind die Zeitungslektüre oder die Plauderei beim Mittagessen über den letzten Urlaub auch schon Beiträge zur Geschichtskultur, weil sie sich auf Vergangenes beziehen?

In der Tat, wollte man versuchen, die Anwesenheit von Vergangenem in unserem Alltag zu katalogisieren, dürfte einem schnell schwindelig werden. Potentiell sind all diese Formen der Bezugnahme auf Vergangenes dazu in der Lage, zur Geschichtskultur beizutragen, wenn sie das auch mit höchst unterschiedlicher Effektivität tun.

Aus diesem Grund mögen einen die allgemeinen Bestimmungen, die bisher zur Geschichtskultur vorliegen, zuweilen etwas unzufrieden zurücklassen. Denn sie sind nicht selten, nun ja, so allgemein gehalten, dass sie sich nur noch unter Schwierigkeiten von irgendetwas anderem halbwegs trennscharf unterscheiden lassen. Wenn Jörn Rüsen, wohl der am häufigsten zitierte Stichwortgeber zum Thema Geschichtskultur, davon spricht, dass sich mit diesem Begriff Phänomene verbinden wie eine intensivierte Erinnerungskultur, die Aufmerksamkeit für historische Debatten auch außerhalb der akademischen Welt, die Bedeutung geschichtlicher Argumente im Zusammenhang öffentlicher politischer Diskussionen oder generell ein allenthalben festzustellender Geschichtsboom, dann kann man sich schon fragen, wo diese Geschichtskultur anfängt und wo sie aufhören soll. Rüsen stellt geradezu einen kleinen Katalog zusammen, wo und wie sich diese Geschichtskultur konkretisiert – eine Auflistung, die sich allerdings bei näherer Betrachtung flugs ins Riesenhafte ausweitet (und Obacht, nun folgt ein etwas längeres Zitat):

„Fachwissenschaft, schulischer Unterricht, Denkmalpflege, Museen und andere Institutionen werden über ihre wechselseitigen Abgrenzungen und Unterschiede hinweg als Manifestationen eines übergreifenden gemeinsamen Umgangs mit der Vergangenheit in Augenschein genommen und diskutiert. ‚Geschichtskultur‘ soll dieses Gemeinsame und Übergreifende bezeichnen. Sie rückt die unterschiedlichen Strategien der wissenschaftlichen Forschung, der künstlerischen Gestaltung, des politischen Machtkampfes, der schulischen und außerschulischen Erziehung, der Freizeitanimation und anderer Prozeduren der öffentlichen historischen Erinnerung so in den Blick, daß sie alle als Ausprägungen einer einzigen mentalen Kraft begriffen werden können. So synthetisiert sie auch Universität, Museum, Schule, Verwaltung, die Massenmedien und andere kulturelle Einrichtungen zum Ensemble von Orten der kollektiven Erinnerung und integriert die Funktionen der Belehrung, der Unterhaltung, der Legitimation, der Kritik, der Ablenkung, der Aufklärung und anderer Erinnerungsmodi in die übergreifende Einheit der historischen Erinnerung.“ [2]

Alle anderen

Was einen bei dieser Aufzählung nervös machen sollte, ist das kleine Wörtchen „andere“, das man auch mit „alle“ übersetzen könnte, so dass „andere Prozeduren“, „andere Einrichtungen“ und „andere Erinnerungsmodi“ schnell in „alle Prozeduren/Einrichtungen/Erinnerungsmodi“ umschlagen können. Wie umfassend das Konzept von Geschichtskultur ist, zeigt die Definition von Rüsen: „Geschichtskultur läßt sich also definieren als praktisch wirksame Artikulation von Geschichtsbewußtsein im Leben einer Gesellschaft.“ Und dabei soll es um nichts weniger gehen als um die „Praxis von Bewußtsein“ und um „menschliche Subjektivität“.[3]

Man stelle sich einfach die Frage, an welchen Orten und in welchen Situationen diese von Rüsen beschriebene Arbeit an der Geschichtskultur vonstattengeht, und man wird wohl zu der Schlussfolgerung kommen müssen, dass sie permanent und allerorten geschieht. Es hilft noch nicht einmal, den scheinbar naheliegenden Rettungsweg einzuschlagen und auf diejenigen Lebensbereiche zu verweisen, die vornehmlich mit der Gestaltung von Zukunft beschäftigt sind – große Teile des Wirtschaftshandelns, Finanzspekulationen, politische Projektionen, technische Innovationen, Vorhaben zur Lösung ökologischer Probleme –, denn all diese Versuche zur Vorbereitung auf das Kommende sind ja nicht nur möglich aufgrund von Daten aus der (ferneren oder jüngeren) Vergangenheit, sondern sind abhängig von bestimmten Formen der Geschichtskultur, die sie nicht zuletzt selbst schaffen, und wenn es sich dabei um eine der trivialsten und gleichzeitig einflussreichsten Aspekte dieser Geschichtskultur handelt, nämlich den Glauben an einen Fortschritt.

Auch konstruktivistische Bestimmungen von Geschichtskultur, wie sie beispielsweise Bernd Schönemann und Marko Demantowsky formuliert haben, helfen bei dem verständlichen Orientierungswunsch mittels Einschränkung des Gegenstandes kaum weiter, weil hier die gesellschaftliche Konstruktion der Vergangenheit in ihrer ganzen breite und Allgemeinheit im Vordergrund steht. Und wo geschieht das nicht?

Lob der Unschärfe

Warum also trotz dieser terminologischen Untiefen weiterhin am Begriff der Geschichtskultur festhalten? Nun, genau deswegen – wegen seiner Unschärfe! Ich halte es gerade im Zusammenhang kultureller, also sinngenerierender Phänomene für kein Manko, den jeweiligen Gegenstand nicht mit dem Schnitt eines Teppichmessers in aller Eindeutigkeit von ähnlich gelagerten Gegenständen abtrennen zu können. Vielmehr erachte ich die inhaltliche Unschärfe der Geschichtskultur für einen großen Vorteil, um einerseits eine Vielzahl unterschiedlicher Vergangenheitsbezüge behandeln zu können und um andererseits diese geradezu erschreckende Allgegenwärtigkeit geschichtskultureller Phänomene zumindest einigermaßen in den Blick zu bekommen. Das kulturell ubiquitäre, parasitär sich ausbreitende und sämtliche Lebensbereiche tangierende Phänomen der Geschichtskultur tut uns nicht den Gefallen, dadurch handhabbar zu werden, dass wir es in ein engeres definitorisches Korsett einzwängen. Die kollektive Praxis würde eine solche Einschnürung leichthin sprengen. Nein, gerade weil alles, was sich unter dem nebulösen Ausdruck der Geschichtskultur fassen lässt, nicht auf die Bereiche einer wie auch immer gearteten ‚Hochkultur‘ beschränkt werden kann, nicht auf das Feuilleton und nicht auf wissenschaftlich-historische Debatten im engeren Sinn, sondern wir alle jederzeit sowohl intendiert als auch nur nebenbei daran beteiligt sind, diese Geschichtskultur zu formen, indem wir Familienfotos in der Wohnung aufhängen, Tagebuch führen, Musik aus vergangenen Jahrzehnten und Jahrhunderten hören oder eine bestimmte politische Gruppierung mitsamt ihrer Erzählung, wie es einmal war und wie es demnächst werden sollte, überzeugend finden, arbeiten wir mit an dieser Geschichtskultur – selbst wenn das nie in unserer Absicht lag. Dass diese Geschichtskultur so unscharf bleibt, ist daher weniger ein Hinweis auf konzeptionelle Probleme, sondern belegt eher die Bedeutung des Gegenstands. Mit dem Ausdruck ‚Geschichtskultur‘ lässt sich auf den Umstand verweisen, dass es zu den Vorrechten wie auch Notwendigkeiten menschlicher Kollektive gehört, sich auf abwesende, hier vor allem vergangene abwesende Zeiten beziehen zu können. Es behaupte also niemand, der Ausdruck ‚Geschichtskultur‘ sei unbrauchbar, weil zu schwammig. Denn dann müsste man im Anschluss auch gleich diskutieren, wie wir denn noch sinnvoll sprechen können sollen über solche ‚Gegenstände‘ wie Gesellschaft, Politik, Wirtschaft, Recht, Technik, Zeit, Wirklichkeit, Welt – denn Entschuldigung, wo bitte ist da der eindeutige und scharf einstellbare Gegenstand?

Luther in Plastik

Nehmen wir die produktive Herausforderung der geschichtskulturellen Unschärfe an, dann lassen sich einige Anschlussfragen formulieren. So kann, ja, muss man gerade angesichts des Reformationsjubiläums die Frage stellen, inwieweit die Geschichtskultur, die wir uns in unserer eigenen Gegenwart leisten, mit der good ol‘ Kulturindustrie von Adorno und Horkheimer zusammenhängt. Ist die Geschichtskultur des frühen 21. Jahrhunderts unter Umständen eine Konkretisierung von Kulturindustrie, wie sie sich noch nicht einmal die Frankfurter Schule auszumalen wagte?

Sie ist ja bereits vielfach vorgeführt worden, die schöne, neue Reformationsjubiläums-Merchandising-Plastikwelt, prototypisch vertreten durch den Playmobil-Luther, der schon eine halbe Million Mal über den Ladentisch gegangen sein soll. (Auch wenn es bereits zu interreligiösen Verstimmungen wegen dieser Figur gekommen ist.) An Luther-, Katharina-von-Bora- und weiterem Reformations-Nippes besteht wahrlich kein Mangel.

Nun hat nicht erst das Reformationsjubiläum die Vermarktung der Geschichtskultur erfunden. Der Museumsshop gehört als Einrichtung längst zu den unverzichtbaren Bestandteilen entsprechender Kulturinstitutionen. Nur stechen im Falle des Reformationsjubiläums die Luther-Socken und das Katharina-von-Bora-Kochbuch besonders ins Auge, weil doch immer wieder von berufener Stelle betont wird, wie wichtig die ‚Botschaft‘ der Reformation sei. Die Frage wird nur sein, was man nach dem 31. Oktober 2017, also nach der großen Sause und mitten im Reformationsjubiläumskater, von den dann abgelaufenen Feierlichkeiten noch in Erinnerung behalten wird: die Botschaft dieses Ereignisses (aber wie lautete sie gleich nochmal?) oder den freundlich lächelnden Playmobil-Luther.

Ähnlichkeit und Einverständnis

Gehen wir also ganz pennälerhaft das Kulturindustrie-Kapitel bei Horkheimer und Adorno durch, um abzuprüfen, ob das Reformationsjubiläum diesen kulturellen Straftatbestand erfüllt (und wohlgemerkt, die folgende Auflistung ist unvollständig). [4]

– Vorwurf 1: „Kultur schlägt heute alles mit Ähnlichkeit.“ (S. 128) Dem muss man mit Blick auf das Reformationsjubiläum weitgehend zustimmen. Inhaltlich findet eine weitgehende Beschränkung auf die Person Luthers statt, äußerlich werden die gleichen Formen aufgefahren, welche die Kulturindustrie auch ansonsten in petto hat – oder warum findet sich in den Reformationsnippesläden republikweit das identische Angebot?

– Vorwurf 2: „Kulturindustrie endlich setzt die Imitation absolut. Nur noch Stil, gibt sie dessen Geheimnis preis, den Gehorsam gegen die gesellschaftliche Hierarchie.“ (S. 139) Solange man meint, sich bei der Beschäftigung mit der Reformation einerseits auf die Person Martin Luthers beschränken, andererseits diese Person auf einige wenige Stichworte reduzieren zu können, die zudem auch noch hemmungslos präsentisch ausgerichtet bleiben (Rebell, Wutbürger, Freiheit, Individualität, Medien …), kann kaum etwas anderes herauskommen, als eine Bestätigung herrschender Verhältnisse.

– Vorwurf 3: „Der [gesellschaftliche] Gegensatz läßt am wenigsten sich versöhnen, indem man die leichte [Kunst] in die ernste aufnimmt oder umgekehrt. Das aber versucht die Kulturindustrie.“ (S. 144) Und in Sachen Reformationsjubiläum war das schon immer besonders gut zu beobachten – auch wenn wir es eher selten mit Kunst im engeren Sinn zu tun haben. Unter Ausschluss der Ultramontanen wurden Reformation und Luther spätestens seit dem 19. Jahrhundert erfolgreich dazu instrumentalisiert, um nationale Einheit über alle gesellschaftlichen Unterschiede hinweg herzustellen (dokumentiert derzeit in Ausstellung im Kloster Dalheim). Und auch im Jahr 2017 wird – erfolgreich – versucht, das Reformationsjubiläum als ein gesamtdeutsches und sogar europäisches Ereignis zu begehen (wenn auch die nationalistischen Töne merklich vermieden werden).

– Vorwurf 4: „[…] die Totalität der Kulturindustrie. Sie besteht in der Wiederholung. […] Mit Grund heftet sich das Interesse ungezählter Konsumenten an die Technik, nicht an die starr repetierten, ausgehöhlten und halb schon preisgegebenen Inhalte.“ (S. 144) Kaum anders zu erklären ist es, dass sich die meisten Programme im Zuge des Reformationsjubiläums zum Verwechseln ähneln und immer die gleichen Fragen stellen. Was hat Luther damals gesagt? – Was kann uns Luther heute noch sagen? – Was hätte Luther heute wohl dazu gesagt? – Und was gab es bei Katharina von Bora zum Abendessen?

– Vorwurf 5: „Die ursprüngliche Affinität aber von Geschäft und Amusement zeigt sich in dessen eigenem Sinn: der Apologie der Gesellschaft. Vergnügtsein heißt Einverstandesein.“ (S. 153) Und dieses Bemühen ist im Jahr 2017 im hohen Maß festzustellen: Reformation und Luther – wenn auch mit Abstrichen hier und da (nobody’s perfect) – zu konsensfähigen Gegenständen zu machen, an denen man sich heute umstandslos und ohne größere Abstriche orientieren können sollte. Gegenstimmen gibt es, aber sie bleiben die Ausnahme.

Luther als Punk

Die Verteidigung mag nun anführen, dass allein schon die Singularisierung von der Kulturindustrie eher in die Irre führen muss. Denn weil die Kulturindustrie immer auch das Potential ihrer eigenen Subversion mit sich führt – man kann ihre Mittel gegen sie selbst wenden –, existiert auch die Möglichkeit zu wirklichen Alternativen, die in der Diversifizierung liegen. Im Umfeld des Reformationsjubiläums waren diese alternativen Ansätze bisher aber eher in Ansätzen auszumachen. Wir müssen immer noch auf Luther als Punk warten. (Und nein, ich meine jetzt nicht eine Lutherdarstellung mit Irokesenfrisur – die gibt es ziemlich sicher schon irgendwo –, sondern auf eine Lutherauseinandersetzung aus einer Punk-Haltung heraus.) Eine Hoffnung besteht in der Reihe „Luther und die Avantgarde“ – wir werden sehen, was dabei herauskommt.

Die Grenzlinien zwischen inhaltlicher Auseinandersetzung und oberflächlichem Konsum lassen sich an den beiden Faktoren Zeit und Komplexität bemessen. Je mehr Zeit in die Herstellung des Reformationsjubiläumsprodukts gesteckt wurde (mehrhundertseitige Biographie, umfangreiche Ausstellung) und je mehr Zeit zu dessen Wahrnehmung nötig ist, desto höher die Wahrscheinlichkeit, die dünne Hülle von „Luther ist ja eigentlich …“-Aussagen zu durchstoßen. Und je größer das Bemühen, die Schwierigkeiten, Verästelungen, Kompliziertheiten und Vielfältigkeiten des Reformationsvorgangs deutlich zu machen, desto geringer die Gefahr, das Jubiläumsgesumse zu einem schnellen Appetithappen werden zu lassen. Dafür bräuchte es gar nicht die von Horkheimer und vor allem von Adorno immer wieder propagierte bürgerliche Hochkultur. Das geht auch durchaus im popkulturellen Zusammenhang. Nur sind leider das subkulturelle Bemühen oder die Underground-Attitüde im Zusammenhang mit dem Reformationsjubiläum bisher eher schwach ausgebildet. Stattdessen bekommen wir ein Pop-Oratorium.

 

Anmerkungen

[1] Jörn Rüsen: Was ist Geschichtskultur? Überlegungen zu einer neuen Art, über Geschichte nachzudenken, in: Klaus Füßmann/Theo Grütter/ders. (Hg.): Historische Faszination. Geschichtskultur heute, Köln/Weimar/Wien 1994, 3-26; Bernd Schönemann: Erinnerungskultur oder Geschichtskultur?, in: Eugen Kotte (Hg.): Kulturwissenschaften und Geschichtsdidaktik, München 2011, 53-72; Marko Demantowsky: Geschichtskultur und Erinnerungskultur – zwei Konzeptionen des einen Gegenstandes. Historischer Hintergrund und exemplarischer Vergleich, in: Geschichte, Politik und ihre Didaktik 33 (2005) 11-20.

[2] Jörn Rüsen: Was ist Geschichtskultur? Überlegungen zu einer neuen Art, über Geschichte nachzudenken, in: Klaus Füßmann/Theo Grütter/ders. (Hg.): Historische Faszination. Geschichtskultur heute, Köln/Weimar/Wien 1994, 4.

[3] Ebd., 5.

[4] Max Horkheimer/Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente, Frankfurt a.M. 1998, 128-176.

Verlebendigung. Zweite These zur Geschichtskultur

Echt tot? Gemälde aus der Cranach-Werkstatt nach einer Zeichnung von Lukas Furtenagel 1564 (Titelfoto von Perledarte)

Die zweite These zur Geschichtskultur lautet: Unsere Geschichtskultur setzt auf Verlebendigung und ist personenfixiert.

Diese These lässt sich durch einen recht schlichten Hinweis belegen. Es sei daran erinnert: Wir haben es derzeit mit einem Reformationsjubiläum zu tun, nicht mit einem Lutherjubiläum. Warum wird dann aber deutlich intensiver über die Person Luthers berichtet als über den wesentlich komplexeren Vorgang der Reformation? Möglicherweise genau deswegen: weil diese Reformation so komplex ist? Und weshalb wird auch bei Luther – und zwar durchaus traditionell – viel eher über Persönliches berichtet (sein Charakter, seine Ehe, seine Essgewohnheiten …) oder Mitteilung gemacht von besonderen Ereignissen in[1] Lyndal Roper: Der feiste Doktor. Luther, sein Körper und seine Biographen, Göttingen 2012

seiner Biographie (Blitzeinschlag! Thesenanschlag! Widerrufsausschlag!) als über das, was seine historische Wirkung tatsächlich ausmachte: seine Theologie? Luthers Lebenslauf und Lebensweise scheinen uns aufgrund einer vertrauten Fremdheit recht nah zu sein. Für seine theologische Gedankenwelt scheint das nicht im gleichen Maß zu gelten. Deshalb sind Kenntnisse über den einen oder anderen zur Legende mutierten Schwank aus seinem Leben quizfragenfähiges Informationsallgemeingut geworden, während man die Inhalte seines Glaubens mit eher größerem Wortaufwand erläutern müsste – und vor allem erläutern müsste, warum diese Theologie zeitgenössisch so ungeheuer wirksam werden konnte.

Verlebendigung als Selbstzweck

Wäre es möglich, dass genau hier der Grund für die Personenfixierung im aktuellen Jubiläumsgeschehen auszumachen ist? Die Inhalte der Reformation sind uns mit einem halben Jahrtausend Abstand so fremd und so erläuterungsbedürftig geworden, dass ein Ausweichen auf den großen Mann als Vertreter derjenigen menschlichen Gattung, die angeblich irgendwann einmal Geschichte gemacht haben soll, durchaus nahezuliegen scheint.

Aber diese Vermutung ist deswegen nicht ganz überzeugend, weil auch bei anderen Jubiläumsbegängnissen ähnliche biographische Fixierungen festzustellen sind. Auch bei den ansonsten häufig im Zentrum stehenden militärischen Auseinandersetzungen, insbesondere Weltkrieg I und II, ist zu beobachten, dass es wesentlich offensichtlicher zu sein scheint, über zentrale Figuren zu sprechen (der große Unnennbare soll hier ungenannt bleiben) als über verwickelte militärische Vorgänge. Die Kenntnisse über die angeblich oder tatsächlich entscheidenden Personen dürften deutlich weiter verbreitet sein als diejenigen über den wechselnden Verlauf von Frontlinien oder die Organisation einzelner Feldzüge. Der Grund für diese Konzentration auf die Handelnden anstatt auf deren Handlungen oder Gedanken in der aktuellen Geschichtskultur scheint leicht auszumachen zu sein, weil sowohl theologische Argumentationen als auch militärische Aktionen oder überhaupt größere Zusammenhänge recht schnell zu komplex oder auch zu abstrakt geraten, um leichthin erfasst werden zu können. Demgegenüber ist der Zugang über die Lebensgeschichte einer Person zunächst wesentlich einfacher, da Gegenstand und Rezeptionsgemeinde zumindest eine wesentliche Gemeinsamkeit teilen, nämlich ein Leben zu leben.

Die Antwort auf das eingangs gestellte Problem steckt also schon in der Frage selbst: Der Zweck der Personalisierung und Verlebendigung innerhalb der Geschichtskultur ist eben, dasjenige zu verlebendigen und zu personalisieren, was wir gemeinhin als ‚die Geschichte‘ bezeichnen und was uns in seiner monumentalen Übermächtigkeit derart zu überragen scheint, dass wir ihm nicht zuletzt auf dem Weg konkreter Lebensgeschichten von konkreten Menschen nahezukommen versuchen. Und warum nicht: Wo kämen wir hin, wenn wir darauf verzichten wollten, persönliche Geschichten über ‚die Geschichte‘ zu erzählen? Wahrscheinlich in eine Form der Struktur- und Sozialgeschichte, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zwar akademisch sehr erfolgreich war, aber zugleich einen tiefen Graben zum nicht-akademischen Publikum geschaufelt hat. Daher hat der verlebendigende Zugang ohne Frage einigen Charme. Biographien werden inzwischen ja nicht nur über Menschen erzählt, sondern auch über Städte, Flüsse, Ideen, Gott und den Teufel. Alles lässt sich in den Rahmen einer Lebensgeschichte einfügen.

Wittenberg als Wandtapete

Anlässlich des Reformationsjubiläums haben wir es aber noch mit ganz anderen Formen der Verlebendigung zu tun. Abgesehen von den üblichen Spielfilmen und Fernsehdokumentationen, in denen Luther Wiederauferstehung feiert, wurden wir in jüngster Zeit durch weitere Formen beglückt, die uns Luther möglichst konkret vor Augen führen sollten.

Da ist zum einen das 360 Grad-Reformationspanorama in Wittenberg, das unter der Leitung von Yadegir Asisi entstanden ist und das die Zeit des frühen 16. Jahrhunderts wieder ‚lebendig‘ machen soll. Es reiht sich nahtlos ein in die Tradition der Panoramabilder, die im 19. Jahrhundert zu einem Massenmedium wurden und die ferne Wirklichkeiten oder vergangene Zeiten in das Leben des städtischen Bürgertums holen sollten – beziehungsweise diese Städter in exotische Gegenden oder glorreiche Historien ‚hineinversetzen‘ wollten. Mittels technischer Möglichkeiten ging und geht es also darum, eigentlich unüberwindliche Distanzen von Zeit und Raum verschwinden zu lassen.

Dann ist da zum anderen die digitale Rekonstruktion des lutherischen Charakterkopfes in 3D, erstellt aufgrund der angeblichen Totenmaske. Dieser Digitalkopf dreht sich in einem kurzen Video der Betrachterin zu und schlägt dann auch noch die Augen auf, um sie anzublicken. Nicht genug also, dass Luther zu den meist portraitierten Menschen seiner Zeit mit mehreren hundert Verbildlichungen gehört, inzwischen wird ihm – ähnlich wie dem Ötzi – eine Form der ‚Rekonstruktion‘ zuteil, die uns den Reformator vor Augen stellen soll. Und das ausgerechnet aufgrund einer Totenmaske, von der man sich eigentlich nur sicher sein kann, dass sie nicht von Luther stammt. [1]

Vom Jetzt ins Früher

Abgesehen davon, dass man es technisch kann, gibt es einen weitergehenden Erkenntniswert solcher Verlebendigungen? Rückt uns Luther näher, wenn wir ihn in all der Übergewichtigkeit seiner letzten Lebensjahre vor uns sehen? [2] Können wir uns in die Zeit der Reformation ‚hineinversetzen‘, um diese höchst problematische Vokabel zu verwenden, wenn wir uns via Fototapete durch das Wittenberg des 16. Jahrhunderts bewegen?

Was daran so problematisch anmuten muss, ist die Erzeugung einer nahezu magischen Illusion, der Vorstellung nämlich, der Unterschied zwischen Jetzt und Früher ließe sich unproblematisch auflösen. Nichts anderes soll die Verlebendigung bewerkstelligen: so zu tun, als sei die Vergangenheit auf unmittelbare Weise wieder gegenwärtig zu machen. Eigentlich ein im höchsten Maße ‚vormodernes‘ Verfahren, zumindest wenn man mit diesen problematischen Kategorien des ‚Modernen‘ und des ‚Vormodernen‘ umgehen möchte. Warum eine solche Unterscheidung schwierig sein könnte, macht die verlebendigende Geschichtskultur selbst deutlich: Weil ‚wir Modernen‘ mit einem ‚vormodernen‘ Ansatz operieren und die Unterschiede zwischen den Zeiten verschwinden lassen. ‚Modern‘ wäre dann vor allem die technische Umsetzung – aber der Inhalt mutet nahezu archaisch an.

Auf Umwegen gelänge es uns dann doch, eine Gemeinsamkeit und Verbindung zu Martin Luther und seiner Zeit (oder besser: seinen Zeiten) herzustellen. Denn hatte er nicht mit den medial-technischen Möglichkeiten, die ihm zur Verfügung standen, ähnliches vor? Wollte nicht auch er die Kirche ‚re-formieren‘, also in eine Form zurückführen, die sie angeblich bei den ersten Gemeindegründungen des Urchristentums schon einmal besessen hatte und wie sie in den Worten des Neuen Testaments überliefert war? War die Bibel nicht sein Breitleinwandpanorama und waren die Briefe des Apostel Paulus für ihn nicht so lebendig, dass er sie unmittelbar auf seine Gegenwart beziehen konnte?

 

Anmerkungen

[1] Jochen Birkenmeier: Luthers Totenmaske? Zum musealen Umgang mit einem zweifelhaften Exponat, in: Luther-Jahrbuch 78 (2011) 143-189

[2] Lyndal Roper: Der feiste Doktor. Luther, sein Körper und seine Biographen, Göttingen 2012

 

Jubiläumsfixierung. Erste These zur Geschichtskultur

Titelbild: Michelle Tribe

Die erste These zur Geschichtskultur lautet: Unsere (westlich-europäisch geprägte und in dieser Form global ausstrahlende) Geschichtskultur ist jubiläumsfixiert.

Ach was! Ist das die Möglichkeit? Was für ein Aufsehen erregende Feststellung! Unsere Geschichtskultur soll tatsächlich jubiläumsfixiert sein. Wer hätte das gedacht…

Aber woher rührt diese Jubiläumsfixierung? Warum gedenken wir bestimmten Ereignissen nicht dann, wenn es an der Zeit wäre, sondern dann, wenn sie im Kalender stehen? Es wäre eine durchaus naheliegende Lösungsstrategie, sich solchen Fragen wiederum historisch zu nähern. Dann könnte man die durchaus bekannten chronologischen Stationen abklappern, die bis in alttestamentarische Zeiten zurückreichen. [1] In solchen vorchristlichen Zusammenhängen lässt sich das Jubelfest dann vornehmlich als Vergegenwärtigung begreifen, als regelmäßig wiederkehrende Vergegenwärtigung göttlicher Gnaden nämlich sowie als Vergegenwärtigung der Sündenvergebung. Das Jubelfest konnte dazu dienen, Zeit gleichsam aufzuheben, zumindest insofern man das eigene Leben als gläubiger und sündhafter Mensch bei wieder Null anfangen lassen wollte.

Heilige Jahre

Einige Jahrhunderte später, genauer gesagt im Jahr 1300, wurde dieses Jubeljahr dann an ein kalendarisch markantes Datum angehängt und durch das Papsttum zum heiligen Jahr erkoren. [2] Schon an diesen heiligen Jahren, von Rom nach streng mathematischer Teilbarkeit ausgerufen (erst alle 100, dann alle 50, schließlich alle 25 Jahre – und falls nötig, auch mal zwischendurch und außer der Reihe), lässt sich erkennen, dass die Jubiläen eine andere Ausrichtung annahmen. Einerseits sollte Zeit nun nicht mehr aufgehoben, sondern als historische Zeit bestärkt werden. Andererseits zielte das Jubiläum seither auf die Aufmerksamkeit als Ökonomie sowie auf die Ökonomisierung der Aufmerksamkeit. Denn dass es sich bei der Aufmerksamkeit um ein knappes Gut handelt, ist nun wahrlich keine neue Erkenntnis gegenwärtiger Marketingstrategieagenturen. Schon zu anderen Zeiten mussten Personen und Institutionen darum buhlen. Dabei erweist es sich natürlich als vorteilhaft, wenn man die Stellvertretung Gottes auf Erden samt monopolisierter Heilsgarantie für sich beanspruchen kann. Aus dieser Aufmerksamkeitslenkung lässt sich dann selbstredend Kapital schlagen. Honi soit qui mal y pense …

Die protestantischen Kirchen mussten fast zwangsläufig einen anderen Weg einschlagen, weil sie gegenüber dem Katholizismus deutlich zu machen hatten, dass sie vielleicht historisch jünger, inhaltlich aber wesentlich älter waren als die päpstliche Kirche – schließlich beriefen sie sich unmittelbar auf die ersten Gemeinden des frühen Christentums. Gerade deswegen war es wichtig, beim Jubiläum die historische Zeit nicht aufzuheben, sondern zu bestärken. Das geschah, indem man früh zur weit ausholenden Historisierung der eigenen protestantischen Bewegung schritt, aber auch indem man 1617 das erfand, was uns inzwischen mit schöner Regelmäßigkeit ins Haus steht: das historische Jubiläum, das sich von religiösen und nummerischen Fixpunkten gelöst hatte, um stattdessen die Wiederkehr eines vergangenen Ereignisses zu feiern. Das Reformationsjubiläum von 1617 – noch in bescheidenem Ausmaß begangen – war wohl das erste seiner Art.

Mit den Reformationsfeierlichkeiten von 1617 löst sich das Jubiläum mithin von der kalendarischen Zeit, um sich an die historische Zeit anzuheften. Es wird seither nicht mehr einfach nur der Tatsache gedacht, dass (Schöpfungs-)Zeit vergeht, sondern dass sich Geschichte ereignet. Das ist mag auch eine Begründung dafür sein, weshalb das historische Jubiläum eine – so der wohl nicht nur subjektive Eindruck – stetig wachsende Bedeutung erfährt: Anstatt der Tatsache zu gedenken, dass Zeit (durch den Schöpfer) für uns gemacht und gegeben wird, feiern wir den Umstand, selbst unsere Zeit und unsere Geschichte zu machen. Und wenn sich dies auf vorteilhafte Weise zu einem geldwerten Vorteil verarbeiten lässt, werden sich wohl nur notorische Kapitalismuskritiker beschweren.

Jubiläumitis

Aber die Säkularisierungstendenz, die sich in der Transformation des Jubiläums von der alttestamentarischen Schöpferzeit zur gegenwärtigen historischen Zeit zu offenbaren scheint, ist nur eine oberflächliche. Vielmehr erweist sich im historischen Jubiläum ‚die Geschichte‘ einmal mehr als Gottersatz. Denn der Sinn all des Geschehens, das geschieht, ist immer noch präformiert, aber er kommt nun nicht mehr von dort oben, sondern von dort hinten. Aus eben diesem Grund darf man den einen oder anderen Zweifel an unserer historischen Jubiläumskultur hegen: nicht nur, weil dem Historischen nicht dann gedacht wird, wenn es inhaltlich angemessen wäre, sondern wenn es terminlich verlangt wird; nicht nur, weil diese Jubiläen kapitalistisch schamlos ausgesaugt werden; sondern weil das Jubiläum zu einem Fetisch wird, den wir nahezu bedingungslos und besinnungslos anbeten.

Sollte die Historisierung einst dazu gedient haben, in einem aufklärerischen Sinn als Alternative zu religiösen Welterklärungen der Fetischisierung göttlicher Schöpfermacht entgegenzuwirken, dann wurde offenbar übersehen, wie diese Historisierung ihren Produzenten als neuer Fetisch auf die Füße fiel. [3] Und trotz aller berechtigter Beschwerden, die man immer wieder über die Jubiläumitis lesen kann, sehen wir offensichtlich keinen Anlass, an dieser Fetischisierung des Historischen etwas zu ändern. Ganz im Gegenteil, wir schrauben sie immer weiter in bisher ungeahnte Höhen.

Wenn man den Jubiläumswahn daher schon nicht verhindern kann, dann sollte man ihn konsequent befeuern. Wir sollten alle unseren aktiven Beitrag leisten zu einem massiven Jubiläumsüberschuss, der dann – vielleicht, hoffentlich, endlich – zu einem nicht minder massiven Jubiläumsüberdruss führen möge. Wir sollten so lange und so viele Jubiläen feiern, bis sie uns wirklich zu den Ohren herauskommen, bis so viele Jubiläen so ausgiebig begangen werden, dass wir die Gegenwart eigentlich abschaffen könnten, weil wir unsere Leben nur noch damit verbrächten, Gewesenes zu repetieren, um uns dann endlich einmal zu fragen, was wir denn da angerichtet haben. Deswegen: Gebt uns Luther bis zum Abwinken! Und ich bin mir ziemlich sicher, weniger werden wir auch nicht bekommen.

 

Anmerkungen

[1] Winfried Müller (Hg.): Das historische Jubiläum. Genese, Ordnungsleistung und Inszenierungsgeschichte eines institutionellen Mechanismus, Münster 2004

[2] Arndt Brendecke: Die Jahrhundertwenden. Eine Geschichte ihrer Wahrnehmung und Wirkung, Frankfurt a.M./New York 1999

[3] Hartmut Böhme: Fetischismus und Kultur. Eine andere Theorie der Moderne, Reinbek bei Hamburg 2006