Unsere Vergangenheit soll schöner werden. Vierte These zur Geschichtskultur

Die vierte These zur Geschichtskultur lautet: Unsere Geschichtskultur tendiert zur Bevorzugung von Inhalten, die mit gegenwärtigen Interessen korrespondieren und auf die Vergangenheit ein (falsches) besseres Licht werfen.

Gleichförmigkeit

Geben wir uns für einen Moment der naiven Annahme hin, eine Internet-Suchmaschine wie Google stünde stellvertretend für das Wissen der Welt über sich selbst. In diese Suchmaschine können wir Stichwörter eingeben wie „Reformation“ oder „Martin Luther“. Welche Ergebnisse werden uns präsentiert? Unfehlbar werden wir zunächst mit einigen Werbeanzeigen konfrontiert (wobei die Unfehlbarkeit in diesem Zusammenhang eine durchaus mehrdeutige Konnotation erfährt), zum Beispiel von Tourismusanbietern oder aus der Modebranche (jawohl, auch die Reformation wird in eine Modekollektion verwandelt). Sodann folgen einige Informationsseiten, deren Angebote sich in der Google-Hierarchie, mit welchen Mitteln auch immer, ganz nach oben gearbeitet haben: Wikipedia-Artikel oder die Eingangsseite des Zentralkomitees der Kommission zur Durchführung der Jubiläumsfeierlichkeiten der Reformation, kurz ZKDJR (oder so ähnlich). Etwa ab Google-Suchmaschinentreffer Nr. 11 wird man dann mit Veranstaltungshinweisen ganz unterschiedlicher Art überhäuft, mit internationalen, nationalen, regionalen und lokalen Aufführungen, Ausstellungen und Informationsveranstaltungen, die dem historischen Ereignis der Reformation zur größeren Ehre gereichen sollen.

Im Moment – ich schreibe dies im März 2017 – ist unübersehbar, dass und wie der Reformationsjubiläumszug Fahrt aufnimmt. Die Freiluftsaison der Feiersause beginnt. Man kann tatsächlich den Eindruck gewinnen, dass jede Kirchengemeinde, jede Ortschaft, jeder Landstrich und jede Institution ihren jeweils eigenen Beitrag zu diesem Jubelfest leisten will, und dabei gewillt und in der Lage ist, jedes verfügbare Mittel in Anspruch zu nehmen.

Versucht man sich zumindest ansatzweise einen Überblick über den Inhalt dieser Aktivitäten zu verschaffen, dann fällt recht schnell deren Gleichförmigkeit auf – ein erster Eindruck, der durch ein ausdauernderes Studium der zahlreichen Veranstaltungsprogramme bestätigt wird. Es sind wenige Themen, die dominieren. Ohne hier eine eindeutige Hierarchie aufstellen zu können (das würde einen größeren statistischen Aufwand erfordern), lassen sich als inhaltliche Schwerpunkte nennen: Reformation und Moderne; Luther und die deutsche Sprache; Luther und die Freiheit; Reformation als Gemeinsamkeit (Ökumene); Reformation und Judentum; Frauen in der Reformation.

Man kann diese Themen auch übersetzen. Dann würden sie lauten: Inwiefern war die Reformation der Anbruch unserer eigenen Gegenwart? Inwiefern hat Luther unsere Sprache als zentrales Merkmal kollektiver (deutscher) Identität geprägt? Inwiefern hat Luther mitgeholfen, unsere „freiheitlich-demokratische Grundordnung“ zu begründen? Inwiefern kann die Reformation, nach all den Trennungen, die sie nach sich zog, zu einem Moment (ökumenischer) Gemeinschaftlichkeit werden? Wie ist die Reformation mit Minderheiten umgegangen? Und wie war das Verhältnis der Geschlechter in der Reformation ausgestaltet? Es handelt sich also durchgehend um Fragen, die uns in der Gegenwart des frühen 21. Jahrhunderts umtreiben.

Mit anderen Worten: In der Beschäftigung mit der Reformation geht es daher vor allem um uns selbst.

Präsentismus

Das zeigt auch die Abwesenheit bestimmter Fragen im Kontext des Reformationsjubiläums. Weniger scheint im Jahr 2017 zu interessieren, was die Menschen des Jahres 1517 vornehmlich interessierte: Wie finde ich mein Seelenheil? Wie finde ich einen gnädigen Gott? Wie kann ich mich am besten auf ein Leben im Jenseits vorbereiten? All diese Fragen sind für die Jubiläumspraxis irrelevant, weil sie in unserer Gegenwart keine Rolle mehr spielen. Ein solcher Umgang mit der Vergangenheit hört üblicherweise auf den Namen Präsentismus.

Der Präsentismus genießt in historischen Debatten keinen besonders guten Ruf, wird meist mit abwertenden Vorzeichen versehen und will vornehmlich besagen, dass eine Vergangenheit allein aus der Perspektive und mit den Maßstäben der Gegenwart betrachtet wird. [1] Aber gar so schnell und gar so leicht sollte man den Präsentismus nicht über Bord werfen. Denn das glatte Gegenteil dieser Gegenwartsseligkeit, also ein Sich-in-die-Vergangenheit-Hineinversetzen mittels Zeitmaschine, wäre mindestens ebenso naiv und gefährlich. [2] Präsentismus können wir daher, streng genommen, gar nicht umgehen, weil wir keinen anderen zeitlichen Standpunkt einnehmen können als unseren eigenen, wenn wir mit Vergangenheiten umgehen. Die Frage ist eher, wie wir diesen Präsentismus einsetzen wollen. Wenn jede Form der Geschichtsschreibung zwangsläufig präsentisch sein muss, weil sie ihre Gegenwart nicht verlassen kann, dann stellt sich das Problem anders: Beinhaltet dieser Präsentismus die Relationen einer Gegenwart zur Vergangenheit oder konzentriert er sich auf die Gegenwart einer Vergangenheit?

Ein besseres Gestern

Aber eine bestimmte, durchaus negative Auswirkung des Präsentismus kann man im Zusammenhang des Reformationsjubiläums besonders gut beobachten. Sie funktioniert nach dem Motto: Unsere Vergangenheit soll schöner werden. Beispiel: Frauen in der Reformation. Bei der Vielzahl von Vorträgen, Präsentationen, Filmen usw. zu Argula von Grumbach, Katharina Luther, Barbara Cranach und anderen Protagonistinnen muss man zuweilen den Eindruck gewinnen, hier wird eine bisher gänzlich übersehene Hälfte der Reformationsgeschichte ans Tageslicht geholt. Aber machen wir uns nichts vor: Die Reformation war eine Männerangelegenheit. Man mag das im Nachhinein aus nachvollziehbaren Gründen bedauerlich finden, nur ändern wird es sich dadurch nicht.

Nach der Rolle von Frauen zu fragen, ist richtig und wichtig, aber eben nicht um die Vergangenheit im Nachhinein und im Sinn der Gleichberechtigung besser zu machen, sondern um aufzuzeigen, warum und in welcher Form Ungleichheiten vorgeherrscht haben. Einige wenige Frauen hervorzuheben, die die Reformation mitprägten, die sich aber genau deswegen besser in unser gegenwärtiges Selbstbild fügen lassen, tut nur den 99% anderen ein weiteres Mal Unrecht an, die ihr ganz durchschnittliches Leben in einer patriarchalischen Gesellschaft geführt haben. Die Frage wäre also weniger, welche Frauen auf welche Weise die Reformation beeinflusst haben, damit sich das Gewesene unserem eigenen Hier und Jetzt besser anpassen möge. Die Frage ist eher, weshalb Frauen in dieser Gesellschaft so gut wie keine Chance hatten, Vorgänge wie die Reformation mitzugestalten. Unsere Vergangenheit soll nicht schöner werden, sie sollte vielmehr anders bleiben dürfen.

 

Anmerkungen

[1] Zur Diskussion um den Präsentismus vgl. die Debatte in der Zeitschrift Past & Present, Heft 234 (2017).

[2] Ausführlicher dazu Achim Landwehr: Die anwesende Abwesenheit der Vergangenheit. Essay zur Geschichtstheorie, Frankfurt a.M. 2016.

Advertisements

LuttaDada 3

Das LuttaDada mag sich kein Urteil darüber erlauben, ob das Gebaren einer Obrigkeit korrekt ist oder nicht. Aber das LuttaDada weiß, dass eine Obrigkeit grundsätzlich hinzunehmen ist, ob nun von Gott oder vom Demos oder von wem auch immer eingesetzt. Daher will das LuttaDada mit kräftiger Stimme bestätigen, dass der neuen Gefahrenabwehrverordnung der Stadt Wittenberg unbedingt Folge zu leisten ist, so wie sie zum 22. März Anno Domini 2017 in Kraft treten wird. Mögen die ordnungsgefährdenden Massen, die in diesem Jahr millionenfach über diese bedauernswerte Kommune herfallen werden, wenigstens die Kassen des Kämmerers ordentlich füllen. Einige reformationsjubiläumsrelevante Widrigkeiten wurden anlassbedingt nochmals verteuert. So müssen alle, die Brunnen, Denkmäler, oder Bäume erklettern, um das LuttaDada besser sehen zu können, ab sofort 30 Euro berappen; das Füttern von Tauben, um das LuttaDada friedlich und gnädig zu stimmen, kostet ebenfalls 30 Euro; das Zelten oder Übernachten in öffentlichen Grünanlagen, um dem LuttaDada stets nahe zu sein, wird mit 50 Euro Buße belegt; und der Verkauf von Waren aller Art, insbesondere von nicht genehmigten Reformationsdevotionalien, macht nochmals 30 Euro. Nur damit das klar ist.

Aber nicht nur die kleine, auch die mittelgroße Politik wendet sich dem LuttaDada zu. Nach diversen Regierungschefs, Präsidentinnen, sogar monarchischen Hoheiten und eben auch dem Wittenberger Ordnungsamt entschloss sich nun auch Thomas Röwekamp, seines Zeichens Vorsitzender der CDU-Fraktion in der Bremer Bürgerschaft, dem Wirken des LuttaDada einige Zeilen im Weser-Kurier zu widmen. Durchaus Löbliches hatte er dort zu verkünden. Wichtigste Forderung des nicht gerade thesenschwachen ehemaligen Innensenators: Bremen darf nicht weiter das Schlusslicht bleiben! Erst recht nicht in Sachen Feiertage! Denn die Hansestadt hat die wenigsten Feiertage aller Bundesländer! Eine weitere Benachteiligung, wenn nicht sogar Beleidigung der urbanen Schönheit in der norddeutschen Tiefebene! Deswegen wäre es nur gerecht, den Reformationstag nicht nur 2017, sondern zumindest in Bremen dauerhaft zu einem arbeitsfreien Tag zu machen. Wacker gesprochen! Der Segen des LuttaDada ist erteilt!

Röwekamp geht jedoch fehl mit seiner Begründung, warum es ausgerechnet dieser Feiertag sein soll: „Wir verdanken der Reformation, dass in unserem Kulturkreis heute Meinungs-, Rede- und Glaubensfreiheit Grundrechte sind.“ Da muss das LuttaDada energisch widersprechen! Das LuttaDada mag ja für einiges gesorgt haben, aber sicherlich war es nie der Meinung, dass alle ihre eigene Meinung haben und auch noch frei äußern sollten – und schon gar nicht sollten sie ihren individuellen Glauben artikulieren können! Wo käme das LuttaDada denn hin, wenn alle teuflischen Papisten, verderbten Wiedertäufer, fehlgeleiteten Zwinglianer, verstockten Juden, aufmüpfigen Bauern und rebellischen Thomas-Müntzer-Anhänger mit einem Mal ebenso recht hätten wie das LuttaDada selbst?! Alle anderen dürfen sich gerne und freimütig äußern, solange es im Sinne des LuttaDada geschieht. Feiertag genehmigt!

All das Jubilieren und Feiern hat aber auch seine Schattenseiten. In der Stadt Jessen, in der unmittelbaren Nähe Wittenbergs gelegen, machen sich Sorgen breit. Denn es drängt sich untrüglich die Frage auf, wie sich die Feuerwehren der Region sinnvoll in das Sicherheitskonzept rund um das große Jubiläum, insbesondere während des großen Festgottesdienstes, einbringen können. Der Bürgermeister von Annaburg, Klaus-Rüdiger Neubauer, meinte in diesem Zusammenhang, „in keinem Fall dürfe an der Grundsicherung geschraubt werden.“ Denn auch in den Nachbargemeinden Wittenbergs, wie zum Beispiel Annaburg, müsse für den Notfall ausreichend Personal und Technik vorhanden sein.

Das LuttaDada sagt: An den Jubiläumsfeierlichkeiten darf aber auch nicht geschraubt werden! Dem LuttaDada, was dem LuttaDada gebührt! Und dazu gehören auch jede Menge Feuerwehren! Denn wie Bürgermeister Neubauer festgestellt hat: Es bleiben nur noch wenige Monate, um die nötigen Absprachen zu treffen. Die Zeit bis dahin, so der Wortlaut des stilistisch tiefschürfenden (wirklich sehr tief schürfenden) Zeitungsartikels, „würden sehr anstrengend und auch sehr emotional.“ Das kann das LuttaDada durchaus nachfühlen, schließlich steht es ja selbst mittendrin, in all den Aufregungen um das Reformationsjubiläum. Und es freut sich schon über eine große Ansammlung emotionalisierter Feuerwehrleute aus dem Wittenberger Umland!

Die Mitteldeutsche Zeitung, der obige Feuerwehrmeldung entnommen ist, hat sich in ähnlicher Weise wie einstmals das LuttaDada dem mächtigen Medium des Buchdrucks bemächtigt, um seine Verlautbarungen in die Welt zu schicken. Das LuttaDada wollte mit seiner Publikationspolitik aber keineswegs bezwecken, dass sich alle ohne Unterschied des veröffentlichten Worts bedienen, ohne offensichtlich genauer darauf zu achten, was dort geschrieben steht. Denn eines sollte sich insbesondere die Mitteldeutsche Zeitung hinter die geknickte Seitenecke schreiben: Was einmal gedruckt in der Welt ist, lässt sich nicht mehr zurücknehmen! Insbesondere im Zusammenhang mit der Stadt Jessen gelingt es diesem Zeitungsorgan eher selten, publizistische Preziosen zu produzieren. Und diese Ausfälle muss das LuttaDada nicht goutieren, selbst (und gerade) wenn es um die Sache der Reformation geht!

Daher möchte ich mit meinem lieben Kollegen TrappatoniDada sagen: Was erlauben Katharina Stahn? (Und falls Sie Katharina Stahn nicht kennen, dann geht es Ihnen wie dem LuttaDada selbst.) Denn Frau Stahn, selbst ernanntes Model mit „Erfahrungen als Gastgeberin“,  hat in der Exerzierhalle von Wittenberg eine „atemberaubende Show“ veranstaltet unter dem Motto „Reformation meets Fashion & Style“ samt der Möglichkeit, „Party zu feiern oder sich in einer Lounge-Ecke zum Quatschen zurückzuziehen oder sich mal eine Beauty-Anwendung zu gönnen“, wie der Beitrag der Mitteldeutschen Zeitung zu verkünden weiß. Stargast ist ein gewisser Keith Tynes, der als Musiker „Erfolge praktisch in der ganzen Welt“ feierte (auf die unpraktischen Erfolge bleiben wir gespannt), und zwar in dieser Reihenfolge (die sich das LuttaDada nicht schöner hätte ausdenken können): „New York, London, Amsterdam, Berlin, Singapur und auch in Wittenberg.“ Ein Welterfolg in Wittenberg! Der erste seit 1517! Das LuttaDada staunt Bauklötze.

Ebenfalls für Unterhaltung „mit musikalischer Spaßgarantie“ soll ein Wittenberger Künstler sorgen, der sich (kein Quatsch) Jan von Suppengrün nennt und der (ebenfalls kein Quatsch) ernsthaft von sich behauptet: „Mein Name ist Programm.“ Na dann, guten Appetit! Stellt sich nur noch die Frage, was das alles mit Reformation zu tun hat. Die Antwort ist recht einfach: nichts. Weitere Niveauabsenkungen im Zusammenhang mit dem Jubiläumsgeschehen wird das LuttaDada zu verhindern wissen. God is on our side!

Bevor wir aber gänzlich in Trübsal verfallen, zum Abschluss noch der obligatorische Programmhinweis zur angemessenen Verehrung des LuttaDada. Diesmal aus einem Ort, dessen Namen man kaum schöner erfinden könnte: Neu Wulmstorf! Dort werden reformwillige Fitness-Einsteiger gesucht (sic! ein Scherz so ganz nach dem Geschmack des LuttaDada), die unter der Anleitung von Lauftrainer Ingolf Böhme nicht nur ihren Körper, sondern auch ihren Geist der Sache des LuttaDada unterwerfen wollen. Passenderweise ist es die örtliche Luther-Kirchengemeinde, die dieses großartige Angebot aufgelegt hat. Acht Wochen lang sollen Anfänger durch die Fischbecker Heide laufen. An Zwischenstationen wird es Wissenswertes über Martin Luther geben, und zwar von Ingolf Böhmes „Co-Trainer“, Pastor Dr. Florian Schneider. Man wird dann wohl erfahren, welches die favorisierten Laufschuhe des Reformators waren, wie es mit seinen Zeiten beim Halbmarathon aussah und wie er sich ernährungsmäßig für das Lauftraining vorbereitete. Schürzt die Talare und schwingt die Schenkel!

Lang lebe das LuttaDada!

Club der weitgehend unbekannten Reformator/innen (CWUR), Folge 2: Mikael Agricola

Abbildung: Wikimedia Commons

Was für eine bunte, internationale und vielfältige Angelegenheit die Reformation doch sein konnte! Sicherlich kann man Ressentiments, Vorurteile oder patriotische Vorlieben nicht übersehen, die in dem ganzen Reformationsgeschehen immer wieder zum Vorschein kamen. Trotzdem stelle ich mir gerade das Leben an der Universität Wittenberg oder im Hause Luthers zuweilen wie in einer großen Wohngemeinschaft mit Studierenden aus der Erasmus-Stipendienprogramm der Europäischen Union vor. (Gut, es war eine sehr männerlastige Angelegenheit, aber das war nun einmal zeittypisch.) Aus allen Teilen Europas kamen sie dort zusammen, um ‚das wahre Evangelium‘ zu studieren, überzeugt davon, der neuesten heißen Sache auf der Spur zu sein, die nicht nur wissenschaftlich-theologisch, sondern auch lebensalltäglich die Lösung der großen Probleme zu geben versprach.

Überraschend erweist sich die Internationalität in diesem Reformationsumfeld, wenn man beispielsweise lesen kann, dass Mikael Agricola bereits der vierte finnische Student war, der sich in Wittenberg einschrieb, als er im Wintersemester 1536 dorthin kam. Er blieb zweieinhalb Jahre, um mit dem Magistertitel dekoriert wieder in seine finnisch-schwedische Heimat zurückzukehren.

Geboren wurde Agricola unter dem Namen Mikael Olavinpoika 1507 im Süden Finnlands, das damals noch Teil des schwedischen Königreichs war (und erst 1917 unabhängig wurde, nachdem es zuvor ein Jahrhundert lang zu Russland gehört hatte). Die politische und vor allem sprachliche Situation in diesem Teil Europas spielte auch für das Leben Agricolas eine wesentliche Rolle. Denn er gilt nicht einfach nur als Reformator Finnlands; noch bedeutender ist wohl die Tatsache, dass er auch der Schöpfer der finnischen Schriftsprache ist. Die enge Verbindung von Wort und Glauben, die im gesamten Reformationsprozess des 16. Jahrhunderts eine so wichtige Rolle spielt – hier kommt sie besonders augenfällig zum Vorschein.

An Agricola kann man aber auch sehen, welchen Vorteil es hat, der lutherischen Maxime zu folgen und so viel als möglich über das eigene Leben schriftlich festzuhalten: Dadurch werden nicht nur biographische Mythen mit jahrhundertelanger Haltbarkeit geschaffen, sondern die Nachwelt wird auch ansonsten über vielfältige Facetten eines Menschenlebens genauestens informiert. Agricola ist dem Vorbild Luther in dieser Hinsicht nicht gefolgt, so dass von ihm nicht tausende Briefe überliefert sind und auch keine Tischgespräche mitprotokolliert wurden. Der beste Kenner von Agricolas Leben und Arbeiten, Simo Heininen, kann daher auch nur mit Plausibilitätsgründen argumentieren, wenn er meint, dass Agricola wohl mit Schwedisch als erster Sprache aufgewachsen ist, Finnisch später aber ebenso gut beherrschte. Diese sprachliche Grundkonstellation, wenn sie denn zutrifft, dürfte aber nicht ganz unbedeutend gewesen sein für Agricolas weiteres Wirken. Auf der Lateinschule von Wiborg, auf die er als Kind einer wohlhabenden Bauernfamilie geschickt wurde, kam die klassische Sprache der Antike noch hinzu. Zudem könnte er in dieser Handelsstadt auch mit der deutschen und russischen Sprache in Kontakt gekommen sein. Auf jeden Fall änderte in dieser Zeit der Bauernsohn seinen Namen in guter humanistischer Tradition in Agricola.

Im Anschluss an seine Schulzeit wurde er Schreiber in der Kanzlei von Martin Skytte, dem Bischof von Turku. In dieser Stadt machte er auch Bekanntschaft mit einem dezidierten Vertreter der Reformation, Peder Särkilax. Durch ihn beeinflusst, machte sich Agricola mit Luthers Ideen vertraut, unterzog dessen Schriften einer intensiven Lektüre und begann ab den frühen 1530er Jahren mit ausgiebigen Sprachstudien. Es deutet vieles darauf hin, dass er bereits zu dieser Zeit anfing, das Neue Testament zu übersetzen. Dafür lernte er auch Griechisch.

Als dezidierter Anhänger Luthers wurde Agricola 1536 nach Wittenberg zum Theologiestudium geschickt, fand sich zuweilen auch als Gast an Luthers Tisch ein. 1539 kehrte er nach Turku zurück und wurde Rektor der dortigen Domschule bis 1548. Zum Bischof von Turku wurde er 1554 ernannt, konnte das Amt aber nicht allzu lange ausüben. Auf der Rückreise von Friedensverhandlungen zwischen Russland und Schweden, die in Moskau stattgefunden hatten und an denen Agricola als Mitglied der Delegation beteiligt war, starb er am 9. April 1557.

Agricola wirkt jedoch bis in die Gegenwart hinein, weil es ihm gelang, aus dem Finnischen eine Schriftsprache zu machen. Das erste jemals auf Finnisch gedruckte Buch stammt von ihm und ist passenderweise eine Kombination aus Fibel und Katechismus. Das „ABC-Kiria“ (erstmals erschienen 1543) enthält das Alphabet und die Zahlenwörter auf Finnisch, darüber hinaus auch die Hauptstücke des reformatorischen Glaubens in Form eines Katechismus. In dieser fraglos grundlegenden Art und Weise arbeitete Agricola die kommenden Jahre weiter, veröffentlichte 1544 eine Gebetbuch von fast 900 Seiten, 1548 das Neue Testament und bis 1552 weitere sechs Bücher auf Finnisch, die für den kirchlichen Gebrauch, das Bibelstudium oder den Unterricht in Glaubensdingen gedacht waren.

Agricola hatte mit diesen Veröffentlichungen etwas geschafft, das nur wenigen in dieser Art vergönnt ist, nämlich eine Sprache zu kanonisieren und in einem weit umfangreicheren Sinn überhaupt erst zu ‚erschaffen‘, als dies bei Luther und dem Deutschen der Fall war.

Kaum verwunderlich, dass Agricola bis heute in Finnland verehrt wird. Im 19. Jahrhundert und im Zuge der finnischen Unabhängigkeitsbestrebungen erfuhr er auch eine nationalistische Vereinnahmung. Es wurden Denkmäler für ihn errichtet, Straßen nach ihm benannt, Briefmarken herausgegeben und sein Todestag zum Tag der finnischen Sprache erklärt. Was man eben so macht mit auserkorenen ‚Nationalhelden‘.

Dabei ist es doch diese nationale Vereinnahmung, gleichgültig ob in Finnland oder anderswo, die so gar nicht zusammenpassen will mit der offensichtlich so bunten, internationalen und vielfältigen Angelegenheit der Reformation, wie man sie im 16. Jahrhundert in der wahrlich europäischen Gelehrtenwelt von Wittenberg erleben konnte.

 

Anmerkung

NB: Die Arbeit des „Clubs der weitgehend unbekannten Reformator/innen“ wird maßgeblich unterstützt durch das empfehlenswerte Buch von Irene Dingel/Volker Leppin (Hg.): Das Reformatorenlexikon, 2. Aufl. Darmstadt 2016. Dort ist auch der Beitrag von Simo Heininen zu finden über Mikael Agricola, dem der vorliegende Eintrag wesentliche Informationen zu verdanken hat.

Geschichtskultur als Kulturindustrie. Dritte These zur Geschichtskultur

Wat is ne Jeschichtskultur?

Mit den famosen Was-ist-Was-Fragen kommt man ja – wem auch immer sei Dank – nie an ein Ende: Was ist eine Welle im Meer? Was ist eine Doppelhelix? Was ist der Sinn des Lebens? Und die Frage alle Fragen: Was ist eine Dampfmaschine? Wenden wir uns in diesem Sinne und ganz sesamstraßenartig der Frage zu: Was ist Geschichtskultur? Zu diesem Gegenstand existiert eine veritable wissenschaftliche Diskussion, die sich nicht nur, aber zu erheblichen Teilen in der Geschichtsdidaktik tummelt (zahlreiche sachdienliche Hinweise zu diesem Gegenstand finden sich bei Public History Weekly). Es ist hier nicht der Ort, um in diese Debatte einzusteigen oder sie ausführlich wiederzugeben. Hilfreiche Diskussionshinweise stammen von Jörn Rüsen, Bernd Schönemann und Marko Demantowsky [1]. Aber wenn ich schon behaupte, mit diesem Blog Reisen in die deutsche Geschichtskultur zu unternehmen, wäre es wohl angebracht, das Terrain der Reise etwas genauer abzustecken und die Frage zu stellen, welche Geschichtskultur denn aktuell durch das Reformationsjubiläum geprägt wird.

Geschichtskulturen, so kann man feststellen, hat es schon immer dort gegeben, wo sich menschliche Kollektive mit sinnstiftender Absicht auf vergangene Verhältnisse bezogen haben. Schließlich ist es eine nicht ganz unbedeutende Qualität des Menschen, sich auf Wirklichkeiten beziehen zu können, die entweder noch nicht oder nicht mehr existieren. Den verfügbaren Vergangenheiten – verfügbar aufgrund von Erzählungen, Berichten, dokumentarischen Überlieferungen – wird dabei üblicherweise mehr Raum gelassen als den unsicheren Zukünften, allein schon, weil diese Vergangenheiten für gewöhnlich mit einer deutlich größeren Materialfülle aufwarten können. In allen Fällen von Beschäftigung mit Vergangenem ist es aber so, dass nie einfach nur festgehalten und festgestellt wird, was einst geschah. Dieses Geschehene wird vielmehr immer in der einen und anderen Weise, und sei es noch so unterschwellig, zu einem Bestandteil derjenigen Gegenwart gemacht, die sich dieser Vergangenheit zuwendet. Schon der Umstand, sich überhaupt einem vergangenen Geschehen, und dann auch noch ausgerechnet diesem vergangenen Geschehen zugewendet zu haben, knüpft eine Band zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Vergangenes wird solcherart zur Geschichtskultur einer Gegenwart.

Ubiquitär!

Damit wird ein Problem offenbar, das Diskussionen um die Geschichtskultur immer begleitet: Jeder gegenwärtige Bezug auf Vergangenes ist schon ein Beitrag zur Geschichtskultur, ob intendiert oder nicht. Wenn aber alle Beschäftigungen mit Vergangenheit zur Geschichtskultur beitragen, lässt sich diese Geschichtskultur dann noch von irgendetwas unterscheiden? Ist sie identisch mit der ominösen ‚Geschichte‘ in ihrer Gesamtheit? Belegt sie nicht eigentlich einen erheblichen Teil unseres alltäglichen Handelns, weil wir uns ja beständig auf Vergangenes beziehen? Sind die Zeitungslektüre oder die Plauderei beim Mittagessen über den letzten Urlaub auch schon Beiträge zur Geschichtskultur, weil sie sich auf Vergangenes beziehen?

In der Tat, wollte man versuchen, die Anwesenheit von Vergangenem in unserem Alltag zu katalogisieren, dürfte einem schnell schwindelig werden. Potentiell sind all diese Formen der Bezugnahme auf Vergangenes dazu in der Lage, zur Geschichtskultur beizutragen, wenn sie das auch mit höchst unterschiedlicher Effektivität tun.

Aus diesem Grund mögen einen die allgemeinen Bestimmungen, die bisher zur Geschichtskultur vorliegen, zuweilen etwas unzufrieden zurücklassen. Denn sie sind nicht selten, nun ja, so allgemein gehalten, dass sie sich nur noch unter Schwierigkeiten von irgendetwas anderem halbwegs trennscharf unterscheiden lassen. Wenn Jörn Rüsen, wohl der am häufigsten zitierte Stichwortgeber zum Thema Geschichtskultur, davon spricht, dass sich mit diesem Begriff Phänomene verbinden wie eine intensivierte Erinnerungskultur, die Aufmerksamkeit für historische Debatten auch außerhalb der akademischen Welt, die Bedeutung geschichtlicher Argumente im Zusammenhang öffentlicher politischer Diskussionen oder generell ein allenthalben festzustellender Geschichtsboom, dann kann man sich schon fragen, wo diese Geschichtskultur anfängt und wo sie aufhören soll. Rüsen stellt geradezu einen kleinen Katalog zusammen, wo und wie sich diese Geschichtskultur konkretisiert – eine Auflistung, die sich allerdings bei näherer Betrachtung flugs ins Riesenhafte ausweitet (und Obacht, nun folgt ein etwas längeres Zitat):

„Fachwissenschaft, schulischer Unterricht, Denkmalpflege, Museen und andere Institutionen werden über ihre wechselseitigen Abgrenzungen und Unterschiede hinweg als Manifestationen eines übergreifenden gemeinsamen Umgangs mit der Vergangenheit in Augenschein genommen und diskutiert. ‚Geschichtskultur‘ soll dieses Gemeinsame und Übergreifende bezeichnen. Sie rückt die unterschiedlichen Strategien der wissenschaftlichen Forschung, der künstlerischen Gestaltung, des politischen Machtkampfes, der schulischen und außerschulischen Erziehung, der Freizeitanimation und anderer Prozeduren der öffentlichen historischen Erinnerung so in den Blick, daß sie alle als Ausprägungen einer einzigen mentalen Kraft begriffen werden können. So synthetisiert sie auch Universität, Museum, Schule, Verwaltung, die Massenmedien und andere kulturelle Einrichtungen zum Ensemble von Orten der kollektiven Erinnerung und integriert die Funktionen der Belehrung, der Unterhaltung, der Legitimation, der Kritik, der Ablenkung, der Aufklärung und anderer Erinnerungsmodi in die übergreifende Einheit der historischen Erinnerung.“ [2]

Alle anderen

Was einen bei dieser Aufzählung nervös machen sollte, ist das kleine Wörtchen „andere“, das man auch mit „alle“ übersetzen könnte, so dass „andere Prozeduren“, „andere Einrichtungen“ und „andere Erinnerungsmodi“ schnell in „alle Prozeduren/Einrichtungen/Erinnerungsmodi“ umschlagen können. Wie umfassend das Konzept von Geschichtskultur ist, zeigt die Definition von Rüsen: „Geschichtskultur läßt sich also definieren als praktisch wirksame Artikulation von Geschichtsbewußtsein im Leben einer Gesellschaft.“ Und dabei soll es um nichts weniger gehen als um die „Praxis von Bewußtsein“ und um „menschliche Subjektivität“.[3]

Man stelle sich einfach die Frage, an welchen Orten und in welchen Situationen diese von Rüsen beschriebene Arbeit an der Geschichtskultur vonstattengeht, und man wird wohl zu der Schlussfolgerung kommen müssen, dass sie permanent und allerorten geschieht. Es hilft noch nicht einmal, den scheinbar naheliegenden Rettungsweg einzuschlagen und auf diejenigen Lebensbereiche zu verweisen, die vornehmlich mit der Gestaltung von Zukunft beschäftigt sind – große Teile des Wirtschaftshandelns, Finanzspekulationen, politische Projektionen, technische Innovationen, Vorhaben zur Lösung ökologischer Probleme –, denn all diese Versuche zur Vorbereitung auf das Kommende sind ja nicht nur möglich aufgrund von Daten aus der (ferneren oder jüngeren) Vergangenheit, sondern sind abhängig von bestimmten Formen der Geschichtskultur, die sie nicht zuletzt selbst schaffen, und wenn es sich dabei um eine der trivialsten und gleichzeitig einflussreichsten Aspekte dieser Geschichtskultur handelt, nämlich den Glauben an einen Fortschritt.

Auch konstruktivistische Bestimmungen von Geschichtskultur, wie sie beispielsweise Bernd Schönemann und Marko Demantowsky formuliert haben, helfen bei dem verständlichen Orientierungswunsch mittels Einschränkung des Gegenstandes kaum weiter, weil hier die gesellschaftliche Konstruktion der Vergangenheit in ihrer ganzen breite und Allgemeinheit im Vordergrund steht. Und wo geschieht das nicht?

Lob der Unschärfe

Warum also trotz dieser terminologischen Untiefen weiterhin am Begriff der Geschichtskultur festhalten? Nun, genau deswegen – wegen seiner Unschärfe! Ich halte es gerade im Zusammenhang kultureller, also sinngenerierender Phänomene für kein Manko, den jeweiligen Gegenstand nicht mit dem Schnitt eines Teppichmessers in aller Eindeutigkeit von ähnlich gelagerten Gegenständen abtrennen zu können. Vielmehr erachte ich die inhaltliche Unschärfe der Geschichtskultur für einen großen Vorteil, um einerseits eine Vielzahl unterschiedlicher Vergangenheitsbezüge behandeln zu können und um andererseits diese geradezu erschreckende Allgegenwärtigkeit geschichtskultureller Phänomene zumindest einigermaßen in den Blick zu bekommen. Das kulturell ubiquitäre, parasitär sich ausbreitende und sämtliche Lebensbereiche tangierende Phänomen der Geschichtskultur tut uns nicht den Gefallen, dadurch handhabbar zu werden, dass wir es in ein engeres definitorisches Korsett einzwängen. Die kollektive Praxis würde eine solche Einschnürung leichthin sprengen. Nein, gerade weil alles, was sich unter dem nebulösen Ausdruck der Geschichtskultur fassen lässt, nicht auf die Bereiche einer wie auch immer gearteten ‚Hochkultur‘ beschränkt werden kann, nicht auf das Feuilleton und nicht auf wissenschaftlich-historische Debatten im engeren Sinn, sondern wir alle jederzeit sowohl intendiert als auch nur nebenbei daran beteiligt sind, diese Geschichtskultur zu formen, indem wir Familienfotos in der Wohnung aufhängen, Tagebuch führen, Musik aus vergangenen Jahrzehnten und Jahrhunderten hören oder eine bestimmte politische Gruppierung mitsamt ihrer Erzählung, wie es einmal war und wie es demnächst werden sollte, überzeugend finden, arbeiten wir mit an dieser Geschichtskultur – selbst wenn das nie in unserer Absicht lag. Dass diese Geschichtskultur so unscharf bleibt, ist daher weniger ein Hinweis auf konzeptionelle Probleme, sondern belegt eher die Bedeutung des Gegenstands. Mit dem Ausdruck ‚Geschichtskultur‘ lässt sich auf den Umstand verweisen, dass es zu den Vorrechten wie auch Notwendigkeiten menschlicher Kollektive gehört, sich auf abwesende, hier vor allem vergangene abwesende Zeiten beziehen zu können. Es behaupte also niemand, der Ausdruck ‚Geschichtskultur‘ sei unbrauchbar, weil zu schwammig. Denn dann müsste man im Anschluss auch gleich diskutieren, wie wir denn noch sinnvoll sprechen können sollen über solche ‚Gegenstände‘ wie Gesellschaft, Politik, Wirtschaft, Recht, Technik, Zeit, Wirklichkeit, Welt – denn Entschuldigung, wo bitte ist da der eindeutige und scharf einstellbare Gegenstand?

Luther in Plastik

Nehmen wir die produktive Herausforderung der geschichtskulturellen Unschärfe an, dann lassen sich einige Anschlussfragen formulieren. So kann, ja, muss man gerade angesichts des Reformationsjubiläums die Frage stellen, inwieweit die Geschichtskultur, die wir uns in unserer eigenen Gegenwart leisten, mit der good ol‘ Kulturindustrie von Adorno und Horkheimer zusammenhängt. Ist die Geschichtskultur des frühen 21. Jahrhunderts unter Umständen eine Konkretisierung von Kulturindustrie, wie sie sich noch nicht einmal die Frankfurter Schule auszumalen wagte?

Sie ist ja bereits vielfach vorgeführt worden, die schöne, neue Reformationsjubiläums-Merchandising-Plastikwelt, prototypisch vertreten durch den Playmobil-Luther, der schon eine halbe Million Mal über den Ladentisch gegangen sein soll. (Auch wenn es bereits zu interreligiösen Verstimmungen wegen dieser Figur gekommen ist.) An Luther-, Katharina-von-Bora- und weiterem Reformations-Nippes besteht wahrlich kein Mangel.

Nun hat nicht erst das Reformationsjubiläum die Vermarktung der Geschichtskultur erfunden. Der Museumsshop gehört als Einrichtung längst zu den unverzichtbaren Bestandteilen entsprechender Kulturinstitutionen. Nur stechen im Falle des Reformationsjubiläums die Luther-Socken und das Katharina-von-Bora-Kochbuch besonders ins Auge, weil doch immer wieder von berufener Stelle betont wird, wie wichtig die ‚Botschaft‘ der Reformation sei. Die Frage wird nur sein, was man nach dem 31. Oktober 2017, also nach der großen Sause und mitten im Reformationsjubiläumskater, von den dann abgelaufenen Feierlichkeiten noch in Erinnerung behalten wird: die Botschaft dieses Ereignisses (aber wie lautete sie gleich nochmal?) oder den freundlich lächelnden Playmobil-Luther.

Ähnlichkeit und Einverständnis

Gehen wir also ganz pennälerhaft das Kulturindustrie-Kapitel bei Horkheimer und Adorno durch, um abzuprüfen, ob das Reformationsjubiläum diesen kulturellen Straftatbestand erfüllt (und wohlgemerkt, die folgende Auflistung ist unvollständig). [4]

– Vorwurf 1: „Kultur schlägt heute alles mit Ähnlichkeit.“ (S. 128) Dem muss man mit Blick auf das Reformationsjubiläum weitgehend zustimmen. Inhaltlich findet eine weitgehende Beschränkung auf die Person Luthers statt, äußerlich werden die gleichen Formen aufgefahren, welche die Kulturindustrie auch ansonsten in petto hat – oder warum findet sich in den Reformationsnippesläden republikweit das identische Angebot?

– Vorwurf 2: „Kulturindustrie endlich setzt die Imitation absolut. Nur noch Stil, gibt sie dessen Geheimnis preis, den Gehorsam gegen die gesellschaftliche Hierarchie.“ (S. 139) Solange man meint, sich bei der Beschäftigung mit der Reformation einerseits auf die Person Martin Luthers beschränken, andererseits diese Person auf einige wenige Stichworte reduzieren zu können, die zudem auch noch hemmungslos präsentisch ausgerichtet bleiben (Rebell, Wutbürger, Freiheit, Individualität, Medien …), kann kaum etwas anderes herauskommen, als eine Bestätigung herrschender Verhältnisse.

– Vorwurf 3: „Der [gesellschaftliche] Gegensatz läßt am wenigsten sich versöhnen, indem man die leichte [Kunst] in die ernste aufnimmt oder umgekehrt. Das aber versucht die Kulturindustrie.“ (S. 144) Und in Sachen Reformationsjubiläum war das schon immer besonders gut zu beobachten – auch wenn wir es eher selten mit Kunst im engeren Sinn zu tun haben. Unter Ausschluss der Ultramontanen wurden Reformation und Luther spätestens seit dem 19. Jahrhundert erfolgreich dazu instrumentalisiert, um nationale Einheit über alle gesellschaftlichen Unterschiede hinweg herzustellen (dokumentiert derzeit in Ausstellung im Kloster Dalheim). Und auch im Jahr 2017 wird – erfolgreich – versucht, das Reformationsjubiläum als ein gesamtdeutsches und sogar europäisches Ereignis zu begehen (wenn auch die nationalistischen Töne merklich vermieden werden).

– Vorwurf 4: „[…] die Totalität der Kulturindustrie. Sie besteht in der Wiederholung. […] Mit Grund heftet sich das Interesse ungezählter Konsumenten an die Technik, nicht an die starr repetierten, ausgehöhlten und halb schon preisgegebenen Inhalte.“ (S. 144) Kaum anders zu erklären ist es, dass sich die meisten Programme im Zuge des Reformationsjubiläums zum Verwechseln ähneln und immer die gleichen Fragen stellen. Was hat Luther damals gesagt? – Was kann uns Luther heute noch sagen? – Was hätte Luther heute wohl dazu gesagt? – Und was gab es bei Katharina von Bora zum Abendessen?

– Vorwurf 5: „Die ursprüngliche Affinität aber von Geschäft und Amusement zeigt sich in dessen eigenem Sinn: der Apologie der Gesellschaft. Vergnügtsein heißt Einverstandesein.“ (S. 153) Und dieses Bemühen ist im Jahr 2017 im hohen Maß festzustellen: Reformation und Luther – wenn auch mit Abstrichen hier und da (nobody’s perfect) – zu konsensfähigen Gegenständen zu machen, an denen man sich heute umstandslos und ohne größere Abstriche orientieren können sollte. Gegenstimmen gibt es, aber sie bleiben die Ausnahme.

Luther als Punk

Die Verteidigung mag nun anführen, dass allein schon die Singularisierung von der Kulturindustrie eher in die Irre führen muss. Denn weil die Kulturindustrie immer auch das Potential ihrer eigenen Subversion mit sich führt – man kann ihre Mittel gegen sie selbst wenden –, existiert auch die Möglichkeit zu wirklichen Alternativen, die in der Diversifizierung liegen. Im Umfeld des Reformationsjubiläums waren diese alternativen Ansätze bisher aber eher in Ansätzen auszumachen. Wir müssen immer noch auf Luther als Punk warten. (Und nein, ich meine jetzt nicht eine Lutherdarstellung mit Irokesenfrisur – die gibt es ziemlich sicher schon irgendwo –, sondern auf eine Lutherauseinandersetzung aus einer Punk-Haltung heraus.) Eine Hoffnung besteht in der Reihe „Luther und die Avantgarde“ – wir werden sehen, was dabei herauskommt.

Die Grenzlinien zwischen inhaltlicher Auseinandersetzung und oberflächlichem Konsum lassen sich an den beiden Faktoren Zeit und Komplexität bemessen. Je mehr Zeit in die Herstellung des Reformationsjubiläumsprodukts gesteckt wurde (mehrhundertseitige Biographie, umfangreiche Ausstellung) und je mehr Zeit zu dessen Wahrnehmung nötig ist, desto höher die Wahrscheinlichkeit, die dünne Hülle von „Luther ist ja eigentlich …“-Aussagen zu durchstoßen. Und je größer das Bemühen, die Schwierigkeiten, Verästelungen, Kompliziertheiten und Vielfältigkeiten des Reformationsvorgangs deutlich zu machen, desto geringer die Gefahr, das Jubiläumsgesumse zu einem schnellen Appetithappen werden zu lassen. Dafür bräuchte es gar nicht die von Horkheimer und vor allem von Adorno immer wieder propagierte bürgerliche Hochkultur. Das geht auch durchaus im popkulturellen Zusammenhang. Nur sind leider das subkulturelle Bemühen oder die Underground-Attitüde im Zusammenhang mit dem Reformationsjubiläum bisher eher schwach ausgebildet. Stattdessen bekommen wir ein Pop-Oratorium.

 

Anmerkungen

[1] Jörn Rüsen: Was ist Geschichtskultur? Überlegungen zu einer neuen Art, über Geschichte nachzudenken, in: Klaus Füßmann/Theo Grütter/ders. (Hg.): Historische Faszination. Geschichtskultur heute, Köln/Weimar/Wien 1994, 3-26; Bernd Schönemann: Erinnerungskultur oder Geschichtskultur?, in: Eugen Kotte (Hg.): Kulturwissenschaften und Geschichtsdidaktik, München 2011, 53-72; Marko Demantowsky: Geschichtskultur und Erinnerungskultur – zwei Konzeptionen des einen Gegenstandes. Historischer Hintergrund und exemplarischer Vergleich, in: Geschichte, Politik und ihre Didaktik 33 (2005) 11-20.

[2] Jörn Rüsen: Was ist Geschichtskultur? Überlegungen zu einer neuen Art, über Geschichte nachzudenken, in: Klaus Füßmann/Theo Grütter/ders. (Hg.): Historische Faszination. Geschichtskultur heute, Köln/Weimar/Wien 1994, 4.

[3] Ebd., 5.

[4] Max Horkheimer/Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente, Frankfurt a.M. 1998, 128-176.

Erasmus-Postille

Titelbild: Babak Fakhamzadeh

Erasmus von Rotterdam und Martin Luther waren sich nicht grün. Als überragende Gestalt der europäischen Gelehrtengemeinschaft war Erasmus einst auch von Luther bewundert worden; Erasmus seinerseits hatte die Kritik des jungen Augustinermönchs an den Praktiken der Papstkirche zur Kenntnis genommen, die seinen eigenen Auffassungen entsprochen haben dürfte. Aber mit der römischen Kirche wollte Erasmus nicht brechen. Und wer sich nicht auf die Seite des Wittenberger Reformators stellte, war in der akuten Gefahr, eines Morgens als dessen Feind zu erwachen. Auch der unumstrittene Humanistenstar des frühen 16. Jahrhunderts war davor nicht gefeit. Öffentlichkeitswirksam vollzogen wurde der Bruch 1524. Erasmus veröffentlichte in diesem Jahr seine Abhandlung über den freien Willen (De libero arbitrio), in der er die freie Entscheidungsmöglichkeit des Menschen zwischen dem Guten und dem Bösen für ein Geschenk Gottes hielt. Martin Luther antwortete ein Jahr später mit einer Schrift über den geknechteten Willen (De servo arbitrio). Darin argumentiert er, der Mensch besitze keinen freien Willen im umfänglichen Sinn, weil er sich beispielsweise nicht dafür oder dagegen entscheiden könne, der göttlichen Gnade teilhaftig zu werden. Diese Gnade sei ihm immer bereits schon von Gott geschenkt worden – und nun müsse das sündhafte Wesen mit diesem unverdienten Geschenk zurechtkommen. Der menschliche Wille erschien Luther eher wie ein Pferd, wie er schrieb, das vom Teufel geritten und von Gott gelenkt wurde. Keinen von beiden wurde der Mensch wieder los. Es war nur die Frage, wer die Oberhand behielt.

Erasmus und Luther sind sich nie persönlich begegnet. Ob ein solches Treffen von zwei der bekanntesten Männer des damaligen Europa irgendeinen Mehrwert gehabt hätte, werden wir nie erfahren. Erasmus und die „Alternative für Deutschland“ sind sich auch nie begegnet. Auf den Mehrwert eines solchen fiktiven Treffens wäre ich allerdings gespannt gewesen. Was wäre wohl geschehen, wenn jemand wie Erasmus, der die Europäizität Europas gar nicht erst groß propagieren musste, sondern sie einfach selbstverständlich gelebt hat, auf die Mitglieder einer stinknormalen, etablierten Gruppierung von Politiker/innen gestoßen wäre, die sich nicht nur verkrampft von ‚den Etablierten‘ abzusetzen versuchen, sondern das Gegenteil dessen verkörpern, was am Europäischen vorbildlich sein könnte? Nun, in einer solchen Situation hätte Erasmus zumindest Einspruch erheben können, dass sein Name für eine parteinahe Stiftung der AfD missbraucht wird. Nun ist Erasmus leider tot und kann sein Nicht-Einverständnis leider nicht mehr artikulieren.

Nach verschiedenen Anläufen ist der AfD also etwas gelungen, was einem als etablierte Partei, die ständig gegen etablierte Parteien wettert, eigentlich gar nicht gelingen sollte, sich nämlich genauso zu benehmen, wie alle anderen (nicht, dass das gänzlich neu wäre …). Die Desiderius-Erasmus-Stiftung ist am 10. Dezember in Frankfurt a.M. gegründet worden. Sie soll sich vornehmlich aus staatlichen Zuschüssen finanzieren, wie bei anderen etablierten Parteien eben auch. Auch Spenden sind möglich, steuerlich abzugsfähig. Solche Modelle hat die AfD immer wieder angeprangert, solange es ihr Stimmen brachte. Aber nun ist sie wahrscheinlich Opfer des lutherischen geknechteten Willens geworden und kann sich gar nicht mehr entscheiden, für oder gegen die staatliche Gnade der Parteienfinanzierung zu sein, sondern nimmt sie einfach nur noch demütig hin.

Der wirkliche Skandal aber lauert an anderer Stelle: im Namen. Es ist nicht die mögliche namensrechtliche Kollision mit dem Erasmus-Programm der Europäischen Union, sondern der Missbrauch eines Vorzeigeeuropäers – Entschuldigung, aber diese abgedroschene Floskel ist für kaum jemanden so passend wie für Erasmus von Rotterdam – durch eine Partei, die sich Fremdenfeindlichkeit, Anti-Europäismus, Anti-Intellektualismus und Weltverschlossenheit auf die Fahnen geschrieben hat (und die vor gefühlten Urzeiten einmal mit dem wesentlichen Programmpunkt angetreten ist, die Euro-Währung wieder abzuschaffen). Da könnte sich Die Linke auch Donald Trump zum Vorsitzenden wählen oder die CSU Karl Marx zum Parteiphilosophen ausrufen. Man möchte geradezu mit Tony Buddenbrook fragend aufstampfen: „… daß dieses Geschmeiß sich erfrecht, der Sache die Krone aufzusetzen?“ [1]

Aber wirklich verwundern kann es eigentlich kaum. Vorsitzender der Stiftung ist schließlich Konrad Adam, ein der Geschichtsklitterung bereits einschlägig vorbestrafter Zeitgenosse. Da fügen sich die Dinge. Da kann man auch einmal den Namen eines echten Europäers für ein dezidiert antieuropäisches Programm missbrauchen. Kann sich ja nicht mehr wehren.

Und wer weiß, vielleicht haben ja Luthers Ideen vom unfreien Willen, die ich ansonsten für wenig vorbildlich halte, doch einen gewissen Grad an Plausibilität. Zumindest kann man im Falle eines gewissen Bekanntheitsgrades nach dem eigenen Ableben und dem damit einhergehenden Verfall von Persönlichkeitsrechten nicht mehr frei darüber entscheiden, wer oder was den eigenen Namen als Feigenblatt für noch so perfide Inhalte in Anspruch nimmt. Aber wenn Luther in gewisser Weise recht gehabt haben sollte, dann stellt sich auch die Anschlussfrage, von wem das AfD-Pferd denn nun geritten wird – von Gott oder vom Teufel?

Desiderius ist der zusätzliche Vorname, den sich Erasmus selbst gab. Das bedeutet ‚der Ersehnte‘ oder ‚der Erwünschte‘. Vielleicht hat sich der unehelich geborene und damit im Verständnis des 16. Jahrhunderts auch ehrlose Erasmus, dieser lange Ausgegrenzte und im positiven Sinn Vaterlandslose zuweilen gewünscht, ersehnter und erwünschter zu sein. Vielleicht würde er sich heute, wenn er einen Wunsch frei hätte, danach sehnen, nicht permanent für den einen oder anderen politischen Zweck als Namensgeber missbraucht zu werden. Und alle anderen dürfen sich wünschen, sich zumindest ein Stückweit an seinem Vorbild orientieren zu können, indem sie sich dem Menschlichen in seiner Allgemeinheit und seiner Vielheit zuwenden, selbst wenn es unehelich, ausgestoßen und heimatlos daherkommt.

Ich möchte aber ungebührliche Spekulationen über die Person des Erasmus beiseitelassen und ihm lieber selbst das Wort geben. Denn wie diejenigen einzuschätzen sind, die besser sein wollen als alle anderen, um sich schlussendlich wie alle anderen zu benehmen, hat er in seinem „Lob der Torheit“ formuliert. Dabei hat er es auch nicht unterlassen, auf paradoxe Weise die Torheit über sich selbst sprechen zu lassen, so dass man sich beständig fragen kann und muss, ob diese Äußerungen nun besonders zutreffend oder außergewöhnlich närrisch sind:

„Wie nichts dümmer als übertriebene Weisheit, so nichts unklüger als überspannte Klugheit; und überspannt klug ist doch einer, der sich den Tatsachen nicht anpaßt, nichts nach dem Kurs fragt, ja nicht einmal an das alte Trinkgesetz denkt, das da heißt: »Sauf oder lauf!«, und verlangt, daß Komödie nicht Komödie sei. Wer wahrhaft klug sein will, der sage sich: Du bist ein Mensch; drum begehre nicht mehr zu wissen, als dir beschieden, und mach‘s wie die andern – die drücken lachend ein Auge zu oder lassen sich gutmütig über den Löffel balbieren. ‚Gerade das aber‘, sagt man, ‚ist Torenmanier!‘ Ich bestreite es nicht; nur soll man mir zugeben, daß sich so und nicht anders die Lebenskomödie spielt.“ [2]

 

Anmerkungen

[1] Thomas Mann, Die Buddenbrooks, Verfall einer Familie (Gesammelte Werke, Bd. 1), Frankfurt a.M. 1990, 552.

[2] Erasmus von Rotterdam, Ausgewählte Schriften, Bd. 2, hg.v. Werner Welzig, 3. Aufl. Darmstadt 2006, 65

LuttaDada 2

Das LuttaDada kann sich freuen. Endlich ist es soweit, endlich ist das Jahr 2017 angebrochen – sein Jahr! Das LuttaDada wird wachsen und gedeihen, denn mit jeder neuen Jubiläumsaktion, die sich die LuttaDadaisten ausdenken aus Anlass dieses 500jährigen Dingsbums, wird es an Bedeutung gewinnen. Die LuttaDadaisierung wird die ganze Welt erfassen! Jawohl, das LuttaDada ist inzwischen anmaßend genug, die Herrschaft über die Welt ernsthaft in Erwägung zu ziehen. Was ein TrumpDada kann …

Die ersten Anzeichen dieser Weltherrschaft sind unübersehbar. Oder ist irgendjemand der Meinung, es sei ein Zufall ist, wenn eine Gedenkmünze mit dem LuttaDada geprägt werden? Nicht irgendwelche Gedenkmünzen, nein! Auf dieser sieht man das LuttaDada als Superman (oder besser Lutherman) über das Schloss Stolberg fliegen. Da bedarf es keiner weiteren Erläuterung!

Nach dieser eher ungewohnten Art der Fortbewegung beißt das LuttaDada zur Stärkung werbewirksam mit breitem Grinsen, strahlenden Zähnen und einem Gesichtsausdruck, der übergroßen kulinarischen Genuss vermitteln soll, in die neue Luther-Salami. Exklusiv hergestellt von der Firma Naturfleisch Überweißbach. In Bibelform mit aufgedruckter Lutherrose! Auch im Internet zu bestellen! Sola scriptura geht ab sofort durch Magen und Darm!

Derart gestärkt kann sich das LuttaDada der medialen Meute stellen. Jawohl, das LuttaDada hat seine Scheu vor dem öffentlichen Auftritt abgelegt, hat sich aus der Deckung der Reformatoreneinsamkeit herausgewagt, um den ganz großen Medienhäusern exklusive Interviews zu gewähren, die dazu angetan sind, die Welt in ihren Grundfesten zu erschüttern. Denn merke: Wer 95 Thesen kann, kann auch visionäre Interviews! Wir haben uns dazu nur mit ausgewählten Medienpartnern zusammengetan. Ein Interview gibt es daher – wenig überraschend – zu sehen beim Zeitungsverlag Waiblingen, das andere beim unvergleichlich einflussreichen Nachrichtenportal Rhein-Neckar „morgenweb“ (das man irritierenderweise auch noch abends konsultieren kann; nun ja).

Wogegen sich das LuttaDada aber mit aller Vehemenz wehren möchte, ist eine Verbindung mit Ronald Pofalla. Das geht nicht! Ein Pofalla kann nicht in Wittenberg den neuen Bahnhof eröffnen, der für das LuttaDada gebaut wurde. Das will das LuttaDada nicht! Und wenn das LuttaDada etwas nicht will, dann wird es auch nicht geschehen. Auch nicht in der Vergangenheit! Es wird also auch nicht geschehen sein! LuttaDadaisten werden diesen Bahnhof nicht benutzen! Sie werden zu Fuß gehen oder Wittenberg weiträumig umfahren, sie werden mit dem Fallschirm abspringen oder einen Tunnel durch das Erdreich graben, aber sie werden keinen pofallaisierten Bahnhof ansteuern. Das LuttaDada hat gesprochen!

Die gewonnene Zeit bei der Vermeidung dieses Bahnhofs lässt sich sinnvoll investieren bei der Beschreibung eines Wunders. Und nun sage bloß niemand, Wunder könne man entweder nur erleben oder bewirken, aber nicht beschreiben. Die Gemeinde Tambach-Dietharz ist da ganz anderer Meinung! Dort soll das LuttaDada nämlich im Jahre des Herrn Eintausendfünfhundertsiebenunddreißig von einem Leiden an den Nieren geheilt worden sein. Aber wie nur geschah dieses Wunder? Und wie konnte es geschehen, obwohl das mit dem Wunderglauben im LuttaDadaismus ja so eine ganz eigene Sache ist? Einigen ordentlich angestellten LuttaDadaisten scheint diese Frage keine Ruhe zu lassen. Pfarrer Gregor Heidbrink aus Finsterbergen – wir alle kennen seinen Krimi „Der gute Mensch von Düsteroda“ – hat mit einigen wackeren Mitstreitenden einen Preis ausgelobt, mit dem ein Text ausgezeichnet werden soll, in dem das Geheimnis kriminalschriftstellerisch gelüftet wird. Das LuttaDada ist insbesondere erfreut über den Abgabetermin für die Texte: 1. April 2017!

Krimis gut und schön – aber muss eine so todernste Sache wie die weltweite Verbreitung des LuttaDadaismus unbedingt auf das Niveau von Kinderspielzeug herabgedrückt werden? Ist denn nur noch Spaß angesagt, wenn es um fundamentale Fragen wie das Seelenheil geht? Es scheint so. Möge es der angemessenen Infiltrierung der Jungendbewegung des LuttaDadaismus (JLD) dienen. Das LuttaDada gibt es nun als „Quiz zu Kirche, Kultur und Konfessionen“. Das LuttaDada gibt es als „Martin Luther – Das Spiel“ mit Proviantkarten, Erfahrungssteinen, Abdeckplättchen, Porträtplättchen, Wegeringen und – besonders einladend – ‚Cranach malt‘-Plättchen. Auf die existentielle Dimension des reformatorischen Vorgangs wird zumindest insofern hingewiesen, als unter Dreijährige an diesem Spiel nicht beteiligt werden sollten. Verschluckungs- und Erstickungsgefahr! Ein Tiefpunkt papistisch-dadaistischer Propaganda ist allerdings das Spiel „Mea Culpa“. Dort, so musste das LuttaDada erfahren, wird doch allen Ernstes um die möglichst gelungene Art des Ablasshandels gestritten, mit der man sich der Himmelspforte nähern soll. Das lehnen wir ab! Dieses Spiel wird sofort verboten! Die Mission des LuttaDada ist noch lange nicht beendet!

Auch heute will das LuttaDada nicht darauf verzichten, einige Veranstaltungshinweise zu geben. Dieses Mal: Das Weltereignis in Blaubeuren! Es locken lustige Liederabende unter dem Motto „Luthers Laute“. Heranwachsende aus der Blaubeurer Jungschargruppe haben spezielle Angebote vorbereitet (auch wenn man hier noch nicht spezieller werden wollte). Außerdem fragt man in Blaubeuren investigativ nach: Ein Bilderverbot in der Bibel? Bedauerlich ist allerdings, dass man sich ansonsten vor Ort vor allem auf den Dialog mit den Menschen freut. Traurig, traurig, unter welchen Ausgrenzungserfahrungen die Tierwelt bei diesem Reformationsjubiläum einmal mehr zu leiden hat. Und was bei den 500-Jahr-Feierlichkeiten niemals und unter gar keinen Umständen fehlen darf, auch nicht in Blaubeuren, ist das Herzstück einer jeden Reformationsjubiläumsveranstaltung, die Krone in jedem Gemeindeprogramm: Kochen wie zu Luthers Zeiten! Guten Appetit!

Lang lebe das LuttaDada!

 

Falk-Postille

Man kann aus Martin Luther einen Freiheitshelden machen. Muss man aber nicht. Man kann die ‚Botschaft‘ der Reformation (wie lautete sie gleich noch?) in das Korsett standardisierter Musicalmelodien packen. Man muss sich das aber nicht anhören. Man kann die geistliche Musik des 16. bis 18. Jahrhunderts in ein fahrstuhltaugliches Funktionsmusikgeriesel verwandeln. Man muss dafür aber kein Geld ausgeben.

Es gibt einen Mann, der all das nicht nur kann, sondern der wohl auch davon überzeugt ist, dass man es sollte. Man tut Dieter Falk wohl nicht unrecht, wenn man ihn als Überzeugungstäter charakterisiert. Er scheint überzeugt von der Verbreitung der christlichen Botschaft mittels massentauglicher Melodien, und er scheint überzeugt von den popmusikalischen Ausdrucksmöglichkeiten der 1970er und 1980er Jahre, die er in das frühe 21. Jahrhundert hinübergerettet hat.

Wer ist Dieter Falk? Ihn als Größe im Bereich der deutschen Popmusik zu bezeichnen, ist kaum übertrieben, auch wenn man den Namen noch nie gehört haben sollte. Er wirkt eher im Hintergrund als Mann an verschiedenen Tasteninstrumenten und als Produzent. Die größten Erfolge feierte er als Verantwortlicher für die Aufnahmen der Band Pur – und wenn man das zweifelhafte Vergnügen gehabt sollte, deren Musik schon einmal gehört zu haben (was sich irgendwann in den 1990er Jahren nicht so richtig vermeiden ließ), dann hat man auch schon einiges von den musikalischen Vorlieben Dieter Falks begriffen.

Nun zu behaupten, Dieter Falk hätte die Marke Luther aktuell als Geschäftsmodell für sich entdeckt, ist nur die halbe Wahrheit. Er ist, wie gesagt, Überzeugungstäter, war bereits in den 1980ern bei Aufführungen und Aufnahmen christlicher Popmusik beteiligt. Das Einlassen auf und die Auslassungen zu Luther kommen also nicht von ungefähr. Falk ist nicht jemand, der es sich leichtmacht und auf den aktuellen Trend des Reformationsjubiläums aufspringt. In seinem Fall handelt es sich die konsequente Fortsetzung jahrzehntelanger Arbeit.

Angefangen von der musikalischen Sozialisation im Kirchenchor über die Produktion zahlreicher Schallplatten im Bereich christlicher Popmusik bis zur Aufführung von Musicals, deren Titel den Hauch von Hollywood-Filmproduktionen der 1950er Jahre atmen (Die 10 Gebote! Moses!), ist hier alles vertreten.

Und nun also Luther. Auch hier wird auf der ganzen medialen Klaviatur gespielt (… was für ein Kalauer bei einem Pianisten). Erstens gibt es eine CD „A tribute to Martin Luther“, eine Art instrumentales Jazz-Rock-Gedöns mit Bläsern und Filmorchester und viel Drumherum, begründet unter anderem mit der Aussage, Luther sei der „erste Popmusiker der Kirche gewesen“. Aber Falk bedient, zweitens, auch die Buchsparte und hat gemeinsam mit seiner Frau Angelika für die Deutsche Bibelgesellschaft den Umschlag einer Sonderausgabe der revidierten Luther-Bibel kreiert. Der dritte Beitrag zum Jubiläums-Tingeltangel ist dann aber die ganz große Show: das sogenannte Pop-Oratorium, das auf den einfallsreichen Namen „Luther“ hört. Dessen Aufführung geht dieses Jahr deutschlandweit durch etliche Hallen und Stadien Deutschlands und gibt uns die Reformation mit ihrem Hauptdarsteller als Musical-Aufführung inklusive einem mehrtausendstimmigen Laienchor. Leider klingt das, was man sich bisher anhören kann, ohne die teuren Eintrittskarten für diesen ‚Event‘ zu erstehen, genauso wie es immer klingt, wenn deutsche Chöre versuchen, auf Gospel zu machen. Redlich bemüht.

Das Pop-Oratorium „Luther“ wird uns in diesem Jahr wohl noch häufiger über den Weg laufen. Spätestens am 29. Oktober 2017 können es sich alle öffentlich-rechtlich im ZDF ansehen. Und würde man mich um meine unmaßgebliche musikalische Meinung fragen, würde ich dafür plädieren, keinesfalls mehr der eigenen Finanzmittel als die fälligen Rundfunkgebühren dafür aufzuwenden. Denn die Musik ist zum Fremdschämen schlecht (Beispiele gibt es hier) und die Texte (von Michael Kunze, der unter anderem Texte für Udo-Jürgens-Klassiker wie „Griechischer Wein“ oder „Ich war noch niemals in New York“ geschrieben hat) gehören in die Kategorie des Peinlichen.

Hätten wir ihn da nicht schon wieder, den arroganten Hochkultur-Schnösel in mir, der sich angewidert vom Leichten in der Kunst abwendet? Das mag wohl zutreffen. So wie andere bei John Cage, Pere Ubu oder Charles Mingus schreiend weglaufen, muss ich mir bei dieser Musik die Ohren zuhalten. Das wäre an sich auch kein Problem und vor allem kein Anlass, eine Postille zu verfassen. Streitereien über musikalische Vorlieben bereiten zwar viel Freude, weil man sich so schön sinnlos in Rage argumentieren kann, bleiben aber regelmäßig ergebnislos. Deswegen sollte jeder den eigenen kleinen Musik-Honecker beim Verlassen der Wohnung besser zu Hause (oder zumindest unhörbar) lassen.

Bedenklich wird die Sache, wenn es sich die ‚Macher‘ dieses Machwerks ausdrücklich auf die Fahnen schreiben, kein Interesse an einer Geschichtsstunde zu haben und nicht das 16. Jahrhundert zur Aufführung bringen zu wollen, sondern die Aktualität der Figur Luther betonen möchten: Freiheit, Widerständigkeit, Individualität und eigenständiges Denken („Selber denken“ heißt auch ein Liedtitel), darum soll es gehen, gipfelnd in der Aussage, Luther sei ein „krasser Typ“ gewesen. Der Historiker in mir könnte es sich nun natürlich leichtmachen und diese ausdrückliche Geschichtsferne an sich geißeln. Aber das hieße, die eigenen Prämissen etwas voreilig für allgemeinverbindlich zu erklären. Mit diesem typischen Beispiel für das Weichgespüle des Reformationsjubiläums, diesem goldenen Volksmusikfestival der Vergangenheit, das Massentauglichkeit auf Teufel komm raus erreichen will (und wenn der Teufel gelockt werden soll, wird es doch schon wieder recht lutherisch), muss man aber aus ganz anderen Gründen seine Probleme haben.

Ganz richtig, mir gefällt die Musik nicht. Muss sie auch nicht. Aber das Problem dieser Luther-Verwurstungen und gnadenlosen Aktualisierungen ist letztlich ein ethisches. Denn mit der blanken Zurückweisung jeden historischen Interesses und jeglichen geschichtlichen Anspruchs wird auch die Verantwortung aufgegeben, die wir für die Verstorbenen haben. Und genau das können wir nicht tun (und würden zum Beispiel auch kaum wollen, dass es die Nachlebenden mit uns tun). Es ist nämlich verantwortungslos, die einst Gewesenen als Steigbügelhalter für flotte Erkenntnisse der Gegenwart zu missbrauchen. Um die Frage zu beantworten, wie wir gegenwärtig leben wollen, brauchen wir Luther nicht. Dem Reformationsgeschehen nur ein paar Allgemeinplätze zu entnehmen, wird aber weder der Vergangenheit noch der Gegenwart gerecht. Nicht nur wird das vergangene Geschehen unzulässig verkürzt, wenn man aus Luther einen dufte Popmusiker macht, sondern auch die Gegenwart tut sich keinen Gefallen damit, in ihm einen krassen Typen zu sehen. Er war nämlich ganz nebenbei auch noch ein krasser Judenhasser, ein schräger Apokalyptiker, ein kompromissloser Dogmatiker und ein Fundamentalist reinsten Wassers. Aber ein solcher Luther wäre selbstredend wenig musicaltauglich. Wir können Luther und der Reformation und dem 16. Jahrhundert und der Vergangenheit und überhaupt den vielen Vergangenheiten nicht beikommen, indem wir die vermeintlich simple Frage stellen, was das denn alles für uns heute noch bedeutet. Die Zeiten und ihre Verhältnisse zueinander sind deutlich komplizierter.