Falk-Postille

Man kann aus Martin Luther einen Freiheitshelden machen. Muss man aber nicht. Man kann die ‚Botschaft‘ der Reformation (wie lautete sie gleich noch?) in das Korsett standardisierter Musicalmelodien packen. Man muss sich das aber nicht anhören. Man kann die geistliche Musik des 16. bis 18. Jahrhunderts in ein fahrstuhltaugliches Funktionsmusikgeriesel verwandeln. Man muss dafür aber kein Geld ausgeben.

Es gibt einen Mann, der all das nicht nur kann, sondern der wohl auch davon überzeugt ist, dass man es sollte. Man tut Dieter Falk wohl nicht unrecht, wenn man ihn als Überzeugungstäter charakterisiert. Er scheint überzeugt von der Verbreitung der christlichen Botschaft mittels massentauglicher Melodien, und er scheint überzeugt von den popmusikalischen Ausdrucksmöglichkeiten der 1970er und 1980er Jahre, die er in das frühe 21. Jahrhundert hinübergerettet hat.

Wer ist Dieter Falk? Ihn als Größe im Bereich der deutschen Popmusik zu bezeichnen, ist kaum übertrieben, auch wenn man den Namen noch nie gehört haben sollte. Er wirkt eher im Hintergrund als Mann an verschiedenen Tasteninstrumenten und als Produzent. Die größten Erfolge feierte er als Verantwortlicher für die Aufnahmen der Band Pur – und wenn man das zweifelhafte Vergnügen gehabt sollte, deren Musik schon einmal gehört zu haben (was sich irgendwann in den 1990er Jahren nicht so richtig vermeiden ließ), dann hat man auch schon einiges von den musikalischen Vorlieben Dieter Falks begriffen.

Nun zu behaupten, Dieter Falk hätte die Marke Luther aktuell als Geschäftsmodell für sich entdeckt, ist nur die halbe Wahrheit. Er ist, wie gesagt, Überzeugungstäter, war bereits in den 1980ern bei Aufführungen und Aufnahmen christlicher Popmusik beteiligt. Das Einlassen auf und die Auslassungen zu Luther kommen also nicht von ungefähr. Falk ist nicht jemand, der es sich leichtmacht und auf den aktuellen Trend des Reformationsjubiläums aufspringt. In seinem Fall handelt es sich die konsequente Fortsetzung jahrzehntelanger Arbeit.

Angefangen von der musikalischen Sozialisation im Kirchenchor über die Produktion zahlreicher Schallplatten im Bereich christlicher Popmusik bis zur Aufführung von Musicals, deren Titel den Hauch von Hollywood-Filmproduktionen der 1950er Jahre atmen (Die 10 Gebote! Moses!), ist hier alles vertreten.

Und nun also Luther. Auch hier wird auf der ganzen medialen Klaviatur gespielt (… was für ein Kalauer bei einem Pianisten). Erstens gibt es eine CD „A tribute to Martin Luther“, eine Art instrumentales Jazz-Rock-Gedöns mit Bläsern und Filmorchester und viel Drumherum, begründet unter anderem mit der Aussage, Luther sei der „erste Popmusiker der Kirche gewesen“. Aber Falk bedient, zweitens, auch die Buchsparte und hat gemeinsam mit seiner Frau Angelika für die Deutsche Bibelgesellschaft den Umschlag einer Sonderausgabe der revidierten Luther-Bibel kreiert. Der dritte Beitrag zum Jubiläums-Tingeltangel ist dann aber die ganz große Show: das sogenannte Pop-Oratorium, das auf den einfallsreichen Namen „Luther“ hört. Dessen Aufführung geht dieses Jahr deutschlandweit durch etliche Hallen und Stadien Deutschlands und gibt uns die Reformation mit ihrem Hauptdarsteller als Musical-Aufführung inklusive einem mehrtausendstimmigen Laienchor. Leider klingt das, was man sich bisher anhören kann, ohne die teuren Eintrittskarten für diesen ‚Event‘ zu erstehen, genauso wie es immer klingt, wenn deutsche Chöre versuchen, auf Gospel zu machen. Redlich bemüht.

Das Pop-Oratorium „Luther“ wird uns in diesem Jahr wohl noch häufiger über den Weg laufen. Spätestens am 29. Oktober 2017 können es sich alle öffentlich-rechtlich im ZDF ansehen. Und würde man mich um meine unmaßgebliche musikalische Meinung fragen, würde ich dafür plädieren, keinesfalls mehr der eigenen Finanzmittel als die fälligen Rundfunkgebühren dafür aufzuwenden. Denn die Musik ist zum Fremdschämen schlecht (Beispiele gibt es hier) und die Texte (von Michael Kunze, der unter anderem Texte für Udo-Jürgens-Klassiker wie „Griechischer Wein“ oder „Ich war noch niemals in New York“ geschrieben hat) gehören in die Kategorie des Peinlichen.

Hätten wir ihn da nicht schon wieder, den arroganten Hochkultur-Schnösel in mir, der sich angewidert vom Leichten in der Kunst abwendet? Das mag wohl zutreffen. So wie andere bei John Cage, Pere Ubu oder Charles Mingus schreiend weglaufen, muss ich mir bei dieser Musik die Ohren zuhalten. Das wäre an sich auch kein Problem und vor allem kein Anlass, eine Postille zu verfassen. Streitereien über musikalische Vorlieben bereiten zwar viel Freude, weil man sich so schön sinnlos in Rage argumentieren kann, bleiben aber regelmäßig ergebnislos. Deswegen sollte jeder den eigenen kleinen Musik-Honecker beim Verlassen der Wohnung besser zu Hause (oder zumindest unhörbar) lassen.

Bedenklich wird die Sache, wenn es sich die ‚Macher‘ dieses Machwerks ausdrücklich auf die Fahnen schreiben, kein Interesse an einer Geschichtsstunde zu haben und nicht das 16. Jahrhundert zur Aufführung bringen zu wollen, sondern die Aktualität der Figur Luther betonen möchten: Freiheit, Widerständigkeit, Individualität und eigenständiges Denken („Selber denken“ heißt auch ein Liedtitel), darum soll es gehen, gipfelnd in der Aussage, Luther sei ein „krasser Typ“ gewesen. Der Historiker in mir könnte es sich nun natürlich leichtmachen und diese ausdrückliche Geschichtsferne an sich geißeln. Aber das hieße, die eigenen Prämissen etwas voreilig für allgemeinverbindlich zu erklären. Mit diesem typischen Beispiel für das Weichgespüle des Reformationsjubiläums, diesem goldenen Volksmusikfestival der Vergangenheit, das Massentauglichkeit auf Teufel komm raus erreichen will (und wenn der Teufel gelockt werden soll, wird es doch schon wieder recht lutherisch), muss man aber aus ganz anderen Gründen seine Probleme haben.

Ganz richtig, mir gefällt die Musik nicht. Muss sie auch nicht. Aber das Problem dieser Luther-Verwurstungen und gnadenlosen Aktualisierungen ist letztlich ein ethisches. Denn mit der blanken Zurückweisung jeden historischen Interesses und jeglichen geschichtlichen Anspruchs wird auch die Verantwortung aufgegeben, die wir für die Verstorbenen haben. Und genau das können wir nicht tun (und würden zum Beispiel auch kaum wollen, dass es die Nachlebenden mit uns tun). Es ist nämlich verantwortungslos, die einst Gewesenen als Steigbügelhalter für flotte Erkenntnisse der Gegenwart zu missbrauchen. Um die Frage zu beantworten, wie wir gegenwärtig leben wollen, brauchen wir Luther nicht. Dem Reformationsgeschehen nur ein paar Allgemeinplätze zu entnehmen, wird aber weder der Vergangenheit noch der Gegenwart gerecht. Nicht nur wird das vergangene Geschehen unzulässig verkürzt, wenn man aus Luther einen dufte Popmusiker macht, sondern auch die Gegenwart tut sich keinen Gefallen damit, in ihm einen krassen Typen zu sehen. Er war nämlich ganz nebenbei auch noch ein krasser Judenhasser, ein schräger Apokalyptiker, ein kompromissloser Dogmatiker und ein Fundamentalist reinsten Wassers. Aber ein solcher Luther wäre selbstredend wenig musicaltauglich. Wir können Luther und der Reformation und dem 16. Jahrhundert und der Vergangenheit und überhaupt den vielen Vergangenheiten nicht beikommen, indem wir die vermeintlich simple Frage stellen, was das denn alles für uns heute noch bedeutet. Die Zeiten und ihre Verhältnisse zueinander sind deutlich komplizierter.

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Club der weitgehend unbekannten Reformator/innen (CWUR), Folge 1: Robert Barnes

Titelbild: Jeff Turner

Man wird Martin Luther kaum den Titel absprechen können, der Reformator gewesen zu sein, einfach weil er hinsichtlich Einfluss, Popularität, Breitenwirkung und Ruhm zu Lebzeiten (wie auch in seinem Nachleben) schwerlich zu übertreffen ist. Aber er war eben bei weitem nicht der einzige Reformator. Wenn also im Rahmen dieses Reformationsjubiläums schon so sehr auf Personalisierung gesetzt wird, dann kann man wenigstens das Tableau an Personen ein wenig erweitern. Zu diesem Zweck wurde der „Club der weitgehend unbekannten Reformator/innen“ (CWUR) ins Leben gerufen, eine ehrenamtlich arbeitende Vereinigung, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, zumindest ein wenig von dem Scheinwerferlicht, das den Wittenberger Oberreformator schon seit Jahrhunderten anstrahlt, auf diejenigen Figuren abzulenken, die ansonsten in seinem Schatten stehen.

Darunter sind auch Personen zu finden, die erst nach ihrem Ableben zu Bekanntheit gelangt sind. Einer von ihnen ist der Engländer Robert Barnes, der gegen Ende seines Lebens (von dem er noch nicht wissen konnte, dass es sein Ende sein würde) den fatalen Fehler beging, sich zu weit in den Dunstkreis des englischen Königs Heinrich VIII. hineinbewegt zu haben. Und wie allgemein bekannt, diese Nähe ist nicht allen bekommen. Barnes wurde 1540 auf dem Scheiterhaufen hingerichtet, offiziell wegen Häresievorwürfen, tatsächlich aber, weil er in den Sturz seines Patrons Thomas Cromwell verwickelt war.

Dieses tragische Ende bot der protestantischen Seite die Möglichkeit, aus Barnes einen Streiter für den rechten Glauben und einen Märtyrer im Kampf für das wahre Christentum zu machen. In dieser Rolle hat er als Reformator, zumindest im deutschsprachigen Raum, erst nach seinem Tod wirklich an Bedeutung gewonnen. In einer 1540 erschienenen Flugschrift („Bekantnus des Glaubens/ Die Robertus Barns/ Der Heiligen Schrifft Doctor (inn Deudschem Lande D. Antonius genent) zu Lunden in Engelland gethan hat“) wurden seine angeblich letzten Worte überliefert. Martin Luther verfasste dazu ein Vorwort und bescherte der Schrift dadurch großen Erfolg. Die Flugschrift erlebte mindestens neun Auflagen.

Geboren wurde Barnes 1495 in Norfolk. Er absolvierte eine Laufbahn, die für einen angehenden Reformator (der noch nicht wissen konnte, dass er einmal Reformator werden würde) als durchaus typisch anzusehen ist. Neben einer Ausbildung bei den Augustinern absolvierte er auch noch ein Studium in Cambridge und Löwen, wurde schließlich 1523 zum Doktor der Theologie promoviert. 1525 hielt er dann in Cambridge eine Predigt, die ihn bis an sein Lebensende begleiten sollte, weil sie einerseits seine reformatorische Gesinnung offenbarte, ihm andererseits eine Anklage wegen Häresie einbrachte. Vor den Gefahren, die ihm in England drohten, floh er auf den Kontinent, hielt sich auch längere Zeit in Wittenberg auf, lernte unter anderem Luther und Melanchthon kennen, verfasste theologische Abhandlungen und wurde schließlich Nutznießer des Umstands, dass Heinrich VIII. von England inzwischen zumindest die politisch-dynastischen Vorteile einer Reformation für sich und seine Monarchie zu schätzen wusste (wenn er auch von den theologischen Aspekten nicht wirklich überzeugt war). Aufgrund seiner Verbindungen zur protestantischen Szene in Deutschland wurde Barnes von Heinrich mit diplomatischen Aufgaben betraut – bis der Stern seines Patrons Thomas Cromwell am englischen Hof zu sinken begann.

Wer dann ein rechter Märtyrer werden will [1], der muss schon ein entsprechendes Vermächtnis hinterlassen, der muss, wie Barnes, gelassen zum Scheiterhaufen schreiten, die Umstehenden trösten und „sich mit so grosser freude zu seiner marter“ begeben, „das er auch kein mal sein farbe wandelte“, wie es in der „Bekantnus des Glaubens“ heißt [2]. Ansonsten stellte Barnes in seinen famous last words sicher (beziehungsweise wurde für ihn sichergestellt), dass die reformatorische Gesinnung im lutherischen Sinn noch einmal deutlich zum Ausdruck kam [3]. Liest man die in der Flugschrift enthaltene Beschreibung der Hinrichtungsszene, kommt man kaum umhin, an eine Theateraufführung zu denken. Alle notwendigen dramatischen Elemente sind hier enthalten. Barnes selbst hält eine ergreifende Rede, wird von Umstehenden angesprochen und bezüglich seiner religiösen Überzeugungen befragt, spricht mit dem Henker, wendet sich an seine (abwesenden) Gegner, um ihnen zu verzeihen, informiert sich über den (nicht existierenden) Urteilsspruch gegen ihn und fügt sich schließlich in einer Szene, die jedem Finale einer Märtyrertragödie würdig ist, dem Unabwendbaren: Er gibt „sich mit gantzem begirde nach dem fewr/ und kerte das angesichte zu dem dampffe und Fewr/ und erstickte inn kurtzer zeit.“ Und damit konnte es beginnen, das Leben eines Reformators, das vor allem darin bestand, das Nachleben eines Märtyrers der Reformation zu sein.

 

Anmerkungen

NB: Die Arbeit des „Clubs der weitgehend unbekannten Reformator/innen“ wird maßgeblich unterstützt durch das empfehlenswerte Buch von Irene Dingel/Volker Leppin (Hg.): Das Reformatorenlexikon, 2. Aufl. Darmstadt 2016. Dort ist auch der Beitrag von Katharina Beiergrößlein zu finden über Robert Barnes, dem der vorliegende Eintrag wesentliche Informationen zu verdanken hat.

[1] Peter Burschel: Sterben und Unsterblichkeit. Zur Kultur des Martyriums in der Frühen Neuzeit, München 2004

[2] Der Text des „Bekantnus des Glaubens“ ist unter anderem hier zu finden. http://reader.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb11006953_00001.html

[3] Korey D. Maas: Confession, Contention, and Confusion: The Last Words of Robert Barnes and the Shaping of Theological Identity, in: Sixteenth Century Journal 42 (2011) 689-707

LuttaDada 1

Was ist das LuttaDada? Das LuttaDada kommt in vielerlei Gestalt daher. Es passt sich amöbig den Verhältnissen und Gegebenheiten und Erfordernissen an. Das LuttaDada ist immer und überall. Das LuttaDada ist immer da (und immer dada) und trotzdem nie zu greifen.

So schillert das LuttaDada in allerlei Farben. Auch im Münsterland! Denn das Martin – jawohl, man ist mit dem LuttaDada zuweilen schon so vertraut, dass man es beim Vornamen anspricht –, also dieses Martin ist im Münsterland nicht einfach nur ein Mensch. Nein, es ist Plastik, es ist 2,50 Meter groß, es wiegt 50 Kilogramm, und es erscheint in weißer Gestalt. Aber das Schönste: Es kann von innen leuchten! Das LuttaDada wird bunt! Man darf damit auch spielen, sprachen die Münsteraner LuttaDadaisten, man darf es bemalen, ankleiden, mit Zetteln behängen … Einige PapistenDadaisten wollten wohl nicht spielen. Sie schmissen das weiße große LuttaDada einfach in den nächstgelegenen Vorgarten. Auch keine Lösung!

Was aber ein lebensfroher Reformator ist – und nicht anders wollen wir unser LutterDada sehen –, das lässt noch viele weitere Blüten in einem bunten Strauß hübscher Ideen blühen. So schreit der Kraftakt der Reformation geradezu nach einem nicht minder kräftigen Schluck aus einem Krug Luther-Halbe. Jawohl, in Deutschland trinkt ein LuttaDada Bier! Es muss sogar viel Bier trinken, denn für das LuttaDada wird eifrig gebraut. Nicht nur in Amberg! Und was der Amberger kann, das kann der Ulmer allemal. Dort kann man sogar saufen für den guten Zweck. Martin-Luther-Bier, mehr Stammwürze, nur 500 Kästen, jetzt oder nie! Der Erlös geht an die Ärmsten der Armen: an die Ulmer Luther-Gemeinde.

Kaum wieder ernüchtert, muss das LuttaDada – durchaus missvergnügt – zur Kenntnis nehmen, dass in sich in diesem Land inzwischen einige Menschen erfrechen, in der Gewandung des LuttaDada aufzutreten, ja, sich sogar als das LuttaDada selbst auszugeben. Wir werden von einem Imitat imitiert! Die Wahl zum Mister Luther für das Lutherjahr 2016/17 hat der so bezeichnete „Berufsluther“ Bernhard Naumann gewonnen. Auserkoren vom ehrwürdigen Stadtmarketing Wittenberg. Naumann fällt nun das schwere Amt zu, dem unvergleichlichen LuttaDada für die kommenden Monate Gestalt und Gesicht und Stimme zu geben. Dazu: Glückauf! Ihm zur Seite gestellt wurde eine LuttaDada-Gattin. Wie passend. Aber auch sie selbstredend: ein Imitat.

Das LuttaDada will es nicht verabsäumen, die wichtigsten Veranstaltungshinweise für die kommenden Monate mitzuteilen. Dieses Mal: Südharz! Was das LuttaDada allein dort alles auf die Beine stellt: Essen wie bei Luthers! Luthers Freunde zu Gast im Südharz (auch mit Essen)! Ein nicht ganz historischer Besuch Martin Luthers (gibt’s da Essbares?)! Einweihung des Luther-Zimmers in Wülfingerode (da muss aber gegessen werden)! Poesie und Reformation in Liebenrode (mit Geplauder und mit Abendbrot)! Harzblick Wandermarathon (offenbar reformationsfrei; Essen selbst mitbringen)!

Und was ein wahres und großes LuttaDada ist, das fährt nicht mehr in ollen Karossen über Land (auch nicht in den Südharz), nein, das braust in einem Hochgeschwindigkeits-ICE der vierten Generation durchs Gelände, so dass es von niemandem gesehen werden kann, aber auch selbst nichts mehr sieht. Das ist von außen gar kein Zug mehr, das ist eine weiße Linie, die durch die Geographie schießt. Und von innen ist’s keine Landschaft mehr, sondern huschende grün-graue Fläche, die vorbeifliegt. Vielleicht geht so ja auch das ganze Jubilieren schneller vorbei? Wohl kaum. Denn irgendwann wird auch dieser ICE auf freier Strecke ungewollt zum Halten kommen. Störungen im Betriebsablauf. Dann steht er da und kann nicht anders.

Aber dann kann das LuttaDada in seinen Überseereisekoffer greifen und eine der revidierten Bibelausgaben herausziehen, eingehüllt in einen von Prominenten unnachahmlich gestalteten und in einer einmaligen Edition erhältlichen Bibelschuber. Ins Werk gesetzt von ausgewiesenen Anhängern des LuttaDada, von wahren Bibelexperten, von echten Designgrößen: Jürgen Klopp! Uschi Glas! Harald Glööckler! Und anderen Unbekannten! Für 39,99 Euro! Ist das nicht großartig, ist das nicht wunderschön? – Nein, wohl eher nicht.

Lang lebe das LuttaDada!

 

Nachweise: Luther unter den Bögen (Westfälische Nachrichten, 25.10.2016); Statue von Martin Luther in fremden Vorgarten geschleppt (Neue Osnabrücker Zeitung, 31.10.2016); Eine Halbe für Martin Luther (Onetz, 28.09.2016); Brauerei Gold Ochsen: Fassanstich mit Martin-Luther-Bier (aboutdrinks.de, 24.10.2016); Lutherpaar 2017 (Mitteldeutsche Zeitung, 30.10.2016); 12 Schritte zum Reformationsjubiläum (Neue Nordhäuser Zeitung, 25.10.2016); Ein ICE namens Martin Luther (deutschebahn.com); Prominente und die Lutherbibel (Deutsche Bibelgesellschaft)

Verlebendigung. Zweite These zur Geschichtskultur

Echt tot? Gemälde aus der Cranach-Werkstatt nach einer Zeichnung von Lukas Furtenagel 1564 (Titelfoto von Perledarte)

Die zweite These zur Geschichtskultur lautet: Unsere Geschichtskultur setzt auf Verlebendigung und ist personenfixiert.

Diese These lässt sich durch einen recht schlichten Hinweis belegen. Es sei daran erinnert: Wir haben es derzeit mit einem Reformationsjubiläum zu tun, nicht mit einem Lutherjubiläum. Warum wird dann aber deutlich intensiver über die Person Luthers berichtet als über den wesentlich komplexeren Vorgang der Reformation? Möglicherweise genau deswegen: weil diese Reformation so komplex ist? Und weshalb wird auch bei Luther – und zwar durchaus traditionell – viel eher über Persönliches berichtet (sein Charakter, seine Ehe, seine Essgewohnheiten …) oder Mitteilung gemacht von besonderen Ereignissen in[1] Lyndal Roper: Der feiste Doktor. Luther, sein Körper und seine Biographen, Göttingen 2012

seiner Biographie (Blitzeinschlag! Thesenanschlag! Widerrufsausschlag!) als über das, was seine historische Wirkung tatsächlich ausmachte: seine Theologie? Luthers Lebenslauf und Lebensweise scheinen uns aufgrund einer vertrauten Fremdheit recht nah zu sein. Für seine theologische Gedankenwelt scheint das nicht im gleichen Maß zu gelten. Deshalb sind Kenntnisse über den einen oder anderen zur Legende mutierten Schwank aus seinem Leben quizfragenfähiges Informationsallgemeingut geworden, während man die Inhalte seines Glaubens mit eher größerem Wortaufwand erläutern müsste – und vor allem erläutern müsste, warum diese Theologie zeitgenössisch so ungeheuer wirksam werden konnte.

Verlebendigung als Selbstzweck

Wäre es möglich, dass genau hier der Grund für die Personenfixierung im aktuellen Jubiläumsgeschehen auszumachen ist? Die Inhalte der Reformation sind uns mit einem halben Jahrtausend Abstand so fremd und so erläuterungsbedürftig geworden, dass ein Ausweichen auf den großen Mann als Vertreter derjenigen menschlichen Gattung, die angeblich irgendwann einmal Geschichte gemacht haben soll, durchaus nahezuliegen scheint.

Aber diese Vermutung ist deswegen nicht ganz überzeugend, weil auch bei anderen Jubiläumsbegängnissen ähnliche biographische Fixierungen festzustellen sind. Auch bei den ansonsten häufig im Zentrum stehenden militärischen Auseinandersetzungen, insbesondere Weltkrieg I und II, ist zu beobachten, dass es wesentlich offensichtlicher zu sein scheint, über zentrale Figuren zu sprechen (der große Unnennbare soll hier ungenannt bleiben) als über verwickelte militärische Vorgänge. Die Kenntnisse über die angeblich oder tatsächlich entscheidenden Personen dürften deutlich weiter verbreitet sein als diejenigen über den wechselnden Verlauf von Frontlinien oder die Organisation einzelner Feldzüge. Der Grund für diese Konzentration auf die Handelnden anstatt auf deren Handlungen oder Gedanken in der aktuellen Geschichtskultur scheint leicht auszumachen zu sein, weil sowohl theologische Argumentationen als auch militärische Aktionen oder überhaupt größere Zusammenhänge recht schnell zu komplex oder auch zu abstrakt geraten, um leichthin erfasst werden zu können. Demgegenüber ist der Zugang über die Lebensgeschichte einer Person zunächst wesentlich einfacher, da Gegenstand und Rezeptionsgemeinde zumindest eine wesentliche Gemeinsamkeit teilen, nämlich ein Leben zu leben.

Die Antwort auf das eingangs gestellte Problem steckt also schon in der Frage selbst: Der Zweck der Personalisierung und Verlebendigung innerhalb der Geschichtskultur ist eben, dasjenige zu verlebendigen und zu personalisieren, was wir gemeinhin als ‚die Geschichte‘ bezeichnen und was uns in seiner monumentalen Übermächtigkeit derart zu überragen scheint, dass wir ihm nicht zuletzt auf dem Weg konkreter Lebensgeschichten von konkreten Menschen nahezukommen versuchen. Und warum nicht: Wo kämen wir hin, wenn wir darauf verzichten wollten, persönliche Geschichten über ‚die Geschichte‘ zu erzählen? Wahrscheinlich in eine Form der Struktur- und Sozialgeschichte, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zwar akademisch sehr erfolgreich war, aber zugleich einen tiefen Graben zum nicht-akademischen Publikum geschaufelt hat. Daher hat der verlebendigende Zugang ohne Frage einigen Charme. Biographien werden inzwischen ja nicht nur über Menschen erzählt, sondern auch über Städte, Flüsse, Ideen, Gott und den Teufel. Alles lässt sich in den Rahmen einer Lebensgeschichte einfügen.

Wittenberg als Wandtapete

Anlässlich des Reformationsjubiläums haben wir es aber noch mit ganz anderen Formen der Verlebendigung zu tun. Abgesehen von den üblichen Spielfilmen und Fernsehdokumentationen, in denen Luther Wiederauferstehung feiert, wurden wir in jüngster Zeit durch weitere Formen beglückt, die uns Luther möglichst konkret vor Augen führen sollten.

Da ist zum einen das 360 Grad-Reformationspanorama in Wittenberg, das unter der Leitung von Yadegir Asisi entstanden ist und das die Zeit des frühen 16. Jahrhunderts wieder ‚lebendig‘ machen soll. Es reiht sich nahtlos ein in die Tradition der Panoramabilder, die im 19. Jahrhundert zu einem Massenmedium wurden und die ferne Wirklichkeiten oder vergangene Zeiten in das Leben des städtischen Bürgertums holen sollten – beziehungsweise diese Städter in exotische Gegenden oder glorreiche Historien ‚hineinversetzen‘ wollten. Mittels technischer Möglichkeiten ging und geht es also darum, eigentlich unüberwindliche Distanzen von Zeit und Raum verschwinden zu lassen.

Dann ist da zum anderen die digitale Rekonstruktion des lutherischen Charakterkopfes in 3D, erstellt aufgrund der angeblichen Totenmaske. Dieser Digitalkopf dreht sich in einem kurzen Video der Betrachterin zu und schlägt dann auch noch die Augen auf, um sie anzublicken. Nicht genug also, dass Luther zu den meist portraitierten Menschen seiner Zeit mit mehreren hundert Verbildlichungen gehört, inzwischen wird ihm – ähnlich wie dem Ötzi – eine Form der ‚Rekonstruktion‘ zuteil, die uns den Reformator vor Augen stellen soll. Und das ausgerechnet aufgrund einer Totenmaske, von der man sich eigentlich nur sicher sein kann, dass sie nicht von Luther stammt. [1]

Vom Jetzt ins Früher

Abgesehen davon, dass man es technisch kann, gibt es einen weitergehenden Erkenntniswert solcher Verlebendigungen? Rückt uns Luther näher, wenn wir ihn in all der Übergewichtigkeit seiner letzten Lebensjahre vor uns sehen? [2] Können wir uns in die Zeit der Reformation ‚hineinversetzen‘, um diese höchst problematische Vokabel zu verwenden, wenn wir uns via Fototapete durch das Wittenberg des 16. Jahrhunderts bewegen?

Was daran so problematisch anmuten muss, ist die Erzeugung einer nahezu magischen Illusion, der Vorstellung nämlich, der Unterschied zwischen Jetzt und Früher ließe sich unproblematisch auflösen. Nichts anderes soll die Verlebendigung bewerkstelligen: so zu tun, als sei die Vergangenheit auf unmittelbare Weise wieder gegenwärtig zu machen. Eigentlich ein im höchsten Maße ‚vormodernes‘ Verfahren, zumindest wenn man mit diesen problematischen Kategorien des ‚Modernen‘ und des ‚Vormodernen‘ umgehen möchte. Warum eine solche Unterscheidung schwierig sein könnte, macht die verlebendigende Geschichtskultur selbst deutlich: Weil ‚wir Modernen‘ mit einem ‚vormodernen‘ Ansatz operieren und die Unterschiede zwischen den Zeiten verschwinden lassen. ‚Modern‘ wäre dann vor allem die technische Umsetzung – aber der Inhalt mutet nahezu archaisch an.

Auf Umwegen gelänge es uns dann doch, eine Gemeinsamkeit und Verbindung zu Martin Luther und seiner Zeit (oder besser: seinen Zeiten) herzustellen. Denn hatte er nicht mit den medial-technischen Möglichkeiten, die ihm zur Verfügung standen, ähnliches vor? Wollte nicht auch er die Kirche ‚re-formieren‘, also in eine Form zurückführen, die sie angeblich bei den ersten Gemeindegründungen des Urchristentums schon einmal besessen hatte und wie sie in den Worten des Neuen Testaments überliefert war? War die Bibel nicht sein Breitleinwandpanorama und waren die Briefe des Apostel Paulus für ihn nicht so lebendig, dass er sie unmittelbar auf seine Gegenwart beziehen konnte?

 

Anmerkungen

[1] Jochen Birkenmeier: Luthers Totenmaske? Zum musealen Umgang mit einem zweifelhaften Exponat, in: Luther-Jahrbuch 78 (2011) 143-189

[2] Lyndal Roper: Der feiste Doktor. Luther, sein Körper und seine Biographen, Göttingen 2012

 

Bett-Postille

Man kann nicht sagen, dass der japanische Künstler Tatzu Nishi den Reformator Martin Luther von seinem Sockel geholt habe. Eher im Gegenteil. Er hebt uns auf Sockel hinauf. Mit der Installation „Als dann flugs und fröhlich geschlafen (In bed with Martin Luther)“ hat Tatzu Nishi das Eisenacher Martin-Luther-Denkmal mit einem vollständigen, sehr durchschnittlichen deutschen Schlafzimmer umbaut. Und zwar auf Sockelhöhe. Man kann nun ein Gerüst ersteigen, um dieses Schlafzimmer zu betreten und die einstige Luther-Statue aktuell als Bett-Statue zu begutachten.

Ist das nun Kunst oder höherer Blödsinn? Will hier jemand den Reformator veräppeln – oder warum muss man ihn ins Bett zerren (oder korrekt formuliert: ihn mit einem Bett umstellen)?

Es mag schon sein, dass Tatzu Nishi uns nicht nur auf den Sockel heben, sondern mit seiner Installation auch auf den Arm nehmen möchte. Und das ist gut so. Denn er spielt auf sehr intelligente, weil irritierende Weise mit der Frage, wie aktuell uns dieser Luther heute noch sein kann, was uns dieser Luther gegenwärtig bedeutet und wie nahe beziehungsweise entfernt uns dieser Luther ist. Mit eben diesen Fragen von Nähe und Distanz jongliert die Sleep-In-Installation.

Es ist insbesondere das heroisierte und nationalistisch aufgeladene Luther-Bild des 19. Jahrhunderts – das Eisenacher Luther-Denkmal wurde 1895 eingeweiht –, das durch die Installation konterkariert wird. Aus dem deutschen Übermenschen wird durch die Positionierung im Bett wenn schon keine Alltagsperson, dann doch zumindest ein entsockelter Heros. Man kann dem Reformator, der ansonsten mehrere Meter über den Betrachtenden thront, ganz nahekommen, kann den Helden veralltäglichen und kann sich vielleicht sogar für einen Moment der Illusion hingeben, die historische Distanz eines halben Jahrtausends zum Reformator zu überbrücken.

Aber der Clou der Installation besteht darin, durch die Bettsituation nicht nur Nähe zu schaffen, sondern durch die übergroße Intimität des Schlafzimmers auch schon wieder Distanz herzustellen – der Eintritt in die fremde Bettstatt als Moment der Scham.

Was also bedeutet uns Luther heute? Tatzu Nishi hat diese Frage auf komplexe und durchaus widersprüchliche Weise adressiert. Einige mögen darin den ‚Untergang des Abendlandes‘ sehen, wie manche kritische Stimmen sich mit Blick auf das Kunstwerk geäußert haben sollen. Aber wenn es darum geht, nationalistisch aufgeblähte Heroen vom Sockel zu holen, dann kann dieses Abendland meines Erachtens gar nicht schnell genug untergehen.

Jenseits von Aktualisierung und Historisierung

Aktualisierung

Der erste größere Reformationsjubiläumsschluckauf hat das Land einmal durchgerüttelt. Es wird nicht der letzte gewesen sein. Zum 499. Begängnis des – ja, des was eigentlich? Des Thesenanschlags wohl nicht, der Thesenanschläge wohlmöglich, der brieflichen Thesenversendung recht sicher, der Thesenanleimung unter Umständen … Auf jeden Fall wurde beim 499. Jahrestag des Ereignisses, bei dem wir gar nicht so genau wissen, was sich eigentlich ereignet hat, schon einmal groß aufgefahren, obwohl es ja erst das Aufwärmen für das wirkliche Jubiläum gewesen sein soll, erst der Auftakt für die einjährige Dauerfanfare in Rotationsschleife, die Ende Oktober 2017 in einen großen Tusch münden wird. Es wurde noch nicht alles aufgeboten, eher das Übliche serviert. Zum 3. Oktober 2016 haben zahlreiche Zeitungen, Fernsehsender, Internetseiten und sonstige Medien mit dem Reformationsthema aufgemacht, die Evangelische Kirche in Deutschland hat einen sehr ökumenisch ausgerichteten Eröffnungsgottesdienst gefeiert, der Papst hat die Reformationsfeierlichkeiten im schwedischen Lund besucht, und ein Staatsakt wurde in Berlin gefeiert mit all den Granden, die dieses Land so herzugeben hat.

Dominierendes Thema dieser ersten Reformationseruption war die Frage, was uns dieses Ereignis samt seiner herausragenden Gestalt Martin Luther denn heute noch bedeuten könnte. Eine naheliegende Frage, so möchte man meinen. Denn wozu sollten solche historischen Feierlichkeiten gut sein, wenn nicht zur kollektiven Selbstreflexion im Angesicht der Vergangenheit (die in einer etwas befremdlichen, possessiv-adjektivischen Formulierung dann auch flugs zur ‚eigenen‘ Vergangenheit wird)?

Ja, wozu sollten solche Feierlichkeiten eigentlich gut sein? Der Schwerpunkt der öffentlichen Debatte setzt eindeutig auf Aktualisierung. Es wird also versucht, den historischen Vorgang der Reformation, noch viel häufiger aber die historische Figur Martin Luthers in unsere Zeit zu übertragen. Dankenswerterweise halten diese beiden Gegenstände der gegenwärtigen Betrachtung derartig viele Facetten bereit, dass sie sich für nahezu jede Form der Aktualisierung anbieten. Da kann man dann aus der Reformation einen Aufruf zu Toleranz, Freiheit, Individualisierung und Nächstenliebe machen, sie aber ebenso zur Mutter aller Glaubenskriege oder zum Beginn eines schier endlosen Abschlachtens im Namen des wahren Glaubens machen. Da kann man Martin Luther verstehen als Vorkämpfer der Freiheit, als Schöpfer der deutschen Sprache, als Ausgang der breiten Bevölkerungsmassen aus einer fremdverschuldeten Unmündigkeit – oder als Judenhasser, als Fürstenknecht und als theokratischen Hassprediger, der heute dem sogenannten Islamischen Staat gut zu Gesicht stünde.

 

Historisierung

Darf man also, bloß weil Jubiläum ist, mit Luther, Reformation und dem ganzen Drum und Dran machen, was man will? Alle basteln sich die Version des Geschehens, die ihnen gerade in den Kram passt? Der Gegenentwurf zur teils gnadenlosen Aktualisierung (gipfelnd in der immer wieder gestellten Frage, die sich eigentlich von selbst verbieten sollte: Was würde Luther heute wohl dazu sagen?) liegt auf Hand und hört auf den Namen Historisierung. Wenn man die Verhältnisse und Ereignisse und Personen von um 1500 nicht einfach um ein halbes Jahrtausend versetzen und in die Gegenwart beamen darf, dann sollte man sie konsequenterweise in ihren jeweiligen historischen Umständen begreifen. Wir alle müssten als Reformationsjubilierende also zunächst zu hinreichend versierten HistorikerInnen werden, um halbwegs angemessen über diesen Gegenstand sprechen zu können.

Das scheinen Alternativen zu sein, die sich zunächst einmal gegenseitig ausschließen. Das Jubiläumsereignis bezieht sich zwar auf die Reformation, findet aber hier und heute statt, kann also gar nichts anderes tun als einem Aktualisierungsbedürfnis nachzugeben. Umgekehrt gehört das Reformationsereignis zweifellos der Vergangenheit an, es ist uns in vielen Bereichen fremd und unverständlich, weshalb eine Historisierung unausweichlich erscheint, um nicht den Kardinalfehler im Umgang mit Vergangenheiten schlechthin zu begehen, sie nämlich nach Kriterien zu beurteilen, die überhaupt nicht die ihren waren und nach denen sie folgerichtig auch gar nicht handeln konnten.

 

Jenseits

Aber auch wenn eine riesige Kluft zu bestehen scheint zwischen dem Martin Luther in Playmobil-Gestalt auf der einen Seite, der uns vertraut lächelnd anblickt und somit zu unserem unmittelbaren Zeitgenossen wird, und dem Martin Luther, der uns auf der anderen Seite in seinen Schriften entgegentritt, der uns sprachlich, gedanklich und hinsichtlich seiner Überzeugungen doch sehr weit entfernt anmutet – trotz dieser vermeintlichen Kluft haben Aktualisierung und Historisierung doch eines gemeinsam: Sie wollen uns beide auf ihre Art weismachen, dass man sich durch die Zeit bewegen könnte. Die einen nehmen Luther, die Reformation und was sich um 1500 noch Nützliches finden lässt und versetzen es in die Gegenwart. Die anderen fordern uns dazu auf, die Geschichtsmaschine (wenn schon nicht die Zeitmaschine) zu besteigen, um die Gegenwart zu verlassen und der Reformation dadurch gerecht zu werden, dass wir sie in ihren Zusammenhängen begreifen.

Möglicherweise ist das Problem der Geschichtskultur, die sich hier offenbart, also nicht, dass man sich entscheiden muss zwischen einem Martin Luther, der als Laienschauspieler händeschüttelnd durch unsere Fußgängerzonen spaziert, oder einem Martin Luther, der als Cranach-Bild in einem Museum unnahbar hinter Sicherheitsglas hängt. Möglicherweise ist das Problem dieser Geschichtskultur eher das Zeitmodell, das ihr zugrunde liegt – ein Modell nämlich, das Zeit immer noch als Linie oder als Pfeil konzipiert und das einen historischen Zusammenhang allein schon dadurch herzustellen vermag, dass sich die Ereignisse auf dieser Linie chronologisch anordnen. Und auch wenn sich die Gerichtetheit bestimmter biologischer oder physikalischer Prozesse ebenso wenig leugnen lässt wie die Entropie und die Thermodynamik, so kann man doch kulturelle Umgangsweisen mit der Zeit nicht darauf reduzieren. In kultureller Hinsicht sind wir nämlich in der Lage, nahezu beliebig viele Beziehungen zu anderen, abwesenden Zeiten herzustellen, mögen diese in der Vergangenheit oder in der Zukunft liegen.

Aber hier liegen sowohl in analytischer als auch in produktiver Hinsicht auch die Chancen einer Geschichtskultur: ein gesellschaftliches und kulturelles Feld zu sein, in dem jeweils neue Verzeitungen hervorgebracht werden und in dem solche Verzeitungen auch untersucht werden können. Dazu braucht es ein anderes, kulturelles Verständnis zeitlicher Phänomene, das der Tatsache gerecht wird, dass Menschen nun einmal dazu in der Lage sind, sich gleichzeitig und auf vielfache Weise auf abwesende Zeiten beziehen zu können. Aktualisierung und Historisierung wären dafür nur zwei Formen.

Jubiläumsfixierung. Erste These zur Geschichtskultur

Titelbild: Michelle Tribe

Die erste These zur Geschichtskultur lautet: Unsere (westlich-europäisch geprägte und in dieser Form global ausstrahlende) Geschichtskultur ist jubiläumsfixiert.

Ach was! Ist das die Möglichkeit? Was für ein Aufsehen erregende Feststellung! Unsere Geschichtskultur soll tatsächlich jubiläumsfixiert sein. Wer hätte das gedacht…

Aber woher rührt diese Jubiläumsfixierung? Warum gedenken wir bestimmten Ereignissen nicht dann, wenn es an der Zeit wäre, sondern dann, wenn sie im Kalender stehen? Es wäre eine durchaus naheliegende Lösungsstrategie, sich solchen Fragen wiederum historisch zu nähern. Dann könnte man die durchaus bekannten chronologischen Stationen abklappern, die bis in alttestamentarische Zeiten zurückreichen. [1] In solchen vorchristlichen Zusammenhängen lässt sich das Jubelfest dann vornehmlich als Vergegenwärtigung begreifen, als regelmäßig wiederkehrende Vergegenwärtigung göttlicher Gnaden nämlich sowie als Vergegenwärtigung der Sündenvergebung. Das Jubelfest konnte dazu dienen, Zeit gleichsam aufzuheben, zumindest insofern man das eigene Leben als gläubiger und sündhafter Mensch bei wieder Null anfangen lassen wollte.

Heilige Jahre

Einige Jahrhunderte später, genauer gesagt im Jahr 1300, wurde dieses Jubeljahr dann an ein kalendarisch markantes Datum angehängt und durch das Papsttum zum heiligen Jahr erkoren. [2] Schon an diesen heiligen Jahren, von Rom nach streng mathematischer Teilbarkeit ausgerufen (erst alle 100, dann alle 50, schließlich alle 25 Jahre – und falls nötig, auch mal zwischendurch und außer der Reihe), lässt sich erkennen, dass die Jubiläen eine andere Ausrichtung annahmen. Einerseits sollte Zeit nun nicht mehr aufgehoben, sondern als historische Zeit bestärkt werden. Andererseits zielte das Jubiläum seither auf die Aufmerksamkeit als Ökonomie sowie auf die Ökonomisierung der Aufmerksamkeit. Denn dass es sich bei der Aufmerksamkeit um ein knappes Gut handelt, ist nun wahrlich keine neue Erkenntnis gegenwärtiger Marketingstrategieagenturen. Schon zu anderen Zeiten mussten Personen und Institutionen darum buhlen. Dabei erweist es sich natürlich als vorteilhaft, wenn man die Stellvertretung Gottes auf Erden samt monopolisierter Heilsgarantie für sich beanspruchen kann. Aus dieser Aufmerksamkeitslenkung lässt sich dann selbstredend Kapital schlagen. Honi soit qui mal y pense …

Die protestantischen Kirchen mussten fast zwangsläufig einen anderen Weg einschlagen, weil sie gegenüber dem Katholizismus deutlich zu machen hatten, dass sie vielleicht historisch jünger, inhaltlich aber wesentlich älter waren als die päpstliche Kirche – schließlich beriefen sie sich unmittelbar auf die ersten Gemeinden des frühen Christentums. Gerade deswegen war es wichtig, beim Jubiläum die historische Zeit nicht aufzuheben, sondern zu bestärken. Das geschah, indem man früh zur weit ausholenden Historisierung der eigenen protestantischen Bewegung schritt, aber auch indem man 1617 das erfand, was uns inzwischen mit schöner Regelmäßigkeit ins Haus steht: das historische Jubiläum, das sich von religiösen und nummerischen Fixpunkten gelöst hatte, um stattdessen die Wiederkehr eines vergangenen Ereignisses zu feiern. Das Reformationsjubiläum von 1617 – noch in bescheidenem Ausmaß begangen – war wohl das erste seiner Art.

Mit den Reformationsfeierlichkeiten von 1617 löst sich das Jubiläum mithin von der kalendarischen Zeit, um sich an die historische Zeit anzuheften. Es wird seither nicht mehr einfach nur der Tatsache gedacht, dass (Schöpfungs-)Zeit vergeht, sondern dass sich Geschichte ereignet. Das ist mag auch eine Begründung dafür sein, weshalb das historische Jubiläum eine – so der wohl nicht nur subjektive Eindruck – stetig wachsende Bedeutung erfährt: Anstatt der Tatsache zu gedenken, dass Zeit (durch den Schöpfer) für uns gemacht und gegeben wird, feiern wir den Umstand, selbst unsere Zeit und unsere Geschichte zu machen. Und wenn sich dies auf vorteilhafte Weise zu einem geldwerten Vorteil verarbeiten lässt, werden sich wohl nur notorische Kapitalismuskritiker beschweren.

Jubiläumitis

Aber die Säkularisierungstendenz, die sich in der Transformation des Jubiläums von der alttestamentarischen Schöpferzeit zur gegenwärtigen historischen Zeit zu offenbaren scheint, ist nur eine oberflächliche. Vielmehr erweist sich im historischen Jubiläum ‚die Geschichte‘ einmal mehr als Gottersatz. Denn der Sinn all des Geschehens, das geschieht, ist immer noch präformiert, aber er kommt nun nicht mehr von dort oben, sondern von dort hinten. Aus eben diesem Grund darf man den einen oder anderen Zweifel an unserer historischen Jubiläumskultur hegen: nicht nur, weil dem Historischen nicht dann gedacht wird, wenn es inhaltlich angemessen wäre, sondern wenn es terminlich verlangt wird; nicht nur, weil diese Jubiläen kapitalistisch schamlos ausgesaugt werden; sondern weil das Jubiläum zu einem Fetisch wird, den wir nahezu bedingungslos und besinnungslos anbeten.

Sollte die Historisierung einst dazu gedient haben, in einem aufklärerischen Sinn als Alternative zu religiösen Welterklärungen der Fetischisierung göttlicher Schöpfermacht entgegenzuwirken, dann wurde offenbar übersehen, wie diese Historisierung ihren Produzenten als neuer Fetisch auf die Füße fiel. [3] Und trotz aller berechtigter Beschwerden, die man immer wieder über die Jubiläumitis lesen kann, sehen wir offensichtlich keinen Anlass, an dieser Fetischisierung des Historischen etwas zu ändern. Ganz im Gegenteil, wir schrauben sie immer weiter in bisher ungeahnte Höhen.

Wenn man den Jubiläumswahn daher schon nicht verhindern kann, dann sollte man ihn konsequent befeuern. Wir sollten alle unseren aktiven Beitrag leisten zu einem massiven Jubiläumsüberschuss, der dann – vielleicht, hoffentlich, endlich – zu einem nicht minder massiven Jubiläumsüberdruss führen möge. Wir sollten so lange und so viele Jubiläen feiern, bis sie uns wirklich zu den Ohren herauskommen, bis so viele Jubiläen so ausgiebig begangen werden, dass wir die Gegenwart eigentlich abschaffen könnten, weil wir unsere Leben nur noch damit verbrächten, Gewesenes zu repetieren, um uns dann endlich einmal zu fragen, was wir denn da angerichtet haben. Deswegen: Gebt uns Luther bis zum Abwinken! Und ich bin mir ziemlich sicher, weniger werden wir auch nicht bekommen.

 

Anmerkungen

[1] Winfried Müller (Hg.): Das historische Jubiläum. Genese, Ordnungsleistung und Inszenierungsgeschichte eines institutionellen Mechanismus, Münster 2004

[2] Arndt Brendecke: Die Jahrhundertwenden. Eine Geschichte ihrer Wahrnehmung und Wirkung, Frankfurt a.M./New York 1999

[3] Hartmut Böhme: Fetischismus und Kultur. Eine andere Theorie der Moderne, Reinbek bei Hamburg 2006