Ähnlichkeitsbeschlagung. Fünfte These zur Geschichtskultur

Die fünfte These zur Geschichtskultur lautet: Die deutsche Geschichtskultur des frühen 21. Jahrhunderts tendiert dazu, Vergangenes nicht mehr als fremd und irritierend wahrzunehmen, sondern es sich der eigenen Gegenwart anzuähneln.

Immer Ärger mit den Unterschieden

Mit Unterschieden scheint die Gattung Mensch so ihre liebe Müh‘ und Not zu haben. Insbesondere bei Unterschieden, die irritierend wirken können, weil sie Unbekanntes, Fremdes, Unpassendes oder Abweichendes mit sich führen, sind regelmäßig Schwierigkeiten unterschiedlicher Art zu konstatieren. Denn Unterschiede wirken verunsichernd. Sie machen sogar Angst. Bekanntermaßen lassen sich solche Unterschiede nicht vermeiden (höchstens verdrängen). Sie platzen zuweilen unangemeldet in unseren Alltag hinein, stehen da in ihrer ganzen Nichteinsortierbarkeit, machen Arbeit, machen Ärger und vermitteln vor allem die unerwünschte Einsicht, dass die jeweils eigene Weltsicht keineswegs selbstverständlich, schon gar nicht naturnotwendig ist. Nach dieser Erkenntnis haben die Unterschiedsgeplagten aber meistenfalls gar nicht gefragt. Sie fiel ihnen meistens unerwartet auf die Füße.

Wie gut, dass es Areale dieser Welt gibt, die zwar durch eine Vielzahl von Unterschieden geprägt sind, in denen diese Unterschiede sich aber nicht aktiv aufdrängen, sondern vornehmlich passiv registriert und einsortiert werden können – und in denen die derart Einsortierten sich auch nicht großartig zur Wehr setzen. Das ist vielleicht ein Grund, weshalb für westliche Kulturen der Dualismus von Kultur und Natur nicht nur überzeugend wirkt, sondern auch weiterhin attraktiv bleibt, weil zwar beide Bereiche sich durch eine schier unübersehbare Vielzahl von Differenzen auszeichnen, die sogenannte Natur sich aber durch übersichtliche Klassifikationsschemata disziplinieren lässt – und noch kein Tier und keine Pflanze dagegen aufbegehrt haben, in diverse Klassen, Familien und Gattungen verschoben zu werden. Es gibt dann zwar weiterhin unzählig viele Unterschiede, aber üblicherweise keine Überraschungen mehr.

Irritationslosigkeit

Der sogenannten Natur nicht ganz unähnlich ist die Welt der Vergangenheit. Tote Menschen teilen mit Tieren und Pflanzen die wesentliche Eigenschaft, Zumutungen der Taxonomie nicht (mehr) widerstehen zu können. Auch vergangenes Leben wird rubriziert, wenn auch nicht mit der Strenge und Detailliertheit wie dies im Bereich nicht-menschlichen Lebens geschieht. Doch auch jede Epochenbezeichnung und jede Festlegung eines historischen Wandlungsprozesses unterwirft das Leben der Vergangenheit einer kategorialen Eindeutigkeit, von der zumindest implizit alle wissen, dass sie in der beschriebenen Form nie existiert hat.

Das ist weder schlimm noch verwerflich. Unsere Denkapparate sind nun einmal so strukturiert, dass sie nicht mit endlos großer Differenziertheit umgehen können, sondern Vereinfachungen in Form von Schemata benötigen. Das mag man bedauern oder nicht, vermeiden lässt es sich kaum.

Die Angewohnheit, insbesondere vergangenes Leben mit entsprechenden Rubrizierungsanstrengungen zu bewältigen, wird jedoch dann problematisch, wenn ihm alle Fremdheitseffekte abgesprochen, sämtliche Irritationspotentiale entzogen und durchgehend Verunsicherungsmöglichkeiten untersagt werden.

Wenn ich im Folgenden von ‚der Geschichtskultur‘ (insbesondere in seiner deutschen Variante zu Beginn des 21. Jahrhunderts) spreche, dann ist das ebenfalls eine Kategorie, die viel zu vielfältige Dinge zusammenfasst, die sich eigentlich gar nicht zusammenfassen lassen. Daher möchte ich bereits an dieser Stelle jedem Absolutheitsanspruch bezüglich ‚der Geschichtskultur‘ entsagen und feststellen, dass es um nicht mehr (aber auch nicht weniger) als die Feststellung von Tendenzen geht.

Genauso, nur ein bisschen anders

Und die Tendenz lautet: Vergangenheit wird mit Ähnlichkeit beschlagen. Ganz im Sinne der erkenntnistheoretischen Binsenweisheit, dass man nur sehen kann, was man bereits weiß, zeigt sich am Beispiel der gegenwärtigen Geschichtskultur, dass sie häufig nur noch wissen will, was sie ohnehin schon sieht. Und das ist meistens nichts allzu weit entfernt von der eigenen Nasenspitze.

Nun sind Beziehungen welcher Art auch immer zuweilen keine ganz einfache Angelegenheit. Auch das eine Binsenweisheit, die aber nicht nur für den Bereich des Zwischenmenschlichen zutrifft, sondern auch für das Zwischenzeitliche gilt. Anders als bei Menschen, die sich das Leben gegenseitig schwermachen können, sind aber Chancenverteilung und Machtgefälle im Temporalen von vornherein und damit grundsätzlich ungleich verteilt. Nicht-gegenwärtige Zeiten haben nur wenig Möglichkeiten, sich gegen die Zumutungen einer Gegenwart zur Wehr zu setzen. (Dafür hatten sie einst andere Möglichkeiten, um vergangenen Zukünften, also unter anderem unserer Gegenwart, ein Schnippchen zu schlagen; aber das zu erläutern, würde vom eigentlichen Thema wegführen.) Wenn solche Gegenwarten bei der Beschreibung von Vergangenheiten also nicht aufpassen und sich zwischendurch nicht einmal auf die eigenen Fingerchen klopfen, dann, ja dann kann es geschehen, dass sie den einfachsten Weg historischer Erkenntnis wählen. Und der lautet bekanntermaßen: Früher war es genauso wie heute, nur ein bisschen anders. Also ähnlich.

Das Andere, das vergangene Zeiten für uns sein könnten, wird dadurch in Eigenes und Vertrautes verwandelt und muss eine Ähnlichkeitsbeschlagung über sich ergehen lassen. Der Vorgang ließe sich auch mit der angemessenen Negativität zum Ausdruck bringen: Es geht um Störungsverweigerung.

Wer spricht denn da?

Und ohne Frage ist das Reformationsjubiläum 2017 dafür ein illustratives Beispiel, schließlich fasst es sich selbst immer wieder zusammen in dieser einen Frage: Was kann uns Luther heute noch sagen? Darauf ließe sich mit ungebührlicher Besserwisserei antworten: Luther sagt uns heute gar nichts mehr, verstorben wie er ist! Wischt man jedoch eine solche oberflächliche Spitzfindigkeit beiseite, zeigt sich darunter ein ernsthaftes Anliegen. Denn wollte man tatsächlich herausfinden wollen, was Luther uns heute noch zu sagen hätte, dann gälte es vor allem, Luther zu lesen. Ich habe meine Zweifel, dass diese Lektürearbeit anlässlich des Jubiläums tatsächlich geleistet wird. Denn würde man Luther lesenderweise zur Kenntnis nehmen, müsste man feststellen, dass er in vielen, wenn nicht gar den meisten seiner Texte überhaupt nicht mehr zu uns spricht – zumindest nicht in dem Sinn, dass er unsere Probleme, unsere Fragen, unsere Gedanken, unsere Welt anspräche. Viel eher würde eine solche Lektüre andere Fragen provozieren. Nicht: Was kann er uns heute noch sagen? Sondern eher: Weshalb sprach er zu seinen Zeitgenossen so? Nicht: Welche heutigen Probleme können wir mit Luther behandeln? Sondern: Welche Probleme hatten die Zeitgenosse Luthers, dass er ihnen solcherart aus der Seele sprechen konnte?

Aber geht das nicht mit dem Verbot einher, Vergangenheiten, ganz egal welcher Art, in und für eine Gegenwart behandeln zu dürfen? Kann man dann überhaupt noch nach der Aktualität des Gewesenen fragen? Sicherlich kann man das. Aber nicht unter schamloser Ausnutzung des bereits benannten Machtgefälles zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Wir müssen dem Vergangenen seine Einzigartigkeit nicht nur zugestehen, sondern sie auch schützen. Nur dann kann es zu einem Dialog kommen zwischen den Zeiten, nur dann können wir etwas lernen aus dieser Beziehung (denn wir lernen nicht ‚aus der Vergangenheit‘, sondern aus der Art und Weise, wie wir uns auf Vergangenheiten beziehen), nur dann können wir uns durch das Vertraut-Fremdartige, durch das Bekannt-Verwirrende hinreichend aus dem Trott bringen lassen, um nicht nur die Vergangenheit, sondern auch unsere Gegenwart neu und anders zu befragen.

Die Realität des Reformationsjubiläums zeigt uns jedoch, wie die Ähnlichkeitsmaschinerie weitgehend gehaltlos vor sich hinschnurrt. Wir wollen gar nicht hören, was Luther uns heute noch zu sagen hätte. Wir lassen ihn vielmehr sagen, was wir heute hören wollen.