LuttaDada 5

Man mag es für möglich halten oder nicht, aber selbst ein LuttaDada muss Leib und Magen zusammenhalten. Ganz recht, das LuttaDada schmaust und speist und mampft – und zwar recht gerne, wie man anhand der leiblichen Fülle erkennen kann, die auf so vielen hundert Bildern aus der Werkstatt des CranachDada dokumentiert ist. Aber inzwischen fällt es dem LuttaDada nicht mehr leicht, zu entscheiden, was es essen soll. Es gibt nicht nur so viel, es gibt auch so viel Falsches, und zwar Falsches, das als solches nur schwer zu erkennen ist. Zum Beispiel Teigwaren. Welch köstliches Exempel menschlicher Ingeniösität! Und was kann man damit alles falsch machen.

Thomas Pforte von der Wittenberger Werbeagentur S. Pforte hatte beispielsweise die großartige Idee, das Antlitz des LuttaDada in Hartweizenteigwarenform zu bannen, um Menschen die Möglichkeit zu eröffnen, dieses Produkt unter Zuhilfenahme kochenden Wassers der Bissfestigkeit zuzuführen und anschließend zu verspeisen. Ein dadaistischer Akt par excellence!

Die Gutting Pfalz-Nudel GmbH mit Sitz in Großfischlingen – wie man nicht gesondert erwähnen muss, der unangefochtene Marktführer im Segment Designnudeln – kam auf die gleiche Idee. Großartig! Eine dadaistische Parallelaktion! Oder liegt hier ein Fall von Produktklau vor? Die Wittenberger „Luther-Nudel“ und die pfälzische „Pasta Martin Luther“ sehen sich auf jeden Fall täuschend ähnlich. Es wird zu einem Rechtsstreit kommen, bei dem gänzlich undadaistisch entschieden werden soll, wer in dieser Angelegenheit Originalität für sich beanspruchen kann.

Sollte das Nudelgericht also aufgrund juristischer Differenzen vorerst ausfallen müssen, lässt sich alternativ auf die Tütensuppe zurückgreifen. Heinz Wulf und Karolina Huber aus der Schweiz hatten wohl den ganz starken Eindruck, das Reformationsjubiläum sei zu kopflastig und gerate zu intellektuell (seltsam, gerade diesen Eindruck hatte das LuttaDada bisher eigentlich nicht), es müsse vielmehr hinaus zu ‚den Menschen‘, zu denjenigen, die nicht ins Museum gehen und nicht den wissenschaftlichen Vorträgen lauschen. Wulf und Huber wollten die frohe Botschaft an alle verbreiten, Und was bietet sich da eher an als Tütensuppen!

So kann man jetzt in der Migros, der größten Supermarktkette der Schweiz, Tütensuppen käuflich erwerben, auf denen Comic-Versionen der Reformatoren Calvin, Luther und Zwingli prangen, jeweils versehen mit einem lateinischen Lehrspruch aus der sola-Reihe: sola fide, sola gratia, sola scriptura. Da kann das LuttaDada doch nur applaudieren, wenn die zentralen Aussagen Martin Luthers nun auch noch den anderen Reformatoren untergeschoben werden. Eine gewisse Kopflastigkeit täte dem Reformationsjubiläum also doch ganz gut, zumindest bevor man den falschen Personen die falschen Zitate auftütet.

Möchte man sich nach all diesen Beschwernissen des Verdauungssystems etwas Gesundes gönnen, könnte der herzhafte Biss in einen frischen Apfel das Richtige sein. Und wenn schon, dann doch gleich ein Martin-Luther-Apfel. Aber halt, nicht ganz so schnell, erst muss der Martin-Luther-Apfelbaum gepflanzt werden, wie er von der Barnimer Baumschule angeboten wird. Wen kümmert’s, dass gar nicht klar ist, ob Luther jemals den Satz von dem Apfelbäumchen und dem Weltuntergang gesagt hat, gut luttadadaistisch kann man ja trotzdem was draus machen. Und um der bedeutungsschwangeren Symbolik noch die Baumkrone aufzusetzen, sollen es auch genau 95 Bäume sein, um gebührend an die Dada-Thesen gegen den Ablass zu erinnern und reformatorische Überzeugungen auch in der Gegenwart wurzeln zu lassen. Das war dem LuttaDada gar nicht klar, dass es den Ablass immer nicht gibt und dass man immer noch gegen ihn kämpfen muss. Wie auch immer, jeder der 95 Bäume kommt mit einer von Luthers Thesen daher. Man kann sich sogar seine Lieblingsthese aussuchen! Baum plus These plus Projekt-Zertifikat kosten in der limitierten Reformationsserie 500 €.

Und was darf zum Schluss unserer kulinarischen LuttaDada-Reise nicht fehlen? Das deutscheste aller Lebensmittel, das einem bei übermäßigem Genuss auch das Leben verkürzen kann, das Bier. Lutta-Dada-Biere waren hier schon einmal Thema, nun hat auch die Gemeinde Homberg nachgelegt. „Reformator“, so heißt das Ergebnis, das nicht als Bier, sondern – gut antiquarisch – als „Gerstentrunk“ bezeichnet werden will. Wohlan!

Und warum wird im Namen des LuttaDada ein solches Gebräu hergestellt? Nun, aus dem gleichen Grund, aus dem es den ganzen anderen Dada-Nippes gibt – um das Thema der Reformation endlich einmal aus den verstaubten Büchern und den langweiligen Hörsälen herauszuholen, um es den Museen und den Spezialisten zu entreißen und endlich zu ‚den Menschen‘ zu bringen. Lasst uns über die Reformation lernen beim Tütensuppenschlürfen und Biersaufen. Das LuttaDada ist sich sicher, dass all die Seelenheilsuchenden dort draußen bei ihrem verzweifelten Umherirren, dass all die Beladenen beim Flehen um einen gerechten Gott nach der einen oder anderen Flasche „Reformator“ endlich finden werden, wonach sie so lange gesucht haben.

Bei all diesen wichtigen, ernsthaften und tiefgründigen Aktionen, die der Sache des LuttaDada dienen sollen, kommt dem solcherart Geehrten zuweilen doch ein schlimmer Verdacht. Könnte es sein, dass es vielleicht doch nicht nur um die ernsthafte Verbreitung des LuttaDadaismus geht? Diesbezüglich äußerte sich Astrid Mühlmann, Geschäftsführerin der staatlichen Geschäftsstelle „Luther 2017“. Sie behauptet, das LuttaDada sei ein „Geschenk für Marketingexperten“. Es stehe nämlich nicht allein für die Reformation, sondern habe zusätzlich alles, was einen „spannenden Werbeträger“ ausmache. Das LuttaDada habe, so Mühlmann, einprägsame Bilder produziert (Thesen mit Hammer an Tür nageln – und zwar live und in Farbe!), habe eine spannende Geschichte hingelegt (Kirche spalten, Nonnen heiraten, Teufel mit Tinte bewerfen) und sei durch einen zerrissenen Charakter geprägt gewesen.

Das LuttaDada muss zugeben, dass es das nicht geahnt hat. Eigentlich wollte es gut dadaistisch nur ein wenig die angenommenen Sinnhaftigkeit der Welt durcheinanderbringen. Nun muss es feststellen, dass damit vor allem Geld verdient werden soll.

Zum Schluss gilt es daher den Großen, Goldenen LuttaDada-Spezialpreis am Bande für kulturpolitische Gelassenheit zu verleihen, und zwar an die Stadt Erfurt und insbesondere an ihren Kulturdirektor Tobias Knoblich. Denn Erfurt und Knoblich (oder Knoblich und Erfurt) haben sich in diesen Tagen etwas getraut, das sich in dem ganzen Jubiläumsklimbim kaum jemand zu trauen scheint: Sie lassen es bleiben. Sie verzichten. Sie pfeifen drauf. Sie können ohne die ganz große Luther-Sause, machen nur eine kleine Ausstellung zur Luther-Rezeption in den Jahren 1917 (400. Reformationsjubiläum) und 1983 (500. Geburtstag Luthers), die auch nur von April bis Juni 2017 dauert. Ansonsten machen sie nicht mit bei dem, was unser Preisträger, Herr Knoblich, einen Überbietungswettbewerb in Sachen Reformationsjubiläum genannt hat.

Wie außergewöhnlich diese Nicht-Handlung und Nicht-Nachricht ist, wird schon durch die Tatsache belegt, dass sie eine eigene Zeitungmeldung wert ist. Aber anstelle einer knappen Benachrichtigung sollten – so verfügt es das LuttaDada – deutschlandweit ausgiebige Lobeshymnen auf Tobias Knoblich und die Stadt Erfurt gesungen werden. Denn aus diesem Beispiel lässt sich lernen: Man kann Kulturpolitik auch dadurch gestalten, dass man sich einer wesentlichen menschlichen Eigenschaft bedient, nämlich nicht immer nur Dinge anpacken zu müssen, sondern sie auch mal sein lassen zu dürfen. Let it be! Eine solche Einsicht, etwas früher und von ein paar mehr Menschen getroffen, wäre der Qualität des Jubiläumsgeschehens sicherlich zuträglich gewesen.

Lang lebe das LuttaDada!

Ähnlichkeitsbeschlagung. Fünfte These zur Geschichtskultur

Die fünfte These zur Geschichtskultur lautet: Die deutsche Geschichtskultur des frühen 21. Jahrhunderts tendiert dazu, Vergangenes nicht mehr als fremd und irritierend wahrzunehmen, sondern es sich der eigenen Gegenwart anzuähneln.

Immer Ärger mit den Unterschieden

Mit Unterschieden scheint die Gattung Mensch so ihre liebe Müh‘ und Not zu haben. Insbesondere bei Unterschieden, die irritierend wirken können, weil sie Unbekanntes, Fremdes, Unpassendes oder Abweichendes mit sich führen, sind regelmäßig Schwierigkeiten unterschiedlicher Art zu konstatieren. Denn Unterschiede wirken verunsichernd. Sie machen sogar Angst. Bekanntermaßen lassen sich solche Unterschiede nicht vermeiden (höchstens verdrängen). Sie platzen zuweilen unangemeldet in unseren Alltag hinein, stehen da in ihrer ganzen Nichteinsortierbarkeit, machen Arbeit, machen Ärger und vermitteln vor allem die unerwünschte Einsicht, dass die jeweils eigene Weltsicht keineswegs selbstverständlich, schon gar nicht naturnotwendig ist. Nach dieser Erkenntnis haben die Unterschiedsgeplagten aber meistenfalls gar nicht gefragt. Sie fiel ihnen meistens unerwartet auf die Füße.

Wie gut, dass es Areale dieser Welt gibt, die zwar durch eine Vielzahl von Unterschieden geprägt sind, in denen diese Unterschiede sich aber nicht aktiv aufdrängen, sondern vornehmlich passiv registriert und einsortiert werden können – und in denen die derart Einsortierten sich auch nicht großartig zur Wehr setzen. Das ist vielleicht ein Grund, weshalb für westliche Kulturen der Dualismus von Kultur und Natur nicht nur überzeugend wirkt, sondern auch weiterhin attraktiv bleibt, weil zwar beide Bereiche sich durch eine schier unübersehbare Vielzahl von Differenzen auszeichnen, die sogenannte Natur sich aber durch übersichtliche Klassifikationsschemata disziplinieren lässt – und noch kein Tier und keine Pflanze dagegen aufbegehrt haben, in diverse Klassen, Familien und Gattungen verschoben zu werden. Es gibt dann zwar weiterhin unzählig viele Unterschiede, aber üblicherweise keine Überraschungen mehr.

Irritationslosigkeit

Der sogenannten Natur nicht ganz unähnlich ist die Welt der Vergangenheit. Tote Menschen teilen mit Tieren und Pflanzen die wesentliche Eigenschaft, Zumutungen der Taxonomie nicht (mehr) widerstehen zu können. Auch vergangenes Leben wird rubriziert, wenn auch nicht mit der Strenge und Detailliertheit wie dies im Bereich nicht-menschlichen Lebens geschieht. Doch auch jede Epochenbezeichnung und jede Festlegung eines historischen Wandlungsprozesses unterwirft das Leben der Vergangenheit einer kategorialen Eindeutigkeit, von der zumindest implizit alle wissen, dass sie in der beschriebenen Form nie existiert hat.

Das ist weder schlimm noch verwerflich. Unsere Denkapparate sind nun einmal so strukturiert, dass sie nicht mit endlos großer Differenziertheit umgehen können, sondern Vereinfachungen in Form von Schemata benötigen. Das mag man bedauern oder nicht, vermeiden lässt es sich kaum.

Die Angewohnheit, insbesondere vergangenes Leben mit entsprechenden Rubrizierungsanstrengungen zu bewältigen, wird jedoch dann problematisch, wenn ihm alle Fremdheitseffekte abgesprochen, sämtliche Irritationspotentiale entzogen und durchgehend Verunsicherungsmöglichkeiten untersagt werden.

Wenn ich im Folgenden von ‚der Geschichtskultur‘ (insbesondere in seiner deutschen Variante zu Beginn des 21. Jahrhunderts) spreche, dann ist das ebenfalls eine Kategorie, die viel zu vielfältige Dinge zusammenfasst, die sich eigentlich gar nicht zusammenfassen lassen. Daher möchte ich bereits an dieser Stelle jedem Absolutheitsanspruch bezüglich ‚der Geschichtskultur‘ entsagen und feststellen, dass es um nicht mehr (aber auch nicht weniger) als die Feststellung von Tendenzen geht.

Genauso, nur ein bisschen anders

Und die Tendenz lautet: Vergangenheit wird mit Ähnlichkeit beschlagen. Ganz im Sinne der erkenntnistheoretischen Binsenweisheit, dass man nur sehen kann, was man bereits weiß, zeigt sich am Beispiel der gegenwärtigen Geschichtskultur, dass sie häufig nur noch wissen will, was sie ohnehin schon sieht. Und das ist meistens nichts allzu weit entfernt von der eigenen Nasenspitze.

Nun sind Beziehungen welcher Art auch immer zuweilen keine ganz einfache Angelegenheit. Auch das eine Binsenweisheit, die aber nicht nur für den Bereich des Zwischenmenschlichen zutrifft, sondern auch für das Zwischenzeitliche gilt. Anders als bei Menschen, die sich das Leben gegenseitig schwermachen können, sind aber Chancenverteilung und Machtgefälle im Temporalen von vornherein und damit grundsätzlich ungleich verteilt. Nicht-gegenwärtige Zeiten haben nur wenig Möglichkeiten, sich gegen die Zumutungen einer Gegenwart zur Wehr zu setzen. (Dafür hatten sie einst andere Möglichkeiten, um vergangenen Zukünften, also unter anderem unserer Gegenwart, ein Schnippchen zu schlagen; aber das zu erläutern, würde vom eigentlichen Thema wegführen.) Wenn solche Gegenwarten bei der Beschreibung von Vergangenheiten also nicht aufpassen und sich zwischendurch nicht einmal auf die eigenen Fingerchen klopfen, dann, ja dann kann es geschehen, dass sie den einfachsten Weg historischer Erkenntnis wählen. Und der lautet bekanntermaßen: Früher war es genauso wie heute, nur ein bisschen anders. Also ähnlich.

Das Andere, das vergangene Zeiten für uns sein könnten, wird dadurch in Eigenes und Vertrautes verwandelt und muss eine Ähnlichkeitsbeschlagung über sich ergehen lassen. Der Vorgang ließe sich auch mit der angemessenen Negativität zum Ausdruck bringen: Es geht um Störungsverweigerung.

Wer spricht denn da?

Und ohne Frage ist das Reformationsjubiläum 2017 dafür ein illustratives Beispiel, schließlich fasst es sich selbst immer wieder zusammen in dieser einen Frage: Was kann uns Luther heute noch sagen? Darauf ließe sich mit ungebührlicher Besserwisserei antworten: Luther sagt uns heute gar nichts mehr, verstorben wie er ist! Wischt man jedoch eine solche oberflächliche Spitzfindigkeit beiseite, zeigt sich darunter ein ernsthaftes Anliegen. Denn wollte man tatsächlich herausfinden wollen, was Luther uns heute noch zu sagen hätte, dann gälte es vor allem, Luther zu lesen. Ich habe meine Zweifel, dass diese Lektürearbeit anlässlich des Jubiläums tatsächlich geleistet wird. Denn würde man Luther lesenderweise zur Kenntnis nehmen, müsste man feststellen, dass er in vielen, wenn nicht gar den meisten seiner Texte überhaupt nicht mehr zu uns spricht – zumindest nicht in dem Sinn, dass er unsere Probleme, unsere Fragen, unsere Gedanken, unsere Welt anspräche. Viel eher würde eine solche Lektüre andere Fragen provozieren. Nicht: Was kann er uns heute noch sagen? Sondern eher: Weshalb sprach er zu seinen Zeitgenossen so? Nicht: Welche heutigen Probleme können wir mit Luther behandeln? Sondern: Welche Probleme hatten die Zeitgenosse Luthers, dass er ihnen solcherart aus der Seele sprechen konnte?

Aber geht das nicht mit dem Verbot einher, Vergangenheiten, ganz egal welcher Art, in und für eine Gegenwart behandeln zu dürfen? Kann man dann überhaupt noch nach der Aktualität des Gewesenen fragen? Sicherlich kann man das. Aber nicht unter schamloser Ausnutzung des bereits benannten Machtgefälles zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Wir müssen dem Vergangenen seine Einzigartigkeit nicht nur zugestehen, sondern sie auch schützen. Nur dann kann es zu einem Dialog kommen zwischen den Zeiten, nur dann können wir etwas lernen aus dieser Beziehung (denn wir lernen nicht ‚aus der Vergangenheit‘, sondern aus der Art und Weise, wie wir uns auf Vergangenheiten beziehen), nur dann können wir uns durch das Vertraut-Fremdartige, durch das Bekannt-Verwirrende hinreichend aus dem Trott bringen lassen, um nicht nur die Vergangenheit, sondern auch unsere Gegenwart neu und anders zu befragen.

Die Realität des Reformationsjubiläums zeigt uns jedoch, wie die Ähnlichkeitsmaschinerie weitgehend gehaltlos vor sich hinschnurrt. Wir wollen gar nicht hören, was Luther uns heute noch zu sagen hätte. Wir lassen ihn vielmehr sagen, was wir heute hören wollen.

Luthermobil

Zu den Menschen

Man kennt es möglicherweise noch, das Guidomobil, jenes unsägliche Symbol siegestrunkener FDP-Überheblichkeit, mit dem der Parteivorsitzende Westerwelle 2002 Wahlkampf machte; oder den Brexit-„Vote Leave“-Bus, mit dem die Befürworter des britischen EU-Austritts 2016 landauf, landab behaupteten, 350 Millionen Pfund pro Woche an den nationalen Gesundheitsdienst anstatt nach Brüssel überweisen zu wollen (eine Aussage, von der Nigel Farage schon einen Tag nach der Brexit-Abstimmung nicht mehr wissen wollte – noch so ein Siegestrunkener, der langsam wieder nüchtern werden musste).

Nur zwei Beispiele aus einer schier endlosen Reihe von Gefährten – Züge, Wohnmobile, Sattelschlepper –, die regelmäßig bei politischen Kampagnen eingesetzt werden. Busse und ähnlich geartete Fahrzeuge sind eine gern gewählte Möglichkeit, um den direkten Kontakt mit ‚den Menschen‘ zu suchen. (Auch wenn ich bis zum heutigen Tag noch nicht so recht verstanden habe, um was für eine Kollektiveinheit es sich bei den in politischen Äußerungen ständig angerufenen ‚Menschen‘ handeln soll. Wohl ein freundlich klingender Ersatz für die kontaminierten beziehungsweise inhaltlich entleerten Begriffe ‚Nation‘ und ‚Volk‘. ‚Menschen‘ tönt irgendwie sympathischer, vor allem persönlicher, ruft aber selbstredend ebenso eine Chimäre an wie die ehemals verwendeten Alternativen.)

Da es allen, die in diesem Gemeinwesen Verantwortung tragen, laut herrschendem politischen Diskurs um ‚die Menschen‘ gehen muss, gilt es diese amorphe Masse möglichst effektiv zu erreichen. Eine solche Menschenerreichung kann mittels Medien nur vermittelt gelingen – wie der Begriff ‚Medium‘ schon hinreichend deutlich macht –, weshalb auch immer wieder andere Wege gesucht werden, um mit ‚den Menschen‘ in direkten Kontakt zu treten. Wollen politische Entscheidungsträger nicht abgehoben, realitätsfern, alltagsuntauglich oder gar arrogant wirken, müssen sie die unmittelbare Begegnung mit denjenigen suchen, für die und in deren Namen sie Entscheidungen fällen. Daher das so gern genommene Bad in der Menge, das Händeschütteln, das Zuwinken, das Kinderkopftätscheln.

Der tatsächliche Zweck solcher Begegnungen ist die Produktion von Bildern, die all denjenigen, die dieser unmittelbaren Begegnung nicht teilhaftig werden konnten – also eigentlich fast allen –, zumindest einen visuellen Eindruck davon vermitteln sollen. Am Ende geht es darum, die unmittelbare Medienlosigkeit doch wieder medial zu vermitteln.

Geschichten einsammeln

Das Gefährt, das seinen Weg zu den Menschen sucht, hat auch im Rahmen des Reformationsjubiläums seinen Einsatz. Ein Reformationstruck bahnt sich auf dem Europäischen Stationenweg im Namen der frohen Kunde seine gewundene Schneise durch größere Teile des Kontinents. Seit November 2016 ist der Truck unterwegs, fährt noch bis Mai 2017 und wird am Ende seiner Reise durch 19 Länder gefahren sein und 67 Stationen absolviert haben. Ein eindrückliches Programm.

Und welche Aufgabe hat der Truck? Er soll Geschichten einsammeln, wie es etwas nebulös heißt. „Die Geschichten und Erfahrungen aus Regionen aller Himmelsrichtungen werden zur Weltausstellung Reformation nach Lutherstadt Wittenberg gebracht“, so kann man es im entsprechenden Prospekt nachlesen (und die eher unsinnige Formulierung mit den Himmelsrichtungen überlesen wir großzügig – denn bekanntlich kann man sich von jedem Ort ohne große Anstrengung in alle Himmelsrichtungen bewegen, das ist noch keine besondere Leistung).

Wuppertal war ein Halt auf der Strecke. Am 23. März 2017 öffnete der Truck seine einladenden Seitenflügel, offenbarte einen breiten gläsernen Eingang, um sie zu empfangen, ‚die Menschen‘ – also zumindest die Menschen, die an diesem blaubehimmelten Frühlingstag über den Alten Markt in Wuppertal-Barmen, unweit der Gemarker Kirche, unter den Stahlträgern der Schwebebahn entlangschlenderten. In den wenigsten Fällen dürfte es sich bei den Besuchern, wie bei mir, um solche gehandelt haben, die das Luthermobil gezielt angesteuert haben. Mir schienen an diesem frühen Donnerstagnachmittag nahezu zwangsläufig Schulpflichtige, Pensionsberechtigte und Einkaufswillige zu dominieren.

Insbesondere die Erziehungsbefohlenen schätzten an dem Gefährt, dass sich sein Dach besteigen ließ und man von dort die durch hässliche Nachkriegsgeschäftshausarchitektur beschränkte Sicht genießen konnte. Fotografische Selbstportraits wurden für das soziale Medienschaffen angefertigt.

Innere Leere

Das Innere des Reformationstrucks betretend, schlug einem zunächst eine irritierende Leere entgegen. Nicht, dass dort niemand gewesen wäre, im Gegenteil waren Menschen hier und da in angeregte Gespräche vertieft. Es war vielmehr eine inhaltliche Leere, die einen dort umfing. Rechts vom Eingang ein kleiner Empfangstisch, links eine Sitzecke, an der Längsseite des Trucks mehrere Bildschirme zur visuellen Unterhaltung, Broschüren im Raum verteilt, der eine oder andere Computer und einige freundliche Reformationsjubiläumsangestellte – das war’s. Die Gespräche drehten sich vor allem um das Unterwegssein, wo der Truck bereits ‚die Menschen‘ erreicht hatte und welche Städte er noch ansteuern würde. Eine Europakarte auf dem Boden, versehen mit einem Stern für jede Station, diente der Illustration.

Um das Gefährt waren weitere Tische aufgestellt, es gab noch mehr gesprächsbereite Menschen der örtlichen Kirchengemeinde, auch ein kleines Zelt war errichtet (ohne Sitzgelegenheiten) und sollte wohlmöglich ‚zum Verweilen‘ einladen. Ein überdimensionierter, etwa ein Meter großer Playmobil-Luther zeigte das Niveau der gesamten Veranstaltung an. Es ging, der Inhaltsarmut des Trucks entsprechend, überhaupt nicht um Information – Information beispielsweise über die Reformation, als ein durchaus naheliegendes Thema, oder meinetwegen über irgendeinen anderen relevanten Inhalt welcher Art auch immer. Es ging viel eher um den gänzlich zwanglosen, wahrscheinlich aber auch gänzlich unverbindlichen Austausch über – ja, über was eigentlich? Das naheliegende Thema war eben der Lutherkraftwagen (LKW) selbst, seine Zweckfreiheit und der zurückgelegte beziehungsweise der noch zurückzulegende Weg, der bei dieser Aktion tatsächlich das Ziel zu sein scheint.

Ansonsten war der in Dauerschleife laufende und professionell produzierte Imagefilm über die Station Wuppertal samt Eindrücken von Stadt und Kirchengemeinde sowie Interviews mit Vertretern einschlägiger Institutionen das einzige Gehaltvolle, das sich von diesem Ort entführen ließ. Auch dieses Gefährt hat damit neben der Anhebung des CO2-Gehalts in der Atmosphäre (der Truck ist gänzlich unironisch von Volkswagen gesponsert) den Zweck erfüllt, der ihm zugedacht war: Medienwirksame Bilder zu produzieren, die all denjenigen, die nicht unmittelbar an dieser Reformationsjubiläumsveranstaltung teilnehmen konnten – also fast allen –, einen Eindruck davon zu vermitteln, wie es gewesen wäre, hätten sie dabei sein können.

In allen Teilen Europas will der Reformationstruck vor Ort Geschichten einsammeln, so lautet der vollmundige Anspruch. Warum wird man (oder werde zumindest ich) dann aber den Eindruck nicht los, das übergeordnete Narrativ, in das all diese Geschichten eingespannt werden sollen, war bereits festgelegt und erzählt, bevor bei diesem Truck auch nur das erste Mal der Zündschlüssel umgedreht wurde?

Kondom-Postille

Wenn Kirchen und Kondome kollidieren, lässt der Skandal nicht lange auf sich warten. Das gilt auch noch im Jahr 2017.

Es muss wohl am Wochenende des 11./12. März dieses Jahres gewesen sein, als die Düsseldorfer Jugendkirche Kondome an Jugendeinrichtungen verteilte, und zwar mit – wie es in der Formulierung des Evangelischen Pressedienstes (epd) hieß – „provokanten Sprüchen“. Zu lesen war auf den Kondomverpackungen unter anderem „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“, „Für Huren und Heilige“, „Schrei vor Erlösung“ oder „Nageln bis der Papst kommt“.

Nun, wahrscheinlich hätte von dieser Verteilaktion kaum jemand etwas mitbekommen, außer denjenigen, welche die Idee dazu hatten, den Jugendlichen, welche die Kondome benutzt hätten und den Spermien, die in ihrem natürlichen Verteilungsdrang aufgehalten worden wären, wenn, ja, wenn nicht die Evangelische Kirche im Rheinland die Aktion unterbunden und bereits ausgeteilte Kondome wieder eingesammelt hätte.

Die rheinische Landesjugendpfarrerin Simone Enthöfer begründete in einem Schreiben das Verbot damit, dass die Luther-Aussagen aus ihrem historischen und inhaltlichen Zusammenhang gerissen worden seien und in der vorliegenden Kondomverpackungsform sexistisch und verletzend wirken könnten. Klaus Eberl, Oberkirchenrat der Evangelischen Kirche im Rheinland, hat sich sogar mit einer Videobotschaft an die Öffentlichkeit gewandt, um zu erläutern, „was da nicht geht“. Die Jugenddelegierten der Evangelischen Kirche in Deutschland haben ihrerseits in einem offenen Brief auf Facebook auf das Verbot reagiert.

Wichtigstes Argument zur Verhütung der weiteren Verteilung der Verhütungsmittel ist die Achtsamkeit gegenüber denjenigen Mädchen und Frauen, die als Opfer sexueller Gewalt solche Sprüche auf Kondomverpackungen nicht nur witzig finden können. Damit ist ein wichtiger Punkt benannt, weil mit diesem Thema wahrlich nicht zu spaßen ist. Trotzdem hinterlässt das Kondomverbot den Eindruck einer gewissen doppelmoralischen Scheinheiligkeit. Wäre denn die Aufregung ähnlich groß gewesen, wenn es sich nicht um Luthersprüche beziehungsweise Lutheranspielungen gehandelt hätte? Hätten die Kirchenoberen ähnlich empfindlich und vor allem öffentlichkeitswirksam reagiert, wenn auf den Verpackungen ein paar andere, nicht lutheraffine Sprachpreziosen zu lesen gewesen wären? Wäre die Aufregung geringer ausgefallen, wenn es nicht der Heilige Martin der Evangelischen Kirche gewesen wäre, der hier als Sprücheklopfer herhalten musste? Und könnten die Opfer sexueller Gewalt möglicherweise insofern nur ein vorgeschobenes Argument gewesen sein, als diese sich bei jeder Form von sexuellen Anspielungen zumindest unangenehm berührt (wenn nicht Schlimmeres) fühlen müssen, Kondome also in jedem Fall für solche Aktionen ausfallen müssen, ganz gleich, welche Sprüche sich darauf befinden? Und wieso hat die Evangelische Kirche zwar Probleme damit, aus dem Zusammenhang gerissene Lutheranspielungen auf Kondomverpackungen drucken zu lassen, wenn sie doch selbst solche Textfragmente auf T-Shirts, Babystrampler, Aufkleber, Bonbontüten, Kaffeetassen oder Regenponchos aufbringt und zu wohlfeilen Preisen im eigenen Reformationsjubiläumsshop anbietet? Wie muss zum Beispiel der auf Socken gedruckte Spruch, „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“, auf Menschen wirken, die im Rollstuhl sitzen?

Wenn Klaus Eberl in seiner Videobotschaft sagt, „Gewalt und Sex gehen für uns nicht zusammen, auch nicht in der Sprache“, dann kann man diese Aussage nur unterschreiben. Gleichzeitig hat die Evangelische Kirche aber weniger Probleme damit, Kommerz und Jubiläum zusammenzubringen und Kleidung, überflüssige Accessoires oder Nahrungsmittel zu verkaufen, bei denen vielleicht noch zu klären wäre, wo sie unter welchen Bedingungen produziert worden sind und ob hier nicht möglicherweise eine bedenkliche Form kapitalistischer Ausbeutung vorliegt. Und selbst wenn sie in der Stadtteilwerkstatt um die Ecke hergestellt worden sein sollten, stellt sich immer noch die Frage, weshalb man mit Luthers Sprache zwar Geld verdienen, aber keinen Sex haben darf.

Das Kondomverbot führt uns also einmal mehr an die Wurzel des Problems, das man mit diesem Reformationsjubiläum haben kann. Ich finde es verständlich und nachvollziehbar, dass nicht alle von flotten Witzen auf Kondomverpackungen amüsiert sind. Ich finde es auch nicht grundsätzlich verwerflich, Schlüsselanhänger oder Picknickdecken mit Lutherrosen zu verkaufen. Die Schwierigkeiten entstehen im einen wie im anderen Fall, wenn man versucht, 500 Jahre alte Inhalte ohne Umschweife in die Gegenwart zu transferieren. Dann zeigt sich nämlich entweder, dass man die Reformation zwar so lange weichspülen kann, bis sich damit auch Frühstücksbrettchen unter die Leute bringen lassen – oder dass dieses Geschehen, in einen anderen Zusammenhang gestellt, seine ganze Unerbittlichkeit und auch Gewaltsamkeit offenbart. Es wäre wohl angebracht, wenn historische Geschehnisse nicht zur Spielwiese unbedarfter Aktualisierungen würden, weder bei Kondomen noch im Online-Shop. Doch beim Reformationsjubiläum 2017 muss man schon länger den Eindruck haben, dass es für eine solche Einsicht bereits zu spät ist.

Unsere Vergangenheit soll schöner werden. Vierte These zur Geschichtskultur

Die vierte These zur Geschichtskultur lautet: Unsere Geschichtskultur tendiert zur Bevorzugung von Inhalten, die mit gegenwärtigen Interessen korrespondieren und auf die Vergangenheit ein (falsches) besseres Licht werfen.

Gleichförmigkeit

Geben wir uns für einen Moment der naiven Annahme hin, eine Internet-Suchmaschine wie Google stünde stellvertretend für das Wissen der Welt über sich selbst. In diese Suchmaschine können wir Stichwörter eingeben wie „Reformation“ oder „Martin Luther“. Welche Ergebnisse werden uns präsentiert? Unfehlbar werden wir zunächst mit einigen Werbeanzeigen konfrontiert (wobei die Unfehlbarkeit in diesem Zusammenhang eine durchaus mehrdeutige Konnotation erfährt), zum Beispiel von Tourismusanbietern oder aus der Modebranche (jawohl, auch die Reformation wird in eine Modekollektion verwandelt). Sodann folgen einige Informationsseiten, deren Angebote sich in der Google-Hierarchie, mit welchen Mitteln auch immer, ganz nach oben gearbeitet haben: Wikipedia-Artikel oder die Eingangsseite des Zentralkomitees der Kommission zur Durchführung der Jubiläumsfeierlichkeiten der Reformation, kurz ZKDJR (oder so ähnlich). Etwa ab Google-Suchmaschinentreffer Nr. 11 wird man dann mit Veranstaltungshinweisen ganz unterschiedlicher Art überhäuft, mit internationalen, nationalen, regionalen und lokalen Aufführungen, Ausstellungen und Informationsveranstaltungen, die dem historischen Ereignis der Reformation zur größeren Ehre gereichen sollen.

Im Moment – ich schreibe dies im März 2017 – ist unübersehbar, dass und wie der Reformationsjubiläumszug Fahrt aufnimmt. Die Freiluftsaison der Feiersause beginnt. Man kann tatsächlich den Eindruck gewinnen, dass jede Kirchengemeinde, jede Ortschaft, jeder Landstrich und jede Institution ihren jeweils eigenen Beitrag zu diesem Jubelfest leisten will, und dabei gewillt und in der Lage ist, jedes verfügbare Mittel in Anspruch zu nehmen.

Versucht man sich zumindest ansatzweise einen Überblick über den Inhalt dieser Aktivitäten zu verschaffen, dann fällt recht schnell deren Gleichförmigkeit auf – ein erster Eindruck, der durch ein ausdauernderes Studium der zahlreichen Veranstaltungsprogramme bestätigt wird. Es sind wenige Themen, die dominieren. Ohne hier eine eindeutige Hierarchie aufstellen zu können (das würde einen größeren statistischen Aufwand erfordern), lassen sich als inhaltliche Schwerpunkte nennen: Reformation und Moderne; Luther und die deutsche Sprache; Luther und die Freiheit; Reformation als Gemeinsamkeit (Ökumene); Reformation und Judentum; Frauen in der Reformation.

Man kann diese Themen auch übersetzen. Dann würden sie lauten: Inwiefern war die Reformation der Anbruch unserer eigenen Gegenwart? Inwiefern hat Luther unsere Sprache als zentrales Merkmal kollektiver (deutscher) Identität geprägt? Inwiefern hat Luther mitgeholfen, unsere „freiheitlich-demokratische Grundordnung“ zu begründen? Inwiefern kann die Reformation, nach all den Trennungen, die sie nach sich zog, zu einem Moment (ökumenischer) Gemeinschaftlichkeit werden? Wie ist die Reformation mit Minderheiten umgegangen? Und wie war das Verhältnis der Geschlechter in der Reformation ausgestaltet? Es handelt sich also durchgehend um Fragen, die uns in der Gegenwart des frühen 21. Jahrhunderts umtreiben.

Mit anderen Worten: In der Beschäftigung mit der Reformation geht es daher vor allem um uns selbst.

Präsentismus

Das zeigt auch die Abwesenheit bestimmter Fragen im Kontext des Reformationsjubiläums. Weniger scheint im Jahr 2017 zu interessieren, was die Menschen des Jahres 1517 vornehmlich interessierte: Wie finde ich mein Seelenheil? Wie finde ich einen gnädigen Gott? Wie kann ich mich am besten auf ein Leben im Jenseits vorbereiten? All diese Fragen sind für die Jubiläumspraxis irrelevant, weil sie in unserer Gegenwart keine Rolle mehr spielen. Ein solcher Umgang mit der Vergangenheit hört üblicherweise auf den Namen Präsentismus.

Der Präsentismus genießt in historischen Debatten keinen besonders guten Ruf, wird meist mit abwertenden Vorzeichen versehen und will vornehmlich besagen, dass eine Vergangenheit allein aus der Perspektive und mit den Maßstäben der Gegenwart betrachtet wird. [1] Aber gar so schnell und gar so leicht sollte man den Präsentismus nicht über Bord werfen. Denn das glatte Gegenteil dieser Gegenwartsseligkeit, also ein Sich-in-die-Vergangenheit-Hineinversetzen mittels Zeitmaschine, wäre mindestens ebenso naiv und gefährlich. [2] Präsentismus können wir daher, streng genommen, gar nicht umgehen, weil wir keinen anderen zeitlichen Standpunkt einnehmen können als unseren eigenen, wenn wir mit Vergangenheiten umgehen. Die Frage ist eher, wie wir diesen Präsentismus einsetzen wollen. Wenn jede Form der Geschichtsschreibung zwangsläufig präsentisch sein muss, weil sie ihre Gegenwart nicht verlassen kann, dann stellt sich das Problem anders: Beinhaltet dieser Präsentismus die Relationen einer Gegenwart zur Vergangenheit oder konzentriert er sich auf die Gegenwart einer Vergangenheit?

Ein besseres Gestern

Aber eine bestimmte, durchaus negative Auswirkung des Präsentismus kann man im Zusammenhang des Reformationsjubiläums besonders gut beobachten. Sie funktioniert nach dem Motto: Unsere Vergangenheit soll schöner werden. Beispiel: Frauen in der Reformation. Bei der Vielzahl von Vorträgen, Präsentationen, Filmen usw. zu Argula von Grumbach, Katharina Luther, Barbara Cranach und anderen Protagonistinnen muss man zuweilen den Eindruck gewinnen, hier wird eine bisher gänzlich übersehene Hälfte der Reformationsgeschichte ans Tageslicht geholt. Aber machen wir uns nichts vor: Die Reformation war eine Männerangelegenheit. Man mag das im Nachhinein aus nachvollziehbaren Gründen bedauerlich finden, nur ändern wird es sich dadurch nicht.

Nach der Rolle von Frauen zu fragen, ist richtig und wichtig, aber eben nicht um die Vergangenheit im Nachhinein und im Sinn der Gleichberechtigung besser zu machen, sondern um aufzuzeigen, warum und in welcher Form Ungleichheiten vorgeherrscht haben. Einige wenige Frauen hervorzuheben, die die Reformation mitprägten, die sich aber genau deswegen besser in unser gegenwärtiges Selbstbild fügen lassen, tut nur den 99% anderen ein weiteres Mal Unrecht an, die ihr ganz durchschnittliches Leben in einer patriarchalischen Gesellschaft geführt haben. Die Frage wäre also weniger, welche Frauen auf welche Weise die Reformation beeinflusst haben, damit sich das Gewesene unserem eigenen Hier und Jetzt besser anpassen möge. Die Frage ist eher, weshalb Frauen in dieser Gesellschaft so gut wie keine Chance hatten, Vorgänge wie die Reformation mitzugestalten. Unsere Vergangenheit soll nicht schöner werden, sie sollte vielmehr anders bleiben dürfen.

 

Anmerkungen

[1] Zur Diskussion um den Präsentismus vgl. die Debatte in der Zeitschrift Past & Present, Heft 234 (2017).

[2] Ausführlicher dazu Achim Landwehr: Die anwesende Abwesenheit der Vergangenheit. Essay zur Geschichtstheorie, Frankfurt a.M. 2016.

LuttaDada 2

Das LuttaDada kann sich freuen. Endlich ist es soweit, endlich ist das Jahr 2017 angebrochen – sein Jahr! Das LuttaDada wird wachsen und gedeihen, denn mit jeder neuen Jubiläumsaktion, die sich die LuttaDadaisten ausdenken aus Anlass dieses 500jährigen Dingsbums, wird es an Bedeutung gewinnen. Die LuttaDadaisierung wird die ganze Welt erfassen! Jawohl, das LuttaDada ist inzwischen anmaßend genug, die Herrschaft über die Welt ernsthaft in Erwägung zu ziehen. Was ein TrumpDada kann …

Die ersten Anzeichen dieser Weltherrschaft sind unübersehbar. Oder ist irgendjemand der Meinung, es sei ein Zufall ist, wenn eine Gedenkmünze mit dem LuttaDada geprägt werden? Nicht irgendwelche Gedenkmünzen, nein! Auf dieser sieht man das LuttaDada als Superman (oder besser Lutherman) über das Schloss Stolberg fliegen. Da bedarf es keiner weiteren Erläuterung!

Nach dieser eher ungewohnten Art der Fortbewegung beißt das LuttaDada zur Stärkung werbewirksam mit breitem Grinsen, strahlenden Zähnen und einem Gesichtsausdruck, der übergroßen kulinarischen Genuss vermitteln soll, in die neue Luther-Salami. Exklusiv hergestellt von der Firma Naturfleisch Überweißbach. In Bibelform mit aufgedruckter Lutherrose! Auch im Internet zu bestellen! Sola scriptura geht ab sofort durch Magen und Darm!

Derart gestärkt kann sich das LuttaDada der medialen Meute stellen. Jawohl, das LuttaDada hat seine Scheu vor dem öffentlichen Auftritt abgelegt, hat sich aus der Deckung der Reformatoreneinsamkeit herausgewagt, um den ganz großen Medienhäusern exklusive Interviews zu gewähren, die dazu angetan sind, die Welt in ihren Grundfesten zu erschüttern. Denn merke: Wer 95 Thesen kann, kann auch visionäre Interviews! Wir haben uns dazu nur mit ausgewählten Medienpartnern zusammengetan. Ein Interview gibt es daher – wenig überraschend – zu sehen beim Zeitungsverlag Waiblingen, das andere beim unvergleichlich einflussreichen Nachrichtenportal Rhein-Neckar „morgenweb“ (das man irritierenderweise auch noch abends konsultieren kann; nun ja).

Wogegen sich das LuttaDada aber mit aller Vehemenz wehren möchte, ist eine Verbindung mit Ronald Pofalla. Das geht nicht! Ein Pofalla kann nicht in Wittenberg den neuen Bahnhof eröffnen, der für das LuttaDada gebaut wurde. Das will das LuttaDada nicht! Und wenn das LuttaDada etwas nicht will, dann wird es auch nicht geschehen. Auch nicht in der Vergangenheit! Es wird also auch nicht geschehen sein! LuttaDadaisten werden diesen Bahnhof nicht benutzen! Sie werden zu Fuß gehen oder Wittenberg weiträumig umfahren, sie werden mit dem Fallschirm abspringen oder einen Tunnel durch das Erdreich graben, aber sie werden keinen pofallaisierten Bahnhof ansteuern. Das LuttaDada hat gesprochen!

Die gewonnene Zeit bei der Vermeidung dieses Bahnhofs lässt sich sinnvoll investieren bei der Beschreibung eines Wunders. Und nun sage bloß niemand, Wunder könne man entweder nur erleben oder bewirken, aber nicht beschreiben. Die Gemeinde Tambach-Dietharz ist da ganz anderer Meinung! Dort soll das LuttaDada nämlich im Jahre des Herrn Eintausendfünfhundertsiebenunddreißig von einem Leiden an den Nieren geheilt worden sein. Aber wie nur geschah dieses Wunder? Und wie konnte es geschehen, obwohl das mit dem Wunderglauben im LuttaDadaismus ja so eine ganz eigene Sache ist? Einigen ordentlich angestellten LuttaDadaisten scheint diese Frage keine Ruhe zu lassen. Pfarrer Gregor Heidbrink aus Finsterbergen – wir alle kennen seinen Krimi „Der gute Mensch von Düsteroda“ – hat mit einigen wackeren Mitstreitenden einen Preis ausgelobt, mit dem ein Text ausgezeichnet werden soll, in dem das Geheimnis kriminalschriftstellerisch gelüftet wird. Das LuttaDada ist insbesondere erfreut über den Abgabetermin für die Texte: 1. April 2017!

Krimis gut und schön – aber muss eine so todernste Sache wie die weltweite Verbreitung des LuttaDadaismus unbedingt auf das Niveau von Kinderspielzeug herabgedrückt werden? Ist denn nur noch Spaß angesagt, wenn es um fundamentale Fragen wie das Seelenheil geht? Es scheint so. Möge es der angemessenen Infiltrierung der Jungendbewegung des LuttaDadaismus (JLD) dienen. Das LuttaDada gibt es nun als „Quiz zu Kirche, Kultur und Konfessionen“. Das LuttaDada gibt es als „Martin Luther – Das Spiel“ mit Proviantkarten, Erfahrungssteinen, Abdeckplättchen, Porträtplättchen, Wegeringen und – besonders einladend – ‚Cranach malt‘-Plättchen. Auf die existentielle Dimension des reformatorischen Vorgangs wird zumindest insofern hingewiesen, als unter Dreijährige an diesem Spiel nicht beteiligt werden sollten. Verschluckungs- und Erstickungsgefahr! Ein Tiefpunkt papistisch-dadaistischer Propaganda ist allerdings das Spiel „Mea Culpa“. Dort, so musste das LuttaDada erfahren, wird doch allen Ernstes um die möglichst gelungene Art des Ablasshandels gestritten, mit der man sich der Himmelspforte nähern soll. Das lehnen wir ab! Dieses Spiel wird sofort verboten! Die Mission des LuttaDada ist noch lange nicht beendet!

Auch heute will das LuttaDada nicht darauf verzichten, einige Veranstaltungshinweise zu geben. Dieses Mal: Das Weltereignis in Blaubeuren! Es locken lustige Liederabende unter dem Motto „Luthers Laute“. Heranwachsende aus der Blaubeurer Jungschargruppe haben spezielle Angebote vorbereitet (auch wenn man hier noch nicht spezieller werden wollte). Außerdem fragt man in Blaubeuren investigativ nach: Ein Bilderverbot in der Bibel? Bedauerlich ist allerdings, dass man sich ansonsten vor Ort vor allem auf den Dialog mit den Menschen freut. Traurig, traurig, unter welchen Ausgrenzungserfahrungen die Tierwelt bei diesem Reformationsjubiläum einmal mehr zu leiden hat. Und was bei den 500-Jahr-Feierlichkeiten niemals und unter gar keinen Umständen fehlen darf, auch nicht in Blaubeuren, ist das Herzstück einer jeden Reformationsjubiläumsveranstaltung, die Krone in jedem Gemeindeprogramm: Kochen wie zu Luthers Zeiten! Guten Appetit!

Lang lebe das LuttaDada!

 

Falk-Postille

Man kann aus Martin Luther einen Freiheitshelden machen. Muss man aber nicht. Man kann die ‚Botschaft‘ der Reformation (wie lautete sie gleich noch?) in das Korsett standardisierter Musicalmelodien packen. Man muss sich das aber nicht anhören. Man kann die geistliche Musik des 16. bis 18. Jahrhunderts in ein fahrstuhltaugliches Funktionsmusikgeriesel verwandeln. Man muss dafür aber kein Geld ausgeben.

Es gibt einen Mann, der all das nicht nur kann, sondern der wohl auch davon überzeugt ist, dass man es sollte. Man tut Dieter Falk wohl nicht unrecht, wenn man ihn als Überzeugungstäter charakterisiert. Er scheint überzeugt von der Verbreitung der christlichen Botschaft mittels massentauglicher Melodien, und er scheint überzeugt von den popmusikalischen Ausdrucksmöglichkeiten der 1970er und 1980er Jahre, die er in das frühe 21. Jahrhundert hinübergerettet hat.

Wer ist Dieter Falk? Ihn als Größe im Bereich der deutschen Popmusik zu bezeichnen, ist kaum übertrieben, auch wenn man den Namen noch nie gehört haben sollte. Er wirkt eher im Hintergrund als Mann an verschiedenen Tasteninstrumenten und als Produzent. Die größten Erfolge feierte er als Verantwortlicher für die Aufnahmen der Band Pur – und wenn man das zweifelhafte Vergnügen gehabt sollte, deren Musik schon einmal gehört zu haben (was sich irgendwann in den 1990er Jahren nicht so richtig vermeiden ließ), dann hat man auch schon einiges von den musikalischen Vorlieben Dieter Falks begriffen.

Nun zu behaupten, Dieter Falk hätte die Marke Luther aktuell als Geschäftsmodell für sich entdeckt, ist nur die halbe Wahrheit. Er ist, wie gesagt, Überzeugungstäter, war bereits in den 1980ern bei Aufführungen und Aufnahmen christlicher Popmusik beteiligt. Das Einlassen auf und die Auslassungen zu Luther kommen also nicht von ungefähr. Falk ist nicht jemand, der es sich leichtmacht und auf den aktuellen Trend des Reformationsjubiläums aufspringt. In seinem Fall handelt es sich die konsequente Fortsetzung jahrzehntelanger Arbeit.

Angefangen von der musikalischen Sozialisation im Kirchenchor über die Produktion zahlreicher Schallplatten im Bereich christlicher Popmusik bis zur Aufführung von Musicals, deren Titel den Hauch von Hollywood-Filmproduktionen der 1950er Jahre atmen (Die 10 Gebote! Moses!), ist hier alles vertreten.

Und nun also Luther. Auch hier wird auf der ganzen medialen Klaviatur gespielt (… was für ein Kalauer bei einem Pianisten). Erstens gibt es eine CD „A tribute to Martin Luther“, eine Art instrumentales Jazz-Rock-Gedöns mit Bläsern und Filmorchester und viel Drumherum, begründet unter anderem mit der Aussage, Luther sei der „erste Popmusiker der Kirche gewesen“. Aber Falk bedient, zweitens, auch die Buchsparte und hat gemeinsam mit seiner Frau Angelika für die Deutsche Bibelgesellschaft den Umschlag einer Sonderausgabe der revidierten Luther-Bibel kreiert. Der dritte Beitrag zum Jubiläums-Tingeltangel ist dann aber die ganz große Show: das sogenannte Pop-Oratorium, das auf den einfallsreichen Namen „Luther“ hört. Dessen Aufführung geht dieses Jahr deutschlandweit durch etliche Hallen und Stadien Deutschlands und gibt uns die Reformation mit ihrem Hauptdarsteller als Musical-Aufführung inklusive einem mehrtausendstimmigen Laienchor. Leider klingt das, was man sich bisher anhören kann, ohne die teuren Eintrittskarten für diesen ‚Event‘ zu erstehen, genauso wie es immer klingt, wenn deutsche Chöre versuchen, auf Gospel zu machen. Redlich bemüht.

Das Pop-Oratorium „Luther“ wird uns in diesem Jahr wohl noch häufiger über den Weg laufen. Spätestens am 29. Oktober 2017 können es sich alle öffentlich-rechtlich im ZDF ansehen. Und würde man mich um meine unmaßgebliche musikalische Meinung fragen, würde ich dafür plädieren, keinesfalls mehr der eigenen Finanzmittel als die fälligen Rundfunkgebühren dafür aufzuwenden. Denn die Musik ist zum Fremdschämen schlecht (Beispiele gibt es hier) und die Texte (von Michael Kunze, der unter anderem Texte für Udo-Jürgens-Klassiker wie „Griechischer Wein“ oder „Ich war noch niemals in New York“ geschrieben hat) gehören in die Kategorie des Peinlichen.

Hätten wir ihn da nicht schon wieder, den arroganten Hochkultur-Schnösel in mir, der sich angewidert vom Leichten in der Kunst abwendet? Das mag wohl zutreffen. So wie andere bei John Cage, Pere Ubu oder Charles Mingus schreiend weglaufen, muss ich mir bei dieser Musik die Ohren zuhalten. Das wäre an sich auch kein Problem und vor allem kein Anlass, eine Postille zu verfassen. Streitereien über musikalische Vorlieben bereiten zwar viel Freude, weil man sich so schön sinnlos in Rage argumentieren kann, bleiben aber regelmäßig ergebnislos. Deswegen sollte jeder den eigenen kleinen Musik-Honecker beim Verlassen der Wohnung besser zu Hause (oder zumindest unhörbar) lassen.

Bedenklich wird die Sache, wenn es sich die ‚Macher‘ dieses Machwerks ausdrücklich auf die Fahnen schreiben, kein Interesse an einer Geschichtsstunde zu haben und nicht das 16. Jahrhundert zur Aufführung bringen zu wollen, sondern die Aktualität der Figur Luther betonen möchten: Freiheit, Widerständigkeit, Individualität und eigenständiges Denken („Selber denken“ heißt auch ein Liedtitel), darum soll es gehen, gipfelnd in der Aussage, Luther sei ein „krasser Typ“ gewesen. Der Historiker in mir könnte es sich nun natürlich leichtmachen und diese ausdrückliche Geschichtsferne an sich geißeln. Aber das hieße, die eigenen Prämissen etwas voreilig für allgemeinverbindlich zu erklären. Mit diesem typischen Beispiel für das Weichgespüle des Reformationsjubiläums, diesem goldenen Volksmusikfestival der Vergangenheit, das Massentauglichkeit auf Teufel komm raus erreichen will (und wenn der Teufel gelockt werden soll, wird es doch schon wieder recht lutherisch), muss man aber aus ganz anderen Gründen seine Probleme haben.

Ganz richtig, mir gefällt die Musik nicht. Muss sie auch nicht. Aber das Problem dieser Luther-Verwurstungen und gnadenlosen Aktualisierungen ist letztlich ein ethisches. Denn mit der blanken Zurückweisung jeden historischen Interesses und jeglichen geschichtlichen Anspruchs wird auch die Verantwortung aufgegeben, die wir für die Verstorbenen haben. Und genau das können wir nicht tun (und würden zum Beispiel auch kaum wollen, dass es die Nachlebenden mit uns tun). Es ist nämlich verantwortungslos, die einst Gewesenen als Steigbügelhalter für flotte Erkenntnisse der Gegenwart zu missbrauchen. Um die Frage zu beantworten, wie wir gegenwärtig leben wollen, brauchen wir Luther nicht. Dem Reformationsgeschehen nur ein paar Allgemeinplätze zu entnehmen, wird aber weder der Vergangenheit noch der Gegenwart gerecht. Nicht nur wird das vergangene Geschehen unzulässig verkürzt, wenn man aus Luther einen dufte Popmusiker macht, sondern auch die Gegenwart tut sich keinen Gefallen damit, in ihm einen krassen Typen zu sehen. Er war nämlich ganz nebenbei auch noch ein krasser Judenhasser, ein schräger Apokalyptiker, ein kompromissloser Dogmatiker und ein Fundamentalist reinsten Wassers. Aber ein solcher Luther wäre selbstredend wenig musicaltauglich. Wir können Luther und der Reformation und dem 16. Jahrhundert und der Vergangenheit und überhaupt den vielen Vergangenheiten nicht beikommen, indem wir die vermeintlich simple Frage stellen, was das denn alles für uns heute noch bedeutet. Die Zeiten und ihre Verhältnisse zueinander sind deutlich komplizierter.