Lutherland ist abgebrannt

Nach dem Ende

Nachdem die letzte präsidiale Ansprache verlesen, der letzte Gottesdienst abgehalten, die letzte Aufführung eines Pop-Oratoriums überstanden, die letzte Seite der immer wieder nur vorletzten Luther-Biographie gelesen, der letzte Vortrag gehalten, das letzte Abendmahl im Kochkurs „Futtern wie bei Luthern“ eingenommen und der letzte Ausstellungsbesucher aus dem Museum bugsiert worden ist – was bleibt da vom Reformationsjubiläum? Es bleibt eine große Leere – eine Leere, die sich aber nicht breitmacht, weil das Jubiläum nun zu Ende gegangen ist. Diese Leere ist durch das Reformationsjubiläum selbst produziert worden.

An sich ist die Leere ja bei weitem kein so eintönig‘ Ding, wie man vermuten möchte. Sie kann sich in vielerlei Gestalt zeigen. Nachdem das Reformationsjubiläum nun seinen Abschluss gefunden hat, wird man mindestens mit zwei ihrer Ausgestaltungen konfrontiert. Erstens mit einer Leere, die sich in Zahlen ausdrücken lässt, nicht zuletzt in negativen Zahlen. Auch wenn entsprechende Quantifizierungen noch mit Vorsicht zu genießen sind, weil es sich um Schätzungen und Zwischenergebnisse handelt, so ist eine gewisse Tendenz nicht zu übersehen. In einem Artikel für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung schrieb Ralph Bollmann im Juli 2017 vom Reformationsjubiläum als der „Pleite des Jahres“. Dabei hatte noch im März 2017 Astrid Mühlmann, die Geschäftsführerin der Staatlichen Geschäftsstelle „Luther 2017“, vom Wittenberger Reformator als einem Geschenk für Marketingexperten gesprochen. Schließlich habe er alles, was einen spannenden Werbeträger ausmache: zerrissene Heldenfigur (Seelenheilsangst!), einprägsame Bilder (Thesenanschlag!), spannende Geschichte (Reformation!). Irgendwie kam dieser Werbeträger beim Publikum nicht ganz so an wie ursprünglich gedacht. In nicht wenigen Fällen sind die Besucherzahlen hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Und ausgerechnet Wittenberg, diese kleinstädtische Reformationsmetropole, zog nicht so viele Menschen an, wie man erwartet hatte. Zur dortigen „Weltausstellung Reformation“ waren in den ersten vier Monaten etwa 40.000 Menschen gepilgert – anstatt der erwarteten 500.000. Auch den Abschluss des Evangelischen Kirchentages, der Ende Mai in Wittenberg begangen wurde, besuchten lediglich 120.000 Menschen anstatt der erhofften 200.000.

Doch abgesehen davon, dass auch wirtschaftlich positive Zahlen angeführt werden könnten, dass also keineswegs das Reformationsjubiläum in seiner Gesamtheit eine ökonomische Enttäuschung war, wurde noch eine zweite Leere hervorgerufen, die nichts mit Bilanzen zu tun hat – eine Leere, die weniger durch einen Mangel (an zahlungswilligen Menschen) als durch einen Überschuss (an eintönigen Inhalten) gekennzeichnet war. Weil immer mehr vom Immergleichen produziert wurde, nahm sich das Jubiläumsgeschehen selbst die Luft zum Atmen. Wenn einem die x-te Version weitgehend identischer Veranstaltungsformen mit weitgehend identischen Inhalten präsentiert wird, ist es irgendwann so, als hätte all das überhaupt nicht stattgefunden. Es ist die Leere, die nach gänzlicher Übersättigung zurückbleibt.

Fast zwangsläufig hängt diese inhaltliche Aushöhlung mit dem Versuch zur nahezu hemmungslosen wirtschaftlichen Verwertung des Jubiläums zusammen. Die Feier zu 500 Jahren Reformation fand sich eingeklemmt zwischen Kirche und Kommerz, zwischen Ökumene und Ökonomie. Nein, falsch. Das Reformationsjubiläum war nicht eingeklemmt. Es hat versucht, sich dort bequem einzurichten. Auf der einen Seite pochten die Beteiligten immer wieder auf die Botschaft der Reformation (aber wie lautete sie gleich nochmal?), auf der anderen Seite machten sie keinen Hehl daraus, mit diesem 500. Jahrestag ordentlich Geld verdienen zu wollen. Alle wollten beim großen Luther-Brimborium ihren Reibach machen. Die Länder und Kommunen wollten mehr Touristen und Übernachtungen, die Kultureinrichtungen wollten mehr Besucher, die Stadtführungsunternehmen wollten mehr Menschen, die durch Städte geführt werden wollten, und alle anderen dachten, dass es aus Anlass des Jubiläums eine verkaufsfördernde Idee sei, den Großen Reformator selbst auf ihre Produkte zu pappen. Da wurden nicht nur die durchaus erwartbaren Kleidungsstücke und weitgehend nutzlosen Werbeartikel produziert, sondern auch Luther-Biere in zahlreichen Varianten, Luther-Nudeln (inklusive eines gerichtlich ausgetragenen Urheberrechtsstreits), Luther-Cocktails, Luther-Ostereier, Luther-Brettspiele, Luther-Äpfel oder Luther-Salamis. Und es waren nicht nur profitorientierte Unternehmen, die ihrer Bestimmung nachzukommen trachteten, auch die Evangelische Kirche in Deutschland eröffnete ihren eigenen Internet-Shop zum Reformationsjubiläum, in dem man von Prominenten gestaltete Schmuckschuberausgaben der Bibel ebenso erwerben konnte wie T-Shirts, Babystrampler („Warum rülpset und furzet ihr nicht“), Socken („Hier stehe ich, ich kann nichts anders“) oder Keks-Ausstechformen.

Nun könnte man dieses Gebaren der üblichen kapitalistischen Verflachung zurechnen, von der wir alle und immer umgeben sind. Warum sollten Luther und die Reformation davon verschont bleiben? Ja, warum eigentlich …

Höhepunkt als Finale

Weil es eigentlich doch um das Inhaltliche gehen sollte! Aber mit welchen Inhalten sollte man Luther und die Reformation noch einmal in Verbindung bringen? Im Rahmen des Reformationsjubiläums setzte man nicht unwesentlich auf das, was man mit Ernesto Laclau als leere Signifikanten bezeichnen kann: inhaltliche Hohlformeln, die als Passepartout verwendet werden und gerade deswegen nichts mehr aussagen.

In dieser Hinsicht fand das Reformationsjubiläum am 31. Oktober 2017 wahrscheinlich nur sein offizielles, kalendarisches Ende. Inhaltlich hatte sich das Jubiläumsgeschehen wohl schon mit dem Evangelischen Kirchentag Ende Mai 2017 in Berlin (und Wittenberg) erschöpft. Spätestens zu diesem Zeitpunkt, dem avisierten Veranstaltungshöhepunkt der Feierlichkeiten, waren all die Stichworte, die für das Jubiläumsgeschehen gesetzt werden sollten, gesetzt – nicht selten bis zum Überdruss. Wichtigster leerer Signifikant (wenn es nicht so sinnlos wäre, müsste man geradezu vom ‚leersten‘ Signifikanten sprechen) war: Freiheit. In weiteren Rollen waren zu bewundern: Welt, Leben, Gerechtigkeit, Frieden und Natur, gefolgt von: Spiritualität, Ökumene, Familie und Sprache.

Nicht nur, dass man sich angesichts solcher Stichworte an die Inhalte wohliger Schlagermusik erinnert fühlen darf, man muss sich auch fragen, was sie mit Luther und der Reformation zu tun haben. Sicherlich, irgendwie lässt sich das historische Ereignis mit diesen Formeln in Verbindung bringen. Aber sollten mit der Reformation nicht mehr Bedeutungen verknüpft werden als ein schwammig bleibendes ‚Irgendwie‘?

Dass die Artikulation eines solchen Ungenügens nicht nur auf intellektuelle Hochnäsigkeit oder akademische Arroganz zurückzuführen ist, zeigt gerade der teils mangelnde Zuschauerzuspruch. Der Leerlauf des Jubiläumsgeschehens ergab sich nicht, weil es ein Zuviel an Reformation gegeben hätte, sondern weil zu wenig Reformation in diesem Jubiläum war. Und der Mangel an Reformation kam dadurch zustande, dass man das historische Ereignis mitsamt seinen konkreten Umständen nur in recht homöopathischen Dosen zum Thema machte. (So wurde monoton auf einem ‚Thesenanschlag‘ herumgeritten, von dem wir vor allem wissen, was wir alles nicht darüber wissen.) Stattdessen folgten die Verantwortlichen einer anderen Maxime, nämlich Martin Luther mit allen nur erdenklichen Mitteln zu einem Gegenwärtigen zu machen. Er sollte als die Antwort auf alles erscheinen. Luther hat die Freiheit erfunden, hat die Welt hinterfragt, hat die deutsche Sprache zu verantworten, hat die moderne Familie gegründet, hat Gerechtigkeit gepredigt und sich für den Frieden eingesetzt – zumindest irgendwie. Zum Urheber der Ökumene und der Gleichberechtigung unter den Geschlechtern kann man ihn dann auch noch machen, außerdem wird er wohl das Bier, die Salami, den Cocktail und den Babystrampler erfunden haben.

Es ist kein Wunder, dass ausgerechnet die Luther-Playmobil-Figur ein so ungeheurer Verkaufsschlager geworden ist (über eine Million Exemplare wurden bereits abgesetzt), denn sie kann durchaus als Symptom für die gesamte Veranstaltung herhalten. Genau wie man meinte, die historische Figur Luther für alles Mögliche einzuspannen, um ihn auf diese Weise konturlos und austauschbar zu machen, genauso funktionieren auch Playmobil-Figuren. Sie haben alle dieselbe Größe, dasselbe Gesicht, dieselben Greifhände. Mit ein paar Handgriffen kann man aus einem Luther problemlos wieder einen Müllmann oder einen Polizisten machen.

Ich bin geradezu versucht, mir die Szene auszumalen, wie man es in diversen Organisationskomitees unternommen hat, dieses Ereignis, dass man nun einmal unbedingt feiern musste (wie kann man einen 500. Jahrestag vorbeigehen lassen?), unter die Leute zu bringen. Die Generalformel, die bei solchen Beratungen wohl immer wieder zum Vorschein kam, lautete: Was sagt uns Luther heute?

Und damit fing der ganze Schlamassel an. Oder war auch schon wieder beendet. Denn damit wurde das geschichtliche Ereignis erst zum Gegenstand einer inhaltlichen Entleerung. Unter dem Zwang zur Aktualisierung verschwand die Individualität und das historisch Spezifische bis zu Unkenntlichkeit. Luther und die Reformation wurden zu Trägern von Schlagworten, mit denen eine Begriffsnebelmaschinerie in Gang gesetzt wurde, in der sich zwar nichts mehr recht erkennen ließ, die aber angenehme Gefühle verbreiten sollte: Luther und die Freiheit und die Demokratie und die Sprache und die Frauen… Das gelingt immer und klebt nicht.

Nur ein Beispiel von vielen: In Christine Eichels Buch mit dem Titel „Deutschland. Lutherland. Warum uns die Reformation bis heute prägt“ wird eine direkte Kontinuitätslinie von der Gegenwart zurück bis ins 16. Jahrhundert gezogen. Da kann man mit der Reformation nicht nur erklären, weshalb „wir Deutschen“ (wer auch immer das sein soll) so fleißig sind, so viele Bücher lesen und auf Sparsamkeit achten, sondern weshalb wir es mit Geburtenrückgang, einer politischen Demutskultur, einem reichen Musikleben oder einer außergewöhnlichen Museumslandschaft zu tun haben. Und Eichel findet noch mehr Beispiele, mit denen sie Deutschland im frühen 21. Jahrhundert aus seinen Wurzeln des 16. Jahrhunderts erklären kann. Da wird nicht nur die eine oder andere historische Angelegenheit ausgelassen, die sich zwischen Luther und unserer Gegenwart ereignet hat, da wird vor allem ein krudes historisches Kausalitätsmodell bemüht, das der Komplexität langfristiger Veränderungen über die Zeit hinweg Hohn spricht.

Man hätte im Rahmen des Reformationsjubiläums auf die Fremdheit des Geschehens von vor 500 Jahren hinweisen können, hätte versuchen können, ein Verständnis für die Gedanken, Sorgen, Nöte, Ängste, Hoffnungen und Handlungen zu erzeugen, wie sie sich mit dem Reformationsgeschehen verbunden haben – aber das hätte sich wohl weniger gut verkaufen lassen, das hätte auch kaum Identifikationsangebote für unsere eigene Gegenwart geliefert, und das hätte der Evangelischen Kirche in Deutschland weniger Möglichkeiten geboten, für ihre Sache im Hier und Jetzt zu werben.

Und so befremdlich, ja nahezu pervers es auch erscheinen mag, aber selbst die regelmäßig thematisierte Judenfeindlichkeit Luthers fügte sich in diese inhaltliche Gesamtstrategie der radikalen Aktualisierung ein. Luthers Judenhass ließ sich zwar nicht als Argument für die Bedeutung der Reformation verwenden, aber machte er nicht ex negativo deutlich, wie sehr der Reformator immer noch ein Zeitgenosse ist? Aktuelle Fragen, wie man es mit Andersgläubigen und auch allen anderen Anderen halten soll, finden sich bei ihm ebenso thematisiert wie der Umgang mit der immer wieder zitierten „jüngeren deutschen Vergangenheit“ (selbst wenn diese für Luther eine weit entfernte und unbekannte Zukunft sein musste). Ein halbes Jahrtausend – das stellte nun keinen historischen Abstand mehr dar, sondern war eine hübsche, runde Zahl, die Anlass bot für eine rückstandfreie Wiederbelebung.

Im Sinne dieser Wiederbelebung trat daher neben Kommerzialisierung und Aktualisierung als dritter Faktor die Personalisierung. Dabei gilt es einen nicht ganz unwichtigen Umstand in Erinnerung zu rufen: Es ging eigentlich darum, ein Reformationsjubiläum zu feiern, kein Lutherjubiläum. Aber hat außer Luther überhaupt etwas stattgefunden? Dass der große Reformator auf allen Bühnen die Hauptrolle zu spielen hatte, war jedenfalls schwerlich zu übersehen.

Wenn daher vom Museum „Alte Münze“ in Stolberg im Harz eine Gedenkmedaille hergestellt worden ist, auf der ein fliegender Luther im Superman-Kostüm zu sehen ist, lässt sich das kaum als Zufall beiseiteschieben. Es setzt der extremen Personalisierung nur die Narrenkappe auf. Kaum verwunderlich, wenn alle Involvierten den idealen Werbeträger Luther in den Mittelpunkt rückten – als Bild, als Statue, in Comicform, in Plastik gegossen, als Gummibärchen. Kaum verwunderlich auch, wenn das Publikum von diesem Luther-Wahnsinn irgendwann genug hatte. Und kaum verwunderlich, wenn einen der Gedanke beschleicht, dass es im Rahmen der Reformation noch den einen oder anderen Inhalt mehr geben könnte, noch die eine oder andere beachtenswerte Person, die der Aufmerksamkeit gelohnt hätte.

Man könnte bei einer wirklichen inhaltlichen Beschäftigung einige Dinge recht schnell feststellen: dass Luther nicht die Reformation ist; dass die Reformation ein ungemein komplexes Geschehen mit zahlreichen Beteiligten war; dass es sich um eine theologisch höchst anspruchsvolle und vor allem von Intellektuellen getragene Veranstaltung handelte, die uns heute vielfach fremd sein muss; dass Luther ein kompromissloser Dogmatiker war; dass viele zentrale Fragen, insbesondere diejenige nach dem Seelenheil, uns heute fern vorkommen muss; dass uns überhaupt die Reformation in vielen Bereichen sehr fern ist; dass, mit einem Wort, Reformation sich nicht zur rückstandslosen Aktualisierung eignet – es sei denn, man spült sie weich bis zur Unkenntlichkeit.

Vor dem Ende

Was aber soll denn nun so falsch daran sein, Martin Luther zu einer gegenwärtigen Figur zu machen? Darf man denn nicht versuchen, die aktuelle Bedeutung von Luther und der Reformation herauszustreichen?

Sicherlich darf man das. Streng genommen kann man gar nichts anderes machen, denn noch mit der größten geschichtswissenschaftlichen Gewissenhaftigkeit wird es uns nicht gelingen, die Zeit der Reformation zu ‚rekonstruieren‘, wie es immer wieder so schön und so irreführend heißt. Jede Historisierung ist zwangsläufig eine Aktualisierung. Nur deswegen, weil man sich nicht einem falsch verstandenen Antiquarianismus oder einer rein bewahrenden Musealisierung verschreibt, ergibt historisches Arbeiten überhaupt Sinn. Sie kümmert sich um die Herstellung gegenwärtiger Vergangenheiten.

Aber selbst wenn Gegenwart aus dem historischen Geschäft nicht herausgekürzt werden kann (und auch nicht soll), stellt sich immer noch die Frage, wie wir jeweils die Beziehungen zwischen Gegenwarten und Vergangenheiten, zwischen anwesenden und abwesenden Zeiten ausgestalten wollen.

Eine rabiate Aktualisierung, die Vergangenes zur Spielzeuglandschaft degradiert und mit einigen oberflächlichen Allgemeinplätzen zu erfassen meint (Wittenberg – Thesenanschlag – Reformation – Freiheit), scheint mir ein wenig ertragreicher Weg, um die Verhältnisse zwischen den Zeiten zu arrangieren. Und das hängt noch nicht einmal vorrangig mit wissenschaftlichen Standards zusammen. Diese verallgemeinern zu wollen, wäre gänzlich überzogen (und wäre auch kaum im Sinne der Wissenschaften, die damit ja ihr Alleinstellungsmerkmal und einen erheblichen Teil ihres gesellschaftlich-politischen Einflusses verlieren würden). Nein, gegen eine solche platte Aktualisierung sprechen Gründe, die nicht nur unseren Umgang mit der Vergangenheit, sondern auch unser Eigeninteresse als Gegenwärtige betreffen.

Womit wir es hier zu tun haben, hört auf den Namen ‚flache Geschichte‘: der möglichst geräuscharme, hindernisfreie und vor allem unkomplizierte Gebrauch (oder eher Missbrauch) von Vergangenem für gegenwärtige Zwecke. Flache Geschichte wird allenthalben verwendet. Es ist das vermeintlich historische Stammtischargument, das zur Erklärung heutiger Zustände herhalten muss, es ist die knapp erzählte Vorgeschichte, die Vergangenes genau soweit zurichtet, dass es sich in eine lineare Kausalität einordnet, und es ist das kurze Aufblitzen eines Relikts aus dem Vorgestern, vielleicht ein Bild, ein Zitat, ein Filmausschnitt oder ein bekannter Name, mit denen Vertrautheit hergestellt und die Sicherheit evoziert werden soll, dass es genauso war.

Flache Geschichte zielt drauf ab, sich der Mühen der Komplexität zu entledigen, die Gebirge der Zeiten in aller Eile abzutragen, um freie Sicht auf die Vergangenheit zu erhalten. Das mündet dann gerne in Aussagen, die beginnen mit „Früher waren die Menschen ja …“ oder „Es ist doch allgemein bekannt, dass im Mittelalter …“. Ist es nur eine akademische Verstiegenheit, wenn ich darauf poche, sich dieser Faltenlosigkeit zu enthalten? Wohl kaum, denn die Vielfältigkeit des Vergangenen ist nicht einfach nur ein geschichtswissenschaftlicher Anspruch, der allein als solcher tatsächlich nicht zu verallgemeinern wäre, sondern ist, wie gerade das Reformationsjubiläum zeigen kann, eine ethische Anforderung. Denn wir haben als Gegenwärtige nicht zuletzt die Aufgabe, all denjenigen, die nicht mehr leben oder die noch nicht leben, mit größtmöglicher Verantwortung zu begegnen. Man kann daher einen geschichtsethischen Imperativ formulieren, um der Gefahr der flachen Geschichte zu begegnen: Behandle Vergangenes nicht weniger komplex als du selbst von einer zukünftigen Gegenwart (für die du selbst Vergangenheit sein wirst) behandelt werden willst.

Stellt man sich der Frage, in was für einer Geschichtskultur wir eigentlich leben wollen, wie wir uns also das öffentliche und gesellschaftliche Zusammenleben mit abwesenden, vergangenen Zeiten vorstellen, die wir durch unsere Beschäftigung wieder zu anwesenden Zeiten machen, dann muss man den einen oder anderen Zweifel daran hegen, ob die Konzentration auf Jubiläen der richtige Weg ist.

Die 500. Wiederkehr der Veröffentlichung von Luthers 95 Thesen gegen den Ablass war nun einmal ein Anlass – und zwar ein Anlass, der sich keiner inhaltlichen Notwendigkeit, sondern allein der kalendarischen Logik verdankte. Ich würde es weiterhin für eine gute Idee halten, wenn man sich auf vergangene Ereignisse bezöge, weil sie an der Zeit sind, und nicht, weil sie im Kalender stehen. Aber auch das widerspricht gängigen Vermarktungsstrategien. Denn mehrere hundert Millionen Euro öffentlicher Fördergelder lassen sich bei der Vorliebe unserer Kultur für möglichst runde Jahreszahlen mit möglichst vielen Nullen ohne Weiteres zusammentragen – aber kaum mit dem Argument, dass es in einer bestimmten gesellschaftlichen Situation angebracht wäre, intensiver über so etwas nachzudenken wie beispielsweise die Reformation.

Insofern konnte sich bereits zum Auftakt dieses Reformationsjubiläums der Gedanke aufdrängen, die Feier sei vorbei, noch ehe sie begonnen habe. Und zwar nicht nur, weil die Verantwortlichen in Kirche, Politik und Kultur von einer bisher unbekannten Steigerungsform akuter Jubiläumitis heimgesucht worden waren und gleich eine ganze, im Jahr 2008 einsetzende Lutherjubiläumsdekade ausriefen. Das Feiern und Gedenken war also bereits uralt (uralt zumindest nach Maßstäben der Aufmerksamkeitsspanne für öffentliche Debatten), noch bevor es begonnen hatte. Das Jubiläum hatte ich auch deswegen bereits vor seinem Beginn erledigt, weil alle Planungen schon längst abgeschlossen, alle Bücher schon längst geschrieben, alle Ausstellungen schon längst konzipiert und alle Festveranstaltungen schon längst geplant waren. Da konnte nichts Überraschendes mehr passieren. Es war zu diesem Ereignis ja bereits alles gesagt worden, noch bevor jemand etwas gesagt hatte, weil alle wussten, was zu sagen war.

Welche Ausmaße das Jubiläumswettrennen angenommen hat, lässt sich an einer Pressemeldung ersehen, die im Mai 2017 veröffentlicht wurde. Die Stadt Erfurt, vertreten durch ihren Kulturdirektor Tobias Knoblich, weigerte sich bei diesem „Überbietungswettbewerb“ mitzumachen. Eine kleine Ausstellung zur Luther-Rezeption im 20. Jahrhundert sollte genügen, ansonsten hielten sich Stadt und Kulturdirektor aus der Sache heraus. Erstaunlich (und lobenswert) ist nicht nur die solcherart dokumentierte Haltung. Erstaunlich ist vor allem, dass sie eine eigene Pressemeldung wert war. Bartleby lässt grüßen.

Weshalb aber diese Begeisterung anlässlich von Jubiläen? Weshalb die Vorliebe für das Erinnern an historische Ereignisse, sobald diese sich mit möglichst vielen Nullen jähren, und weshalb die Bedeutsamkeit sogenannter runder Geburtstage – obwohl es doch (zumeist) keinen inhaltlichen Anlass gibt? Warum wird dem ästhetischen Empfinden einer bestimmten Zahlenkombination eher gehuldigt als der Notwendigkeit, sich genau jetzt einem bestimmten Thema zuzuwenden? Wahrscheinlich ist die Anzahl unserer Finger schuld. Sobald sich etwas durch fünf oder zehn teilen lässt, ruft das die nicht unbedingt logische, dafür aber zutiefst menschliche Empfindung hervor, etwas sei vollständig. Deshalb wird an Zapfsäulen wenn möglich für einen gerundeten Geldbetrag getankt; deshalb ist es allgemein verständlich, dass man den 80. Geburtstag als großes Ereignis feiert, den 81. jedoch still und geräuschlos vorüberziehen lässt; und deswegen können 500 Jahre Reformationsjubiläum eine ungeheure Geschäftigkeit auslösen, während die 499. Wiederkehr desselben Ereignisses kaum jemanden interessiert. Gerade im Fall von historischem Geschehen lösen runde Zahlen die zweifache Empfindung sowohl von Abgeschlossenheit als auch von Bedeutsamkeit aus, weil es sich nicht nur um einen gesicherten Teil der Vergangenheit handelt, sondern weil dieses Stück Vergangenheit sich auch als haltbar genug erwiesen hat, um noch nach so langer Zeit seine Auswirkungen spürbar werden zu lassen. Dabei lässt sich füglich die Frage stellen, ob ein Geschehen bedeutsam ist und deswegen immer wieder gefeiert werden muss, oder ob es nur noch bedeutsam bleibt, weil es immer wieder gefeiert wird.

Giacomo Leopardi hat bereits vor nahezu zwei Jahrhunderten im „Zibaldone“ die  sozialpsychologische Seite von Jubiläen ausgeleuchtet: „Es ist doch ein holder Trug, der von den Jahrestagen ausgeht; wohl hat solcher Tag mit dem Vergangenen nicht mehr zu tun als irgendein anderer, und doch sagen wir: an diesem Tag ist das geschehen, an diesem bin ich so glücklich, so verzweifelt gewesen; und wirklich ist uns, als kehrten jene Dinge, die unwiederbringlich für immer dahin sind, ins Leben zurück und wären, zwar schattengleich, gegenwärtig; dies aber gibt uns unendlichen Trost, es verbannt den Gedanken der Zerstörung, des Auslöschens, der uns so sehr widerstrebt, und spiegelt die Gegenwart jener Dinge vor, die wir uns wirklich anwesend wünschen oder deren wir doch aus besonderem Anlaß gerne gedenken. Es ist, wie wenn einer die Stelle besucht, wo ein denkwürdiges Ereignis sich zutrug; er sagt: hier ist es geschehen, und in gewisser Weise meint er davon etwas mehr zu erkennen als anderswo, mag auch der Ort ganz verändert sein gegen damals.“[1]

Und was geschieht nun, nachdem dieser Jahrestag seinen Abschluss gefunden hat? Es wird sich noch eine dritte Art der Leere ausbreiten. War das Reformationsjubiläumsgeschehen selbst durch eine unübersehbare Inhaltsleere geprägt, so wird sich danach nicht minder sichtbar eine Erschöpfungsleere ausdehnen. Das Reformationsjubiläum wird geschichtskulturell verbrannte Erde hinterlassen. Der Reformations- und Luthermarkt wird erst einmal tot sein. Ähnlich wie nach dem Jubiläum aus Anlass des 500. Geburtstags des Reformators im Jahr 1983 wird für eine geraume Zeit niemand mehr etwas über Luther und der Reformation hören wollen. Und das ist schade, denn die wirklich interessanten Fragen werden traditionell während eines Jubiläums kaum einmal gestellt. Sollte man daher demnächst eine Umfrage starten, was der Bevölkerung denn in Sachen Reformationsjubiläum im Gedächtnis geblieben ist, wird es vielleicht der 31. Oktober 2017 als zusätzlicher bundesweiter Feiertag sein. Ein weiterer Tag des Nichts.

Aber auch diese Erschöpfungsleere wird sich irgendwann erschöpft haben. Es wird erneut ein Rumoren zu vernehmen sein. Großes wird sich derart ankündigen. Die Leere wird sich wieder füllen mit Erwartungen und Hoffnungen, mit Rückbesinnungen und Vergangenheitsbezügen. Dann könnte es sein, dass wir das Jahr 2046 schreiben. Das Jubiläum aus Anlass des 500. Todestages Martin Luthers steht an. Die ganze Chose kann wieder von vorne beginnen. Alles ein bisschen anders. Alles ganz genauso.

 

[1] Giacomo Leopardi: Das Gedankentagebuch. Aufzeichnungen eines Skeptikers, hg v. Hanno Helbling, München 1985, 21.

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Mein Dreivierteljahr mit Luther

Finito

„Death by chocolate“ – so heißt eine nicht nur ungesund klingende Süßspeise, die in der englischsprachigen Welt kredenzt wird, um die körperlichen Belastungen mit Fett und Zucker in ungeahnte Höhen zu treiben. Zu ihrer Herstellung braucht man viel von allem: viel Butter, viel Schokolade, viel Zucker und viel Sahne (und noch solche Nebensächlichkeiten wie Eier und Mehl). Garniert wird das Ganze dann mit einer Glasur, die nochmals aus viel Butter, Sahne und Schokolade besteht.

„Death by reformation jubilee“ – so könnte man das vorzeitige Ende dieses Blogs betiteln. Eingegangen ist das Blog an einer Überdosis Einfallslosigkeit, Wiederholungszwang und Ödnis, garniert mit einer Glasur Langeweile. Wohlmöglich könnte diese Diagnose auf die Bloginhalte selbst zutreffen – mea culpa. Nicht weniger litten die Bloginhalte jedoch an den Gegenständen refromationsjubilierenden Geschehens, die sich als zu viel vom Immergleichen herausgestellt haben.

Im ersten Eintrag dieses Blogs habe ich behauptet, das Jubiläum sei bereits vorbei sei, bevor es überhaupt begonnen habe. Mich erschreckt inzwischen selbst, wie sehr sich diese Aussage bestätigt hat.

Daher ist das mein Abschlussstatement. Meine letzte Pressekonferenz. Es folgt ein Schlusskommuniqué. Ich wähle die Ausstiegsklausel. Ich ziehe die Reißleine. Und einen Schlussstrich ziehe ich auch noch. Ich gebe auf.

Obwohl: Aufgegeben habe ich schon vor einigen Wochen. Das sollte aber nicht mit Stillschweigen übergangen, sondern mit der angemessenen staatstragenden Geste in die Öffentlichkeit hineingetragen werden. Daher also klipp und klar: Dieses Blog findet hiermit sein Ende.

Lutherverwurstung

Ich hatte mich zu Beginn dieses Blogs tatsächlich der Illusion hingegeben, das Reformationsjubiläum 2017 sei eine gute Gelegenheit, um sich der deutschen Geschichtskultur des frühen 21. Jahrhunderts zu widmen. Im Prinzip bin ich immer noch dieser Meinung. Nur hatte ich offenbar unterschätzt, wie dröge und phantasielos diese Geschichtskultur ist. Sie hat gewonnen. Ich gebe auf.

Das Problem: Es werden die immer gleichen Inhalte in die immer gleichen Formen gegossen. Die Einfallslosigkeit ist kaum zu überbieten. Sicherlich, dem hätte ich mit ein wenig mehr Einfallsreichtum meinerseits begegnen können. Aber nach meinen bisher geschriebenen Texten sah ich mich schon selbst in eine ähnliche Wiederholungsschleife einbiegen.

Nur um ein gänzlich nebensächliches, eigentlich unbedeutendes Beispiel zu nennen: Ich weiß nicht, wie häufig inzwischen schon das Thema „Luther und das Bier“ aufgegriffen worden ist. Wenig überraschend wurde es häufig im Zusammenhang mit der werbewirksamen Produktion eines solchen alkoholischen Getränks verbunden. Die Brauerei Neunspringe hat sich nicht nur die Internetseite lutherbier.de reserviert, sondern auch gleich vier verschiedene Lutherbiere auf den Markt gebracht; die Rosenfelder Brauerei hat ein Reformationsbräu im Angebot; die Brauerei Goldochsen verkauft ein Martin-Luther-Bier; das Einbecker Brauhaus hat gleich eine Luther-Präsentbox herausgebracht; und für all diejenigen, die in dieser Bierfülle die Übersicht zu verlieren drohen, kann man mit einem Biersommelier den ultimativen Luther-Bier-Test machen. Die Stadt Wittenberg wird zum 31. Oktober 2017 sogar den Stadtbrunnen in einen Bierbrunnen verwandeln. Selbst die FAZ hat sich in einem eigenen Blogbeitrag dem Thema gewidmet. Und mit dieser Auflistung bin ich immer erst noch am Anfang. Ich könnte fortfahren mit Luther-Bier-T-Shirts, dem Luther-Bier-Senf, dem Lutherbier aus Krefeld, dem „Reformator 17“-Bier aus Bergisch Gladbach, dem Lutherbier aus Lahr, dem Köllertaler Luther-Bier zum Pfarrfest in Heusweiler … Aber ich will das nicht.

Nämliches ließe sich wiederholen mit Angelegenheiten, bei denen es nicht um gesetzlich erlaubten Drogenmissbrauch, sondern um augenscheinlich seröse Inhalte geht – aber kaum einfallsreichere. Jede zweite Kirchengemeinde hat ihre eigene kleine Ausstellung zur Reformation aufgestellt, allerorten werden die immer gleichen Vorträge gehalten, das Thema „Frauen und Reformation“ hat eine enorme Aufmerksamkeit erfahren, es gibt Kochkurse sonder Zahl, bei denen man lernen kann, zu futtern wie bei Luthern, wenn man gegen entsprechendes Entgelt nicht gleich in einem Restaurant das gleichnamige Menü serviert bekommt. Eine schier endlose Anzahl von Zeitungsartikeln hat mit einer Variation des immer gleichen Satzes begonnen, dass nämlich vor 500 Jahren der Wittenberger Augustinermönch Martin Luther seine 95 Thesen gegen den Ablass an die Tür der Schlosskirche genagelt habe (was in dieser Form zumindest nicht zu beweisen ist). Und auch ansonsten hat sich unsere kapitalistische Verwertungsgesellschaft nicht zurückgehalten, wenn es darum ging, Luther mit irgendwelchen verkaufswerten, aber sinnfreien Produkten zu kombinieren. Das ist im besten Fall amüsant. In vielen Fällen ist es aber ärgerlich. Und fast immer ist es inhaltlich gänzlich uninteressant.

Mehr Thesen

Warum ist es uninteressant? Weil hier Geschichtskultur nach dem alten Handwerkermotto betrieben wird: Was nicht passt, wird passend gemacht. Denn das Reformationsjubiläum und mit ihm, so meine starke Vermutung, die aktuelle bundesrepublikanische Geschichtskultur in ihrer Gesamtheit, setzt auf Ähnlichkeit und Präsentismus statt auf Irritation durch das Andere des Vergangenen. Vor diesem Hintergrund habe ich versucht, einige Thesen zur Geschichtskultur zu formulieren. Jawohl, ich gebe zu, diese Thesenbildung sollte meine plumpe Verbeugung vor dem Reformationsgeschehen sein. Eigentlich war der Plan, der reformationsjubiläumsüblichen Neigung zu wenig subtilen Anspielungen nachzugeben und mindestens 9,5 Thesen zur deutschen Geschichtskultur zu formulieren (wenn es schon nicht zu 95 reichen sollte). Fünf davon konnte ich etwas ausführlicher darstellen.

Nur zur Übung, nicht zur Strafe, hier noch einmal die Zusammenfassung der bisherigen Thesen: Die erste These wartet mit der wenig überraschenden Behauptung auf, dass unsere gegenwärtige Geschichtskultur versessen ist auf Jubiläen und möglichst verkaufsfördernde, runde Jahrestage. Die zweite These besagt, dass Geschichtskultur personenfixiert ist und auf Verlebendigung setzt. Mit der dritten These soll der Nachweis geführt werden, dass die altehrwürdige Rede von der Kulturindustrie im Zusammenhang mit der Geschichtskultur durchaus noch ihre Berechtigung hat. Die vierte These behauptet, dass sich die Geschichtskultur durch einen starken Zug zum Präsentismus auszeichnet. Und die fünfte These zielt darauf ab, dass Geschichtskultur dadurch geprägt ist, Befremdendes oder Unverständliches glattzubügeln und den eigenen, gegenwärtigen Verhältnissen anzuähneln.

Weitere Thesen, die argumentativ noch hätten ausgearbeitet werden müssen, sollten folgendermaßen lauten: Die sechste These hätte die kapitalistischen Verwertungsformen im Rahmen aktueller Geschichtskultur zum Inhalt gehabt. Das bereits angeführte Bier-Beispiel zeigt es zur Genüge, dass nicht mehr so recht klar ist, ob die gesellschaftlich so breit gestreute Beschäftigung mit „Geschichte“ und „Vergangenheit“ der Erweiterung von Kenntnissen und Erkenntnissen oder vornehmlich der Profitmaximierung dienen soll. Auch und gerade von politischer Seite ist man davon ausgegangen, dass wenn man aus öffentlichen Mitteln etwa 500 Millionen Euro in das Reformationsjubiläum steckt (entspricht einer Million für jedes Jahr seit der Veröffentlichung der 95 Thesen!), sich diese Investition durch Tourismus, Übernachtungen, Eintrittsgelder etc. wirtschaftlich lohnen sollte. Diese Hoffnung scheint sich jedoch nicht zu erfüllen.

Die siebte These wäre eng damit verwandt gewesen (wie ohnehin alle Thesen sehr eng miteinander verflochten sind und zum Teil nur unterschiedliche Facetten desselben Phänomens beleuchten): Geschichtskultur erweist sich unschwer als Teil politischer Machtausübung. Im spezifischen Fall des Reformationsjubiläums kann man das unter anderem anhand der Evangelischen Kirche in Deutschland sehen, die selbstredend versucht, dieses Ereignis für ihre gegenwärtigen Zwecke zu nutzen. Aber auch die Bundesregierung und verschiedene Landesregierungen machen mit dem Jubiläum (und generell im Feld der Geschichtskultur) Politik, weil sie sich davon Effekte in Sachen nationaler Zusammenhalt und Identitätsbildung versprechen. Bei solchen Gelegenheiten werde ich dann gerne mein Mantra los, dass eine ordentliche Portion Irritation von historisch vermeintlich verbürgten Gewissheiten dem Kollektiv besser tun würde.

These acht sollte besagen, dass Geschichtskultur erheblich durch Routine geprägt ist. Die immer gleichen Formate führen zu unübersehbarer Ermüdung. Man weiß schon, was passiert, noch bevor es passiert, weil immer wieder die gleichen Präsentationsformen gewählt und immer wieder die gleichen Inhalte bedient werden. Geschichtskultur steht damit in der akuten Gefahr, Überdruss zu produzieren – und sich somit mittelfristig selbst abzuschaffen. In Deutschland kann man das gerade mit Blick auf die Geschichte des Zweiten Weltkriegs und der Shoah auf eher erschreckende Weise beobachten, wenn sich selbst Studierende des Fachs Geschichte, die sich also intrinsisch für dieses Themengebiet interessieren, dahingehend äußern, von Hitler nichts mehr wissen zu wollen, weil sie es schon zu oft gehört hätten.

Die neunte These wäre eng mit der vorhergehenden verwandt gewesen. Sie hätte gepocht auf das Phänomen der Inversion im Zusammenhang der Geschichtskultur. Soll heißen: Nach dem Jubiläum ist vor dem Jubiläum. Gerade anhand des sogenannten Anschlags der 95 Thesen durch Martin Luther kann man das recht gut erläutern. Wir wissen über die Publikation der Thesen recht wenig, wissen auf jeden Fall nicht, ob sie an die Tür der Wittenberger Schlosskirche genagelt wurden. Es ist sogar recht wahrscheinlich, dass genau das nicht geschehen hat. Und trotzdem, oder gerade deswegen, muss im Rahmen der Geschichtskultur ein Thesenanschlag, der nie stattgefunden hat, immer wieder stattfinden. Jedes Jubiläum, jeder Gedenktag, jede Rückbesinnung wird beim nächsten Mal ganz genauso sein wie beim letzten Mal, nur ein wenig anders. Nach dem Reformationsjubiläum kann niemand mehr etwas von Luther hören – bis zum nächsten Jubiläum anlässlich des 500. Todestag des Reformators im Jahr 2046.

Und die neuneinhalbte These hätte zum Schluss mich selbst betroffen. Denn wenn ich mich schon kritisch zum Reformationsjubiläum im Besonderen und zur Geschichtskultur im Allgemeinen äußere, dann sollte ich auch nicht unerwähnt lassen, dass ich Teil dieser Maschinerie bin. Die liebe Leserschaft sollte also nicht vergessen, mir bei meinem Geschimpfe nicht über den Weg zu trauen. Was mache ich denn anderes, als selbst zu einer Geschichtskultur beizutragen, die ich noch während ihres Entstehens kritisiere?

Ich kann daher das Mikrophon an Andy Partridge von der großartigen Band XTC übergeben, der bereits 1983 in dem Lied „Funk Pop a Roll“ die Mechanismen der Musikindustrie kritisiert hat, um dann mit den Worten zu enden:

„But please don’t listen to me / I’ve already been poisoned by this industry!” (XTC: Funk Pop A Roll, Virgin Records 1983)

LuttaDada 5

Man mag es für möglich halten oder nicht, aber selbst ein LuttaDada muss Leib und Magen zusammenhalten. Ganz recht, das LuttaDada schmaust und speist und mampft – und zwar recht gerne, wie man anhand der leiblichen Fülle erkennen kann, die auf so vielen hundert Bildern aus der Werkstatt des CranachDada dokumentiert ist. Aber inzwischen fällt es dem LuttaDada nicht mehr leicht, zu entscheiden, was es essen soll. Es gibt nicht nur so viel, es gibt auch so viel Falsches, und zwar Falsches, das als solches nur schwer zu erkennen ist. Zum Beispiel Teigwaren. Welch köstliches Exempel menschlicher Ingeniösität! Und was kann man damit alles falsch machen.

Thomas Pforte von der Wittenberger Werbeagentur S. Pforte hatte beispielsweise die großartige Idee, das Antlitz des LuttaDada in Hartweizenteigwarenform zu bannen, um Menschen die Möglichkeit zu eröffnen, dieses Produkt unter Zuhilfenahme kochenden Wassers der Bissfestigkeit zuzuführen und anschließend zu verspeisen. Ein dadaistischer Akt par excellence!

Die Gutting Pfalz-Nudel GmbH mit Sitz in Großfischlingen – wie man nicht gesondert erwähnen muss, der unangefochtene Marktführer im Segment Designnudeln – kam auf die gleiche Idee. Großartig! Eine dadaistische Parallelaktion! Oder liegt hier ein Fall von Produktklau vor? Die Wittenberger „Luther-Nudel“ und die pfälzische „Pasta Martin Luther“ sehen sich auf jeden Fall täuschend ähnlich. Es wird zu einem Rechtsstreit kommen, bei dem gänzlich undadaistisch entschieden werden soll, wer in dieser Angelegenheit Originalität für sich beanspruchen kann.

Sollte das Nudelgericht also aufgrund juristischer Differenzen vorerst ausfallen müssen, lässt sich alternativ auf die Tütensuppe zurückgreifen. Heinz Wulf und Karolina Huber aus der Schweiz hatten wohl den ganz starken Eindruck, das Reformationsjubiläum sei zu kopflastig und gerate zu intellektuell (seltsam, gerade diesen Eindruck hatte das LuttaDada bisher eigentlich nicht), es müsse vielmehr hinaus zu ‚den Menschen‘, zu denjenigen, die nicht ins Museum gehen und nicht den wissenschaftlichen Vorträgen lauschen. Wulf und Huber wollten die frohe Botschaft an alle verbreiten, Und was bietet sich da eher an als Tütensuppen!

So kann man jetzt in der Migros, der größten Supermarktkette der Schweiz, Tütensuppen käuflich erwerben, auf denen Comic-Versionen der Reformatoren Calvin, Luther und Zwingli prangen, jeweils versehen mit einem lateinischen Lehrspruch aus der sola-Reihe: sola fide, sola gratia, sola scriptura. Da kann das LuttaDada doch nur applaudieren, wenn die zentralen Aussagen Martin Luthers nun auch noch den anderen Reformatoren untergeschoben werden. Eine gewisse Kopflastigkeit täte dem Reformationsjubiläum also doch ganz gut, zumindest bevor man den falschen Personen die falschen Zitate auftütet.

Möchte man sich nach all diesen Beschwernissen des Verdauungssystems etwas Gesundes gönnen, könnte der herzhafte Biss in einen frischen Apfel das Richtige sein. Und wenn schon, dann doch gleich ein Martin-Luther-Apfel. Aber halt, nicht ganz so schnell, erst muss der Martin-Luther-Apfelbaum gepflanzt werden, wie er von der Barnimer Baumschule angeboten wird. Wen kümmert’s, dass gar nicht klar ist, ob Luther jemals den Satz von dem Apfelbäumchen und dem Weltuntergang gesagt hat, gut luttadadaistisch kann man ja trotzdem was draus machen. Und um der bedeutungsschwangeren Symbolik noch die Baumkrone aufzusetzen, sollen es auch genau 95 Bäume sein, um gebührend an die Dada-Thesen gegen den Ablass zu erinnern und reformatorische Überzeugungen auch in der Gegenwart wurzeln zu lassen. Das war dem LuttaDada gar nicht klar, dass es den Ablass immer nicht gibt und dass man immer noch gegen ihn kämpfen muss. Wie auch immer, jeder der 95 Bäume kommt mit einer von Luthers Thesen daher. Man kann sich sogar seine Lieblingsthese aussuchen! Baum plus These plus Projekt-Zertifikat kosten in der limitierten Reformationsserie 500 €.

Und was darf zum Schluss unserer kulinarischen LuttaDada-Reise nicht fehlen? Das deutscheste aller Lebensmittel, das einem bei übermäßigem Genuss auch das Leben verkürzen kann, das Bier. Lutta-Dada-Biere waren hier schon einmal Thema, nun hat auch die Gemeinde Homberg nachgelegt. „Reformator“, so heißt das Ergebnis, das nicht als Bier, sondern – gut antiquarisch – als „Gerstentrunk“ bezeichnet werden will. Wohlan!

Und warum wird im Namen des LuttaDada ein solches Gebräu hergestellt? Nun, aus dem gleichen Grund, aus dem es den ganzen anderen Dada-Nippes gibt – um das Thema der Reformation endlich einmal aus den verstaubten Büchern und den langweiligen Hörsälen herauszuholen, um es den Museen und den Spezialisten zu entreißen und endlich zu ‚den Menschen‘ zu bringen. Lasst uns über die Reformation lernen beim Tütensuppenschlürfen und Biersaufen. Das LuttaDada ist sich sicher, dass all die Seelenheilsuchenden dort draußen bei ihrem verzweifelten Umherirren, dass all die Beladenen beim Flehen um einen gerechten Gott nach der einen oder anderen Flasche „Reformator“ endlich finden werden, wonach sie so lange gesucht haben.

Bei all diesen wichtigen, ernsthaften und tiefgründigen Aktionen, die der Sache des LuttaDada dienen sollen, kommt dem solcherart Geehrten zuweilen doch ein schlimmer Verdacht. Könnte es sein, dass es vielleicht doch nicht nur um die ernsthafte Verbreitung des LuttaDadaismus geht? Diesbezüglich äußerte sich Astrid Mühlmann, Geschäftsführerin der staatlichen Geschäftsstelle „Luther 2017“. Sie behauptet, das LuttaDada sei ein „Geschenk für Marketingexperten“. Es stehe nämlich nicht allein für die Reformation, sondern habe zusätzlich alles, was einen „spannenden Werbeträger“ ausmache. Das LuttaDada habe, so Mühlmann, einprägsame Bilder produziert (Thesen mit Hammer an Tür nageln – und zwar live und in Farbe!), habe eine spannende Geschichte hingelegt (Kirche spalten, Nonnen heiraten, Teufel mit Tinte bewerfen) und sei durch einen zerrissenen Charakter geprägt gewesen.

Das LuttaDada muss zugeben, dass es das nicht geahnt hat. Eigentlich wollte es gut dadaistisch nur ein wenig die angenommenen Sinnhaftigkeit der Welt durcheinanderbringen. Nun muss es feststellen, dass damit vor allem Geld verdient werden soll.

Zum Schluss gilt es daher den Großen, Goldenen LuttaDada-Spezialpreis am Bande für kulturpolitische Gelassenheit zu verleihen, und zwar an die Stadt Erfurt und insbesondere an ihren Kulturdirektor Tobias Knoblich. Denn Erfurt und Knoblich (oder Knoblich und Erfurt) haben sich in diesen Tagen etwas getraut, das sich in dem ganzen Jubiläumsklimbim kaum jemand zu trauen scheint: Sie lassen es bleiben. Sie verzichten. Sie pfeifen drauf. Sie können ohne die ganz große Luther-Sause, machen nur eine kleine Ausstellung zur Luther-Rezeption in den Jahren 1917 (400. Reformationsjubiläum) und 1983 (500. Geburtstag Luthers), die auch nur von April bis Juni 2017 dauert. Ansonsten machen sie nicht mit bei dem, was unser Preisträger, Herr Knoblich, einen Überbietungswettbewerb in Sachen Reformationsjubiläum genannt hat.

Wie außergewöhnlich diese Nicht-Handlung und Nicht-Nachricht ist, wird schon durch die Tatsache belegt, dass sie eine eigene Zeitungmeldung wert ist. Aber anstelle einer knappen Benachrichtigung sollten – so verfügt es das LuttaDada – deutschlandweit ausgiebige Lobeshymnen auf Tobias Knoblich und die Stadt Erfurt gesungen werden. Denn aus diesem Beispiel lässt sich lernen: Man kann Kulturpolitik auch dadurch gestalten, dass man sich einer wesentlichen menschlichen Eigenschaft bedient, nämlich nicht immer nur Dinge anpacken zu müssen, sondern sie auch mal sein lassen zu dürfen. Let it be! Eine solche Einsicht, etwas früher und von ein paar mehr Menschen getroffen, wäre der Qualität des Jubiläumsgeschehens sicherlich zuträglich gewesen.

Lang lebe das LuttaDada!

Unsere Vergangenheit soll schöner werden. Vierte These zur Geschichtskultur

Die vierte These zur Geschichtskultur lautet: Unsere Geschichtskultur tendiert zur Bevorzugung von Inhalten, die mit gegenwärtigen Interessen korrespondieren und auf die Vergangenheit ein (falsches) besseres Licht werfen.

Gleichförmigkeit

Geben wir uns für einen Moment der naiven Annahme hin, eine Internet-Suchmaschine wie Google stünde stellvertretend für das Wissen der Welt über sich selbst. In diese Suchmaschine können wir Stichwörter eingeben wie „Reformation“ oder „Martin Luther“. Welche Ergebnisse werden uns präsentiert? Unfehlbar werden wir zunächst mit einigen Werbeanzeigen konfrontiert (wobei die Unfehlbarkeit in diesem Zusammenhang eine durchaus mehrdeutige Konnotation erfährt), zum Beispiel von Tourismusanbietern oder aus der Modebranche (jawohl, auch die Reformation wird in eine Modekollektion verwandelt). Sodann folgen einige Informationsseiten, deren Angebote sich in der Google-Hierarchie, mit welchen Mitteln auch immer, ganz nach oben gearbeitet haben: Wikipedia-Artikel oder die Eingangsseite des Zentralkomitees der Kommission zur Durchführung der Jubiläumsfeierlichkeiten der Reformation, kurz ZKDJR (oder so ähnlich). Etwa ab Google-Suchmaschinentreffer Nr. 11 wird man dann mit Veranstaltungshinweisen ganz unterschiedlicher Art überhäuft, mit internationalen, nationalen, regionalen und lokalen Aufführungen, Ausstellungen und Informationsveranstaltungen, die dem historischen Ereignis der Reformation zur größeren Ehre gereichen sollen.

Im Moment – ich schreibe dies im März 2017 – ist unübersehbar, dass und wie der Reformationsjubiläumszug Fahrt aufnimmt. Die Freiluftsaison der Feiersause beginnt. Man kann tatsächlich den Eindruck gewinnen, dass jede Kirchengemeinde, jede Ortschaft, jeder Landstrich und jede Institution ihren jeweils eigenen Beitrag zu diesem Jubelfest leisten will, und dabei gewillt und in der Lage ist, jedes verfügbare Mittel in Anspruch zu nehmen.

Versucht man sich zumindest ansatzweise einen Überblick über den Inhalt dieser Aktivitäten zu verschaffen, dann fällt recht schnell deren Gleichförmigkeit auf – ein erster Eindruck, der durch ein ausdauernderes Studium der zahlreichen Veranstaltungsprogramme bestätigt wird. Es sind wenige Themen, die dominieren. Ohne hier eine eindeutige Hierarchie aufstellen zu können (das würde einen größeren statistischen Aufwand erfordern), lassen sich als inhaltliche Schwerpunkte nennen: Reformation und Moderne; Luther und die deutsche Sprache; Luther und die Freiheit; Reformation als Gemeinsamkeit (Ökumene); Reformation und Judentum; Frauen in der Reformation.

Man kann diese Themen auch übersetzen. Dann würden sie lauten: Inwiefern war die Reformation der Anbruch unserer eigenen Gegenwart? Inwiefern hat Luther unsere Sprache als zentrales Merkmal kollektiver (deutscher) Identität geprägt? Inwiefern hat Luther mitgeholfen, unsere „freiheitlich-demokratische Grundordnung“ zu begründen? Inwiefern kann die Reformation, nach all den Trennungen, die sie nach sich zog, zu einem Moment (ökumenischer) Gemeinschaftlichkeit werden? Wie ist die Reformation mit Minderheiten umgegangen? Und wie war das Verhältnis der Geschlechter in der Reformation ausgestaltet? Es handelt sich also durchgehend um Fragen, die uns in der Gegenwart des frühen 21. Jahrhunderts umtreiben.

Mit anderen Worten: In der Beschäftigung mit der Reformation geht es daher vor allem um uns selbst.

Präsentismus

Das zeigt auch die Abwesenheit bestimmter Fragen im Kontext des Reformationsjubiläums. Weniger scheint im Jahr 2017 zu interessieren, was die Menschen des Jahres 1517 vornehmlich interessierte: Wie finde ich mein Seelenheil? Wie finde ich einen gnädigen Gott? Wie kann ich mich am besten auf ein Leben im Jenseits vorbereiten? All diese Fragen sind für die Jubiläumspraxis irrelevant, weil sie in unserer Gegenwart keine Rolle mehr spielen. Ein solcher Umgang mit der Vergangenheit hört üblicherweise auf den Namen Präsentismus.

Der Präsentismus genießt in historischen Debatten keinen besonders guten Ruf, wird meist mit abwertenden Vorzeichen versehen und will vornehmlich besagen, dass eine Vergangenheit allein aus der Perspektive und mit den Maßstäben der Gegenwart betrachtet wird. [1] Aber gar so schnell und gar so leicht sollte man den Präsentismus nicht über Bord werfen. Denn das glatte Gegenteil dieser Gegenwartsseligkeit, also ein Sich-in-die-Vergangenheit-Hineinversetzen mittels Zeitmaschine, wäre mindestens ebenso naiv und gefährlich. [2] Präsentismus können wir daher, streng genommen, gar nicht umgehen, weil wir keinen anderen zeitlichen Standpunkt einnehmen können als unseren eigenen, wenn wir mit Vergangenheiten umgehen. Die Frage ist eher, wie wir diesen Präsentismus einsetzen wollen. Wenn jede Form der Geschichtsschreibung zwangsläufig präsentisch sein muss, weil sie ihre Gegenwart nicht verlassen kann, dann stellt sich das Problem anders: Beinhaltet dieser Präsentismus die Relationen einer Gegenwart zur Vergangenheit oder konzentriert er sich auf die Gegenwart einer Vergangenheit?

Ein besseres Gestern

Aber eine bestimmte, durchaus negative Auswirkung des Präsentismus kann man im Zusammenhang des Reformationsjubiläums besonders gut beobachten. Sie funktioniert nach dem Motto: Unsere Vergangenheit soll schöner werden. Beispiel: Frauen in der Reformation. Bei der Vielzahl von Vorträgen, Präsentationen, Filmen usw. zu Argula von Grumbach, Katharina Luther, Barbara Cranach und anderen Protagonistinnen muss man zuweilen den Eindruck gewinnen, hier wird eine bisher gänzlich übersehene Hälfte der Reformationsgeschichte ans Tageslicht geholt. Aber machen wir uns nichts vor: Die Reformation war eine Männerangelegenheit. Man mag das im Nachhinein aus nachvollziehbaren Gründen bedauerlich finden, nur ändern wird es sich dadurch nicht.

Nach der Rolle von Frauen zu fragen, ist richtig und wichtig, aber eben nicht um die Vergangenheit im Nachhinein und im Sinn der Gleichberechtigung besser zu machen, sondern um aufzuzeigen, warum und in welcher Form Ungleichheiten vorgeherrscht haben. Einige wenige Frauen hervorzuheben, die die Reformation mitprägten, die sich aber genau deswegen besser in unser gegenwärtiges Selbstbild fügen lassen, tut nur den 99% anderen ein weiteres Mal Unrecht an, die ihr ganz durchschnittliches Leben in einer patriarchalischen Gesellschaft geführt haben. Die Frage wäre also weniger, welche Frauen auf welche Weise die Reformation beeinflusst haben, damit sich das Gewesene unserem eigenen Hier und Jetzt besser anpassen möge. Die Frage ist eher, weshalb Frauen in dieser Gesellschaft so gut wie keine Chance hatten, Vorgänge wie die Reformation mitzugestalten. Unsere Vergangenheit soll nicht schöner werden, sie sollte vielmehr anders bleiben dürfen.

 

Anmerkungen

[1] Zur Diskussion um den Präsentismus vgl. die Debatte in der Zeitschrift Past & Present, Heft 234 (2017).

[2] Ausführlicher dazu Achim Landwehr: Die anwesende Abwesenheit der Vergangenheit. Essay zur Geschichtstheorie, Frankfurt a.M. 2016.

Geschichtskultur als Kulturindustrie. Dritte These zur Geschichtskultur

Wat is ne Jeschichtskultur?

Mit den famosen Was-ist-Was-Fragen kommt man ja – wem auch immer sei Dank – nie an ein Ende: Was ist eine Welle im Meer? Was ist eine Doppelhelix? Was ist der Sinn des Lebens? Und die Frage alle Fragen: Was ist eine Dampfmaschine? Wenden wir uns in diesem Sinne und ganz sesamstraßenartig der Frage zu: Was ist Geschichtskultur? Zu diesem Gegenstand existiert eine veritable wissenschaftliche Diskussion, die sich nicht nur, aber zu erheblichen Teilen in der Geschichtsdidaktik tummelt (zahlreiche sachdienliche Hinweise zu diesem Gegenstand finden sich bei Public History Weekly). Es ist hier nicht der Ort, um in diese Debatte einzusteigen oder sie ausführlich wiederzugeben. Hilfreiche Diskussionshinweise stammen von Jörn Rüsen, Bernd Schönemann und Marko Demantowsky [1]. Aber wenn ich schon behaupte, mit diesem Blog Reisen in die deutsche Geschichtskultur zu unternehmen, wäre es wohl angebracht, das Terrain der Reise etwas genauer abzustecken und die Frage zu stellen, welche Geschichtskultur denn aktuell durch das Reformationsjubiläum geprägt wird.

Geschichtskulturen, so kann man feststellen, hat es schon immer dort gegeben, wo sich menschliche Kollektive mit sinnstiftender Absicht auf vergangene Verhältnisse bezogen haben. Schließlich ist es eine nicht ganz unbedeutende Qualität des Menschen, sich auf Wirklichkeiten beziehen zu können, die entweder noch nicht oder nicht mehr existieren. Den verfügbaren Vergangenheiten – verfügbar aufgrund von Erzählungen, Berichten, dokumentarischen Überlieferungen – wird dabei üblicherweise mehr Raum gelassen als den unsicheren Zukünften, allein schon, weil diese Vergangenheiten für gewöhnlich mit einer deutlich größeren Materialfülle aufwarten können. In allen Fällen von Beschäftigung mit Vergangenem ist es aber so, dass nie einfach nur festgehalten und festgestellt wird, was einst geschah. Dieses Geschehene wird vielmehr immer in der einen und anderen Weise, und sei es noch so unterschwellig, zu einem Bestandteil derjenigen Gegenwart gemacht, die sich dieser Vergangenheit zuwendet. Schon der Umstand, sich überhaupt einem vergangenen Geschehen, und dann auch noch ausgerechnet diesem vergangenen Geschehen zugewendet zu haben, knüpft eine Band zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Vergangenes wird solcherart zur Geschichtskultur einer Gegenwart.

Ubiquitär!

Damit wird ein Problem offenbar, das Diskussionen um die Geschichtskultur immer begleitet: Jeder gegenwärtige Bezug auf Vergangenes ist schon ein Beitrag zur Geschichtskultur, ob intendiert oder nicht. Wenn aber alle Beschäftigungen mit Vergangenheit zur Geschichtskultur beitragen, lässt sich diese Geschichtskultur dann noch von irgendetwas unterscheiden? Ist sie identisch mit der ominösen ‚Geschichte‘ in ihrer Gesamtheit? Belegt sie nicht eigentlich einen erheblichen Teil unseres alltäglichen Handelns, weil wir uns ja beständig auf Vergangenes beziehen? Sind die Zeitungslektüre oder die Plauderei beim Mittagessen über den letzten Urlaub auch schon Beiträge zur Geschichtskultur, weil sie sich auf Vergangenes beziehen?

In der Tat, wollte man versuchen, die Anwesenheit von Vergangenem in unserem Alltag zu katalogisieren, dürfte einem schnell schwindelig werden. Potentiell sind all diese Formen der Bezugnahme auf Vergangenes dazu in der Lage, zur Geschichtskultur beizutragen, wenn sie das auch mit höchst unterschiedlicher Effektivität tun.

Aus diesem Grund mögen einen die allgemeinen Bestimmungen, die bisher zur Geschichtskultur vorliegen, zuweilen etwas unzufrieden zurücklassen. Denn sie sind nicht selten, nun ja, so allgemein gehalten, dass sie sich nur noch unter Schwierigkeiten von irgendetwas anderem halbwegs trennscharf unterscheiden lassen. Wenn Jörn Rüsen, wohl der am häufigsten zitierte Stichwortgeber zum Thema Geschichtskultur, davon spricht, dass sich mit diesem Begriff Phänomene verbinden wie eine intensivierte Erinnerungskultur, die Aufmerksamkeit für historische Debatten auch außerhalb der akademischen Welt, die Bedeutung geschichtlicher Argumente im Zusammenhang öffentlicher politischer Diskussionen oder generell ein allenthalben festzustellender Geschichtsboom, dann kann man sich schon fragen, wo diese Geschichtskultur anfängt und wo sie aufhören soll. Rüsen stellt geradezu einen kleinen Katalog zusammen, wo und wie sich diese Geschichtskultur konkretisiert – eine Auflistung, die sich allerdings bei näherer Betrachtung flugs ins Riesenhafte ausweitet (und Obacht, nun folgt ein etwas längeres Zitat):

„Fachwissenschaft, schulischer Unterricht, Denkmalpflege, Museen und andere Institutionen werden über ihre wechselseitigen Abgrenzungen und Unterschiede hinweg als Manifestationen eines übergreifenden gemeinsamen Umgangs mit der Vergangenheit in Augenschein genommen und diskutiert. ‚Geschichtskultur‘ soll dieses Gemeinsame und Übergreifende bezeichnen. Sie rückt die unterschiedlichen Strategien der wissenschaftlichen Forschung, der künstlerischen Gestaltung, des politischen Machtkampfes, der schulischen und außerschulischen Erziehung, der Freizeitanimation und anderer Prozeduren der öffentlichen historischen Erinnerung so in den Blick, daß sie alle als Ausprägungen einer einzigen mentalen Kraft begriffen werden können. So synthetisiert sie auch Universität, Museum, Schule, Verwaltung, die Massenmedien und andere kulturelle Einrichtungen zum Ensemble von Orten der kollektiven Erinnerung und integriert die Funktionen der Belehrung, der Unterhaltung, der Legitimation, der Kritik, der Ablenkung, der Aufklärung und anderer Erinnerungsmodi in die übergreifende Einheit der historischen Erinnerung.“ [2]

Alle anderen

Was einen bei dieser Aufzählung nervös machen sollte, ist das kleine Wörtchen „andere“, das man auch mit „alle“ übersetzen könnte, so dass „andere Prozeduren“, „andere Einrichtungen“ und „andere Erinnerungsmodi“ schnell in „alle Prozeduren/Einrichtungen/Erinnerungsmodi“ umschlagen können. Wie umfassend das Konzept von Geschichtskultur ist, zeigt die Definition von Rüsen: „Geschichtskultur läßt sich also definieren als praktisch wirksame Artikulation von Geschichtsbewußtsein im Leben einer Gesellschaft.“ Und dabei soll es um nichts weniger gehen als um die „Praxis von Bewußtsein“ und um „menschliche Subjektivität“.[3]

Man stelle sich einfach die Frage, an welchen Orten und in welchen Situationen diese von Rüsen beschriebene Arbeit an der Geschichtskultur vonstattengeht, und man wird wohl zu der Schlussfolgerung kommen müssen, dass sie permanent und allerorten geschieht. Es hilft noch nicht einmal, den scheinbar naheliegenden Rettungsweg einzuschlagen und auf diejenigen Lebensbereiche zu verweisen, die vornehmlich mit der Gestaltung von Zukunft beschäftigt sind – große Teile des Wirtschaftshandelns, Finanzspekulationen, politische Projektionen, technische Innovationen, Vorhaben zur Lösung ökologischer Probleme –, denn all diese Versuche zur Vorbereitung auf das Kommende sind ja nicht nur möglich aufgrund von Daten aus der (ferneren oder jüngeren) Vergangenheit, sondern sind abhängig von bestimmten Formen der Geschichtskultur, die sie nicht zuletzt selbst schaffen, und wenn es sich dabei um eine der trivialsten und gleichzeitig einflussreichsten Aspekte dieser Geschichtskultur handelt, nämlich den Glauben an einen Fortschritt.

Auch konstruktivistische Bestimmungen von Geschichtskultur, wie sie beispielsweise Bernd Schönemann und Marko Demantowsky formuliert haben, helfen bei dem verständlichen Orientierungswunsch mittels Einschränkung des Gegenstandes kaum weiter, weil hier die gesellschaftliche Konstruktion der Vergangenheit in ihrer ganzen breite und Allgemeinheit im Vordergrund steht. Und wo geschieht das nicht?

Lob der Unschärfe

Warum also trotz dieser terminologischen Untiefen weiterhin am Begriff der Geschichtskultur festhalten? Nun, genau deswegen – wegen seiner Unschärfe! Ich halte es gerade im Zusammenhang kultureller, also sinngenerierender Phänomene für kein Manko, den jeweiligen Gegenstand nicht mit dem Schnitt eines Teppichmessers in aller Eindeutigkeit von ähnlich gelagerten Gegenständen abtrennen zu können. Vielmehr erachte ich die inhaltliche Unschärfe der Geschichtskultur für einen großen Vorteil, um einerseits eine Vielzahl unterschiedlicher Vergangenheitsbezüge behandeln zu können und um andererseits diese geradezu erschreckende Allgegenwärtigkeit geschichtskultureller Phänomene zumindest einigermaßen in den Blick zu bekommen. Das kulturell ubiquitäre, parasitär sich ausbreitende und sämtliche Lebensbereiche tangierende Phänomen der Geschichtskultur tut uns nicht den Gefallen, dadurch handhabbar zu werden, dass wir es in ein engeres definitorisches Korsett einzwängen. Die kollektive Praxis würde eine solche Einschnürung leichthin sprengen. Nein, gerade weil alles, was sich unter dem nebulösen Ausdruck der Geschichtskultur fassen lässt, nicht auf die Bereiche einer wie auch immer gearteten ‚Hochkultur‘ beschränkt werden kann, nicht auf das Feuilleton und nicht auf wissenschaftlich-historische Debatten im engeren Sinn, sondern wir alle jederzeit sowohl intendiert als auch nur nebenbei daran beteiligt sind, diese Geschichtskultur zu formen, indem wir Familienfotos in der Wohnung aufhängen, Tagebuch führen, Musik aus vergangenen Jahrzehnten und Jahrhunderten hören oder eine bestimmte politische Gruppierung mitsamt ihrer Erzählung, wie es einmal war und wie es demnächst werden sollte, überzeugend finden, arbeiten wir mit an dieser Geschichtskultur – selbst wenn das nie in unserer Absicht lag. Dass diese Geschichtskultur so unscharf bleibt, ist daher weniger ein Hinweis auf konzeptionelle Probleme, sondern belegt eher die Bedeutung des Gegenstands. Mit dem Ausdruck ‚Geschichtskultur‘ lässt sich auf den Umstand verweisen, dass es zu den Vorrechten wie auch Notwendigkeiten menschlicher Kollektive gehört, sich auf abwesende, hier vor allem vergangene abwesende Zeiten beziehen zu können. Es behaupte also niemand, der Ausdruck ‚Geschichtskultur‘ sei unbrauchbar, weil zu schwammig. Denn dann müsste man im Anschluss auch gleich diskutieren, wie wir denn noch sinnvoll sprechen können sollen über solche ‚Gegenstände‘ wie Gesellschaft, Politik, Wirtschaft, Recht, Technik, Zeit, Wirklichkeit, Welt – denn Entschuldigung, wo bitte ist da der eindeutige und scharf einstellbare Gegenstand?

Luther in Plastik

Nehmen wir die produktive Herausforderung der geschichtskulturellen Unschärfe an, dann lassen sich einige Anschlussfragen formulieren. So kann, ja, muss man gerade angesichts des Reformationsjubiläums die Frage stellen, inwieweit die Geschichtskultur, die wir uns in unserer eigenen Gegenwart leisten, mit der good ol‘ Kulturindustrie von Adorno und Horkheimer zusammenhängt. Ist die Geschichtskultur des frühen 21. Jahrhunderts unter Umständen eine Konkretisierung von Kulturindustrie, wie sie sich noch nicht einmal die Frankfurter Schule auszumalen wagte?

Sie ist ja bereits vielfach vorgeführt worden, die schöne, neue Reformationsjubiläums-Merchandising-Plastikwelt, prototypisch vertreten durch den Playmobil-Luther, der schon eine halbe Million Mal über den Ladentisch gegangen sein soll. (Auch wenn es bereits zu interreligiösen Verstimmungen wegen dieser Figur gekommen ist.) An Luther-, Katharina-von-Bora- und weiterem Reformations-Nippes besteht wahrlich kein Mangel.

Nun hat nicht erst das Reformationsjubiläum die Vermarktung der Geschichtskultur erfunden. Der Museumsshop gehört als Einrichtung längst zu den unverzichtbaren Bestandteilen entsprechender Kulturinstitutionen. Nur stechen im Falle des Reformationsjubiläums die Luther-Socken und das Katharina-von-Bora-Kochbuch besonders ins Auge, weil doch immer wieder von berufener Stelle betont wird, wie wichtig die ‚Botschaft‘ der Reformation sei. Die Frage wird nur sein, was man nach dem 31. Oktober 2017, also nach der großen Sause und mitten im Reformationsjubiläumskater, von den dann abgelaufenen Feierlichkeiten noch in Erinnerung behalten wird: die Botschaft dieses Ereignisses (aber wie lautete sie gleich nochmal?) oder den freundlich lächelnden Playmobil-Luther.

Ähnlichkeit und Einverständnis

Gehen wir also ganz pennälerhaft das Kulturindustrie-Kapitel bei Horkheimer und Adorno durch, um abzuprüfen, ob das Reformationsjubiläum diesen kulturellen Straftatbestand erfüllt (und wohlgemerkt, die folgende Auflistung ist unvollständig). [4]

– Vorwurf 1: „Kultur schlägt heute alles mit Ähnlichkeit.“ (S. 128) Dem muss man mit Blick auf das Reformationsjubiläum weitgehend zustimmen. Inhaltlich findet eine weitgehende Beschränkung auf die Person Luthers statt, äußerlich werden die gleichen Formen aufgefahren, welche die Kulturindustrie auch ansonsten in petto hat – oder warum findet sich in den Reformationsnippesläden republikweit das identische Angebot?

– Vorwurf 2: „Kulturindustrie endlich setzt die Imitation absolut. Nur noch Stil, gibt sie dessen Geheimnis preis, den Gehorsam gegen die gesellschaftliche Hierarchie.“ (S. 139) Solange man meint, sich bei der Beschäftigung mit der Reformation einerseits auf die Person Martin Luthers beschränken, andererseits diese Person auf einige wenige Stichworte reduzieren zu können, die zudem auch noch hemmungslos präsentisch ausgerichtet bleiben (Rebell, Wutbürger, Freiheit, Individualität, Medien …), kann kaum etwas anderes herauskommen, als eine Bestätigung herrschender Verhältnisse.

– Vorwurf 3: „Der [gesellschaftliche] Gegensatz läßt am wenigsten sich versöhnen, indem man die leichte [Kunst] in die ernste aufnimmt oder umgekehrt. Das aber versucht die Kulturindustrie.“ (S. 144) Und in Sachen Reformationsjubiläum war das schon immer besonders gut zu beobachten – auch wenn wir es eher selten mit Kunst im engeren Sinn zu tun haben. Unter Ausschluss der Ultramontanen wurden Reformation und Luther spätestens seit dem 19. Jahrhundert erfolgreich dazu instrumentalisiert, um nationale Einheit über alle gesellschaftlichen Unterschiede hinweg herzustellen (dokumentiert derzeit in Ausstellung im Kloster Dalheim). Und auch im Jahr 2017 wird – erfolgreich – versucht, das Reformationsjubiläum als ein gesamtdeutsches und sogar europäisches Ereignis zu begehen (wenn auch die nationalistischen Töne merklich vermieden werden).

– Vorwurf 4: „[…] die Totalität der Kulturindustrie. Sie besteht in der Wiederholung. […] Mit Grund heftet sich das Interesse ungezählter Konsumenten an die Technik, nicht an die starr repetierten, ausgehöhlten und halb schon preisgegebenen Inhalte.“ (S. 144) Kaum anders zu erklären ist es, dass sich die meisten Programme im Zuge des Reformationsjubiläums zum Verwechseln ähneln und immer die gleichen Fragen stellen. Was hat Luther damals gesagt? – Was kann uns Luther heute noch sagen? – Was hätte Luther heute wohl dazu gesagt? – Und was gab es bei Katharina von Bora zum Abendessen?

– Vorwurf 5: „Die ursprüngliche Affinität aber von Geschäft und Amusement zeigt sich in dessen eigenem Sinn: der Apologie der Gesellschaft. Vergnügtsein heißt Einverstandesein.“ (S. 153) Und dieses Bemühen ist im Jahr 2017 im hohen Maß festzustellen: Reformation und Luther – wenn auch mit Abstrichen hier und da (nobody’s perfect) – zu konsensfähigen Gegenständen zu machen, an denen man sich heute umstandslos und ohne größere Abstriche orientieren können sollte. Gegenstimmen gibt es, aber sie bleiben die Ausnahme.

Luther als Punk

Die Verteidigung mag nun anführen, dass allein schon die Singularisierung von der Kulturindustrie eher in die Irre führen muss. Denn weil die Kulturindustrie immer auch das Potential ihrer eigenen Subversion mit sich führt – man kann ihre Mittel gegen sie selbst wenden –, existiert auch die Möglichkeit zu wirklichen Alternativen, die in der Diversifizierung liegen. Im Umfeld des Reformationsjubiläums waren diese alternativen Ansätze bisher aber eher in Ansätzen auszumachen. Wir müssen immer noch auf Luther als Punk warten. (Und nein, ich meine jetzt nicht eine Lutherdarstellung mit Irokesenfrisur – die gibt es ziemlich sicher schon irgendwo –, sondern auf eine Lutherauseinandersetzung aus einer Punk-Haltung heraus.) Eine Hoffnung besteht in der Reihe „Luther und die Avantgarde“ – wir werden sehen, was dabei herauskommt.

Die Grenzlinien zwischen inhaltlicher Auseinandersetzung und oberflächlichem Konsum lassen sich an den beiden Faktoren Zeit und Komplexität bemessen. Je mehr Zeit in die Herstellung des Reformationsjubiläumsprodukts gesteckt wurde (mehrhundertseitige Biographie, umfangreiche Ausstellung) und je mehr Zeit zu dessen Wahrnehmung nötig ist, desto höher die Wahrscheinlichkeit, die dünne Hülle von „Luther ist ja eigentlich …“-Aussagen zu durchstoßen. Und je größer das Bemühen, die Schwierigkeiten, Verästelungen, Kompliziertheiten und Vielfältigkeiten des Reformationsvorgangs deutlich zu machen, desto geringer die Gefahr, das Jubiläumsgesumse zu einem schnellen Appetithappen werden zu lassen. Dafür bräuchte es gar nicht die von Horkheimer und vor allem von Adorno immer wieder propagierte bürgerliche Hochkultur. Das geht auch durchaus im popkulturellen Zusammenhang. Nur sind leider das subkulturelle Bemühen oder die Underground-Attitüde im Zusammenhang mit dem Reformationsjubiläum bisher eher schwach ausgebildet. Stattdessen bekommen wir ein Pop-Oratorium.

 

Anmerkungen

[1] Jörn Rüsen: Was ist Geschichtskultur? Überlegungen zu einer neuen Art, über Geschichte nachzudenken, in: Klaus Füßmann/Theo Grütter/ders. (Hg.): Historische Faszination. Geschichtskultur heute, Köln/Weimar/Wien 1994, 3-26; Bernd Schönemann: Erinnerungskultur oder Geschichtskultur?, in: Eugen Kotte (Hg.): Kulturwissenschaften und Geschichtsdidaktik, München 2011, 53-72; Marko Demantowsky: Geschichtskultur und Erinnerungskultur – zwei Konzeptionen des einen Gegenstandes. Historischer Hintergrund und exemplarischer Vergleich, in: Geschichte, Politik und ihre Didaktik 33 (2005) 11-20.

[2] Jörn Rüsen: Was ist Geschichtskultur? Überlegungen zu einer neuen Art, über Geschichte nachzudenken, in: Klaus Füßmann/Theo Grütter/ders. (Hg.): Historische Faszination. Geschichtskultur heute, Köln/Weimar/Wien 1994, 4.

[3] Ebd., 5.

[4] Max Horkheimer/Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente, Frankfurt a.M. 1998, 128-176.

LuttaDada 2

Das LuttaDada kann sich freuen. Endlich ist es soweit, endlich ist das Jahr 2017 angebrochen – sein Jahr! Das LuttaDada wird wachsen und gedeihen, denn mit jeder neuen Jubiläumsaktion, die sich die LuttaDadaisten ausdenken aus Anlass dieses 500jährigen Dingsbums, wird es an Bedeutung gewinnen. Die LuttaDadaisierung wird die ganze Welt erfassen! Jawohl, das LuttaDada ist inzwischen anmaßend genug, die Herrschaft über die Welt ernsthaft in Erwägung zu ziehen. Was ein TrumpDada kann …

Die ersten Anzeichen dieser Weltherrschaft sind unübersehbar. Oder ist irgendjemand der Meinung, es sei ein Zufall ist, wenn eine Gedenkmünze mit dem LuttaDada geprägt werden? Nicht irgendwelche Gedenkmünzen, nein! Auf dieser sieht man das LuttaDada als Superman (oder besser Lutherman) über das Schloss Stolberg fliegen. Da bedarf es keiner weiteren Erläuterung!

Nach dieser eher ungewohnten Art der Fortbewegung beißt das LuttaDada zur Stärkung werbewirksam mit breitem Grinsen, strahlenden Zähnen und einem Gesichtsausdruck, der übergroßen kulinarischen Genuss vermitteln soll, in die neue Luther-Salami. Exklusiv hergestellt von der Firma Naturfleisch Überweißbach. In Bibelform mit aufgedruckter Lutherrose! Auch im Internet zu bestellen! Sola scriptura geht ab sofort durch Magen und Darm!

Derart gestärkt kann sich das LuttaDada der medialen Meute stellen. Jawohl, das LuttaDada hat seine Scheu vor dem öffentlichen Auftritt abgelegt, hat sich aus der Deckung der Reformatoreneinsamkeit herausgewagt, um den ganz großen Medienhäusern exklusive Interviews zu gewähren, die dazu angetan sind, die Welt in ihren Grundfesten zu erschüttern. Denn merke: Wer 95 Thesen kann, kann auch visionäre Interviews! Wir haben uns dazu nur mit ausgewählten Medienpartnern zusammengetan. Ein Interview gibt es daher – wenig überraschend – zu sehen beim Zeitungsverlag Waiblingen, das andere beim unvergleichlich einflussreichen Nachrichtenportal Rhein-Neckar „morgenweb“ (das man irritierenderweise auch noch abends konsultieren kann; nun ja).

Wogegen sich das LuttaDada aber mit aller Vehemenz wehren möchte, ist eine Verbindung mit Ronald Pofalla. Das geht nicht! Ein Pofalla kann nicht in Wittenberg den neuen Bahnhof eröffnen, der für das LuttaDada gebaut wurde. Das will das LuttaDada nicht! Und wenn das LuttaDada etwas nicht will, dann wird es auch nicht geschehen. Auch nicht in der Vergangenheit! Es wird also auch nicht geschehen sein! LuttaDadaisten werden diesen Bahnhof nicht benutzen! Sie werden zu Fuß gehen oder Wittenberg weiträumig umfahren, sie werden mit dem Fallschirm abspringen oder einen Tunnel durch das Erdreich graben, aber sie werden keinen pofallaisierten Bahnhof ansteuern. Das LuttaDada hat gesprochen!

Die gewonnene Zeit bei der Vermeidung dieses Bahnhofs lässt sich sinnvoll investieren bei der Beschreibung eines Wunders. Und nun sage bloß niemand, Wunder könne man entweder nur erleben oder bewirken, aber nicht beschreiben. Die Gemeinde Tambach-Dietharz ist da ganz anderer Meinung! Dort soll das LuttaDada nämlich im Jahre des Herrn Eintausendfünfhundertsiebenunddreißig von einem Leiden an den Nieren geheilt worden sein. Aber wie nur geschah dieses Wunder? Und wie konnte es geschehen, obwohl das mit dem Wunderglauben im LuttaDadaismus ja so eine ganz eigene Sache ist? Einigen ordentlich angestellten LuttaDadaisten scheint diese Frage keine Ruhe zu lassen. Pfarrer Gregor Heidbrink aus Finsterbergen – wir alle kennen seinen Krimi „Der gute Mensch von Düsteroda“ – hat mit einigen wackeren Mitstreitenden einen Preis ausgelobt, mit dem ein Text ausgezeichnet werden soll, in dem das Geheimnis kriminalschriftstellerisch gelüftet wird. Das LuttaDada ist insbesondere erfreut über den Abgabetermin für die Texte: 1. April 2017!

Krimis gut und schön – aber muss eine so todernste Sache wie die weltweite Verbreitung des LuttaDadaismus unbedingt auf das Niveau von Kinderspielzeug herabgedrückt werden? Ist denn nur noch Spaß angesagt, wenn es um fundamentale Fragen wie das Seelenheil geht? Es scheint so. Möge es der angemessenen Infiltrierung der Jungendbewegung des LuttaDadaismus (JLD) dienen. Das LuttaDada gibt es nun als „Quiz zu Kirche, Kultur und Konfessionen“. Das LuttaDada gibt es als „Martin Luther – Das Spiel“ mit Proviantkarten, Erfahrungssteinen, Abdeckplättchen, Porträtplättchen, Wegeringen und – besonders einladend – ‚Cranach malt‘-Plättchen. Auf die existentielle Dimension des reformatorischen Vorgangs wird zumindest insofern hingewiesen, als unter Dreijährige an diesem Spiel nicht beteiligt werden sollten. Verschluckungs- und Erstickungsgefahr! Ein Tiefpunkt papistisch-dadaistischer Propaganda ist allerdings das Spiel „Mea Culpa“. Dort, so musste das LuttaDada erfahren, wird doch allen Ernstes um die möglichst gelungene Art des Ablasshandels gestritten, mit der man sich der Himmelspforte nähern soll. Das lehnen wir ab! Dieses Spiel wird sofort verboten! Die Mission des LuttaDada ist noch lange nicht beendet!

Auch heute will das LuttaDada nicht darauf verzichten, einige Veranstaltungshinweise zu geben. Dieses Mal: Das Weltereignis in Blaubeuren! Es locken lustige Liederabende unter dem Motto „Luthers Laute“. Heranwachsende aus der Blaubeurer Jungschargruppe haben spezielle Angebote vorbereitet (auch wenn man hier noch nicht spezieller werden wollte). Außerdem fragt man in Blaubeuren investigativ nach: Ein Bilderverbot in der Bibel? Bedauerlich ist allerdings, dass man sich ansonsten vor Ort vor allem auf den Dialog mit den Menschen freut. Traurig, traurig, unter welchen Ausgrenzungserfahrungen die Tierwelt bei diesem Reformationsjubiläum einmal mehr zu leiden hat. Und was bei den 500-Jahr-Feierlichkeiten niemals und unter gar keinen Umständen fehlen darf, auch nicht in Blaubeuren, ist das Herzstück einer jeden Reformationsjubiläumsveranstaltung, die Krone in jedem Gemeindeprogramm: Kochen wie zu Luthers Zeiten! Guten Appetit!

Lang lebe das LuttaDada!

 

Club der weitgehend unbekannten Reformator/innen (CWUR), Folge 1: Robert Barnes

Titelbild: Jeff Turner

Man wird Martin Luther kaum den Titel absprechen können, der Reformator gewesen zu sein, einfach weil er hinsichtlich Einfluss, Popularität, Breitenwirkung und Ruhm zu Lebzeiten (wie auch in seinem Nachleben) schwerlich zu übertreffen ist. Aber er war eben bei weitem nicht der einzige Reformator. Wenn also im Rahmen dieses Reformationsjubiläums schon so sehr auf Personalisierung gesetzt wird, dann kann man wenigstens das Tableau an Personen ein wenig erweitern. Zu diesem Zweck wurde der „Club der weitgehend unbekannten Reformator/innen“ (CWUR) ins Leben gerufen, eine ehrenamtlich arbeitende Vereinigung, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, zumindest ein wenig von dem Scheinwerferlicht, das den Wittenberger Oberreformator schon seit Jahrhunderten anstrahlt, auf diejenigen Figuren abzulenken, die ansonsten in seinem Schatten stehen.

Darunter sind auch Personen zu finden, die erst nach ihrem Ableben zu Bekanntheit gelangt sind. Einer von ihnen ist der Engländer Robert Barnes, der gegen Ende seines Lebens (von dem er noch nicht wissen konnte, dass es sein Ende sein würde) den fatalen Fehler beging, sich zu weit in den Dunstkreis des englischen Königs Heinrich VIII. hineinbewegt zu haben. Und wie allgemein bekannt, diese Nähe ist nicht allen bekommen. Barnes wurde 1540 auf dem Scheiterhaufen hingerichtet, offiziell wegen Häresievorwürfen, tatsächlich aber, weil er in den Sturz seines Patrons Thomas Cromwell verwickelt war.

Dieses tragische Ende bot der protestantischen Seite die Möglichkeit, aus Barnes einen Streiter für den rechten Glauben und einen Märtyrer im Kampf für das wahre Christentum zu machen. In dieser Rolle hat er als Reformator, zumindest im deutschsprachigen Raum, erst nach seinem Tod wirklich an Bedeutung gewonnen. In einer 1540 erschienenen Flugschrift („Bekantnus des Glaubens/ Die Robertus Barns/ Der Heiligen Schrifft Doctor (inn Deudschem Lande D. Antonius genent) zu Lunden in Engelland gethan hat“) wurden seine angeblich letzten Worte überliefert. Martin Luther verfasste dazu ein Vorwort und bescherte der Schrift dadurch großen Erfolg. Die Flugschrift erlebte mindestens neun Auflagen.

Geboren wurde Barnes 1495 in Norfolk. Er absolvierte eine Laufbahn, die für einen angehenden Reformator (der noch nicht wissen konnte, dass er einmal Reformator werden würde) als durchaus typisch anzusehen ist. Neben einer Ausbildung bei den Augustinern absolvierte er auch noch ein Studium in Cambridge und Löwen, wurde schließlich 1523 zum Doktor der Theologie promoviert. 1525 hielt er dann in Cambridge eine Predigt, die ihn bis an sein Lebensende begleiten sollte, weil sie einerseits seine reformatorische Gesinnung offenbarte, ihm andererseits eine Anklage wegen Häresie einbrachte. Vor den Gefahren, die ihm in England drohten, floh er auf den Kontinent, hielt sich auch längere Zeit in Wittenberg auf, lernte unter anderem Luther und Melanchthon kennen, verfasste theologische Abhandlungen und wurde schließlich Nutznießer des Umstands, dass Heinrich VIII. von England inzwischen zumindest die politisch-dynastischen Vorteile einer Reformation für sich und seine Monarchie zu schätzen wusste (wenn er auch von den theologischen Aspekten nicht wirklich überzeugt war). Aufgrund seiner Verbindungen zur protestantischen Szene in Deutschland wurde Barnes von Heinrich mit diplomatischen Aufgaben betraut – bis der Stern seines Patrons Thomas Cromwell am englischen Hof zu sinken begann.

Wer dann ein rechter Märtyrer werden will [1], der muss schon ein entsprechendes Vermächtnis hinterlassen, der muss, wie Barnes, gelassen zum Scheiterhaufen schreiten, die Umstehenden trösten und „sich mit so grosser freude zu seiner marter“ begeben, „das er auch kein mal sein farbe wandelte“, wie es in der „Bekantnus des Glaubens“ heißt [2]. Ansonsten stellte Barnes in seinen famous last words sicher (beziehungsweise wurde für ihn sichergestellt), dass die reformatorische Gesinnung im lutherischen Sinn noch einmal deutlich zum Ausdruck kam [3]. Liest man die in der Flugschrift enthaltene Beschreibung der Hinrichtungsszene, kommt man kaum umhin, an eine Theateraufführung zu denken. Alle notwendigen dramatischen Elemente sind hier enthalten. Barnes selbst hält eine ergreifende Rede, wird von Umstehenden angesprochen und bezüglich seiner religiösen Überzeugungen befragt, spricht mit dem Henker, wendet sich an seine (abwesenden) Gegner, um ihnen zu verzeihen, informiert sich über den (nicht existierenden) Urteilsspruch gegen ihn und fügt sich schließlich in einer Szene, die jedem Finale einer Märtyrertragödie würdig ist, dem Unabwendbaren: Er gibt „sich mit gantzem begirde nach dem fewr/ und kerte das angesichte zu dem dampffe und Fewr/ und erstickte inn kurtzer zeit.“ Und damit konnte es beginnen, das Leben eines Reformators, das vor allem darin bestand, das Nachleben eines Märtyrers der Reformation zu sein.

 

Anmerkungen

NB: Die Arbeit des „Clubs der weitgehend unbekannten Reformator/innen“ wird maßgeblich unterstützt durch das empfehlenswerte Buch von Irene Dingel/Volker Leppin (Hg.): Das Reformatorenlexikon, 2. Aufl. Darmstadt 2016. Dort ist auch der Beitrag von Katharina Beiergrößlein zu finden über Robert Barnes, dem der vorliegende Eintrag wesentliche Informationen zu verdanken hat.

[1] Peter Burschel: Sterben und Unsterblichkeit. Zur Kultur des Martyriums in der Frühen Neuzeit, München 2004

[2] Der Text des „Bekantnus des Glaubens“ ist unter anderem hier zu finden. http://reader.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb11006953_00001.html

[3] Korey D. Maas: Confession, Contention, and Confusion: The Last Words of Robert Barnes and the Shaping of Theological Identity, in: Sixteenth Century Journal 42 (2011) 689-707