Mein Dreivierteljahr mit Luther

Finito

„Death by chocolate“ – so heißt eine nicht nur ungesund klingende Süßspeise, die in der englischsprachigen Welt kredenzt wird, um die körperlichen Belastungen mit Fett und Zucker in ungeahnte Höhen zu treiben. Zu ihrer Herstellung braucht man viel von allem: viel Butter, viel Schokolade, viel Zucker und viel Sahne (und noch solche Nebensächlichkeiten wie Eier und Mehl). Garniert wird das Ganze dann mit einer Glasur, die nochmals aus viel Butter, Sahne und Schokolade besteht.

„Death by reformation jubilee“ – so könnte man das vorzeitige Ende dieses Blogs betiteln. Eingegangen ist das Blog an einer Überdosis Einfallslosigkeit, Wiederholungszwang und Ödnis, garniert mit einer Glasur Langeweile. Wohlmöglich könnte diese Diagnose auf die Bloginhalte selbst zutreffen – mea culpa. Nicht weniger litten die Bloginhalte jedoch an den Gegenständen refromationsjubilierenden Geschehens, die sich als zu viel vom Immergleichen herausgestellt haben.

Im ersten Eintrag dieses Blogs habe ich behauptet, das Jubiläum sei bereits vorbei sei, bevor es überhaupt begonnen habe. Mich erschreckt inzwischen selbst, wie sehr sich diese Aussage bestätigt hat.

Daher ist das mein Abschlussstatement. Meine letzte Pressekonferenz. Es folgt ein Schlusskommuniqué. Ich wähle die Ausstiegsklausel. Ich ziehe die Reißleine. Und einen Schlussstrich ziehe ich auch noch. Ich gebe auf.

Obwohl: Aufgegeben habe ich schon vor einigen Wochen. Das sollte aber nicht mit Stillschweigen übergangen, sondern mit der angemessenen staatstragenden Geste in die Öffentlichkeit hineingetragen werden. Daher also klipp und klar: Dieses Blog findet hiermit sein Ende.

Lutherverwurstung

Ich hatte mich zu Beginn dieses Blogs tatsächlich der Illusion hingegeben, das Reformationsjubiläum 2017 sei eine gute Gelegenheit, um sich der deutschen Geschichtskultur des frühen 21. Jahrhunderts zu widmen. Im Prinzip bin ich immer noch dieser Meinung. Nur hatte ich offenbar unterschätzt, wie dröge und phantasielos diese Geschichtskultur ist. Sie hat gewonnen. Ich gebe auf.

Das Problem: Es werden die immer gleichen Inhalte in die immer gleichen Formen gegossen. Die Einfallslosigkeit ist kaum zu überbieten. Sicherlich, dem hätte ich mit ein wenig mehr Einfallsreichtum meinerseits begegnen können. Aber nach meinen bisher geschriebenen Texten sah ich mich schon selbst in eine ähnliche Wiederholungsschleife einbiegen.

Nur um ein gänzlich nebensächliches, eigentlich unbedeutendes Beispiel zu nennen: Ich weiß nicht, wie häufig inzwischen schon das Thema „Luther und das Bier“ aufgegriffen worden ist. Wenig überraschend wurde es häufig im Zusammenhang mit der werbewirksamen Produktion eines solchen alkoholischen Getränks verbunden. Die Brauerei Neunspringe hat sich nicht nur die Internetseite lutherbier.de reserviert, sondern auch gleich vier verschiedene Lutherbiere auf den Markt gebracht; die Rosenfelder Brauerei hat ein Reformationsbräu im Angebot; die Brauerei Goldochsen verkauft ein Martin-Luther-Bier; das Einbecker Brauhaus hat gleich eine Luther-Präsentbox herausgebracht; und für all diejenigen, die in dieser Bierfülle die Übersicht zu verlieren drohen, kann man mit einem Biersommelier den ultimativen Luther-Bier-Test machen. Die Stadt Wittenberg wird zum 31. Oktober 2017 sogar den Stadtbrunnen in einen Bierbrunnen verwandeln. Selbst die FAZ hat sich in einem eigenen Blogbeitrag dem Thema gewidmet. Und mit dieser Auflistung bin ich immer erst noch am Anfang. Ich könnte fortfahren mit Luther-Bier-T-Shirts, dem Luther-Bier-Senf, dem Lutherbier aus Krefeld, dem „Reformator 17“-Bier aus Bergisch Gladbach, dem Lutherbier aus Lahr, dem Köllertaler Luther-Bier zum Pfarrfest in Heusweiler … Aber ich will das nicht.

Nämliches ließe sich wiederholen mit Angelegenheiten, bei denen es nicht um gesetzlich erlaubten Drogenmissbrauch, sondern um augenscheinlich seröse Inhalte geht – aber kaum einfallsreichere. Jede zweite Kirchengemeinde hat ihre eigene kleine Ausstellung zur Reformation aufgestellt, allerorten werden die immer gleichen Vorträge gehalten, das Thema „Frauen und Reformation“ hat eine enorme Aufmerksamkeit erfahren, es gibt Kochkurse sonder Zahl, bei denen man lernen kann, zu futtern wie bei Luthern, wenn man gegen entsprechendes Entgelt nicht gleich in einem Restaurant das gleichnamige Menü serviert bekommt. Eine schier endlose Anzahl von Zeitungsartikeln hat mit einer Variation des immer gleichen Satzes begonnen, dass nämlich vor 500 Jahren der Wittenberger Augustinermönch Martin Luther seine 95 Thesen gegen den Ablass an die Tür der Schlosskirche genagelt habe (was in dieser Form zumindest nicht zu beweisen ist). Und auch ansonsten hat sich unsere kapitalistische Verwertungsgesellschaft nicht zurückgehalten, wenn es darum ging, Luther mit irgendwelchen verkaufswerten, aber sinnfreien Produkten zu kombinieren. Das ist im besten Fall amüsant. In vielen Fällen ist es aber ärgerlich. Und fast immer ist es inhaltlich gänzlich uninteressant.

Mehr Thesen

Warum ist es uninteressant? Weil hier Geschichtskultur nach dem alten Handwerkermotto betrieben wird: Was nicht passt, wird passend gemacht. Denn das Reformationsjubiläum und mit ihm, so meine starke Vermutung, die aktuelle bundesrepublikanische Geschichtskultur in ihrer Gesamtheit, setzt auf Ähnlichkeit und Präsentismus statt auf Irritation durch das Andere des Vergangenen. Vor diesem Hintergrund habe ich versucht, einige Thesen zur Geschichtskultur zu formulieren. Jawohl, ich gebe zu, diese Thesenbildung sollte meine plumpe Verbeugung vor dem Reformationsgeschehen sein. Eigentlich war der Plan, der reformationsjubiläumsüblichen Neigung zu wenig subtilen Anspielungen nachzugeben und mindestens 9,5 Thesen zur deutschen Geschichtskultur zu formulieren (wenn es schon nicht zu 95 reichen sollte). Fünf davon konnte ich etwas ausführlicher darstellen.

Nur zur Übung, nicht zur Strafe, hier noch einmal die Zusammenfassung der bisherigen Thesen: Die erste These wartet mit der wenig überraschenden Behauptung auf, dass unsere gegenwärtige Geschichtskultur versessen ist auf Jubiläen und möglichst verkaufsfördernde, runde Jahrestage. Die zweite These besagt, dass Geschichtskultur personenfixiert ist und auf Verlebendigung setzt. Mit der dritten These soll der Nachweis geführt werden, dass die altehrwürdige Rede von der Kulturindustrie im Zusammenhang mit der Geschichtskultur durchaus noch ihre Berechtigung hat. Die vierte These behauptet, dass sich die Geschichtskultur durch einen starken Zug zum Präsentismus auszeichnet. Und die fünfte These zielt darauf ab, dass Geschichtskultur dadurch geprägt ist, Befremdendes oder Unverständliches glattzubügeln und den eigenen, gegenwärtigen Verhältnissen anzuähneln.

Weitere Thesen, die argumentativ noch hätten ausgearbeitet werden müssen, sollten folgendermaßen lauten: Die sechste These hätte die kapitalistischen Verwertungsformen im Rahmen aktueller Geschichtskultur zum Inhalt gehabt. Das bereits angeführte Bier-Beispiel zeigt es zur Genüge, dass nicht mehr so recht klar ist, ob die gesellschaftlich so breit gestreute Beschäftigung mit „Geschichte“ und „Vergangenheit“ der Erweiterung von Kenntnissen und Erkenntnissen oder vornehmlich der Profitmaximierung dienen soll. Auch und gerade von politischer Seite ist man davon ausgegangen, dass wenn man aus öffentlichen Mitteln etwa 500 Millionen Euro in das Reformationsjubiläum steckt (entspricht einer Million für jedes Jahr seit der Veröffentlichung der 95 Thesen!), sich diese Investition durch Tourismus, Übernachtungen, Eintrittsgelder etc. wirtschaftlich lohnen sollte. Diese Hoffnung scheint sich jedoch nicht zu erfüllen.

Die siebte These wäre eng damit verwandt gewesen (wie ohnehin alle Thesen sehr eng miteinander verflochten sind und zum Teil nur unterschiedliche Facetten desselben Phänomens beleuchten): Geschichtskultur erweist sich unschwer als Teil politischer Machtausübung. Im spezifischen Fall des Reformationsjubiläums kann man das unter anderem anhand der Evangelischen Kirche in Deutschland sehen, die selbstredend versucht, dieses Ereignis für ihre gegenwärtigen Zwecke zu nutzen. Aber auch die Bundesregierung und verschiedene Landesregierungen machen mit dem Jubiläum (und generell im Feld der Geschichtskultur) Politik, weil sie sich davon Effekte in Sachen nationaler Zusammenhalt und Identitätsbildung versprechen. Bei solchen Gelegenheiten werde ich dann gerne mein Mantra los, dass eine ordentliche Portion Irritation von historisch vermeintlich verbürgten Gewissheiten dem Kollektiv besser tun würde.

These acht sollte besagen, dass Geschichtskultur erheblich durch Routine geprägt ist. Die immer gleichen Formate führen zu unübersehbarer Ermüdung. Man weiß schon, was passiert, noch bevor es passiert, weil immer wieder die gleichen Präsentationsformen gewählt und immer wieder die gleichen Inhalte bedient werden. Geschichtskultur steht damit in der akuten Gefahr, Überdruss zu produzieren – und sich somit mittelfristig selbst abzuschaffen. In Deutschland kann man das gerade mit Blick auf die Geschichte des Zweiten Weltkriegs und der Shoah auf eher erschreckende Weise beobachten, wenn sich selbst Studierende des Fachs Geschichte, die sich also intrinsisch für dieses Themengebiet interessieren, dahingehend äußern, von Hitler nichts mehr wissen zu wollen, weil sie es schon zu oft gehört hätten.

Die neunte These wäre eng mit der vorhergehenden verwandt gewesen. Sie hätte gepocht auf das Phänomen der Inversion im Zusammenhang der Geschichtskultur. Soll heißen: Nach dem Jubiläum ist vor dem Jubiläum. Gerade anhand des sogenannten Anschlags der 95 Thesen durch Martin Luther kann man das recht gut erläutern. Wir wissen über die Publikation der Thesen recht wenig, wissen auf jeden Fall nicht, ob sie an die Tür der Wittenberger Schlosskirche genagelt wurden. Es ist sogar recht wahrscheinlich, dass genau das nicht geschehen hat. Und trotzdem, oder gerade deswegen, muss im Rahmen der Geschichtskultur ein Thesenanschlag, der nie stattgefunden hat, immer wieder stattfinden. Jedes Jubiläum, jeder Gedenktag, jede Rückbesinnung wird beim nächsten Mal ganz genauso sein wie beim letzten Mal, nur ein wenig anders. Nach dem Reformationsjubiläum kann niemand mehr etwas von Luther hören – bis zum nächsten Jubiläum anlässlich des 500. Todestag des Reformators im Jahr 2046.

Und die neuneinhalbte These hätte zum Schluss mich selbst betroffen. Denn wenn ich mich schon kritisch zum Reformationsjubiläum im Besonderen und zur Geschichtskultur im Allgemeinen äußere, dann sollte ich auch nicht unerwähnt lassen, dass ich Teil dieser Maschinerie bin. Die liebe Leserschaft sollte also nicht vergessen, mir bei meinem Geschimpfe nicht über den Weg zu trauen. Was mache ich denn anderes, als selbst zu einer Geschichtskultur beizutragen, die ich noch während ihres Entstehens kritisiere?

Ich kann daher das Mikrophon an Andy Partridge von der großartigen Band XTC übergeben, der bereits 1983 in dem Lied „Funk Pop a Roll“ die Mechanismen der Musikindustrie kritisiert hat, um dann mit den Worten zu enden:

„But please don’t listen to me / I’ve already been poisoned by this industry!” (XTC: Funk Pop A Roll, Virgin Records 1983)

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Club der weitgehend unbekannten Reformator/innen (CWUR), Folge 3: Katharina Schütz

Katharina Schütz war gerade einmal 15 Jahre jünger als Martin Luther – und doch hatte bereits die als ‚Reformation‘ bezeichnete Umwälzung, die von Luther maßgeblich ausgelöst worden war, nicht nur ihr ganz persönliches Leben, sondern auch die Lebensumstände in Europa insgesamt grundlegend verändert. Am Beispiel von Katharina Schütz kann man sehen, mit welcher Rasanz angesichts der gegebenen Kommunikationsmöglichkeiten Luthers Ideen eine ganze Welt auf den Kopf stellten. Anstatt zu einer papsttreuen Christin zu werden, die von den Inhalten der katholischen Theologie aufgrund der Dominanz des Lateinischen wenig verstand, und anstatt ein übliches bürgerliches Leben zu führen, wurde Katharina Schütz nicht nur Luther-Anhängerin, sondern auch schreibende Theologin und eine der ersten Ehefrauen in einem Pfarrhaushalt. Ein Leben mithin, das in mehrfacher Hinsicht mit den zeitgenössischen Normen brach.

Katharina Schütz (1498-1562) entstammte einer Straßburger Bürgerfamilie, war das fünfte von zehn Kindern und erfuhr eine recht gute Schulausbildung, so dass sie des Lesens und Schreibens mächtig war. Latein blieb ihr als Gelehrtensprache allerdings ein Leben lang verschlossen. Schon als Kind hatte sie sich durch eine große Frömmigkeit ausgezeichnet und sich grundsätzlich darauf vorbereitet, ein Leben in Keuschheit zu verbringen.

Luthers Theologie veränderte ihr Weltbild grundlegend. Als Matthäus Zell Priester am Straßburger Münster wurde und ab 1518 im Sinne Luthers zu predigen begann, lösten sich die Ängste von Katharina Schütz um ihr Seelenheil sowie der empfundene Zwang, beständig Gutes tun zu müssen, auf und verwandelten sich in ein grundlegendes Vertrauen in einen gnädigen Gott. Aufgrund dieser Erfahrung widmete sie sich nicht nur dem Studium von Luthers Schriften, sondern setzte sich vor allem intensiv mit der Bibel auseinander. Sie erarbeitete sich differenzierte theologische Kenntnisse, die später Grundlagen ihrer Schriften werden sollten.

Bereits 1523 beging sie den nächsten Tabubruch, der in ihrer Umgebung sicherlich nicht nur gutgeheißen wurde. Sie heiratete Matthäus Zell. Die beiden gründeten einen der ersten protestantischen Pfarrhaushalte. Diese Ehe scheint wirklich eine Partnerschaft auf Augenhöhe gewesen zu sein, und Zell schätzte wohl die Fähigkeiten seiner Frau, auch theologisch Position beziehen zu können. Katharina Schütz Zell verfasste in ihrem Leben sieben Texte, von denen fünf auch gedruckt wurden. Darunter finden sich Trostschriften, Polemiken, Predigten und Meditationen.

Wie andere Frauen, die in der Reformationszeit öffentlich hervortraten oder eher unfreiwillig von anderen in das Licht der Öffentlichkeit gerückt wurden, musste sich auch Katharina Schütz Zell verschiedener Anfeindungen erwehren. Sie wurde nicht nur wegen ihrer Heirat mit einem Geistlichen, sondern auch aufgrund ihrer theologischen Äußerungen und ihres Engagements für die Straßburger Gemeinde angegriffen – und diese Angriffe erfolgten selbstverständlich, so muss man feststellen, weil sie eine Frau war. Besonders bitter dürfte es für sie gewesen sein, als sich Ludwig Rabus gegen sie wandte. Rabus war nicht nur der Nachfolger ihres Mannes im Straßburger Predigeramt, sondern auch ihr Pflegesohn. 1556 verließ er Straßburg, um einen angeseheneren Posten in Ulm anzutreten. Seine Straßburger Gemeinde fühlte sich im Stich gelassen, und die Pflegemutter übernahm die Aufgabe, sich per Brief an Rabus zu wenden und um eine Begründung für sein Verhalten zu bitten. Die Antwort war wenig freundlich und von deutlicher Misogynie gekennzeichnet: Katharina Schütz Zell sei eine Häretikerin und Abgefallene und habe ihrem Mann und der Kirche nur Schaden zugefügt.

Ähnlich wie nach ihrer Hochzeit musste sie sich auch in dieser Situation wieder rechtfertigen – und zwar als Frau. Es ist nicht zu bestreiten, dass die Reformation Grundlagen gelegt hat, damit sich das Verhältnis der Geschlechter zueinander verändern konnte. Insbesondere Pfarrhaushalte werden hier regelmäßig als aussagekräftige Beispiele herangezogen, um zu belegen, dass der Frau in der Partnerschaft protestantischen Typs eine größere Verantwortung und Eigenständigkeit zuwachsen konnte. Und Katharina Schütz Zell ist hierfür ein eindrückliches Beispiel. Ohnehin wird im Rahmen des Reformationsjubiläums 2017 die Rolle von Frauen in großem Maß betont. Es werden alle medialen Möglichkeiten genutzt, um zu belegen, von welcher Bedeutung Argula von Grumbach, Wibrandis Rosenblatt, Elisabeth von Calenberg-Göttingen und die vielen anderen Frauen waren, die im Prozess der Reformation auf verschiedene Aufgaben übernommen hatten. Ohne Frauen keine Reformation – so lautet das nicht selten gezogene Fazit entsprechender Bemühungen.

Aber so verständlich entsprechende Thesenbildungen und Schwerpunktsetzungen aus der Perspektive des frühen 21. Jahrhunderts auch sein mögen, sie schweben immer in der latenten Gefahr, entweder trivial oder verharmlosend zu werden. Trivial wird es, weil man sich recht schnell darauf einigen kann, dass weder die Reformation noch sonst irgendetwas in der Welt der Menschen ohne Frauen möglich wäre. Verharmlosend wird es allerdings, wenn man mit 500 Jahren Verspätung so tut, als seien die Frauen gleich bedeutend, gleich einflussreich und gleichberechtigt mit den Männern gewesen. Das waren sie nicht. Wir haben der Reformation nicht die Gleichstellung der Geschlechter zu verdanken. Vielmehr hat sich in und durch die Reformation die fundamentale Ungleichheit und das auch rechtlich fixierte Machtgefälle zwischen den Geschlechtern nur ein wenig verschoben. Dass die Frau dem Mann untergeordnet blieb, daran hat sich grundsätzlich nichts geändert. Deswegen muss man auch weiterhin feststellen, dass die Reformation eine Männerangelegenheit war. Sie war aber nicht deswegen eine Männerangelegenheit, weil Frauen nicht dazu in der Lage gewesen wären, am reformatorischen Diskurs teilzunehmen – Katharina Schütz Zell beweist (gemeinsam mit zahlreichen anderen) das Gegenteil –, sondern weil sie von vornherein systematisch davon ausgeschlossen wurden. Frauen wurden von Bildungseinrichtungen ferngehalten, von politischen Ämtern und von gesellschaftlichen Positionen, die es ihnen ermöglicht hätten, auf die Reformation größeren Einfluss auszuüben. Die Gegenbeispiele können nur dazu dienen, diese Regel zu bestätigen – und müssen uns im Nachhinein umso größeren Respekt abnötigen, weil sie sich trotz dieser ausschließenden Grenzziehungen reformatorisch betätigt haben.

Wenn ich also die nicht allzu gewagte These aufstelle, dass die Reformation eine Männerangelegenheit war, dann erstens, um nicht gegenwärtige Ideale des Geschlechterverhältnisses um ein halbes Jahrtausend nach hinten zu projizieren und dadurch verfälschende Wunschbilder aufscheinen zu lassen; und zweitens, um diese Männerdominanz zu einem Ausgangspunkt kritischer historischer Befragung zu machen, die Ungleichheit nicht dadurch verdeckt, dass sie die Bedeutung von Frauen im Nachhinein möglichst groß macht, sondern viel eher die Gründe und die Formen der Ungleichheit analysiert. Es geht daher um den Verzicht auf eine nachträgliche Verbesserung der Vergangenheit für gegenwärtige Zwecke.

 

NB: Die Arbeit des „Clubs der weitgehend unbekannten Reformator/innen“ wird maßgeblich unterstützt durch das empfehlenswerte Buch von Irene Dingel/Volker Leppin (Hg.): Das Reformatorenlexikon, 2. Aufl. Darmstadt 2016. Dort ist auch der Beitrag von Elsie McKee zu finden über Katharina Schütz Zell, dem der vorliegende Eintrag wesentliche Informationen verdankt.

Ähnlichkeitsbeschlagung. Fünfte These zur Geschichtskultur

Die fünfte These zur Geschichtskultur lautet: Die deutsche Geschichtskultur des frühen 21. Jahrhunderts tendiert dazu, Vergangenes nicht mehr als fremd und irritierend wahrzunehmen, sondern es sich der eigenen Gegenwart anzuähneln.

Immer Ärger mit den Unterschieden

Mit Unterschieden scheint die Gattung Mensch so ihre liebe Müh‘ und Not zu haben. Insbesondere bei Unterschieden, die irritierend wirken können, weil sie Unbekanntes, Fremdes, Unpassendes oder Abweichendes mit sich führen, sind regelmäßig Schwierigkeiten unterschiedlicher Art zu konstatieren. Denn Unterschiede wirken verunsichernd. Sie machen sogar Angst. Bekanntermaßen lassen sich solche Unterschiede nicht vermeiden (höchstens verdrängen). Sie platzen zuweilen unangemeldet in unseren Alltag hinein, stehen da in ihrer ganzen Nichteinsortierbarkeit, machen Arbeit, machen Ärger und vermitteln vor allem die unerwünschte Einsicht, dass die jeweils eigene Weltsicht keineswegs selbstverständlich, schon gar nicht naturnotwendig ist. Nach dieser Erkenntnis haben die Unterschiedsgeplagten aber meistenfalls gar nicht gefragt. Sie fiel ihnen meistens unerwartet auf die Füße.

Wie gut, dass es Areale dieser Welt gibt, die zwar durch eine Vielzahl von Unterschieden geprägt sind, in denen diese Unterschiede sich aber nicht aktiv aufdrängen, sondern vornehmlich passiv registriert und einsortiert werden können – und in denen die derart Einsortierten sich auch nicht großartig zur Wehr setzen. Das ist vielleicht ein Grund, weshalb für westliche Kulturen der Dualismus von Kultur und Natur nicht nur überzeugend wirkt, sondern auch weiterhin attraktiv bleibt, weil zwar beide Bereiche sich durch eine schier unübersehbare Vielzahl von Differenzen auszeichnen, die sogenannte Natur sich aber durch übersichtliche Klassifikationsschemata disziplinieren lässt – und noch kein Tier und keine Pflanze dagegen aufbegehrt haben, in diverse Klassen, Familien und Gattungen verschoben zu werden. Es gibt dann zwar weiterhin unzählig viele Unterschiede, aber üblicherweise keine Überraschungen mehr.

Irritationslosigkeit

Der sogenannten Natur nicht ganz unähnlich ist die Welt der Vergangenheit. Tote Menschen teilen mit Tieren und Pflanzen die wesentliche Eigenschaft, Zumutungen der Taxonomie nicht (mehr) widerstehen zu können. Auch vergangenes Leben wird rubriziert, wenn auch nicht mit der Strenge und Detailliertheit wie dies im Bereich nicht-menschlichen Lebens geschieht. Doch auch jede Epochenbezeichnung und jede Festlegung eines historischen Wandlungsprozesses unterwirft das Leben der Vergangenheit einer kategorialen Eindeutigkeit, von der zumindest implizit alle wissen, dass sie in der beschriebenen Form nie existiert hat.

Das ist weder schlimm noch verwerflich. Unsere Denkapparate sind nun einmal so strukturiert, dass sie nicht mit endlos großer Differenziertheit umgehen können, sondern Vereinfachungen in Form von Schemata benötigen. Das mag man bedauern oder nicht, vermeiden lässt es sich kaum.

Die Angewohnheit, insbesondere vergangenes Leben mit entsprechenden Rubrizierungsanstrengungen zu bewältigen, wird jedoch dann problematisch, wenn ihm alle Fremdheitseffekte abgesprochen, sämtliche Irritationspotentiale entzogen und durchgehend Verunsicherungsmöglichkeiten untersagt werden.

Wenn ich im Folgenden von ‚der Geschichtskultur‘ (insbesondere in seiner deutschen Variante zu Beginn des 21. Jahrhunderts) spreche, dann ist das ebenfalls eine Kategorie, die viel zu vielfältige Dinge zusammenfasst, die sich eigentlich gar nicht zusammenfassen lassen. Daher möchte ich bereits an dieser Stelle jedem Absolutheitsanspruch bezüglich ‚der Geschichtskultur‘ entsagen und feststellen, dass es um nicht mehr (aber auch nicht weniger) als die Feststellung von Tendenzen geht.

Genauso, nur ein bisschen anders

Und die Tendenz lautet: Vergangenheit wird mit Ähnlichkeit beschlagen. Ganz im Sinne der erkenntnistheoretischen Binsenweisheit, dass man nur sehen kann, was man bereits weiß, zeigt sich am Beispiel der gegenwärtigen Geschichtskultur, dass sie häufig nur noch wissen will, was sie ohnehin schon sieht. Und das ist meistens nichts allzu weit entfernt von der eigenen Nasenspitze.

Nun sind Beziehungen welcher Art auch immer zuweilen keine ganz einfache Angelegenheit. Auch das eine Binsenweisheit, die aber nicht nur für den Bereich des Zwischenmenschlichen zutrifft, sondern auch für das Zwischenzeitliche gilt. Anders als bei Menschen, die sich das Leben gegenseitig schwermachen können, sind aber Chancenverteilung und Machtgefälle im Temporalen von vornherein und damit grundsätzlich ungleich verteilt. Nicht-gegenwärtige Zeiten haben nur wenig Möglichkeiten, sich gegen die Zumutungen einer Gegenwart zur Wehr zu setzen. (Dafür hatten sie einst andere Möglichkeiten, um vergangenen Zukünften, also unter anderem unserer Gegenwart, ein Schnippchen zu schlagen; aber das zu erläutern, würde vom eigentlichen Thema wegführen.) Wenn solche Gegenwarten bei der Beschreibung von Vergangenheiten also nicht aufpassen und sich zwischendurch nicht einmal auf die eigenen Fingerchen klopfen, dann, ja dann kann es geschehen, dass sie den einfachsten Weg historischer Erkenntnis wählen. Und der lautet bekanntermaßen: Früher war es genauso wie heute, nur ein bisschen anders. Also ähnlich.

Das Andere, das vergangene Zeiten für uns sein könnten, wird dadurch in Eigenes und Vertrautes verwandelt und muss eine Ähnlichkeitsbeschlagung über sich ergehen lassen. Der Vorgang ließe sich auch mit der angemessenen Negativität zum Ausdruck bringen: Es geht um Störungsverweigerung.

Wer spricht denn da?

Und ohne Frage ist das Reformationsjubiläum 2017 dafür ein illustratives Beispiel, schließlich fasst es sich selbst immer wieder zusammen in dieser einen Frage: Was kann uns Luther heute noch sagen? Darauf ließe sich mit ungebührlicher Besserwisserei antworten: Luther sagt uns heute gar nichts mehr, verstorben wie er ist! Wischt man jedoch eine solche oberflächliche Spitzfindigkeit beiseite, zeigt sich darunter ein ernsthaftes Anliegen. Denn wollte man tatsächlich herausfinden wollen, was Luther uns heute noch zu sagen hätte, dann gälte es vor allem, Luther zu lesen. Ich habe meine Zweifel, dass diese Lektürearbeit anlässlich des Jubiläums tatsächlich geleistet wird. Denn würde man Luther lesenderweise zur Kenntnis nehmen, müsste man feststellen, dass er in vielen, wenn nicht gar den meisten seiner Texte überhaupt nicht mehr zu uns spricht – zumindest nicht in dem Sinn, dass er unsere Probleme, unsere Fragen, unsere Gedanken, unsere Welt anspräche. Viel eher würde eine solche Lektüre andere Fragen provozieren. Nicht: Was kann er uns heute noch sagen? Sondern eher: Weshalb sprach er zu seinen Zeitgenossen so? Nicht: Welche heutigen Probleme können wir mit Luther behandeln? Sondern: Welche Probleme hatten die Zeitgenosse Luthers, dass er ihnen solcherart aus der Seele sprechen konnte?

Aber geht das nicht mit dem Verbot einher, Vergangenheiten, ganz egal welcher Art, in und für eine Gegenwart behandeln zu dürfen? Kann man dann überhaupt noch nach der Aktualität des Gewesenen fragen? Sicherlich kann man das. Aber nicht unter schamloser Ausnutzung des bereits benannten Machtgefälles zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Wir müssen dem Vergangenen seine Einzigartigkeit nicht nur zugestehen, sondern sie auch schützen. Nur dann kann es zu einem Dialog kommen zwischen den Zeiten, nur dann können wir etwas lernen aus dieser Beziehung (denn wir lernen nicht ‚aus der Vergangenheit‘, sondern aus der Art und Weise, wie wir uns auf Vergangenheiten beziehen), nur dann können wir uns durch das Vertraut-Fremdartige, durch das Bekannt-Verwirrende hinreichend aus dem Trott bringen lassen, um nicht nur die Vergangenheit, sondern auch unsere Gegenwart neu und anders zu befragen.

Die Realität des Reformationsjubiläums zeigt uns jedoch, wie die Ähnlichkeitsmaschinerie weitgehend gehaltlos vor sich hinschnurrt. Wir wollen gar nicht hören, was Luther uns heute noch zu sagen hätte. Wir lassen ihn vielmehr sagen, was wir heute hören wollen.

LuttaDada 4: Das Spezial für junge Leser

Liebe Kinderinnen und Kinder, werte Heranwachsende! Das LuttaDada will sich heute insbesondere an Euch wenden. Schließlich schielt der große Reformationsjubiläumsdadaismus auch in Eure Richtung. Und auch wenn Ihr Noch-nicht-Erwachsenen in Sachen Dada als praktische Lebensform die wahren Experten seid, muss das LuttaDada trotzdem einige sachdienliche Hinweise loswerden. Denn dort draußen gibt es Zeitgenossen, die geneigt sind, Euch mit Erwachsenenkram genau diesen Dadaismus auszutreiben.

So muss das LuttaDada mit Ingrimm feststellen, dass kindlich-jugendlicher Dadaismus von manchen politisch vereinnahmt werden will. Die deutsch-nationale Facette des politischen Spektrums hat sich bisher im Reformationsjubiläum ja eher zurückhaltend ausgenommen. Nun aber, da es mit dem Frühjahr in die heiße Phase des Jubiläumstamtams geht und nicht nur die Blümelein, sondern auch die Lutheralia aus allen erdenklichen Ecken sprießen, nun entdecken auch die Rechten dieses Thema für sich.

Die Zeitung „Junge Freiheit“ besitzt einen eigenen Buchdienst. Als einen der regelmäßigen Autoren kann das LuttaDada unschwer Karlheinz Weißmann ausmachen. Nun mögen sich die lieben Kleinen fragen, wer denn dieses Weißmann ist und ob man es kennen muss. Nein, man muss das Weißmann nicht kennen, es sei denn, man hat als heranwachsender Jungdadaist das zweifelhafte Vergnügen, in die Schule gehen zu müssen, in der dieses Weißmann als Lehrer für Geschichte und Religion angestellt ist. Ansonsten kann man darauf verzichten, die in Kreisen der Neuen Rechten durchaus prominente Figur näher kennenlernen zu wollen. Man darf sich der Unkenntnis der unter seinem Namen veröffentlichten Bücher rühmen, die so wohlklingende Titel tragen wie „Die Zeichen des Reiches. Symbole der Deutschen“, „Druiden, Goden, weise Frauen. Zurück zu Europas alten Göttern“, „Die Besiegten. Die Deutschen in der Stunde des Zusammenbruchs“, „Das Hakenkreuz. Symbol eines Jahrhunderts“ oder „Faschismus. Eine Klarstellung“. Liebe kindliche Freunde des LuttaDada, bedient Euch in Eurer reich bestückten Bibliothek lieber weiterhin aus sämtlichen Werken von „Das kleine Arschloch“, damit ist Eurer Charakterbildung eher gedient.

Sollte, liebe Prä- und aktiv Pubertierende, nun aber ein missliebiger Verwandter auf die Idee verfallen, Euch beispielsweise zu Ostern das neueste Werk von das Weißmann als schokoladenbefreites Kuckucksei ins Nest zu legen, dann seien Euch auf diesem Weg schon einmal einige Warnhinweise vor der Benutzung mit auf den Weg gegeben. Schließlich muss sich das LuttaDada in diesem Jahr des Jubiläumswahnsinns schon genug gefallen lassen, da braucht es nicht auch noch eine Darstellung für „junge Leser“, die uns den Reformator als „Propheten der Deutschen“ verkauft. Da kann das LuttaDada nur mit seinem alten Freund und Kupferstecher Giovanni Trappatoni ausrufen: Was erlaube Weißmann?! Nicht genug, dass Martin Luther auf dem Cover des Buchs mit einem hässlich ausgestreckten rechten Arm abgebildet ist, auch was man von den bildlichen Inhalten dieser Publikation erahnen kann, gemahnt an eine Mischung aus Geschichtsklitterung des 19. Jahrhunderts und Pegida. Da waren wir schon mal weiter, muss das LuttaDada feststellen!

Und dann noch diese Verlagsankündigung! Selbstverständlich muss dort als erstes erwähnt werden, dass der große Original-Martin die Bibel „ins Deutsche“ übersetzt habe. Außerdem sei er seinen Weg „entschlossen gegangen“, „unbekümmert um das, was andere Leute sagten“, und er „kämpfte unerschrocken für die Freiheit des Gewissens“. Das Fazit: „Luther ist ein großer Deutscher. Ein Nationalheld“.

Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass die aktuelle inhaltliche Gestaltung dieses Jubiläumsdingsbums solchen Deutungen Vorschub leistet. Das LuttaDada muss schon seit geraumer Zeit mit Schrecken feststellen, dass es aus allen möglichen politischen Richtungen zum Zwecke der kollektiven Identitätsbildung vereinnahmt werden soll (Sprache-Freiheit-Neuzeit-Deutschland-Blabla). Daher, lieber führerscheinlose und nicht wahlberechtigte Ursprungsanarchisten, lasst es Euch gesagt sein: Weniger Vorsicht in der Porzellankiste, dafür mehr Obacht beim Versuch der Vereinnahmung von Vergangenem für gegenwärtige politische Zwecke. Egal von wem.

Das Weißmann treibt es da besonders bunt, auch wenn das LuttaDada nur einen oberflächlichen Eindruck von dieser Veröffentlichung gewinnen konnte – denn für dieses Buch auch nur einen Bruchteil der geforderten € 24,90 auszugeben, ist dann doch zu viel des Schlechten. Allein in der bereits inkriminierten Verlagsankündigung haben sich schon so viele wimmelbildartige Fehler versteckt, dass wenig Hoffnung auf eine echte Qualitätssteigerung im Buchinneren bleibt (von der politischen Ausrichtung einmal ganz zu schweigen …). Halten wir unter anderem fest: Luther ist keine Deutscher, es war höchstens mal ein Deutscher, und das auch zu Zeiten, als ‚das Deutsche‘ sicherlich etwas anderes meinte als heute. Deswegen konnte das LuttaDada auch kein ‚Nationalheld‘ sein in einer Zeit, in der es die Idee einer Nation noch gar nicht gegeben hatte (das sei dem Gymnasiallehrer für Geschichte einmal ins Hausaufgabenheft geschrieben). Schließlich hat man ‚die Nation‘ erst um 1800 erfunden. Und seither versuchen wir diese Idee krampfhaft wieder loszuwerden, weil sie sich für einige Millionen Menschen als eher wenig gesundheitsfördernd herausgestellt hat. Und zu guter Letzt: Auf dem Cover des Buchs reihen sich hinter dem hitlergrußartig erstarrten Luther verschiedene Vertreter des ‚deutschen Volkes‘ zu einem grimmig dreinblickenden Gruppenbild, darunter auch ‚wackere deutsche Bauern‘, die wohlmöglich gerade von ihrer ‚deutschen Scholle‘ aufgebrochen sind, um der wenig enthusiasmierten Leserschaft die Bundschuh-Fahne aus dem Bauernkrieg entgegenzurecken. Das LuttaDada will ja nicht schon wieder neunmalklug daherkommen, aber waren es nicht Martin Luther und dieser Bauernkrieger, die nicht so richtig miteinander konnten, und war es nicht dieser Luther, der so gänzlich unnational zur Abschlachtung dieser ‚Volksvertreter‘ aufrief? Ich frage ja nur mal …

Man könnte, liebe Demnächst-Vollwertmenschen, die ihr überall nur den halben Eintritt zahlen müssen, man könnte diese Geschichte natürlich auch ganz anders erzählen. Denn merke: Diesen dadaistischen Vorteil sollte man nie aus der Hand geben, dem vermeintlich Gegebenen immer eine hübsche Nase zu drehen! Man könnte also aus dem ‚Propheten der Deutschen‘ problemlos einen Multikukulti-Onkel machen, der sich redend und schreibend mit der ganzen Welt unterhielt, und zwar nicht auf Deutsch, sondern auf Latein. Man könnte betonen, was für eine internationale Universitätsstadt Wittenberg im 16. Jahrhundert war, dass dort Menschen aus allen möglichen Ländern hinkamen, um gemeinsam zu lernen und zu studieren, dass diese internationalen Gäste auch in dem Anwesen lebten, das Luthers Frau Katharina von Bora unterstand, oder dass es nicht wenige Glaubensflüchtlinge aus anderen Ländern gab, die in Wittenberg Schutz suchten und auch fanden. Luther als avantgardistischer Willkommenskulturvorreiter und Migrationsbeauftragter!

Ist aber nur so eine Idee, die, wenn auch nicht unrichtig, ihrerseits wieder einseitig wäre. Daher, liebe Nachwuchsprinzessinnen und Superheldenanwärter, die wichtigste Regel bleibt wohl, Euch nicht den einen Luther als den echten verkaufen zu lassen. Stattdessen: Immer schön nachfragen, den Vertretern in Sachen gesicherter Erkenntnis erstmal nix glauben und ihnen ab und zu ans Schienbein treten. Bleibt neugierig!

Lang lebe das LuttaDada!

Luthermobil

Zu den Menschen

Man kennt es möglicherweise noch, das Guidomobil, jenes unsägliche Symbol siegestrunkener FDP-Überheblichkeit, mit dem der Parteivorsitzende Westerwelle 2002 Wahlkampf machte; oder den Brexit-„Vote Leave“-Bus, mit dem die Befürworter des britischen EU-Austritts 2016 landauf, landab behaupteten, 350 Millionen Pfund pro Woche an den nationalen Gesundheitsdienst anstatt nach Brüssel überweisen zu wollen (eine Aussage, von der Nigel Farage schon einen Tag nach der Brexit-Abstimmung nicht mehr wissen wollte – noch so ein Siegestrunkener, der langsam wieder nüchtern werden musste).

Nur zwei Beispiele aus einer schier endlosen Reihe von Gefährten – Züge, Wohnmobile, Sattelschlepper –, die regelmäßig bei politischen Kampagnen eingesetzt werden. Busse und ähnlich geartete Fahrzeuge sind eine gern gewählte Möglichkeit, um den direkten Kontakt mit ‚den Menschen‘ zu suchen. (Auch wenn ich bis zum heutigen Tag noch nicht so recht verstanden habe, um was für eine Kollektiveinheit es sich bei den in politischen Äußerungen ständig angerufenen ‚Menschen‘ handeln soll. Wohl ein freundlich klingender Ersatz für die kontaminierten beziehungsweise inhaltlich entleerten Begriffe ‚Nation‘ und ‚Volk‘. ‚Menschen‘ tönt irgendwie sympathischer, vor allem persönlicher, ruft aber selbstredend ebenso eine Chimäre an wie die ehemals verwendeten Alternativen.)

Da es allen, die in diesem Gemeinwesen Verantwortung tragen, laut herrschendem politischen Diskurs um ‚die Menschen‘ gehen muss, gilt es diese amorphe Masse möglichst effektiv zu erreichen. Eine solche Menschenerreichung kann mittels Medien nur vermittelt gelingen – wie der Begriff ‚Medium‘ schon hinreichend deutlich macht –, weshalb auch immer wieder andere Wege gesucht werden, um mit ‚den Menschen‘ in direkten Kontakt zu treten. Wollen politische Entscheidungsträger nicht abgehoben, realitätsfern, alltagsuntauglich oder gar arrogant wirken, müssen sie die unmittelbare Begegnung mit denjenigen suchen, für die und in deren Namen sie Entscheidungen fällen. Daher das so gern genommene Bad in der Menge, das Händeschütteln, das Zuwinken, das Kinderkopftätscheln.

Der tatsächliche Zweck solcher Begegnungen ist die Produktion von Bildern, die all denjenigen, die dieser unmittelbaren Begegnung nicht teilhaftig werden konnten – also eigentlich fast allen –, zumindest einen visuellen Eindruck davon vermitteln sollen. Am Ende geht es darum, die unmittelbare Medienlosigkeit doch wieder medial zu vermitteln.

Geschichten einsammeln

Das Gefährt, das seinen Weg zu den Menschen sucht, hat auch im Rahmen des Reformationsjubiläums seinen Einsatz. Ein Reformationstruck bahnt sich auf dem Europäischen Stationenweg im Namen der frohen Kunde seine gewundene Schneise durch größere Teile des Kontinents. Seit November 2016 ist der Truck unterwegs, fährt noch bis Mai 2017 und wird am Ende seiner Reise durch 19 Länder gefahren sein und 67 Stationen absolviert haben. Ein eindrückliches Programm.

Und welche Aufgabe hat der Truck? Er soll Geschichten einsammeln, wie es etwas nebulös heißt. „Die Geschichten und Erfahrungen aus Regionen aller Himmelsrichtungen werden zur Weltausstellung Reformation nach Lutherstadt Wittenberg gebracht“, so kann man es im entsprechenden Prospekt nachlesen (und die eher unsinnige Formulierung mit den Himmelsrichtungen überlesen wir großzügig – denn bekanntlich kann man sich von jedem Ort ohne große Anstrengung in alle Himmelsrichtungen bewegen, das ist noch keine besondere Leistung).

Wuppertal war ein Halt auf der Strecke. Am 23. März 2017 öffnete der Truck seine einladenden Seitenflügel, offenbarte einen breiten gläsernen Eingang, um sie zu empfangen, ‚die Menschen‘ – also zumindest die Menschen, die an diesem blaubehimmelten Frühlingstag über den Alten Markt in Wuppertal-Barmen, unweit der Gemarker Kirche, unter den Stahlträgern der Schwebebahn entlangschlenderten. In den wenigsten Fällen dürfte es sich bei den Besuchern, wie bei mir, um solche gehandelt haben, die das Luthermobil gezielt angesteuert haben. Mir schienen an diesem frühen Donnerstagnachmittag nahezu zwangsläufig Schulpflichtige, Pensionsberechtigte und Einkaufswillige zu dominieren.

Insbesondere die Erziehungsbefohlenen schätzten an dem Gefährt, dass sich sein Dach besteigen ließ und man von dort die durch hässliche Nachkriegsgeschäftshausarchitektur beschränkte Sicht genießen konnte. Fotografische Selbstportraits wurden für das soziale Medienschaffen angefertigt.

Innere Leere

Das Innere des Reformationstrucks betretend, schlug einem zunächst eine irritierende Leere entgegen. Nicht, dass dort niemand gewesen wäre, im Gegenteil waren Menschen hier und da in angeregte Gespräche vertieft. Es war vielmehr eine inhaltliche Leere, die einen dort umfing. Rechts vom Eingang ein kleiner Empfangstisch, links eine Sitzecke, an der Längsseite des Trucks mehrere Bildschirme zur visuellen Unterhaltung, Broschüren im Raum verteilt, der eine oder andere Computer und einige freundliche Reformationsjubiläumsangestellte – das war’s. Die Gespräche drehten sich vor allem um das Unterwegssein, wo der Truck bereits ‚die Menschen‘ erreicht hatte und welche Städte er noch ansteuern würde. Eine Europakarte auf dem Boden, versehen mit einem Stern für jede Station, diente der Illustration.

Um das Gefährt waren weitere Tische aufgestellt, es gab noch mehr gesprächsbereite Menschen der örtlichen Kirchengemeinde, auch ein kleines Zelt war errichtet (ohne Sitzgelegenheiten) und sollte wohlmöglich ‚zum Verweilen‘ einladen. Ein überdimensionierter, etwa ein Meter großer Playmobil-Luther zeigte das Niveau der gesamten Veranstaltung an. Es ging, der Inhaltsarmut des Trucks entsprechend, überhaupt nicht um Information – Information beispielsweise über die Reformation, als ein durchaus naheliegendes Thema, oder meinetwegen über irgendeinen anderen relevanten Inhalt welcher Art auch immer. Es ging viel eher um den gänzlich zwanglosen, wahrscheinlich aber auch gänzlich unverbindlichen Austausch über – ja, über was eigentlich? Das naheliegende Thema war eben der Lutherkraftwagen (LKW) selbst, seine Zweckfreiheit und der zurückgelegte beziehungsweise der noch zurückzulegende Weg, der bei dieser Aktion tatsächlich das Ziel zu sein scheint.

Ansonsten war der in Dauerschleife laufende und professionell produzierte Imagefilm über die Station Wuppertal samt Eindrücken von Stadt und Kirchengemeinde sowie Interviews mit Vertretern einschlägiger Institutionen das einzige Gehaltvolle, das sich von diesem Ort entführen ließ. Auch dieses Gefährt hat damit neben der Anhebung des CO2-Gehalts in der Atmosphäre (der Truck ist gänzlich unironisch von Volkswagen gesponsert) den Zweck erfüllt, der ihm zugedacht war: Medienwirksame Bilder zu produzieren, die all denjenigen, die nicht unmittelbar an dieser Reformationsjubiläumsveranstaltung teilnehmen konnten – also fast allen –, einen Eindruck davon zu vermitteln, wie es gewesen wäre, hätten sie dabei sein können.

In allen Teilen Europas will der Reformationstruck vor Ort Geschichten einsammeln, so lautet der vollmundige Anspruch. Warum wird man (oder werde zumindest ich) dann aber den Eindruck nicht los, das übergeordnete Narrativ, in das all diese Geschichten eingespannt werden sollen, war bereits festgelegt und erzählt, bevor bei diesem Truck auch nur das erste Mal der Zündschlüssel umgedreht wurde?

Kondom-Postille

Wenn Kirchen und Kondome kollidieren, lässt der Skandal nicht lange auf sich warten. Das gilt auch noch im Jahr 2017.

Es muss wohl am Wochenende des 11./12. März dieses Jahres gewesen sein, als die Düsseldorfer Jugendkirche Kondome an Jugendeinrichtungen verteilte, und zwar mit – wie es in der Formulierung des Evangelischen Pressedienstes (epd) hieß – „provokanten Sprüchen“. Zu lesen war auf den Kondomverpackungen unter anderem „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“, „Für Huren und Heilige“, „Schrei vor Erlösung“ oder „Nageln bis der Papst kommt“.

Nun, wahrscheinlich hätte von dieser Verteilaktion kaum jemand etwas mitbekommen, außer denjenigen, welche die Idee dazu hatten, den Jugendlichen, welche die Kondome benutzt hätten und den Spermien, die in ihrem natürlichen Verteilungsdrang aufgehalten worden wären, wenn, ja, wenn nicht die Evangelische Kirche im Rheinland die Aktion unterbunden und bereits ausgeteilte Kondome wieder eingesammelt hätte.

Die rheinische Landesjugendpfarrerin Simone Enthöfer begründete in einem Schreiben das Verbot damit, dass die Luther-Aussagen aus ihrem historischen und inhaltlichen Zusammenhang gerissen worden seien und in der vorliegenden Kondomverpackungsform sexistisch und verletzend wirken könnten. Klaus Eberl, Oberkirchenrat der Evangelischen Kirche im Rheinland, hat sich sogar mit einer Videobotschaft an die Öffentlichkeit gewandt, um zu erläutern, „was da nicht geht“. Die Jugenddelegierten der Evangelischen Kirche in Deutschland haben ihrerseits in einem offenen Brief auf Facebook auf das Verbot reagiert.

Wichtigstes Argument zur Verhütung der weiteren Verteilung der Verhütungsmittel ist die Achtsamkeit gegenüber denjenigen Mädchen und Frauen, die als Opfer sexueller Gewalt solche Sprüche auf Kondomverpackungen nicht nur witzig finden können. Damit ist ein wichtiger Punkt benannt, weil mit diesem Thema wahrlich nicht zu spaßen ist. Trotzdem hinterlässt das Kondomverbot den Eindruck einer gewissen doppelmoralischen Scheinheiligkeit. Wäre denn die Aufregung ähnlich groß gewesen, wenn es sich nicht um Luthersprüche beziehungsweise Lutheranspielungen gehandelt hätte? Hätten die Kirchenoberen ähnlich empfindlich und vor allem öffentlichkeitswirksam reagiert, wenn auf den Verpackungen ein paar andere, nicht lutheraffine Sprachpreziosen zu lesen gewesen wären? Wäre die Aufregung geringer ausgefallen, wenn es nicht der Heilige Martin der Evangelischen Kirche gewesen wäre, der hier als Sprücheklopfer herhalten musste? Und könnten die Opfer sexueller Gewalt möglicherweise insofern nur ein vorgeschobenes Argument gewesen sein, als diese sich bei jeder Form von sexuellen Anspielungen zumindest unangenehm berührt (wenn nicht Schlimmeres) fühlen müssen, Kondome also in jedem Fall für solche Aktionen ausfallen müssen, ganz gleich, welche Sprüche sich darauf befinden? Und wieso hat die Evangelische Kirche zwar Probleme damit, aus dem Zusammenhang gerissene Lutheranspielungen auf Kondomverpackungen drucken zu lassen, wenn sie doch selbst solche Textfragmente auf T-Shirts, Babystrampler, Aufkleber, Bonbontüten, Kaffeetassen oder Regenponchos aufbringt und zu wohlfeilen Preisen im eigenen Reformationsjubiläumsshop anbietet? Wie muss zum Beispiel der auf Socken gedruckte Spruch, „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“, auf Menschen wirken, die im Rollstuhl sitzen?

Wenn Klaus Eberl in seiner Videobotschaft sagt, „Gewalt und Sex gehen für uns nicht zusammen, auch nicht in der Sprache“, dann kann man diese Aussage nur unterschreiben. Gleichzeitig hat die Evangelische Kirche aber weniger Probleme damit, Kommerz und Jubiläum zusammenzubringen und Kleidung, überflüssige Accessoires oder Nahrungsmittel zu verkaufen, bei denen vielleicht noch zu klären wäre, wo sie unter welchen Bedingungen produziert worden sind und ob hier nicht möglicherweise eine bedenkliche Form kapitalistischer Ausbeutung vorliegt. Und selbst wenn sie in der Stadtteilwerkstatt um die Ecke hergestellt worden sein sollten, stellt sich immer noch die Frage, weshalb man mit Luthers Sprache zwar Geld verdienen, aber keinen Sex haben darf.

Das Kondomverbot führt uns also einmal mehr an die Wurzel des Problems, das man mit diesem Reformationsjubiläum haben kann. Ich finde es verständlich und nachvollziehbar, dass nicht alle von flotten Witzen auf Kondomverpackungen amüsiert sind. Ich finde es auch nicht grundsätzlich verwerflich, Schlüsselanhänger oder Picknickdecken mit Lutherrosen zu verkaufen. Die Schwierigkeiten entstehen im einen wie im anderen Fall, wenn man versucht, 500 Jahre alte Inhalte ohne Umschweife in die Gegenwart zu transferieren. Dann zeigt sich nämlich entweder, dass man die Reformation zwar so lange weichspülen kann, bis sich damit auch Frühstücksbrettchen unter die Leute bringen lassen – oder dass dieses Geschehen, in einen anderen Zusammenhang gestellt, seine ganze Unerbittlichkeit und auch Gewaltsamkeit offenbart. Es wäre wohl angebracht, wenn historische Geschehnisse nicht zur Spielwiese unbedarfter Aktualisierungen würden, weder bei Kondomen noch im Online-Shop. Doch beim Reformationsjubiläum 2017 muss man schon länger den Eindruck haben, dass es für eine solche Einsicht bereits zu spät ist.

Unsere Vergangenheit soll schöner werden. Vierte These zur Geschichtskultur

Die vierte These zur Geschichtskultur lautet: Unsere Geschichtskultur tendiert zur Bevorzugung von Inhalten, die mit gegenwärtigen Interessen korrespondieren und auf die Vergangenheit ein (falsches) besseres Licht werfen.

Gleichförmigkeit

Geben wir uns für einen Moment der naiven Annahme hin, eine Internet-Suchmaschine wie Google stünde stellvertretend für das Wissen der Welt über sich selbst. In diese Suchmaschine können wir Stichwörter eingeben wie „Reformation“ oder „Martin Luther“. Welche Ergebnisse werden uns präsentiert? Unfehlbar werden wir zunächst mit einigen Werbeanzeigen konfrontiert (wobei die Unfehlbarkeit in diesem Zusammenhang eine durchaus mehrdeutige Konnotation erfährt), zum Beispiel von Tourismusanbietern oder aus der Modebranche (jawohl, auch die Reformation wird in eine Modekollektion verwandelt). Sodann folgen einige Informationsseiten, deren Angebote sich in der Google-Hierarchie, mit welchen Mitteln auch immer, ganz nach oben gearbeitet haben: Wikipedia-Artikel oder die Eingangsseite des Zentralkomitees der Kommission zur Durchführung der Jubiläumsfeierlichkeiten der Reformation, kurz ZKDJR (oder so ähnlich). Etwa ab Google-Suchmaschinentreffer Nr. 11 wird man dann mit Veranstaltungshinweisen ganz unterschiedlicher Art überhäuft, mit internationalen, nationalen, regionalen und lokalen Aufführungen, Ausstellungen und Informationsveranstaltungen, die dem historischen Ereignis der Reformation zur größeren Ehre gereichen sollen.

Im Moment – ich schreibe dies im März 2017 – ist unübersehbar, dass und wie der Reformationsjubiläumszug Fahrt aufnimmt. Die Freiluftsaison der Feiersause beginnt. Man kann tatsächlich den Eindruck gewinnen, dass jede Kirchengemeinde, jede Ortschaft, jeder Landstrich und jede Institution ihren jeweils eigenen Beitrag zu diesem Jubelfest leisten will, und dabei gewillt und in der Lage ist, jedes verfügbare Mittel in Anspruch zu nehmen.

Versucht man sich zumindest ansatzweise einen Überblick über den Inhalt dieser Aktivitäten zu verschaffen, dann fällt recht schnell deren Gleichförmigkeit auf – ein erster Eindruck, der durch ein ausdauernderes Studium der zahlreichen Veranstaltungsprogramme bestätigt wird. Es sind wenige Themen, die dominieren. Ohne hier eine eindeutige Hierarchie aufstellen zu können (das würde einen größeren statistischen Aufwand erfordern), lassen sich als inhaltliche Schwerpunkte nennen: Reformation und Moderne; Luther und die deutsche Sprache; Luther und die Freiheit; Reformation als Gemeinsamkeit (Ökumene); Reformation und Judentum; Frauen in der Reformation.

Man kann diese Themen auch übersetzen. Dann würden sie lauten: Inwiefern war die Reformation der Anbruch unserer eigenen Gegenwart? Inwiefern hat Luther unsere Sprache als zentrales Merkmal kollektiver (deutscher) Identität geprägt? Inwiefern hat Luther mitgeholfen, unsere „freiheitlich-demokratische Grundordnung“ zu begründen? Inwiefern kann die Reformation, nach all den Trennungen, die sie nach sich zog, zu einem Moment (ökumenischer) Gemeinschaftlichkeit werden? Wie ist die Reformation mit Minderheiten umgegangen? Und wie war das Verhältnis der Geschlechter in der Reformation ausgestaltet? Es handelt sich also durchgehend um Fragen, die uns in der Gegenwart des frühen 21. Jahrhunderts umtreiben.

Mit anderen Worten: In der Beschäftigung mit der Reformation geht es daher vor allem um uns selbst.

Präsentismus

Das zeigt auch die Abwesenheit bestimmter Fragen im Kontext des Reformationsjubiläums. Weniger scheint im Jahr 2017 zu interessieren, was die Menschen des Jahres 1517 vornehmlich interessierte: Wie finde ich mein Seelenheil? Wie finde ich einen gnädigen Gott? Wie kann ich mich am besten auf ein Leben im Jenseits vorbereiten? All diese Fragen sind für die Jubiläumspraxis irrelevant, weil sie in unserer Gegenwart keine Rolle mehr spielen. Ein solcher Umgang mit der Vergangenheit hört üblicherweise auf den Namen Präsentismus.

Der Präsentismus genießt in historischen Debatten keinen besonders guten Ruf, wird meist mit abwertenden Vorzeichen versehen und will vornehmlich besagen, dass eine Vergangenheit allein aus der Perspektive und mit den Maßstäben der Gegenwart betrachtet wird. [1] Aber gar so schnell und gar so leicht sollte man den Präsentismus nicht über Bord werfen. Denn das glatte Gegenteil dieser Gegenwartsseligkeit, also ein Sich-in-die-Vergangenheit-Hineinversetzen mittels Zeitmaschine, wäre mindestens ebenso naiv und gefährlich. [2] Präsentismus können wir daher, streng genommen, gar nicht umgehen, weil wir keinen anderen zeitlichen Standpunkt einnehmen können als unseren eigenen, wenn wir mit Vergangenheiten umgehen. Die Frage ist eher, wie wir diesen Präsentismus einsetzen wollen. Wenn jede Form der Geschichtsschreibung zwangsläufig präsentisch sein muss, weil sie ihre Gegenwart nicht verlassen kann, dann stellt sich das Problem anders: Beinhaltet dieser Präsentismus die Relationen einer Gegenwart zur Vergangenheit oder konzentriert er sich auf die Gegenwart einer Vergangenheit?

Ein besseres Gestern

Aber eine bestimmte, durchaus negative Auswirkung des Präsentismus kann man im Zusammenhang des Reformationsjubiläums besonders gut beobachten. Sie funktioniert nach dem Motto: Unsere Vergangenheit soll schöner werden. Beispiel: Frauen in der Reformation. Bei der Vielzahl von Vorträgen, Präsentationen, Filmen usw. zu Argula von Grumbach, Katharina Luther, Barbara Cranach und anderen Protagonistinnen muss man zuweilen den Eindruck gewinnen, hier wird eine bisher gänzlich übersehene Hälfte der Reformationsgeschichte ans Tageslicht geholt. Aber machen wir uns nichts vor: Die Reformation war eine Männerangelegenheit. Man mag das im Nachhinein aus nachvollziehbaren Gründen bedauerlich finden, nur ändern wird es sich dadurch nicht.

Nach der Rolle von Frauen zu fragen, ist richtig und wichtig, aber eben nicht um die Vergangenheit im Nachhinein und im Sinn der Gleichberechtigung besser zu machen, sondern um aufzuzeigen, warum und in welcher Form Ungleichheiten vorgeherrscht haben. Einige wenige Frauen hervorzuheben, die die Reformation mitprägten, die sich aber genau deswegen besser in unser gegenwärtiges Selbstbild fügen lassen, tut nur den 99% anderen ein weiteres Mal Unrecht an, die ihr ganz durchschnittliches Leben in einer patriarchalischen Gesellschaft geführt haben. Die Frage wäre also weniger, welche Frauen auf welche Weise die Reformation beeinflusst haben, damit sich das Gewesene unserem eigenen Hier und Jetzt besser anpassen möge. Die Frage ist eher, weshalb Frauen in dieser Gesellschaft so gut wie keine Chance hatten, Vorgänge wie die Reformation mitzugestalten. Unsere Vergangenheit soll nicht schöner werden, sie sollte vielmehr anders bleiben dürfen.

 

Anmerkungen

[1] Zur Diskussion um den Präsentismus vgl. die Debatte in der Zeitschrift Past & Present, Heft 234 (2017).

[2] Ausführlicher dazu Achim Landwehr: Die anwesende Abwesenheit der Vergangenheit. Essay zur Geschichtstheorie, Frankfurt a.M. 2016.