LuttaDada 4: Das Spezial für junge Leser

Liebe Kinderinnen und Kinder, werte Heranwachsende! Das LuttaDada will sich heute insbesondere an Euch wenden. Schließlich schielt der große Reformationsjubiläumsdadaismus auch in Eure Richtung. Und auch wenn Ihr Noch-nicht-Erwachsenen in Sachen Dada als praktische Lebensform die wahren Experten seid, muss das LuttaDada trotzdem einige sachdienliche Hinweise loswerden. Denn dort draußen gibt es Zeitgenossen, die geneigt sind, Euch mit Erwachsenenkram genau diesen Dadaismus auszutreiben.

So muss das LuttaDada mit Ingrimm feststellen, dass kindlich-jugendlicher Dadaismus von manchen politisch vereinnahmt werden will. Die deutsch-nationale Facette des politischen Spektrums hat sich bisher im Reformationsjubiläum ja eher zurückhaltend ausgenommen. Nun aber, da es mit dem Frühjahr in die heiße Phase des Jubiläumstamtams geht und nicht nur die Blümelein, sondern auch die Lutheralia aus allen erdenklichen Ecken sprießen, nun entdecken auch die Rechten dieses Thema für sich.

Die Zeitung „Junge Freiheit“ besitzt einen eigenen Buchdienst. Als einen der regelmäßigen Autoren kann das LuttaDada unschwer Karlheinz Weißmann ausmachen. Nun mögen sich die lieben Kleinen fragen, wer denn dieses Weißmann ist und ob man es kennen muss. Nein, man muss das Weißmann nicht kennen, es sei denn, man hat als heranwachsender Jungdadaist das zweifelhafte Vergnügen, in die Schule gehen zu müssen, in der dieses Weißmann als Lehrer für Geschichte und Religion angestellt ist. Ansonsten kann man darauf verzichten, die in Kreisen der Neuen Rechten durchaus prominente Figur näher kennenlernen zu wollen. Man darf sich der Unkenntnis der unter seinem Namen veröffentlichten Bücher rühmen, die so wohlklingende Titel tragen wie „Die Zeichen des Reiches. Symbole der Deutschen“, „Druiden, Goden, weise Frauen. Zurück zu Europas alten Göttern“, „Die Besiegten. Die Deutschen in der Stunde des Zusammenbruchs“, „Das Hakenkreuz. Symbol eines Jahrhunderts“ oder „Faschismus. Eine Klarstellung“. Liebe kindliche Freunde des LuttaDada, bedient Euch in Eurer reich bestückten Bibliothek lieber weiterhin aus sämtlichen Werken von „Das kleine Arschloch“, damit ist Eurer Charakterbildung eher gedient.

Sollte, liebe Prä- und aktiv Pubertierende, nun aber ein missliebiger Verwandter auf die Idee verfallen, Euch beispielsweise zu Ostern das neueste Werk von das Weißmann als schokoladenbefreites Kuckucksei ins Nest zu legen, dann seien Euch auf diesem Weg schon einmal einige Warnhinweise vor der Benutzung mit auf den Weg gegeben. Schließlich muss sich das LuttaDada in diesem Jahr des Jubiläumswahnsinns schon genug gefallen lassen, da braucht es nicht auch noch eine Darstellung für „junge Leser“, die uns den Reformator als „Propheten der Deutschen“ verkauft. Da kann das LuttaDada nur mit seinem alten Freund und Kupferstecher Giovanni Trappatoni ausrufen: Was erlaube Weißmann?! Nicht genug, dass Martin Luther auf dem Cover des Buchs mit einem hässlich ausgestreckten rechten Arm abgebildet ist, auch was man von den bildlichen Inhalten dieser Publikation erahnen kann, gemahnt an eine Mischung aus Geschichtsklitterung des 19. Jahrhunderts und Pegida. Da waren wir schon mal weiter, muss das LuttaDada feststellen!

Und dann noch diese Verlagsankündigung! Selbstverständlich muss dort als erstes erwähnt werden, dass der große Original-Martin die Bibel „ins Deutsche“ übersetzt habe. Außerdem sei er seinen Weg „entschlossen gegangen“, „unbekümmert um das, was andere Leute sagten“, und er „kämpfte unerschrocken für die Freiheit des Gewissens“. Das Fazit: „Luther ist ein großer Deutscher. Ein Nationalheld“.

Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass die aktuelle inhaltliche Gestaltung dieses Jubiläumsdingsbums solchen Deutungen Vorschub leistet. Das LuttaDada muss schon seit geraumer Zeit mit Schrecken feststellen, dass es aus allen möglichen politischen Richtungen zum Zwecke der kollektiven Identitätsbildung vereinnahmt werden soll (Sprache-Freiheit-Neuzeit-Deutschland-Blabla). Daher, lieber führerscheinlose und nicht wahlberechtigte Ursprungsanarchisten, lasst es Euch gesagt sein: Weniger Vorsicht in der Porzellankiste, dafür mehr Obacht beim Versuch der Vereinnahmung von Vergangenem für gegenwärtige politische Zwecke. Egal von wem.

Das Weißmann treibt es da besonders bunt, auch wenn das LuttaDada nur einen oberflächlichen Eindruck von dieser Veröffentlichung gewinnen konnte – denn für dieses Buch auch nur einen Bruchteil der geforderten € 24,90 auszugeben, ist dann doch zu viel des Schlechten. Allein in der bereits inkriminierten Verlagsankündigung haben sich schon so viele wimmelbildartige Fehler versteckt, dass wenig Hoffnung auf eine echte Qualitätssteigerung im Buchinneren bleibt (von der politischen Ausrichtung einmal ganz zu schweigen …). Halten wir unter anderem fest: Luther ist keine Deutscher, es war höchstens mal ein Deutscher, und das auch zu Zeiten, als ‚das Deutsche‘ sicherlich etwas anderes meinte als heute. Deswegen konnte das LuttaDada auch kein ‚Nationalheld‘ sein in einer Zeit, in der es die Idee einer Nation noch gar nicht gegeben hatte (das sei dem Gymnasiallehrer für Geschichte einmal ins Hausaufgabenheft geschrieben). Schließlich hat man ‚die Nation‘ erst um 1800 erfunden. Und seither versuchen wir diese Idee krampfhaft wieder loszuwerden, weil sie sich für einige Millionen Menschen als eher wenig gesundheitsfördernd herausgestellt hat. Und zu guter Letzt: Auf dem Cover des Buchs reihen sich hinter dem hitlergrußartig erstarrten Luther verschiedene Vertreter des ‚deutschen Volkes‘ zu einem grimmig dreinblickenden Gruppenbild, darunter auch ‚wackere deutsche Bauern‘, die wohlmöglich gerade von ihrer ‚deutschen Scholle‘ aufgebrochen sind, um der wenig enthusiasmierten Leserschaft die Bundschuh-Fahne aus dem Bauernkrieg entgegenzurecken. Das LuttaDada will ja nicht schon wieder neunmalklug daherkommen, aber waren es nicht Martin Luther und dieser Bauernkrieger, die nicht so richtig miteinander konnten, und war es nicht dieser Luther, der so gänzlich unnational zur Abschlachtung dieser ‚Volksvertreter‘ aufrief? Ich frage ja nur mal …

Man könnte, liebe Demnächst-Vollwertmenschen, die ihr überall nur den halben Eintritt zahlen müssen, man könnte diese Geschichte natürlich auch ganz anders erzählen. Denn merke: Diesen dadaistischen Vorteil sollte man nie aus der Hand geben, dem vermeintlich Gegebenen immer eine hübsche Nase zu drehen! Man könnte also aus dem ‚Propheten der Deutschen‘ problemlos einen Multikukulti-Onkel machen, der sich redend und schreibend mit der ganzen Welt unterhielt, und zwar nicht auf Deutsch, sondern auf Latein. Man könnte betonen, was für eine internationale Universitätsstadt Wittenberg im 16. Jahrhundert war, dass dort Menschen aus allen möglichen Ländern hinkamen, um gemeinsam zu lernen und zu studieren, dass diese internationalen Gäste auch in dem Anwesen lebten, das Luthers Frau Katharina von Bora unterstand, oder dass es nicht wenige Glaubensflüchtlinge aus anderen Ländern gab, die in Wittenberg Schutz suchten und auch fanden. Luther als avantgardistischer Willkommenskulturvorreiter und Migrationsbeauftragter!

Ist aber nur so eine Idee, die, wenn auch nicht unrichtig, ihrerseits wieder einseitig wäre. Daher, liebe Nachwuchsprinzessinnen und Superheldenanwärter, die wichtigste Regel bleibt wohl, Euch nicht den einen Luther als den echten verkaufen zu lassen. Stattdessen: Immer schön nachfragen, den Vertretern in Sachen gesicherter Erkenntnis erstmal nix glauben und ihnen ab und zu ans Schienbein treten. Bleibt neugierig!

Lang lebe das LuttaDada!

Luthermobil

Zu den Menschen

Man kennt es möglicherweise noch, das Guidomobil, jenes unsägliche Symbol siegestrunkener FDP-Überheblichkeit, mit dem der Parteivorsitzende Westerwelle 2002 Wahlkampf machte; oder den Brexit-„Vote Leave“-Bus, mit dem die Befürworter des britischen EU-Austritts 2016 landauf, landab behaupteten, 350 Millionen Pfund pro Woche an den nationalen Gesundheitsdienst anstatt nach Brüssel überweisen zu wollen (eine Aussage, von der Nigel Farage schon einen Tag nach der Brexit-Abstimmung nicht mehr wissen wollte – noch so ein Siegestrunkener, der langsam wieder nüchtern werden musste).

Nur zwei Beispiele aus einer schier endlosen Reihe von Gefährten – Züge, Wohnmobile, Sattelschlepper –, die regelmäßig bei politischen Kampagnen eingesetzt werden. Busse und ähnlich geartete Fahrzeuge sind eine gern gewählte Möglichkeit, um den direkten Kontakt mit ‚den Menschen‘ zu suchen. (Auch wenn ich bis zum heutigen Tag noch nicht so recht verstanden habe, um was für eine Kollektiveinheit es sich bei den in politischen Äußerungen ständig angerufenen ‚Menschen‘ handeln soll. Wohl ein freundlich klingender Ersatz für die kontaminierten beziehungsweise inhaltlich entleerten Begriffe ‚Nation‘ und ‚Volk‘. ‚Menschen‘ tönt irgendwie sympathischer, vor allem persönlicher, ruft aber selbstredend ebenso eine Chimäre an wie die ehemals verwendeten Alternativen.)

Da es allen, die in diesem Gemeinwesen Verantwortung tragen, laut herrschendem politischen Diskurs um ‚die Menschen‘ gehen muss, gilt es diese amorphe Masse möglichst effektiv zu erreichen. Eine solche Menschenerreichung kann mittels Medien nur vermittelt gelingen – wie der Begriff ‚Medium‘ schon hinreichend deutlich macht –, weshalb auch immer wieder andere Wege gesucht werden, um mit ‚den Menschen‘ in direkten Kontakt zu treten. Wollen politische Entscheidungsträger nicht abgehoben, realitätsfern, alltagsuntauglich oder gar arrogant wirken, müssen sie die unmittelbare Begegnung mit denjenigen suchen, für die und in deren Namen sie Entscheidungen fällen. Daher das so gern genommene Bad in der Menge, das Händeschütteln, das Zuwinken, das Kinderkopftätscheln.

Der tatsächliche Zweck solcher Begegnungen ist die Produktion von Bildern, die all denjenigen, die dieser unmittelbaren Begegnung nicht teilhaftig werden konnten – also eigentlich fast allen –, zumindest einen visuellen Eindruck davon vermitteln sollen. Am Ende geht es darum, die unmittelbare Medienlosigkeit doch wieder medial zu vermitteln.

Geschichten einsammeln

Das Gefährt, das seinen Weg zu den Menschen sucht, hat auch im Rahmen des Reformationsjubiläums seinen Einsatz. Ein Reformationstruck bahnt sich auf dem Europäischen Stationenweg im Namen der frohen Kunde seine gewundene Schneise durch größere Teile des Kontinents. Seit November 2016 ist der Truck unterwegs, fährt noch bis Mai 2017 und wird am Ende seiner Reise durch 19 Länder gefahren sein und 67 Stationen absolviert haben. Ein eindrückliches Programm.

Und welche Aufgabe hat der Truck? Er soll Geschichten einsammeln, wie es etwas nebulös heißt. „Die Geschichten und Erfahrungen aus Regionen aller Himmelsrichtungen werden zur Weltausstellung Reformation nach Lutherstadt Wittenberg gebracht“, so kann man es im entsprechenden Prospekt nachlesen (und die eher unsinnige Formulierung mit den Himmelsrichtungen überlesen wir großzügig – denn bekanntlich kann man sich von jedem Ort ohne große Anstrengung in alle Himmelsrichtungen bewegen, das ist noch keine besondere Leistung).

Wuppertal war ein Halt auf der Strecke. Am 23. März 2017 öffnete der Truck seine einladenden Seitenflügel, offenbarte einen breiten gläsernen Eingang, um sie zu empfangen, ‚die Menschen‘ – also zumindest die Menschen, die an diesem blaubehimmelten Frühlingstag über den Alten Markt in Wuppertal-Barmen, unweit der Gemarker Kirche, unter den Stahlträgern der Schwebebahn entlangschlenderten. In den wenigsten Fällen dürfte es sich bei den Besuchern, wie bei mir, um solche gehandelt haben, die das Luthermobil gezielt angesteuert haben. Mir schienen an diesem frühen Donnerstagnachmittag nahezu zwangsläufig Schulpflichtige, Pensionsberechtigte und Einkaufswillige zu dominieren.

Insbesondere die Erziehungsbefohlenen schätzten an dem Gefährt, dass sich sein Dach besteigen ließ und man von dort die durch hässliche Nachkriegsgeschäftshausarchitektur beschränkte Sicht genießen konnte. Fotografische Selbstportraits wurden für das soziale Medienschaffen angefertigt.

Innere Leere

Das Innere des Reformationstrucks betretend, schlug einem zunächst eine irritierende Leere entgegen. Nicht, dass dort niemand gewesen wäre, im Gegenteil waren Menschen hier und da in angeregte Gespräche vertieft. Es war vielmehr eine inhaltliche Leere, die einen dort umfing. Rechts vom Eingang ein kleiner Empfangstisch, links eine Sitzecke, an der Längsseite des Trucks mehrere Bildschirme zur visuellen Unterhaltung, Broschüren im Raum verteilt, der eine oder andere Computer und einige freundliche Reformationsjubiläumsangestellte – das war’s. Die Gespräche drehten sich vor allem um das Unterwegssein, wo der Truck bereits ‚die Menschen‘ erreicht hatte und welche Städte er noch ansteuern würde. Eine Europakarte auf dem Boden, versehen mit einem Stern für jede Station, diente der Illustration.

Um das Gefährt waren weitere Tische aufgestellt, es gab noch mehr gesprächsbereite Menschen der örtlichen Kirchengemeinde, auch ein kleines Zelt war errichtet (ohne Sitzgelegenheiten) und sollte wohlmöglich ‚zum Verweilen‘ einladen. Ein überdimensionierter, etwa ein Meter großer Playmobil-Luther zeigte das Niveau der gesamten Veranstaltung an. Es ging, der Inhaltsarmut des Trucks entsprechend, überhaupt nicht um Information – Information beispielsweise über die Reformation, als ein durchaus naheliegendes Thema, oder meinetwegen über irgendeinen anderen relevanten Inhalt welcher Art auch immer. Es ging viel eher um den gänzlich zwanglosen, wahrscheinlich aber auch gänzlich unverbindlichen Austausch über – ja, über was eigentlich? Das naheliegende Thema war eben der Lutherkraftwagen (LKW) selbst, seine Zweckfreiheit und der zurückgelegte beziehungsweise der noch zurückzulegende Weg, der bei dieser Aktion tatsächlich das Ziel zu sein scheint.

Ansonsten war der in Dauerschleife laufende und professionell produzierte Imagefilm über die Station Wuppertal samt Eindrücken von Stadt und Kirchengemeinde sowie Interviews mit Vertretern einschlägiger Institutionen das einzige Gehaltvolle, das sich von diesem Ort entführen ließ. Auch dieses Gefährt hat damit neben der Anhebung des CO2-Gehalts in der Atmosphäre (der Truck ist gänzlich unironisch von Volkswagen gesponsert) den Zweck erfüllt, der ihm zugedacht war: Medienwirksame Bilder zu produzieren, die all denjenigen, die nicht unmittelbar an dieser Reformationsjubiläumsveranstaltung teilnehmen konnten – also fast allen –, einen Eindruck davon zu vermitteln, wie es gewesen wäre, hätten sie dabei sein können.

In allen Teilen Europas will der Reformationstruck vor Ort Geschichten einsammeln, so lautet der vollmundige Anspruch. Warum wird man (oder werde zumindest ich) dann aber den Eindruck nicht los, das übergeordnete Narrativ, in das all diese Geschichten eingespannt werden sollen, war bereits festgelegt und erzählt, bevor bei diesem Truck auch nur das erste Mal der Zündschlüssel umgedreht wurde?

Kondom-Postille

Wenn Kirchen und Kondome kollidieren, lässt der Skandal nicht lange auf sich warten. Das gilt auch noch im Jahr 2017.

Es muss wohl am Wochenende des 11./12. März dieses Jahres gewesen sein, als die Düsseldorfer Jugendkirche Kondome an Jugendeinrichtungen verteilte, und zwar mit – wie es in der Formulierung des Evangelischen Pressedienstes (epd) hieß – „provokanten Sprüchen“. Zu lesen war auf den Kondomverpackungen unter anderem „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“, „Für Huren und Heilige“, „Schrei vor Erlösung“ oder „Nageln bis der Papst kommt“.

Nun, wahrscheinlich hätte von dieser Verteilaktion kaum jemand etwas mitbekommen, außer denjenigen, welche die Idee dazu hatten, den Jugendlichen, welche die Kondome benutzt hätten und den Spermien, die in ihrem natürlichen Verteilungsdrang aufgehalten worden wären, wenn, ja, wenn nicht die Evangelische Kirche im Rheinland die Aktion unterbunden und bereits ausgeteilte Kondome wieder eingesammelt hätte.

Die rheinische Landesjugendpfarrerin Simone Enthöfer begründete in einem Schreiben das Verbot damit, dass die Luther-Aussagen aus ihrem historischen und inhaltlichen Zusammenhang gerissen worden seien und in der vorliegenden Kondomverpackungsform sexistisch und verletzend wirken könnten. Klaus Eberl, Oberkirchenrat der Evangelischen Kirche im Rheinland, hat sich sogar mit einer Videobotschaft an die Öffentlichkeit gewandt, um zu erläutern, „was da nicht geht“. Die Jugenddelegierten der Evangelischen Kirche in Deutschland haben ihrerseits in einem offenen Brief auf Facebook auf das Verbot reagiert.

Wichtigstes Argument zur Verhütung der weiteren Verteilung der Verhütungsmittel ist die Achtsamkeit gegenüber denjenigen Mädchen und Frauen, die als Opfer sexueller Gewalt solche Sprüche auf Kondomverpackungen nicht nur witzig finden können. Damit ist ein wichtiger Punkt benannt, weil mit diesem Thema wahrlich nicht zu spaßen ist. Trotzdem hinterlässt das Kondomverbot den Eindruck einer gewissen doppelmoralischen Scheinheiligkeit. Wäre denn die Aufregung ähnlich groß gewesen, wenn es sich nicht um Luthersprüche beziehungsweise Lutheranspielungen gehandelt hätte? Hätten die Kirchenoberen ähnlich empfindlich und vor allem öffentlichkeitswirksam reagiert, wenn auf den Verpackungen ein paar andere, nicht lutheraffine Sprachpreziosen zu lesen gewesen wären? Wäre die Aufregung geringer ausgefallen, wenn es nicht der Heilige Martin der Evangelischen Kirche gewesen wäre, der hier als Sprücheklopfer herhalten musste? Und könnten die Opfer sexueller Gewalt möglicherweise insofern nur ein vorgeschobenes Argument gewesen sein, als diese sich bei jeder Form von sexuellen Anspielungen zumindest unangenehm berührt (wenn nicht Schlimmeres) fühlen müssen, Kondome also in jedem Fall für solche Aktionen ausfallen müssen, ganz gleich, welche Sprüche sich darauf befinden? Und wieso hat die Evangelische Kirche zwar Probleme damit, aus dem Zusammenhang gerissene Lutheranspielungen auf Kondomverpackungen drucken zu lassen, wenn sie doch selbst solche Textfragmente auf T-Shirts, Babystrampler, Aufkleber, Bonbontüten, Kaffeetassen oder Regenponchos aufbringt und zu wohlfeilen Preisen im eigenen Reformationsjubiläumsshop anbietet? Wie muss zum Beispiel der auf Socken gedruckte Spruch, „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“, auf Menschen wirken, die im Rollstuhl sitzen?

Wenn Klaus Eberl in seiner Videobotschaft sagt, „Gewalt und Sex gehen für uns nicht zusammen, auch nicht in der Sprache“, dann kann man diese Aussage nur unterschreiben. Gleichzeitig hat die Evangelische Kirche aber weniger Probleme damit, Kommerz und Jubiläum zusammenzubringen und Kleidung, überflüssige Accessoires oder Nahrungsmittel zu verkaufen, bei denen vielleicht noch zu klären wäre, wo sie unter welchen Bedingungen produziert worden sind und ob hier nicht möglicherweise eine bedenkliche Form kapitalistischer Ausbeutung vorliegt. Und selbst wenn sie in der Stadtteilwerkstatt um die Ecke hergestellt worden sein sollten, stellt sich immer noch die Frage, weshalb man mit Luthers Sprache zwar Geld verdienen, aber keinen Sex haben darf.

Das Kondomverbot führt uns also einmal mehr an die Wurzel des Problems, das man mit diesem Reformationsjubiläum haben kann. Ich finde es verständlich und nachvollziehbar, dass nicht alle von flotten Witzen auf Kondomverpackungen amüsiert sind. Ich finde es auch nicht grundsätzlich verwerflich, Schlüsselanhänger oder Picknickdecken mit Lutherrosen zu verkaufen. Die Schwierigkeiten entstehen im einen wie im anderen Fall, wenn man versucht, 500 Jahre alte Inhalte ohne Umschweife in die Gegenwart zu transferieren. Dann zeigt sich nämlich entweder, dass man die Reformation zwar so lange weichspülen kann, bis sich damit auch Frühstücksbrettchen unter die Leute bringen lassen – oder dass dieses Geschehen, in einen anderen Zusammenhang gestellt, seine ganze Unerbittlichkeit und auch Gewaltsamkeit offenbart. Es wäre wohl angebracht, wenn historische Geschehnisse nicht zur Spielwiese unbedarfter Aktualisierungen würden, weder bei Kondomen noch im Online-Shop. Doch beim Reformationsjubiläum 2017 muss man schon länger den Eindruck haben, dass es für eine solche Einsicht bereits zu spät ist.

Unsere Vergangenheit soll schöner werden. Vierte These zur Geschichtskultur

Die vierte These zur Geschichtskultur lautet: Unsere Geschichtskultur tendiert zur Bevorzugung von Inhalten, die mit gegenwärtigen Interessen korrespondieren und auf die Vergangenheit ein (falsches) besseres Licht werfen.

Gleichförmigkeit

Geben wir uns für einen Moment der naiven Annahme hin, eine Internet-Suchmaschine wie Google stünde stellvertretend für das Wissen der Welt über sich selbst. In diese Suchmaschine können wir Stichwörter eingeben wie „Reformation“ oder „Martin Luther“. Welche Ergebnisse werden uns präsentiert? Unfehlbar werden wir zunächst mit einigen Werbeanzeigen konfrontiert (wobei die Unfehlbarkeit in diesem Zusammenhang eine durchaus mehrdeutige Konnotation erfährt), zum Beispiel von Tourismusanbietern oder aus der Modebranche (jawohl, auch die Reformation wird in eine Modekollektion verwandelt). Sodann folgen einige Informationsseiten, deren Angebote sich in der Google-Hierarchie, mit welchen Mitteln auch immer, ganz nach oben gearbeitet haben: Wikipedia-Artikel oder die Eingangsseite des Zentralkomitees der Kommission zur Durchführung der Jubiläumsfeierlichkeiten der Reformation, kurz ZKDJR (oder so ähnlich). Etwa ab Google-Suchmaschinentreffer Nr. 11 wird man dann mit Veranstaltungshinweisen ganz unterschiedlicher Art überhäuft, mit internationalen, nationalen, regionalen und lokalen Aufführungen, Ausstellungen und Informationsveranstaltungen, die dem historischen Ereignis der Reformation zur größeren Ehre gereichen sollen.

Im Moment – ich schreibe dies im März 2017 – ist unübersehbar, dass und wie der Reformationsjubiläumszug Fahrt aufnimmt. Die Freiluftsaison der Feiersause beginnt. Man kann tatsächlich den Eindruck gewinnen, dass jede Kirchengemeinde, jede Ortschaft, jeder Landstrich und jede Institution ihren jeweils eigenen Beitrag zu diesem Jubelfest leisten will, und dabei gewillt und in der Lage ist, jedes verfügbare Mittel in Anspruch zu nehmen.

Versucht man sich zumindest ansatzweise einen Überblick über den Inhalt dieser Aktivitäten zu verschaffen, dann fällt recht schnell deren Gleichförmigkeit auf – ein erster Eindruck, der durch ein ausdauernderes Studium der zahlreichen Veranstaltungsprogramme bestätigt wird. Es sind wenige Themen, die dominieren. Ohne hier eine eindeutige Hierarchie aufstellen zu können (das würde einen größeren statistischen Aufwand erfordern), lassen sich als inhaltliche Schwerpunkte nennen: Reformation und Moderne; Luther und die deutsche Sprache; Luther und die Freiheit; Reformation als Gemeinsamkeit (Ökumene); Reformation und Judentum; Frauen in der Reformation.

Man kann diese Themen auch übersetzen. Dann würden sie lauten: Inwiefern war die Reformation der Anbruch unserer eigenen Gegenwart? Inwiefern hat Luther unsere Sprache als zentrales Merkmal kollektiver (deutscher) Identität geprägt? Inwiefern hat Luther mitgeholfen, unsere „freiheitlich-demokratische Grundordnung“ zu begründen? Inwiefern kann die Reformation, nach all den Trennungen, die sie nach sich zog, zu einem Moment (ökumenischer) Gemeinschaftlichkeit werden? Wie ist die Reformation mit Minderheiten umgegangen? Und wie war das Verhältnis der Geschlechter in der Reformation ausgestaltet? Es handelt sich also durchgehend um Fragen, die uns in der Gegenwart des frühen 21. Jahrhunderts umtreiben.

Mit anderen Worten: In der Beschäftigung mit der Reformation geht es daher vor allem um uns selbst.

Präsentismus

Das zeigt auch die Abwesenheit bestimmter Fragen im Kontext des Reformationsjubiläums. Weniger scheint im Jahr 2017 zu interessieren, was die Menschen des Jahres 1517 vornehmlich interessierte: Wie finde ich mein Seelenheil? Wie finde ich einen gnädigen Gott? Wie kann ich mich am besten auf ein Leben im Jenseits vorbereiten? All diese Fragen sind für die Jubiläumspraxis irrelevant, weil sie in unserer Gegenwart keine Rolle mehr spielen. Ein solcher Umgang mit der Vergangenheit hört üblicherweise auf den Namen Präsentismus.

Der Präsentismus genießt in historischen Debatten keinen besonders guten Ruf, wird meist mit abwertenden Vorzeichen versehen und will vornehmlich besagen, dass eine Vergangenheit allein aus der Perspektive und mit den Maßstäben der Gegenwart betrachtet wird. [1] Aber gar so schnell und gar so leicht sollte man den Präsentismus nicht über Bord werfen. Denn das glatte Gegenteil dieser Gegenwartsseligkeit, also ein Sich-in-die-Vergangenheit-Hineinversetzen mittels Zeitmaschine, wäre mindestens ebenso naiv und gefährlich. [2] Präsentismus können wir daher, streng genommen, gar nicht umgehen, weil wir keinen anderen zeitlichen Standpunkt einnehmen können als unseren eigenen, wenn wir mit Vergangenheiten umgehen. Die Frage ist eher, wie wir diesen Präsentismus einsetzen wollen. Wenn jede Form der Geschichtsschreibung zwangsläufig präsentisch sein muss, weil sie ihre Gegenwart nicht verlassen kann, dann stellt sich das Problem anders: Beinhaltet dieser Präsentismus die Relationen einer Gegenwart zur Vergangenheit oder konzentriert er sich auf die Gegenwart einer Vergangenheit?

Ein besseres Gestern

Aber eine bestimmte, durchaus negative Auswirkung des Präsentismus kann man im Zusammenhang des Reformationsjubiläums besonders gut beobachten. Sie funktioniert nach dem Motto: Unsere Vergangenheit soll schöner werden. Beispiel: Frauen in der Reformation. Bei der Vielzahl von Vorträgen, Präsentationen, Filmen usw. zu Argula von Grumbach, Katharina Luther, Barbara Cranach und anderen Protagonistinnen muss man zuweilen den Eindruck gewinnen, hier wird eine bisher gänzlich übersehene Hälfte der Reformationsgeschichte ans Tageslicht geholt. Aber machen wir uns nichts vor: Die Reformation war eine Männerangelegenheit. Man mag das im Nachhinein aus nachvollziehbaren Gründen bedauerlich finden, nur ändern wird es sich dadurch nicht.

Nach der Rolle von Frauen zu fragen, ist richtig und wichtig, aber eben nicht um die Vergangenheit im Nachhinein und im Sinn der Gleichberechtigung besser zu machen, sondern um aufzuzeigen, warum und in welcher Form Ungleichheiten vorgeherrscht haben. Einige wenige Frauen hervorzuheben, die die Reformation mitprägten, die sich aber genau deswegen besser in unser gegenwärtiges Selbstbild fügen lassen, tut nur den 99% anderen ein weiteres Mal Unrecht an, die ihr ganz durchschnittliches Leben in einer patriarchalischen Gesellschaft geführt haben. Die Frage wäre also weniger, welche Frauen auf welche Weise die Reformation beeinflusst haben, damit sich das Gewesene unserem eigenen Hier und Jetzt besser anpassen möge. Die Frage ist eher, weshalb Frauen in dieser Gesellschaft so gut wie keine Chance hatten, Vorgänge wie die Reformation mitzugestalten. Unsere Vergangenheit soll nicht schöner werden, sie sollte vielmehr anders bleiben dürfen.

 

Anmerkungen

[1] Zur Diskussion um den Präsentismus vgl. die Debatte in der Zeitschrift Past & Present, Heft 234 (2017).

[2] Ausführlicher dazu Achim Landwehr: Die anwesende Abwesenheit der Vergangenheit. Essay zur Geschichtstheorie, Frankfurt a.M. 2016.

LuttaDada 3

Das LuttaDada mag sich kein Urteil darüber erlauben, ob das Gebaren einer Obrigkeit korrekt ist oder nicht. Aber das LuttaDada weiß, dass eine Obrigkeit grundsätzlich hinzunehmen ist, ob nun von Gott oder vom Demos oder von wem auch immer eingesetzt. Daher will das LuttaDada mit kräftiger Stimme bestätigen, dass der neuen Gefahrenabwehrverordnung der Stadt Wittenberg unbedingt Folge zu leisten ist, so wie sie zum 22. März Anno Domini 2017 in Kraft treten wird. Mögen die ordnungsgefährdenden Massen, die in diesem Jahr millionenfach über diese bedauernswerte Kommune herfallen werden, wenigstens die Kassen des Kämmerers ordentlich füllen. Einige reformationsjubiläumsrelevante Widrigkeiten wurden anlassbedingt nochmals verteuert. So müssen alle, die Brunnen, Denkmäler, oder Bäume erklettern, um das LuttaDada besser sehen zu können, ab sofort 30 Euro berappen; das Füttern von Tauben, um das LuttaDada friedlich und gnädig zu stimmen, kostet ebenfalls 30 Euro; das Zelten oder Übernachten in öffentlichen Grünanlagen, um dem LuttaDada stets nahe zu sein, wird mit 50 Euro Buße belegt; und der Verkauf von Waren aller Art, insbesondere von nicht genehmigten Reformationsdevotionalien, macht nochmals 30 Euro. Nur damit das klar ist.

Aber nicht nur die kleine, auch die mittelgroße Politik wendet sich dem LuttaDada zu. Nach diversen Regierungschefs, Präsidentinnen, sogar monarchischen Hoheiten und eben auch dem Wittenberger Ordnungsamt entschloss sich nun auch Thomas Röwekamp, seines Zeichens Vorsitzender der CDU-Fraktion in der Bremer Bürgerschaft, dem Wirken des LuttaDada einige Zeilen im Weser-Kurier zu widmen. Durchaus Löbliches hatte er dort zu verkünden. Wichtigste Forderung des nicht gerade thesenschwachen ehemaligen Innensenators: Bremen darf nicht weiter das Schlusslicht bleiben! Erst recht nicht in Sachen Feiertage! Denn die Hansestadt hat die wenigsten Feiertage aller Bundesländer! Eine weitere Benachteiligung, wenn nicht sogar Beleidigung der urbanen Schönheit in der norddeutschen Tiefebene! Deswegen wäre es nur gerecht, den Reformationstag nicht nur 2017, sondern zumindest in Bremen dauerhaft zu einem arbeitsfreien Tag zu machen. Wacker gesprochen! Der Segen des LuttaDada ist erteilt!

Röwekamp geht jedoch fehl mit seiner Begründung, warum es ausgerechnet dieser Feiertag sein soll: „Wir verdanken der Reformation, dass in unserem Kulturkreis heute Meinungs-, Rede- und Glaubensfreiheit Grundrechte sind.“ Da muss das LuttaDada energisch widersprechen! Das LuttaDada mag ja für einiges gesorgt haben, aber sicherlich war es nie der Meinung, dass alle ihre eigene Meinung haben und auch noch frei äußern sollten – und schon gar nicht sollten sie ihren individuellen Glauben artikulieren können! Wo käme das LuttaDada denn hin, wenn alle teuflischen Papisten, verderbten Wiedertäufer, fehlgeleiteten Zwinglianer, verstockten Juden, aufmüpfigen Bauern und rebellischen Thomas-Müntzer-Anhänger mit einem Mal ebenso recht hätten wie das LuttaDada selbst?! Alle anderen dürfen sich gerne und freimütig äußern, solange es im Sinne des LuttaDada geschieht. Feiertag genehmigt!

All das Jubilieren und Feiern hat aber auch seine Schattenseiten. In der Stadt Jessen, in der unmittelbaren Nähe Wittenbergs gelegen, machen sich Sorgen breit. Denn es drängt sich untrüglich die Frage auf, wie sich die Feuerwehren der Region sinnvoll in das Sicherheitskonzept rund um das große Jubiläum, insbesondere während des großen Festgottesdienstes, einbringen können. Der Bürgermeister von Annaburg, Klaus-Rüdiger Neubauer, meinte in diesem Zusammenhang, „in keinem Fall dürfe an der Grundsicherung geschraubt werden.“ Denn auch in den Nachbargemeinden Wittenbergs, wie zum Beispiel Annaburg, müsse für den Notfall ausreichend Personal und Technik vorhanden sein.

Das LuttaDada sagt: An den Jubiläumsfeierlichkeiten darf aber auch nicht geschraubt werden! Dem LuttaDada, was dem LuttaDada gebührt! Und dazu gehören auch jede Menge Feuerwehren! Denn wie Bürgermeister Neubauer festgestellt hat: Es bleiben nur noch wenige Monate, um die nötigen Absprachen zu treffen. Die Zeit bis dahin, so der Wortlaut des stilistisch tiefschürfenden (wirklich sehr tief schürfenden) Zeitungsartikels, „würden sehr anstrengend und auch sehr emotional.“ Das kann das LuttaDada durchaus nachfühlen, schließlich steht es ja selbst mittendrin, in all den Aufregungen um das Reformationsjubiläum. Und es freut sich schon über eine große Ansammlung emotionalisierter Feuerwehrleute aus dem Wittenberger Umland!

Die Mitteldeutsche Zeitung, der obige Feuerwehrmeldung entnommen ist, hat sich in ähnlicher Weise wie einstmals das LuttaDada dem mächtigen Medium des Buchdrucks bemächtigt, um seine Verlautbarungen in die Welt zu schicken. Das LuttaDada wollte mit seiner Publikationspolitik aber keineswegs bezwecken, dass sich alle ohne Unterschied des veröffentlichten Worts bedienen, ohne offensichtlich genauer darauf zu achten, was dort geschrieben steht. Denn eines sollte sich insbesondere die Mitteldeutsche Zeitung hinter die geknickte Seitenecke schreiben: Was einmal gedruckt in der Welt ist, lässt sich nicht mehr zurücknehmen! Insbesondere im Zusammenhang mit der Stadt Jessen gelingt es diesem Zeitungsorgan eher selten, publizistische Preziosen zu produzieren. Und diese Ausfälle muss das LuttaDada nicht goutieren, selbst (und gerade) wenn es um die Sache der Reformation geht!

Daher möchte ich mit meinem lieben Kollegen TrappatoniDada sagen: Was erlauben Katharina Stahn? (Und falls Sie Katharina Stahn nicht kennen, dann geht es Ihnen wie dem LuttaDada selbst.) Denn Frau Stahn, selbst ernanntes Model mit „Erfahrungen als Gastgeberin“,  hat in der Exerzierhalle von Wittenberg eine „atemberaubende Show“ veranstaltet unter dem Motto „Reformation meets Fashion & Style“ samt der Möglichkeit, „Party zu feiern oder sich in einer Lounge-Ecke zum Quatschen zurückzuziehen oder sich mal eine Beauty-Anwendung zu gönnen“, wie der Beitrag der Mitteldeutschen Zeitung zu verkünden weiß. Stargast ist ein gewisser Keith Tynes, der als Musiker „Erfolge praktisch in der ganzen Welt“ feierte (auf die unpraktischen Erfolge bleiben wir gespannt), und zwar in dieser Reihenfolge (die sich das LuttaDada nicht schöner hätte ausdenken können): „New York, London, Amsterdam, Berlin, Singapur und auch in Wittenberg.“ Ein Welterfolg in Wittenberg! Der erste seit 1517! Das LuttaDada staunt Bauklötze.

Ebenfalls für Unterhaltung „mit musikalischer Spaßgarantie“ soll ein Wittenberger Künstler sorgen, der sich (kein Quatsch) Jan von Suppengrün nennt und der (ebenfalls kein Quatsch) ernsthaft von sich behauptet: „Mein Name ist Programm.“ Na dann, guten Appetit! Stellt sich nur noch die Frage, was das alles mit Reformation zu tun hat. Die Antwort ist recht einfach: nichts. Weitere Niveauabsenkungen im Zusammenhang mit dem Jubiläumsgeschehen wird das LuttaDada zu verhindern wissen. God is on our side!

Bevor wir aber gänzlich in Trübsal verfallen, zum Abschluss noch der obligatorische Programmhinweis zur angemessenen Verehrung des LuttaDada. Diesmal aus einem Ort, dessen Namen man kaum schöner erfinden könnte: Neu Wulmstorf! Dort werden reformwillige Fitness-Einsteiger gesucht (sic! ein Scherz so ganz nach dem Geschmack des LuttaDada), die unter der Anleitung von Lauftrainer Ingolf Böhme nicht nur ihren Körper, sondern auch ihren Geist der Sache des LuttaDada unterwerfen wollen. Passenderweise ist es die örtliche Luther-Kirchengemeinde, die dieses großartige Angebot aufgelegt hat. Acht Wochen lang sollen Anfänger durch die Fischbecker Heide laufen. An Zwischenstationen wird es Wissenswertes über Martin Luther geben, und zwar von Ingolf Böhmes „Co-Trainer“, Pastor Dr. Florian Schneider. Man wird dann wohl erfahren, welches die favorisierten Laufschuhe des Reformators waren, wie es mit seinen Zeiten beim Halbmarathon aussah und wie er sich ernährungsmäßig für das Lauftraining vorbereitete. Schürzt die Talare und schwingt die Schenkel!

Lang lebe das LuttaDada!

Club der weitgehend unbekannten Reformator/innen (CWUR), Folge 2: Mikael Agricola

Abbildung: Wikimedia Commons

Was für eine bunte, internationale und vielfältige Angelegenheit die Reformation doch sein konnte! Sicherlich kann man Ressentiments, Vorurteile oder patriotische Vorlieben nicht übersehen, die in dem ganzen Reformationsgeschehen immer wieder zum Vorschein kamen. Trotzdem stelle ich mir gerade das Leben an der Universität Wittenberg oder im Hause Luthers zuweilen wie in einer großen Wohngemeinschaft mit Studierenden aus der Erasmus-Stipendienprogramm der Europäischen Union vor. (Gut, es war eine sehr männerlastige Angelegenheit, aber das war nun einmal zeittypisch.) Aus allen Teilen Europas kamen sie dort zusammen, um ‚das wahre Evangelium‘ zu studieren, überzeugt davon, der neuesten heißen Sache auf der Spur zu sein, die nicht nur wissenschaftlich-theologisch, sondern auch lebensalltäglich die Lösung der großen Probleme zu geben versprach.

Überraschend erweist sich die Internationalität in diesem Reformationsumfeld, wenn man beispielsweise lesen kann, dass Mikael Agricola bereits der vierte finnische Student war, der sich in Wittenberg einschrieb, als er im Wintersemester 1536 dorthin kam. Er blieb zweieinhalb Jahre, um mit dem Magistertitel dekoriert wieder in seine finnisch-schwedische Heimat zurückzukehren.

Geboren wurde Agricola unter dem Namen Mikael Olavinpoika 1507 im Süden Finnlands, das damals noch Teil des schwedischen Königreichs war (und erst 1917 unabhängig wurde, nachdem es zuvor ein Jahrhundert lang zu Russland gehört hatte). Die politische und vor allem sprachliche Situation in diesem Teil Europas spielte auch für das Leben Agricolas eine wesentliche Rolle. Denn er gilt nicht einfach nur als Reformator Finnlands; noch bedeutender ist wohl die Tatsache, dass er auch der Schöpfer der finnischen Schriftsprache ist. Die enge Verbindung von Wort und Glauben, die im gesamten Reformationsprozess des 16. Jahrhunderts eine so wichtige Rolle spielt – hier kommt sie besonders augenfällig zum Vorschein.

An Agricola kann man aber auch sehen, welchen Vorteil es hat, der lutherischen Maxime zu folgen und so viel als möglich über das eigene Leben schriftlich festzuhalten: Dadurch werden nicht nur biographische Mythen mit jahrhundertelanger Haltbarkeit geschaffen, sondern die Nachwelt wird auch ansonsten über vielfältige Facetten eines Menschenlebens genauestens informiert. Agricola ist dem Vorbild Luther in dieser Hinsicht nicht gefolgt, so dass von ihm nicht tausende Briefe überliefert sind und auch keine Tischgespräche mitprotokolliert wurden. Der beste Kenner von Agricolas Leben und Arbeiten, Simo Heininen, kann daher auch nur mit Plausibilitätsgründen argumentieren, wenn er meint, dass Agricola wohl mit Schwedisch als erster Sprache aufgewachsen ist, Finnisch später aber ebenso gut beherrschte. Diese sprachliche Grundkonstellation, wenn sie denn zutrifft, dürfte aber nicht ganz unbedeutend gewesen sein für Agricolas weiteres Wirken. Auf der Lateinschule von Wiborg, auf die er als Kind einer wohlhabenden Bauernfamilie geschickt wurde, kam die klassische Sprache der Antike noch hinzu. Zudem könnte er in dieser Handelsstadt auch mit der deutschen und russischen Sprache in Kontakt gekommen sein. Auf jeden Fall änderte in dieser Zeit der Bauernsohn seinen Namen in guter humanistischer Tradition in Agricola.

Im Anschluss an seine Schulzeit wurde er Schreiber in der Kanzlei von Martin Skytte, dem Bischof von Turku. In dieser Stadt machte er auch Bekanntschaft mit einem dezidierten Vertreter der Reformation, Peder Särkilax. Durch ihn beeinflusst, machte sich Agricola mit Luthers Ideen vertraut, unterzog dessen Schriften einer intensiven Lektüre und begann ab den frühen 1530er Jahren mit ausgiebigen Sprachstudien. Es deutet vieles darauf hin, dass er bereits zu dieser Zeit anfing, das Neue Testament zu übersetzen. Dafür lernte er auch Griechisch.

Als dezidierter Anhänger Luthers wurde Agricola 1536 nach Wittenberg zum Theologiestudium geschickt, fand sich zuweilen auch als Gast an Luthers Tisch ein. 1539 kehrte er nach Turku zurück und wurde Rektor der dortigen Domschule bis 1548. Zum Bischof von Turku wurde er 1554 ernannt, konnte das Amt aber nicht allzu lange ausüben. Auf der Rückreise von Friedensverhandlungen zwischen Russland und Schweden, die in Moskau stattgefunden hatten und an denen Agricola als Mitglied der Delegation beteiligt war, starb er am 9. April 1557.

Agricola wirkt jedoch bis in die Gegenwart hinein, weil es ihm gelang, aus dem Finnischen eine Schriftsprache zu machen. Das erste jemals auf Finnisch gedruckte Buch stammt von ihm und ist passenderweise eine Kombination aus Fibel und Katechismus. Das „ABC-Kiria“ (erstmals erschienen 1543) enthält das Alphabet und die Zahlenwörter auf Finnisch, darüber hinaus auch die Hauptstücke des reformatorischen Glaubens in Form eines Katechismus. In dieser fraglos grundlegenden Art und Weise arbeitete Agricola die kommenden Jahre weiter, veröffentlichte 1544 eine Gebetbuch von fast 900 Seiten, 1548 das Neue Testament und bis 1552 weitere sechs Bücher auf Finnisch, die für den kirchlichen Gebrauch, das Bibelstudium oder den Unterricht in Glaubensdingen gedacht waren.

Agricola hatte mit diesen Veröffentlichungen etwas geschafft, das nur wenigen in dieser Art vergönnt ist, nämlich eine Sprache zu kanonisieren und in einem weit umfangreicheren Sinn überhaupt erst zu ‚erschaffen‘, als dies bei Luther und dem Deutschen der Fall war.

Kaum verwunderlich, dass Agricola bis heute in Finnland verehrt wird. Im 19. Jahrhundert und im Zuge der finnischen Unabhängigkeitsbestrebungen erfuhr er auch eine nationalistische Vereinnahmung. Es wurden Denkmäler für ihn errichtet, Straßen nach ihm benannt, Briefmarken herausgegeben und sein Todestag zum Tag der finnischen Sprache erklärt. Was man eben so macht mit auserkorenen ‚Nationalhelden‘.

Dabei ist es doch diese nationale Vereinnahmung, gleichgültig ob in Finnland oder anderswo, die so gar nicht zusammenpassen will mit der offensichtlich so bunten, internationalen und vielfältigen Angelegenheit der Reformation, wie man sie im 16. Jahrhundert in der wahrlich europäischen Gelehrtenwelt von Wittenberg erleben konnte.

 

Anmerkung

NB: Die Arbeit des „Clubs der weitgehend unbekannten Reformator/innen“ wird maßgeblich unterstützt durch das empfehlenswerte Buch von Irene Dingel/Volker Leppin (Hg.): Das Reformatorenlexikon, 2. Aufl. Darmstadt 2016. Dort ist auch der Beitrag von Simo Heininen zu finden über Mikael Agricola, dem der vorliegende Eintrag wesentliche Informationen zu verdanken hat.

Geschichtskultur als Kulturindustrie. Dritte These zur Geschichtskultur

Wat is ne Jeschichtskultur?

Mit den famosen Was-ist-Was-Fragen kommt man ja – wem auch immer sei Dank – nie an ein Ende: Was ist eine Welle im Meer? Was ist eine Doppelhelix? Was ist der Sinn des Lebens? Und die Frage alle Fragen: Was ist eine Dampfmaschine? Wenden wir uns in diesem Sinne und ganz sesamstraßenartig der Frage zu: Was ist Geschichtskultur? Zu diesem Gegenstand existiert eine veritable wissenschaftliche Diskussion, die sich nicht nur, aber zu erheblichen Teilen in der Geschichtsdidaktik tummelt (zahlreiche sachdienliche Hinweise zu diesem Gegenstand finden sich bei Public History Weekly). Es ist hier nicht der Ort, um in diese Debatte einzusteigen oder sie ausführlich wiederzugeben. Hilfreiche Diskussionshinweise stammen von Jörn Rüsen, Bernd Schönemann und Marko Demantowsky [1]. Aber wenn ich schon behaupte, mit diesem Blog Reisen in die deutsche Geschichtskultur zu unternehmen, wäre es wohl angebracht, das Terrain der Reise etwas genauer abzustecken und die Frage zu stellen, welche Geschichtskultur denn aktuell durch das Reformationsjubiläum geprägt wird.

Geschichtskulturen, so kann man feststellen, hat es schon immer dort gegeben, wo sich menschliche Kollektive mit sinnstiftender Absicht auf vergangene Verhältnisse bezogen haben. Schließlich ist es eine nicht ganz unbedeutende Qualität des Menschen, sich auf Wirklichkeiten beziehen zu können, die entweder noch nicht oder nicht mehr existieren. Den verfügbaren Vergangenheiten – verfügbar aufgrund von Erzählungen, Berichten, dokumentarischen Überlieferungen – wird dabei üblicherweise mehr Raum gelassen als den unsicheren Zukünften, allein schon, weil diese Vergangenheiten für gewöhnlich mit einer deutlich größeren Materialfülle aufwarten können. In allen Fällen von Beschäftigung mit Vergangenem ist es aber so, dass nie einfach nur festgehalten und festgestellt wird, was einst geschah. Dieses Geschehene wird vielmehr immer in der einen und anderen Weise, und sei es noch so unterschwellig, zu einem Bestandteil derjenigen Gegenwart gemacht, die sich dieser Vergangenheit zuwendet. Schon der Umstand, sich überhaupt einem vergangenen Geschehen, und dann auch noch ausgerechnet diesem vergangenen Geschehen zugewendet zu haben, knüpft eine Band zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Vergangenes wird solcherart zur Geschichtskultur einer Gegenwart.

Ubiquitär!

Damit wird ein Problem offenbar, das Diskussionen um die Geschichtskultur immer begleitet: Jeder gegenwärtige Bezug auf Vergangenes ist schon ein Beitrag zur Geschichtskultur, ob intendiert oder nicht. Wenn aber alle Beschäftigungen mit Vergangenheit zur Geschichtskultur beitragen, lässt sich diese Geschichtskultur dann noch von irgendetwas unterscheiden? Ist sie identisch mit der ominösen ‚Geschichte‘ in ihrer Gesamtheit? Belegt sie nicht eigentlich einen erheblichen Teil unseres alltäglichen Handelns, weil wir uns ja beständig auf Vergangenes beziehen? Sind die Zeitungslektüre oder die Plauderei beim Mittagessen über den letzten Urlaub auch schon Beiträge zur Geschichtskultur, weil sie sich auf Vergangenes beziehen?

In der Tat, wollte man versuchen, die Anwesenheit von Vergangenem in unserem Alltag zu katalogisieren, dürfte einem schnell schwindelig werden. Potentiell sind all diese Formen der Bezugnahme auf Vergangenes dazu in der Lage, zur Geschichtskultur beizutragen, wenn sie das auch mit höchst unterschiedlicher Effektivität tun.

Aus diesem Grund mögen einen die allgemeinen Bestimmungen, die bisher zur Geschichtskultur vorliegen, zuweilen etwas unzufrieden zurücklassen. Denn sie sind nicht selten, nun ja, so allgemein gehalten, dass sie sich nur noch unter Schwierigkeiten von irgendetwas anderem halbwegs trennscharf unterscheiden lassen. Wenn Jörn Rüsen, wohl der am häufigsten zitierte Stichwortgeber zum Thema Geschichtskultur, davon spricht, dass sich mit diesem Begriff Phänomene verbinden wie eine intensivierte Erinnerungskultur, die Aufmerksamkeit für historische Debatten auch außerhalb der akademischen Welt, die Bedeutung geschichtlicher Argumente im Zusammenhang öffentlicher politischer Diskussionen oder generell ein allenthalben festzustellender Geschichtsboom, dann kann man sich schon fragen, wo diese Geschichtskultur anfängt und wo sie aufhören soll. Rüsen stellt geradezu einen kleinen Katalog zusammen, wo und wie sich diese Geschichtskultur konkretisiert – eine Auflistung, die sich allerdings bei näherer Betrachtung flugs ins Riesenhafte ausweitet (und Obacht, nun folgt ein etwas längeres Zitat):

„Fachwissenschaft, schulischer Unterricht, Denkmalpflege, Museen und andere Institutionen werden über ihre wechselseitigen Abgrenzungen und Unterschiede hinweg als Manifestationen eines übergreifenden gemeinsamen Umgangs mit der Vergangenheit in Augenschein genommen und diskutiert. ‚Geschichtskultur‘ soll dieses Gemeinsame und Übergreifende bezeichnen. Sie rückt die unterschiedlichen Strategien der wissenschaftlichen Forschung, der künstlerischen Gestaltung, des politischen Machtkampfes, der schulischen und außerschulischen Erziehung, der Freizeitanimation und anderer Prozeduren der öffentlichen historischen Erinnerung so in den Blick, daß sie alle als Ausprägungen einer einzigen mentalen Kraft begriffen werden können. So synthetisiert sie auch Universität, Museum, Schule, Verwaltung, die Massenmedien und andere kulturelle Einrichtungen zum Ensemble von Orten der kollektiven Erinnerung und integriert die Funktionen der Belehrung, der Unterhaltung, der Legitimation, der Kritik, der Ablenkung, der Aufklärung und anderer Erinnerungsmodi in die übergreifende Einheit der historischen Erinnerung.“ [2]

Alle anderen

Was einen bei dieser Aufzählung nervös machen sollte, ist das kleine Wörtchen „andere“, das man auch mit „alle“ übersetzen könnte, so dass „andere Prozeduren“, „andere Einrichtungen“ und „andere Erinnerungsmodi“ schnell in „alle Prozeduren/Einrichtungen/Erinnerungsmodi“ umschlagen können. Wie umfassend das Konzept von Geschichtskultur ist, zeigt die Definition von Rüsen: „Geschichtskultur läßt sich also definieren als praktisch wirksame Artikulation von Geschichtsbewußtsein im Leben einer Gesellschaft.“ Und dabei soll es um nichts weniger gehen als um die „Praxis von Bewußtsein“ und um „menschliche Subjektivität“.[3]

Man stelle sich einfach die Frage, an welchen Orten und in welchen Situationen diese von Rüsen beschriebene Arbeit an der Geschichtskultur vonstattengeht, und man wird wohl zu der Schlussfolgerung kommen müssen, dass sie permanent und allerorten geschieht. Es hilft noch nicht einmal, den scheinbar naheliegenden Rettungsweg einzuschlagen und auf diejenigen Lebensbereiche zu verweisen, die vornehmlich mit der Gestaltung von Zukunft beschäftigt sind – große Teile des Wirtschaftshandelns, Finanzspekulationen, politische Projektionen, technische Innovationen, Vorhaben zur Lösung ökologischer Probleme –, denn all diese Versuche zur Vorbereitung auf das Kommende sind ja nicht nur möglich aufgrund von Daten aus der (ferneren oder jüngeren) Vergangenheit, sondern sind abhängig von bestimmten Formen der Geschichtskultur, die sie nicht zuletzt selbst schaffen, und wenn es sich dabei um eine der trivialsten und gleichzeitig einflussreichsten Aspekte dieser Geschichtskultur handelt, nämlich den Glauben an einen Fortschritt.

Auch konstruktivistische Bestimmungen von Geschichtskultur, wie sie beispielsweise Bernd Schönemann und Marko Demantowsky formuliert haben, helfen bei dem verständlichen Orientierungswunsch mittels Einschränkung des Gegenstandes kaum weiter, weil hier die gesellschaftliche Konstruktion der Vergangenheit in ihrer ganzen breite und Allgemeinheit im Vordergrund steht. Und wo geschieht das nicht?

Lob der Unschärfe

Warum also trotz dieser terminologischen Untiefen weiterhin am Begriff der Geschichtskultur festhalten? Nun, genau deswegen – wegen seiner Unschärfe! Ich halte es gerade im Zusammenhang kultureller, also sinngenerierender Phänomene für kein Manko, den jeweiligen Gegenstand nicht mit dem Schnitt eines Teppichmessers in aller Eindeutigkeit von ähnlich gelagerten Gegenständen abtrennen zu können. Vielmehr erachte ich die inhaltliche Unschärfe der Geschichtskultur für einen großen Vorteil, um einerseits eine Vielzahl unterschiedlicher Vergangenheitsbezüge behandeln zu können und um andererseits diese geradezu erschreckende Allgegenwärtigkeit geschichtskultureller Phänomene zumindest einigermaßen in den Blick zu bekommen. Das kulturell ubiquitäre, parasitär sich ausbreitende und sämtliche Lebensbereiche tangierende Phänomen der Geschichtskultur tut uns nicht den Gefallen, dadurch handhabbar zu werden, dass wir es in ein engeres definitorisches Korsett einzwängen. Die kollektive Praxis würde eine solche Einschnürung leichthin sprengen. Nein, gerade weil alles, was sich unter dem nebulösen Ausdruck der Geschichtskultur fassen lässt, nicht auf die Bereiche einer wie auch immer gearteten ‚Hochkultur‘ beschränkt werden kann, nicht auf das Feuilleton und nicht auf wissenschaftlich-historische Debatten im engeren Sinn, sondern wir alle jederzeit sowohl intendiert als auch nur nebenbei daran beteiligt sind, diese Geschichtskultur zu formen, indem wir Familienfotos in der Wohnung aufhängen, Tagebuch führen, Musik aus vergangenen Jahrzehnten und Jahrhunderten hören oder eine bestimmte politische Gruppierung mitsamt ihrer Erzählung, wie es einmal war und wie es demnächst werden sollte, überzeugend finden, arbeiten wir mit an dieser Geschichtskultur – selbst wenn das nie in unserer Absicht lag. Dass diese Geschichtskultur so unscharf bleibt, ist daher weniger ein Hinweis auf konzeptionelle Probleme, sondern belegt eher die Bedeutung des Gegenstands. Mit dem Ausdruck ‚Geschichtskultur‘ lässt sich auf den Umstand verweisen, dass es zu den Vorrechten wie auch Notwendigkeiten menschlicher Kollektive gehört, sich auf abwesende, hier vor allem vergangene abwesende Zeiten beziehen zu können. Es behaupte also niemand, der Ausdruck ‚Geschichtskultur‘ sei unbrauchbar, weil zu schwammig. Denn dann müsste man im Anschluss auch gleich diskutieren, wie wir denn noch sinnvoll sprechen können sollen über solche ‚Gegenstände‘ wie Gesellschaft, Politik, Wirtschaft, Recht, Technik, Zeit, Wirklichkeit, Welt – denn Entschuldigung, wo bitte ist da der eindeutige und scharf einstellbare Gegenstand?

Luther in Plastik

Nehmen wir die produktive Herausforderung der geschichtskulturellen Unschärfe an, dann lassen sich einige Anschlussfragen formulieren. So kann, ja, muss man gerade angesichts des Reformationsjubiläums die Frage stellen, inwieweit die Geschichtskultur, die wir uns in unserer eigenen Gegenwart leisten, mit der good ol‘ Kulturindustrie von Adorno und Horkheimer zusammenhängt. Ist die Geschichtskultur des frühen 21. Jahrhunderts unter Umständen eine Konkretisierung von Kulturindustrie, wie sie sich noch nicht einmal die Frankfurter Schule auszumalen wagte?

Sie ist ja bereits vielfach vorgeführt worden, die schöne, neue Reformationsjubiläums-Merchandising-Plastikwelt, prototypisch vertreten durch den Playmobil-Luther, der schon eine halbe Million Mal über den Ladentisch gegangen sein soll. (Auch wenn es bereits zu interreligiösen Verstimmungen wegen dieser Figur gekommen ist.) An Luther-, Katharina-von-Bora- und weiterem Reformations-Nippes besteht wahrlich kein Mangel.

Nun hat nicht erst das Reformationsjubiläum die Vermarktung der Geschichtskultur erfunden. Der Museumsshop gehört als Einrichtung längst zu den unverzichtbaren Bestandteilen entsprechender Kulturinstitutionen. Nur stechen im Falle des Reformationsjubiläums die Luther-Socken und das Katharina-von-Bora-Kochbuch besonders ins Auge, weil doch immer wieder von berufener Stelle betont wird, wie wichtig die ‚Botschaft‘ der Reformation sei. Die Frage wird nur sein, was man nach dem 31. Oktober 2017, also nach der großen Sause und mitten im Reformationsjubiläumskater, von den dann abgelaufenen Feierlichkeiten noch in Erinnerung behalten wird: die Botschaft dieses Ereignisses (aber wie lautete sie gleich nochmal?) oder den freundlich lächelnden Playmobil-Luther.

Ähnlichkeit und Einverständnis

Gehen wir also ganz pennälerhaft das Kulturindustrie-Kapitel bei Horkheimer und Adorno durch, um abzuprüfen, ob das Reformationsjubiläum diesen kulturellen Straftatbestand erfüllt (und wohlgemerkt, die folgende Auflistung ist unvollständig). [4]

– Vorwurf 1: „Kultur schlägt heute alles mit Ähnlichkeit.“ (S. 128) Dem muss man mit Blick auf das Reformationsjubiläum weitgehend zustimmen. Inhaltlich findet eine weitgehende Beschränkung auf die Person Luthers statt, äußerlich werden die gleichen Formen aufgefahren, welche die Kulturindustrie auch ansonsten in petto hat – oder warum findet sich in den Reformationsnippesläden republikweit das identische Angebot?

– Vorwurf 2: „Kulturindustrie endlich setzt die Imitation absolut. Nur noch Stil, gibt sie dessen Geheimnis preis, den Gehorsam gegen die gesellschaftliche Hierarchie.“ (S. 139) Solange man meint, sich bei der Beschäftigung mit der Reformation einerseits auf die Person Martin Luthers beschränken, andererseits diese Person auf einige wenige Stichworte reduzieren zu können, die zudem auch noch hemmungslos präsentisch ausgerichtet bleiben (Rebell, Wutbürger, Freiheit, Individualität, Medien …), kann kaum etwas anderes herauskommen, als eine Bestätigung herrschender Verhältnisse.

– Vorwurf 3: „Der [gesellschaftliche] Gegensatz läßt am wenigsten sich versöhnen, indem man die leichte [Kunst] in die ernste aufnimmt oder umgekehrt. Das aber versucht die Kulturindustrie.“ (S. 144) Und in Sachen Reformationsjubiläum war das schon immer besonders gut zu beobachten – auch wenn wir es eher selten mit Kunst im engeren Sinn zu tun haben. Unter Ausschluss der Ultramontanen wurden Reformation und Luther spätestens seit dem 19. Jahrhundert erfolgreich dazu instrumentalisiert, um nationale Einheit über alle gesellschaftlichen Unterschiede hinweg herzustellen (dokumentiert derzeit in Ausstellung im Kloster Dalheim). Und auch im Jahr 2017 wird – erfolgreich – versucht, das Reformationsjubiläum als ein gesamtdeutsches und sogar europäisches Ereignis zu begehen (wenn auch die nationalistischen Töne merklich vermieden werden).

– Vorwurf 4: „[…] die Totalität der Kulturindustrie. Sie besteht in der Wiederholung. […] Mit Grund heftet sich das Interesse ungezählter Konsumenten an die Technik, nicht an die starr repetierten, ausgehöhlten und halb schon preisgegebenen Inhalte.“ (S. 144) Kaum anders zu erklären ist es, dass sich die meisten Programme im Zuge des Reformationsjubiläums zum Verwechseln ähneln und immer die gleichen Fragen stellen. Was hat Luther damals gesagt? – Was kann uns Luther heute noch sagen? – Was hätte Luther heute wohl dazu gesagt? – Und was gab es bei Katharina von Bora zum Abendessen?

– Vorwurf 5: „Die ursprüngliche Affinität aber von Geschäft und Amusement zeigt sich in dessen eigenem Sinn: der Apologie der Gesellschaft. Vergnügtsein heißt Einverstandesein.“ (S. 153) Und dieses Bemühen ist im Jahr 2017 im hohen Maß festzustellen: Reformation und Luther – wenn auch mit Abstrichen hier und da (nobody’s perfect) – zu konsensfähigen Gegenständen zu machen, an denen man sich heute umstandslos und ohne größere Abstriche orientieren können sollte. Gegenstimmen gibt es, aber sie bleiben die Ausnahme.

Luther als Punk

Die Verteidigung mag nun anführen, dass allein schon die Singularisierung von der Kulturindustrie eher in die Irre führen muss. Denn weil die Kulturindustrie immer auch das Potential ihrer eigenen Subversion mit sich führt – man kann ihre Mittel gegen sie selbst wenden –, existiert auch die Möglichkeit zu wirklichen Alternativen, die in der Diversifizierung liegen. Im Umfeld des Reformationsjubiläums waren diese alternativen Ansätze bisher aber eher in Ansätzen auszumachen. Wir müssen immer noch auf Luther als Punk warten. (Und nein, ich meine jetzt nicht eine Lutherdarstellung mit Irokesenfrisur – die gibt es ziemlich sicher schon irgendwo –, sondern auf eine Lutherauseinandersetzung aus einer Punk-Haltung heraus.) Eine Hoffnung besteht in der Reihe „Luther und die Avantgarde“ – wir werden sehen, was dabei herauskommt.

Die Grenzlinien zwischen inhaltlicher Auseinandersetzung und oberflächlichem Konsum lassen sich an den beiden Faktoren Zeit und Komplexität bemessen. Je mehr Zeit in die Herstellung des Reformationsjubiläumsprodukts gesteckt wurde (mehrhundertseitige Biographie, umfangreiche Ausstellung) und je mehr Zeit zu dessen Wahrnehmung nötig ist, desto höher die Wahrscheinlichkeit, die dünne Hülle von „Luther ist ja eigentlich …“-Aussagen zu durchstoßen. Und je größer das Bemühen, die Schwierigkeiten, Verästelungen, Kompliziertheiten und Vielfältigkeiten des Reformationsvorgangs deutlich zu machen, desto geringer die Gefahr, das Jubiläumsgesumse zu einem schnellen Appetithappen werden zu lassen. Dafür bräuchte es gar nicht die von Horkheimer und vor allem von Adorno immer wieder propagierte bürgerliche Hochkultur. Das geht auch durchaus im popkulturellen Zusammenhang. Nur sind leider das subkulturelle Bemühen oder die Underground-Attitüde im Zusammenhang mit dem Reformationsjubiläum bisher eher schwach ausgebildet. Stattdessen bekommen wir ein Pop-Oratorium.

 

Anmerkungen

[1] Jörn Rüsen: Was ist Geschichtskultur? Überlegungen zu einer neuen Art, über Geschichte nachzudenken, in: Klaus Füßmann/Theo Grütter/ders. (Hg.): Historische Faszination. Geschichtskultur heute, Köln/Weimar/Wien 1994, 3-26; Bernd Schönemann: Erinnerungskultur oder Geschichtskultur?, in: Eugen Kotte (Hg.): Kulturwissenschaften und Geschichtsdidaktik, München 2011, 53-72; Marko Demantowsky: Geschichtskultur und Erinnerungskultur – zwei Konzeptionen des einen Gegenstandes. Historischer Hintergrund und exemplarischer Vergleich, in: Geschichte, Politik und ihre Didaktik 33 (2005) 11-20.

[2] Jörn Rüsen: Was ist Geschichtskultur? Überlegungen zu einer neuen Art, über Geschichte nachzudenken, in: Klaus Füßmann/Theo Grütter/ders. (Hg.): Historische Faszination. Geschichtskultur heute, Köln/Weimar/Wien 1994, 4.

[3] Ebd., 5.

[4] Max Horkheimer/Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente, Frankfurt a.M. 1998, 128-176.