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Erasmus-Postille

Titelbild: Babak Fakhamzadeh

Erasmus von Rotterdam und Martin Luther waren sich nicht grün. Als überragende Gestalt der europäischen Gelehrtengemeinschaft war Erasmus einst auch von Luther bewundert worden; Erasmus seinerseits hatte die Kritik des jungen Augustinermönchs an den Praktiken der Papstkirche zur Kenntnis genommen, die seinen eigenen Auffassungen entsprochen haben dürfte. Aber mit der römischen Kirche wollte Erasmus nicht brechen. Und wer sich nicht auf die Seite des Wittenberger Reformators stellte, war in der akuten Gefahr, eines Morgens als dessen Feind zu erwachen. Auch der unumstrittene Humanistenstar des frühen 16. Jahrhunderts war davor nicht gefeit. Öffentlichkeitswirksam vollzogen wurde der Bruch 1524. Erasmus veröffentlichte in diesem Jahr seine Abhandlung über den freien Willen (De libero arbitrio), in der er die freie Entscheidungsmöglichkeit des Menschen zwischen dem Guten und dem Bösen für ein Geschenk Gottes hielt. Martin Luther antwortete ein Jahr später mit einer Schrift über den geknechteten Willen (De servo arbitrio). Darin argumentiert er, der Mensch besitze keinen freien Willen im umfänglichen Sinn, weil er sich beispielsweise nicht dafür oder dagegen entscheiden könne, der göttlichen Gnade teilhaftig zu werden. Diese Gnade sei ihm immer bereits schon von Gott geschenkt worden – und nun müsse das sündhafte Wesen mit diesem unverdienten Geschenk zurechtkommen. Der menschliche Wille erschien Luther eher wie ein Pferd, wie er schrieb, das vom Teufel geritten und von Gott gelenkt wurde. Keinen von beiden wurde der Mensch wieder los. Es war nur die Frage, wer die Oberhand behielt.

Erasmus und Luther sind sich nie persönlich begegnet. Ob ein solches Treffen von zwei der bekanntesten Männer des damaligen Europa irgendeinen Mehrwert gehabt hätte, werden wir nie erfahren. Erasmus und die „Alternative für Deutschland“ sind sich auch nie begegnet. Auf den Mehrwert eines solchen fiktiven Treffens wäre ich allerdings gespannt gewesen. Was wäre wohl geschehen, wenn jemand wie Erasmus, der die Europäizität Europas gar nicht erst groß propagieren musste, sondern sie einfach selbstverständlich gelebt hat, auf die Mitglieder einer stinknormalen, etablierten Gruppierung von Politiker/innen gestoßen wäre, die sich nicht nur verkrampft von ‚den Etablierten‘ abzusetzen versuchen, sondern das Gegenteil dessen verkörpern, was am Europäischen vorbildlich sein könnte? Nun, in einer solchen Situation hätte Erasmus zumindest Einspruch erheben können, dass sein Name für eine parteinahe Stiftung der AfD missbraucht wird. Nun ist Erasmus leider tot und kann sein Nicht-Einverständnis leider nicht mehr artikulieren.

Nach verschiedenen Anläufen ist der AfD also etwas gelungen, was einem als etablierte Partei, die ständig gegen etablierte Parteien wettert, eigentlich gar nicht gelingen sollte, sich nämlich genauso zu benehmen, wie alle anderen (nicht, dass das gänzlich neu wäre …). Die Desiderius-Erasmus-Stiftung ist am 10. Dezember in Frankfurt a.M. gegründet worden. Sie soll sich vornehmlich aus staatlichen Zuschüssen finanzieren, wie bei anderen etablierten Parteien eben auch. Auch Spenden sind möglich, steuerlich abzugsfähig. Solche Modelle hat die AfD immer wieder angeprangert, solange es ihr Stimmen brachte. Aber nun ist sie wahrscheinlich Opfer des lutherischen geknechteten Willens geworden und kann sich gar nicht mehr entscheiden, für oder gegen die staatliche Gnade der Parteienfinanzierung zu sein, sondern nimmt sie einfach nur noch demütig hin.

Der wirkliche Skandal aber lauert an anderer Stelle: im Namen. Es ist nicht die mögliche namensrechtliche Kollision mit dem Erasmus-Programm der Europäischen Union, sondern der Missbrauch eines Vorzeigeeuropäers – Entschuldigung, aber diese abgedroschene Floskel ist für kaum jemanden so passend wie für Erasmus von Rotterdam – durch eine Partei, die sich Fremdenfeindlichkeit, Anti-Europäismus, Anti-Intellektualismus und Weltverschlossenheit auf die Fahnen geschrieben hat (und die vor gefühlten Urzeiten einmal mit dem wesentlichen Programmpunkt angetreten ist, die Euro-Währung wieder abzuschaffen). Da könnte sich Die Linke auch Donald Trump zum Vorsitzenden wählen oder die CSU Karl Marx zum Parteiphilosophen ausrufen. Man möchte geradezu mit Tony Buddenbrook fragend aufstampfen: „… daß dieses Geschmeiß sich erfrecht, der Sache die Krone aufzusetzen?“ [1]

Aber wirklich verwundern kann es eigentlich kaum. Vorsitzender der Stiftung ist schließlich Konrad Adam, ein der Geschichtsklitterung bereits einschlägig vorbestrafter Zeitgenosse. Da fügen sich die Dinge. Da kann man auch einmal den Namen eines echten Europäers für ein dezidiert antieuropäisches Programm missbrauchen. Kann sich ja nicht mehr wehren.

Und wer weiß, vielleicht haben ja Luthers Ideen vom unfreien Willen, die ich ansonsten für wenig vorbildlich halte, doch einen gewissen Grad an Plausibilität. Zumindest kann man im Falle eines gewissen Bekanntheitsgrades nach dem eigenen Ableben und dem damit einhergehenden Verfall von Persönlichkeitsrechten nicht mehr frei darüber entscheiden, wer oder was den eigenen Namen als Feigenblatt für noch so perfide Inhalte in Anspruch nimmt. Aber wenn Luther in gewisser Weise recht gehabt haben sollte, dann stellt sich auch die Anschlussfrage, von wem das AfD-Pferd denn nun geritten wird – von Gott oder vom Teufel?

Desiderius ist der zusätzliche Vorname, den sich Erasmus selbst gab. Das bedeutet ‚der Ersehnte‘ oder ‚der Erwünschte‘. Vielleicht hat sich der unehelich geborene und damit im Verständnis des 16. Jahrhunderts auch ehrlose Erasmus, dieser lange Ausgegrenzte und im positiven Sinn Vaterlandslose zuweilen gewünscht, ersehnter und erwünschter zu sein. Vielleicht würde er sich heute, wenn er einen Wunsch frei hätte, danach sehnen, nicht permanent für den einen oder anderen politischen Zweck als Namensgeber missbraucht zu werden. Und alle anderen dürfen sich wünschen, sich zumindest ein Stückweit an seinem Vorbild orientieren zu können, indem sie sich dem Menschlichen in seiner Allgemeinheit und seiner Vielheit zuwenden, selbst wenn es unehelich, ausgestoßen und heimatlos daherkommt.

Ich möchte aber ungebührliche Spekulationen über die Person des Erasmus beiseitelassen und ihm lieber selbst das Wort geben. Denn wie diejenigen einzuschätzen sind, die besser sein wollen als alle anderen, um sich schlussendlich wie alle anderen zu benehmen, hat er in seinem „Lob der Torheit“ formuliert. Dabei hat er es auch nicht unterlassen, auf paradoxe Weise die Torheit über sich selbst sprechen zu lassen, so dass man sich beständig fragen kann und muss, ob diese Äußerungen nun besonders zutreffend oder außergewöhnlich närrisch sind:

„Wie nichts dümmer als übertriebene Weisheit, so nichts unklüger als überspannte Klugheit; und überspannt klug ist doch einer, der sich den Tatsachen nicht anpaßt, nichts nach dem Kurs fragt, ja nicht einmal an das alte Trinkgesetz denkt, das da heißt: »Sauf oder lauf!«, und verlangt, daß Komödie nicht Komödie sei. Wer wahrhaft klug sein will, der sage sich: Du bist ein Mensch; drum begehre nicht mehr zu wissen, als dir beschieden, und mach‘s wie die andern – die drücken lachend ein Auge zu oder lassen sich gutmütig über den Löffel balbieren. ‚Gerade das aber‘, sagt man, ‚ist Torenmanier!‘ Ich bestreite es nicht; nur soll man mir zugeben, daß sich so und nicht anders die Lebenskomödie spielt.“ [2]

 

Anmerkungen

[1] Thomas Mann, Die Buddenbrooks, Verfall einer Familie (Gesammelte Werke, Bd. 1), Frankfurt a.M. 1990, 552.

[2] Erasmus von Rotterdam, Ausgewählte Schriften, Bd. 2, hg.v. Werner Welzig, 3. Aufl. Darmstadt 2006, 65

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LuttaDada 2

Das LuttaDada kann sich freuen. Endlich ist es soweit, endlich ist das Jahr 2017 angebrochen – sein Jahr! Das LuttaDada wird wachsen und gedeihen, denn mit jeder neuen Jubiläumsaktion, die sich die LuttaDadaisten ausdenken aus Anlass dieses 500jährigen Dingsbums, wird es an Bedeutung gewinnen. Die LuttaDadaisierung wird die ganze Welt erfassen! Jawohl, das LuttaDada ist inzwischen anmaßend genug, die Herrschaft über die Welt ernsthaft in Erwägung zu ziehen. Was ein TrumpDada kann …

Die ersten Anzeichen dieser Weltherrschaft sind unübersehbar. Oder ist irgendjemand der Meinung, es sei ein Zufall ist, wenn eine Gedenkmünze mit dem LuttaDada geprägt werden? Nicht irgendwelche Gedenkmünzen, nein! Auf dieser sieht man das LuttaDada als Superman (oder besser Lutherman) über das Schloss Stolberg fliegen. Da bedarf es keiner weiteren Erläuterung!

Nach dieser eher ungewohnten Art der Fortbewegung beißt das LuttaDada zur Stärkung werbewirksam mit breitem Grinsen, strahlenden Zähnen und einem Gesichtsausdruck, der übergroßen kulinarischen Genuss vermitteln soll, in die neue Luther-Salami. Exklusiv hergestellt von der Firma Naturfleisch Überweißbach. In Bibelform mit aufgedruckter Lutherrose! Auch im Internet zu bestellen! Sola scriptura geht ab sofort durch Magen und Darm!

Derart gestärkt kann sich das LuttaDada der medialen Meute stellen. Jawohl, das LuttaDada hat seine Scheu vor dem öffentlichen Auftritt abgelegt, hat sich aus der Deckung der Reformatoreneinsamkeit herausgewagt, um den ganz großen Medienhäusern exklusive Interviews zu gewähren, die dazu angetan sind, die Welt in ihren Grundfesten zu erschüttern. Denn merke: Wer 95 Thesen kann, kann auch visionäre Interviews! Wir haben uns dazu nur mit ausgewählten Medienpartnern zusammengetan. Ein Interview gibt es daher – wenig überraschend – zu sehen beim Zeitungsverlag Waiblingen, das andere beim unvergleichlich einflussreichen Nachrichtenportal Rhein-Neckar „morgenweb“ (das man irritierenderweise auch noch abends konsultieren kann; nun ja).

Wogegen sich das LuttaDada aber mit aller Vehemenz wehren möchte, ist eine Verbindung mit Ronald Pofalla. Das geht nicht! Ein Pofalla kann nicht in Wittenberg den neuen Bahnhof eröffnen, der für das LuttaDada gebaut wurde. Das will das LuttaDada nicht! Und wenn das LuttaDada etwas nicht will, dann wird es auch nicht geschehen. Auch nicht in der Vergangenheit! Es wird also auch nicht geschehen sein! LuttaDadaisten werden diesen Bahnhof nicht benutzen! Sie werden zu Fuß gehen oder Wittenberg weiträumig umfahren, sie werden mit dem Fallschirm abspringen oder einen Tunnel durch das Erdreich graben, aber sie werden keinen pofallaisierten Bahnhof ansteuern. Das LuttaDada hat gesprochen!

Die gewonnene Zeit bei der Vermeidung dieses Bahnhofs lässt sich sinnvoll investieren bei der Beschreibung eines Wunders. Und nun sage bloß niemand, Wunder könne man entweder nur erleben oder bewirken, aber nicht beschreiben. Die Gemeinde Tambach-Dietharz ist da ganz anderer Meinung! Dort soll das LuttaDada nämlich im Jahre des Herrn Eintausendfünfhundertsiebenunddreißig von einem Leiden an den Nieren geheilt worden sein. Aber wie nur geschah dieses Wunder? Und wie konnte es geschehen, obwohl das mit dem Wunderglauben im LuttaDadaismus ja so eine ganz eigene Sache ist? Einigen ordentlich angestellten LuttaDadaisten scheint diese Frage keine Ruhe zu lassen. Pfarrer Gregor Heidbrink aus Finsterbergen – wir alle kennen seinen Krimi „Der gute Mensch von Düsteroda“ – hat mit einigen wackeren Mitstreitenden einen Preis ausgelobt, mit dem ein Text ausgezeichnet werden soll, in dem das Geheimnis kriminalschriftstellerisch gelüftet wird. Das LuttaDada ist insbesondere erfreut über den Abgabetermin für die Texte: 1. April 2017!

Krimis gut und schön – aber muss eine so todernste Sache wie die weltweite Verbreitung des LuttaDadaismus unbedingt auf das Niveau von Kinderspielzeug herabgedrückt werden? Ist denn nur noch Spaß angesagt, wenn es um fundamentale Fragen wie das Seelenheil geht? Es scheint so. Möge es der angemessenen Infiltrierung der Jungendbewegung des LuttaDadaismus (JLD) dienen. Das LuttaDada gibt es nun als „Quiz zu Kirche, Kultur und Konfessionen“. Das LuttaDada gibt es als „Martin Luther – Das Spiel“ mit Proviantkarten, Erfahrungssteinen, Abdeckplättchen, Porträtplättchen, Wegeringen und – besonders einladend – ‚Cranach malt‘-Plättchen. Auf die existentielle Dimension des reformatorischen Vorgangs wird zumindest insofern hingewiesen, als unter Dreijährige an diesem Spiel nicht beteiligt werden sollten. Verschluckungs- und Erstickungsgefahr! Ein Tiefpunkt papistisch-dadaistischer Propaganda ist allerdings das Spiel „Mea Culpa“. Dort, so musste das LuttaDada erfahren, wird doch allen Ernstes um die möglichst gelungene Art des Ablasshandels gestritten, mit der man sich der Himmelspforte nähern soll. Das lehnen wir ab! Dieses Spiel wird sofort verboten! Die Mission des LuttaDada ist noch lange nicht beendet!

Auch heute will das LuttaDada nicht darauf verzichten, einige Veranstaltungshinweise zu geben. Dieses Mal: Das Weltereignis in Blaubeuren! Es locken lustige Liederabende unter dem Motto „Luthers Laute“. Heranwachsende aus der Blaubeurer Jungschargruppe haben spezielle Angebote vorbereitet (auch wenn man hier noch nicht spezieller werden wollte). Außerdem fragt man in Blaubeuren investigativ nach: Ein Bilderverbot in der Bibel? Bedauerlich ist allerdings, dass man sich ansonsten vor Ort vor allem auf den Dialog mit den Menschen freut. Traurig, traurig, unter welchen Ausgrenzungserfahrungen die Tierwelt bei diesem Reformationsjubiläum einmal mehr zu leiden hat. Und was bei den 500-Jahr-Feierlichkeiten niemals und unter gar keinen Umständen fehlen darf, auch nicht in Blaubeuren, ist das Herzstück einer jeden Reformationsjubiläumsveranstaltung, die Krone in jedem Gemeindeprogramm: Kochen wie zu Luthers Zeiten! Guten Appetit!

Lang lebe das LuttaDada!

 

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Falk-Postille

Man kann aus Martin Luther einen Freiheitshelden machen. Muss man aber nicht. Man kann die ‚Botschaft‘ der Reformation (wie lautete sie gleich noch?) in das Korsett standardisierter Musicalmelodien packen. Man muss sich das aber nicht anhören. Man kann die geistliche Musik des 16. bis 18. Jahrhunderts in ein fahrstuhltaugliches Funktionsmusikgeriesel verwandeln. Man muss dafür aber kein Geld ausgeben.

Es gibt einen Mann, der all das nicht nur kann, sondern der wohl auch davon überzeugt ist, dass man es sollte. Man tut Dieter Falk wohl nicht unrecht, wenn man ihn als Überzeugungstäter charakterisiert. Er scheint überzeugt von der Verbreitung der christlichen Botschaft mittels massentauglicher Melodien, und er scheint überzeugt von den popmusikalischen Ausdrucksmöglichkeiten der 1970er und 1980er Jahre, die er in das frühe 21. Jahrhundert hinübergerettet hat.

Wer ist Dieter Falk? Ihn als Größe im Bereich der deutschen Popmusik zu bezeichnen, ist kaum übertrieben, auch wenn man den Namen noch nie gehört haben sollte. Er wirkt eher im Hintergrund als Mann an verschiedenen Tasteninstrumenten und als Produzent. Die größten Erfolge feierte er als Verantwortlicher für die Aufnahmen der Band Pur – und wenn man das zweifelhafte Vergnügen gehabt sollte, deren Musik schon einmal gehört zu haben (was sich irgendwann in den 1990er Jahren nicht so richtig vermeiden ließ), dann hat man auch schon einiges von den musikalischen Vorlieben Dieter Falks begriffen.

Nun zu behaupten, Dieter Falk hätte die Marke Luther aktuell als Geschäftsmodell für sich entdeckt, ist nur die halbe Wahrheit. Er ist, wie gesagt, Überzeugungstäter, war bereits in den 1980ern bei Aufführungen und Aufnahmen christlicher Popmusik beteiligt. Das Einlassen auf und die Auslassungen zu Luther kommen also nicht von ungefähr. Falk ist nicht jemand, der es sich leichtmacht und auf den aktuellen Trend des Reformationsjubiläums aufspringt. In seinem Fall handelt es sich die konsequente Fortsetzung jahrzehntelanger Arbeit.

Angefangen von der musikalischen Sozialisation im Kirchenchor über die Produktion zahlreicher Schallplatten im Bereich christlicher Popmusik bis zur Aufführung von Musicals, deren Titel den Hauch von Hollywood-Filmproduktionen der 1950er Jahre atmen (Die 10 Gebote! Moses!), ist hier alles vertreten.

Und nun also Luther. Auch hier wird auf der ganzen medialen Klaviatur gespielt (… was für ein Kalauer bei einem Pianisten). Erstens gibt es eine CD „A tribute to Martin Luther“, eine Art instrumentales Jazz-Rock-Gedöns mit Bläsern und Filmorchester und viel Drumherum, begründet unter anderem mit der Aussage, Luther sei der „erste Popmusiker der Kirche gewesen“. Aber Falk bedient, zweitens, auch die Buchsparte und hat gemeinsam mit seiner Frau Angelika für die Deutsche Bibelgesellschaft den Umschlag einer Sonderausgabe der revidierten Luther-Bibel kreiert. Der dritte Beitrag zum Jubiläums-Tingeltangel ist dann aber die ganz große Show: das sogenannte Pop-Oratorium, das auf den einfallsreichen Namen „Luther“ hört. Dessen Aufführung geht dieses Jahr deutschlandweit durch etliche Hallen und Stadien Deutschlands und gibt uns die Reformation mit ihrem Hauptdarsteller als Musical-Aufführung inklusive einem mehrtausendstimmigen Laienchor. Leider klingt das, was man sich bisher anhören kann, ohne die teuren Eintrittskarten für diesen ‚Event‘ zu erstehen, genauso wie es immer klingt, wenn deutsche Chöre versuchen, auf Gospel zu machen. Redlich bemüht.

Das Pop-Oratorium „Luther“ wird uns in diesem Jahr wohl noch häufiger über den Weg laufen. Spätestens am 29. Oktober 2017 können es sich alle öffentlich-rechtlich im ZDF ansehen. Und würde man mich um meine unmaßgebliche musikalische Meinung fragen, würde ich dafür plädieren, keinesfalls mehr der eigenen Finanzmittel als die fälligen Rundfunkgebühren dafür aufzuwenden. Denn die Musik ist zum Fremdschämen schlecht (Beispiele gibt es hier) und die Texte (von Michael Kunze, der unter anderem Texte für Udo-Jürgens-Klassiker wie „Griechischer Wein“ oder „Ich war noch niemals in New York“ geschrieben hat) gehören in die Kategorie des Peinlichen.

Hätten wir ihn da nicht schon wieder, den arroganten Hochkultur-Schnösel in mir, der sich angewidert vom Leichten in der Kunst abwendet? Das mag wohl zutreffen. So wie andere bei John Cage, Pere Ubu oder Charles Mingus schreiend weglaufen, muss ich mir bei dieser Musik die Ohren zuhalten. Das wäre an sich auch kein Problem und vor allem kein Anlass, eine Postille zu verfassen. Streitereien über musikalische Vorlieben bereiten zwar viel Freude, weil man sich so schön sinnlos in Rage argumentieren kann, bleiben aber regelmäßig ergebnislos. Deswegen sollte jeder den eigenen kleinen Musik-Honecker beim Verlassen der Wohnung besser zu Hause (oder zumindest unhörbar) lassen.

Bedenklich wird die Sache, wenn es sich die ‚Macher‘ dieses Machwerks ausdrücklich auf die Fahnen schreiben, kein Interesse an einer Geschichtsstunde zu haben und nicht das 16. Jahrhundert zur Aufführung bringen zu wollen, sondern die Aktualität der Figur Luther betonen möchten: Freiheit, Widerständigkeit, Individualität und eigenständiges Denken („Selber denken“ heißt auch ein Liedtitel), darum soll es gehen, gipfelnd in der Aussage, Luther sei ein „krasser Typ“ gewesen. Der Historiker in mir könnte es sich nun natürlich leichtmachen und diese ausdrückliche Geschichtsferne an sich geißeln. Aber das hieße, die eigenen Prämissen etwas voreilig für allgemeinverbindlich zu erklären. Mit diesem typischen Beispiel für das Weichgespüle des Reformationsjubiläums, diesem goldenen Volksmusikfestival der Vergangenheit, das Massentauglichkeit auf Teufel komm raus erreichen will (und wenn der Teufel gelockt werden soll, wird es doch schon wieder recht lutherisch), muss man aber aus ganz anderen Gründen seine Probleme haben.

Ganz richtig, mir gefällt die Musik nicht. Muss sie auch nicht. Aber das Problem dieser Luther-Verwurstungen und gnadenlosen Aktualisierungen ist letztlich ein ethisches. Denn mit der blanken Zurückweisung jeden historischen Interesses und jeglichen geschichtlichen Anspruchs wird auch die Verantwortung aufgegeben, die wir für die Verstorbenen haben. Und genau das können wir nicht tun (und würden zum Beispiel auch kaum wollen, dass es die Nachlebenden mit uns tun). Es ist nämlich verantwortungslos, die einst Gewesenen als Steigbügelhalter für flotte Erkenntnisse der Gegenwart zu missbrauchen. Um die Frage zu beantworten, wie wir gegenwärtig leben wollen, brauchen wir Luther nicht. Dem Reformationsgeschehen nur ein paar Allgemeinplätze zu entnehmen, wird aber weder der Vergangenheit noch der Gegenwart gerecht. Nicht nur wird das vergangene Geschehen unzulässig verkürzt, wenn man aus Luther einen dufte Popmusiker macht, sondern auch die Gegenwart tut sich keinen Gefallen damit, in ihm einen krassen Typen zu sehen. Er war nämlich ganz nebenbei auch noch ein krasser Judenhasser, ein schräger Apokalyptiker, ein kompromissloser Dogmatiker und ein Fundamentalist reinsten Wassers. Aber ein solcher Luther wäre selbstredend wenig musicaltauglich. Wir können Luther und der Reformation und dem 16. Jahrhundert und der Vergangenheit und überhaupt den vielen Vergangenheiten nicht beikommen, indem wir die vermeintlich simple Frage stellen, was das denn alles für uns heute noch bedeutet. Die Zeiten und ihre Verhältnisse zueinander sind deutlich komplizierter.

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Club der weitgehend unbekannten Reformator/innen (CWUR), Folge 1: Robert Barnes

Titelbild: Jeff Turner

Man wird Martin Luther kaum den Titel absprechen können, der Reformator gewesen zu sein, einfach weil er hinsichtlich Einfluss, Popularität, Breitenwirkung und Ruhm zu Lebzeiten (wie auch in seinem Nachleben) schwerlich zu übertreffen ist. Aber er war eben bei weitem nicht der einzige Reformator. Wenn also im Rahmen dieses Reformationsjubiläums schon so sehr auf Personalisierung gesetzt wird, dann kann man wenigstens das Tableau an Personen ein wenig erweitern. Zu diesem Zweck wurde der „Club der weitgehend unbekannten Reformator/innen“ (CWUR) ins Leben gerufen, eine ehrenamtlich arbeitende Vereinigung, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, zumindest ein wenig von dem Scheinwerferlicht, das den Wittenberger Oberreformator schon seit Jahrhunderten anstrahlt, auf diejenigen Figuren abzulenken, die ansonsten in seinem Schatten stehen.

Darunter sind auch Personen zu finden, die erst nach ihrem Ableben zu Bekanntheit gelangt sind. Einer von ihnen ist der Engländer Robert Barnes, der gegen Ende seines Lebens (von dem er noch nicht wissen konnte, dass es sein Ende sein würde) den fatalen Fehler beging, sich zu weit in den Dunstkreis des englischen Königs Heinrich VIII. hineinbewegt zu haben. Und wie allgemein bekannt, diese Nähe ist nicht allen bekommen. Barnes wurde 1540 auf dem Scheiterhaufen hingerichtet, offiziell wegen Häresievorwürfen, tatsächlich aber, weil er in den Sturz seines Patrons Thomas Cromwell verwickelt war.

Dieses tragische Ende bot der protestantischen Seite die Möglichkeit, aus Barnes einen Streiter für den rechten Glauben und einen Märtyrer im Kampf für das wahre Christentum zu machen. In dieser Rolle hat er als Reformator, zumindest im deutschsprachigen Raum, erst nach seinem Tod wirklich an Bedeutung gewonnen. In einer 1540 erschienenen Flugschrift („Bekantnus des Glaubens/ Die Robertus Barns/ Der Heiligen Schrifft Doctor (inn Deudschem Lande D. Antonius genent) zu Lunden in Engelland gethan hat“) wurden seine angeblich letzten Worte überliefert. Martin Luther verfasste dazu ein Vorwort und bescherte der Schrift dadurch großen Erfolg. Die Flugschrift erlebte mindestens neun Auflagen.

Geboren wurde Barnes 1495 in Norfolk. Er absolvierte eine Laufbahn, die für einen angehenden Reformator (der noch nicht wissen konnte, dass er einmal Reformator werden würde) als durchaus typisch anzusehen ist. Neben einer Ausbildung bei den Augustinern absolvierte er auch noch ein Studium in Cambridge und Löwen, wurde schließlich 1523 zum Doktor der Theologie promoviert. 1525 hielt er dann in Cambridge eine Predigt, die ihn bis an sein Lebensende begleiten sollte, weil sie einerseits seine reformatorische Gesinnung offenbarte, ihm andererseits eine Anklage wegen Häresie einbrachte. Vor den Gefahren, die ihm in England drohten, floh er auf den Kontinent, hielt sich auch längere Zeit in Wittenberg auf, lernte unter anderem Luther und Melanchthon kennen, verfasste theologische Abhandlungen und wurde schließlich Nutznießer des Umstands, dass Heinrich VIII. von England inzwischen zumindest die politisch-dynastischen Vorteile einer Reformation für sich und seine Monarchie zu schätzen wusste (wenn er auch von den theologischen Aspekten nicht wirklich überzeugt war). Aufgrund seiner Verbindungen zur protestantischen Szene in Deutschland wurde Barnes von Heinrich mit diplomatischen Aufgaben betraut – bis der Stern seines Patrons Thomas Cromwell am englischen Hof zu sinken begann.

Wer dann ein rechter Märtyrer werden will [1], der muss schon ein entsprechendes Vermächtnis hinterlassen, der muss, wie Barnes, gelassen zum Scheiterhaufen schreiten, die Umstehenden trösten und „sich mit so grosser freude zu seiner marter“ begeben, „das er auch kein mal sein farbe wandelte“, wie es in der „Bekantnus des Glaubens“ heißt [2]. Ansonsten stellte Barnes in seinen famous last words sicher (beziehungsweise wurde für ihn sichergestellt), dass die reformatorische Gesinnung im lutherischen Sinn noch einmal deutlich zum Ausdruck kam [3]. Liest man die in der Flugschrift enthaltene Beschreibung der Hinrichtungsszene, kommt man kaum umhin, an eine Theateraufführung zu denken. Alle notwendigen dramatischen Elemente sind hier enthalten. Barnes selbst hält eine ergreifende Rede, wird von Umstehenden angesprochen und bezüglich seiner religiösen Überzeugungen befragt, spricht mit dem Henker, wendet sich an seine (abwesenden) Gegner, um ihnen zu verzeihen, informiert sich über den (nicht existierenden) Urteilsspruch gegen ihn und fügt sich schließlich in einer Szene, die jedem Finale einer Märtyrertragödie würdig ist, dem Unabwendbaren: Er gibt „sich mit gantzem begirde nach dem fewr/ und kerte das angesichte zu dem dampffe und Fewr/ und erstickte inn kurtzer zeit.“ Und damit konnte es beginnen, das Leben eines Reformators, das vor allem darin bestand, das Nachleben eines Märtyrers der Reformation zu sein.

 

Anmerkungen

NB: Die Arbeit des „Clubs der weitgehend unbekannten Reformator/innen“ wird maßgeblich unterstützt durch das empfehlenswerte Buch von Irene Dingel/Volker Leppin (Hg.): Das Reformatorenlexikon, 2. Aufl. Darmstadt 2016. Dort ist auch der Beitrag von Katharina Beiergrößlein zu finden über Robert Barnes, dem der vorliegende Eintrag wesentliche Informationen zu verdanken hat.

[1] Peter Burschel: Sterben und Unsterblichkeit. Zur Kultur des Martyriums in der Frühen Neuzeit, München 2004

[2] Der Text des „Bekantnus des Glaubens“ ist unter anderem hier zu finden. http://reader.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb11006953_00001.html

[3] Korey D. Maas: Confession, Contention, and Confusion: The Last Words of Robert Barnes and the Shaping of Theological Identity, in: Sixteenth Century Journal 42 (2011) 689-707

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LuttaDada 1

Was ist das LuttaDada? Das LuttaDada kommt in vielerlei Gestalt daher. Es passt sich amöbig den Verhältnissen und Gegebenheiten und Erfordernissen an. Das LuttaDada ist immer und überall. Das LuttaDada ist immer da (und immer dada) und trotzdem nie zu greifen.

So schillert das LuttaDada in allerlei Farben. Auch im Münsterland! Denn das Martin – jawohl, man ist mit dem LuttaDada zuweilen schon so vertraut, dass man es beim Vornamen anspricht –, also dieses Martin ist im Münsterland nicht einfach nur ein Mensch. Nein, es ist Plastik, es ist 2,50 Meter groß, es wiegt 50 Kilogramm, und es erscheint in weißer Gestalt. Aber das Schönste: Es kann von innen leuchten! Das LuttaDada wird bunt! Man darf damit auch spielen, sprachen die Münsteraner LuttaDadaisten, man darf es bemalen, ankleiden, mit Zetteln behängen … Einige PapistenDadaisten wollten wohl nicht spielen. Sie schmissen das weiße große LuttaDada einfach in den nächstgelegenen Vorgarten. Auch keine Lösung!

Was aber ein lebensfroher Reformator ist – und nicht anders wollen wir unser LutterDada sehen –, das lässt noch viele weitere Blüten in einem bunten Strauß hübscher Ideen blühen. So schreit der Kraftakt der Reformation geradezu nach einem nicht minder kräftigen Schluck aus einem Krug Luther-Halbe. Jawohl, in Deutschland trinkt ein LuttaDada Bier! Es muss sogar viel Bier trinken, denn für das LuttaDada wird eifrig gebraut. Nicht nur in Amberg! Und was der Amberger kann, das kann der Ulmer allemal. Dort kann man sogar saufen für den guten Zweck. Martin-Luther-Bier, mehr Stammwürze, nur 500 Kästen, jetzt oder nie! Der Erlös geht an die Ärmsten der Armen: an die Ulmer Luther-Gemeinde.

Kaum wieder ernüchtert, muss das LuttaDada – durchaus missvergnügt – zur Kenntnis nehmen, dass in sich in diesem Land inzwischen einige Menschen erfrechen, in der Gewandung des LuttaDada aufzutreten, ja, sich sogar als das LuttaDada selbst auszugeben. Wir werden von einem Imitat imitiert! Die Wahl zum Mister Luther für das Lutherjahr 2016/17 hat der so bezeichnete „Berufsluther“ Bernhard Naumann gewonnen. Auserkoren vom ehrwürdigen Stadtmarketing Wittenberg. Naumann fällt nun das schwere Amt zu, dem unvergleichlichen LuttaDada für die kommenden Monate Gestalt und Gesicht und Stimme zu geben. Dazu: Glückauf! Ihm zur Seite gestellt wurde eine LuttaDada-Gattin. Wie passend. Aber auch sie selbstredend: ein Imitat.

Das LuttaDada will es nicht verabsäumen, die wichtigsten Veranstaltungshinweise für die kommenden Monate mitzuteilen. Dieses Mal: Südharz! Was das LuttaDada allein dort alles auf die Beine stellt: Essen wie bei Luthers! Luthers Freunde zu Gast im Südharz (auch mit Essen)! Ein nicht ganz historischer Besuch Martin Luthers (gibt’s da Essbares?)! Einweihung des Luther-Zimmers in Wülfingerode (da muss aber gegessen werden)! Poesie und Reformation in Liebenrode (mit Geplauder und mit Abendbrot)! Harzblick Wandermarathon (offenbar reformationsfrei; Essen selbst mitbringen)!

Und was ein wahres und großes LuttaDada ist, das fährt nicht mehr in ollen Karossen über Land (auch nicht in den Südharz), nein, das braust in einem Hochgeschwindigkeits-ICE der vierten Generation durchs Gelände, so dass es von niemandem gesehen werden kann, aber auch selbst nichts mehr sieht. Das ist von außen gar kein Zug mehr, das ist eine weiße Linie, die durch die Geographie schießt. Und von innen ist’s keine Landschaft mehr, sondern huschende grün-graue Fläche, die vorbeifliegt. Vielleicht geht so ja auch das ganze Jubilieren schneller vorbei? Wohl kaum. Denn irgendwann wird auch dieser ICE auf freier Strecke ungewollt zum Halten kommen. Störungen im Betriebsablauf. Dann steht er da und kann nicht anders.

Aber dann kann das LuttaDada in seinen Überseereisekoffer greifen und eine der revidierten Bibelausgaben herausziehen, eingehüllt in einen von Prominenten unnachahmlich gestalteten und in einer einmaligen Edition erhältlichen Bibelschuber. Ins Werk gesetzt von ausgewiesenen Anhängern des LuttaDada, von wahren Bibelexperten, von echten Designgrößen: Jürgen Klopp! Uschi Glas! Harald Glööckler! Und anderen Unbekannten! Für 39,99 Euro! Ist das nicht großartig, ist das nicht wunderschön? – Nein, wohl eher nicht.

Lang lebe das LuttaDada!

 

Nachweise: Luther unter den Bögen (Westfälische Nachrichten, 25.10.2016); Statue von Martin Luther in fremden Vorgarten geschleppt (Neue Osnabrücker Zeitung, 31.10.2016); Eine Halbe für Martin Luther (Onetz, 28.09.2016); Brauerei Gold Ochsen: Fassanstich mit Martin-Luther-Bier (aboutdrinks.de, 24.10.2016); Lutherpaar 2017 (Mitteldeutsche Zeitung, 30.10.2016); 12 Schritte zum Reformationsjubiläum (Neue Nordhäuser Zeitung, 25.10.2016); Ein ICE namens Martin Luther (deutschebahn.com); Prominente und die Lutherbibel (Deutsche Bibelgesellschaft)

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Verlebendigung. Zweite These zur Geschichtskultur

Echt tot? Gemälde aus der Cranach-Werkstatt nach einer Zeichnung von Lukas Furtenagel 1564 (Titelfoto von Perledarte)

Die zweite These zur Geschichtskultur lautet: Unsere Geschichtskultur setzt auf Verlebendigung und ist personenfixiert.

Diese These lässt sich durch einen recht schlichten Hinweis belegen. Es sei daran erinnert: Wir haben es derzeit mit einem Reformationsjubiläum zu tun, nicht mit einem Lutherjubiläum. Warum wird dann aber deutlich intensiver über die Person Luthers berichtet als über den wesentlich komplexeren Vorgang der Reformation? Möglicherweise genau deswegen: weil diese Reformation so komplex ist? Und weshalb wird auch bei Luther – und zwar durchaus traditionell – viel eher über Persönliches berichtet (sein Charakter, seine Ehe, seine Essgewohnheiten …) oder Mitteilung gemacht von besonderen Ereignissen in[1] Lyndal Roper: Der feiste Doktor. Luther, sein Körper und seine Biographen, Göttingen 2012

seiner Biographie (Blitzeinschlag! Thesenanschlag! Widerrufsausschlag!) als über das, was seine historische Wirkung tatsächlich ausmachte: seine Theologie? Luthers Lebenslauf und Lebensweise scheinen uns aufgrund einer vertrauten Fremdheit recht nah zu sein. Für seine theologische Gedankenwelt scheint das nicht im gleichen Maß zu gelten. Deshalb sind Kenntnisse über den einen oder anderen zur Legende mutierten Schwank aus seinem Leben quizfragenfähiges Informationsallgemeingut geworden, während man die Inhalte seines Glaubens mit eher größerem Wortaufwand erläutern müsste – und vor allem erläutern müsste, warum diese Theologie zeitgenössisch so ungeheuer wirksam werden konnte.

Verlebendigung als Selbstzweck

Wäre es möglich, dass genau hier der Grund für die Personenfixierung im aktuellen Jubiläumsgeschehen auszumachen ist? Die Inhalte der Reformation sind uns mit einem halben Jahrtausend Abstand so fremd und so erläuterungsbedürftig geworden, dass ein Ausweichen auf den großen Mann als Vertreter derjenigen menschlichen Gattung, die angeblich irgendwann einmal Geschichte gemacht haben soll, durchaus nahezuliegen scheint.

Aber diese Vermutung ist deswegen nicht ganz überzeugend, weil auch bei anderen Jubiläumsbegängnissen ähnliche biographische Fixierungen festzustellen sind. Auch bei den ansonsten häufig im Zentrum stehenden militärischen Auseinandersetzungen, insbesondere Weltkrieg I und II, ist zu beobachten, dass es wesentlich offensichtlicher zu sein scheint, über zentrale Figuren zu sprechen (der große Unnennbare soll hier ungenannt bleiben) als über verwickelte militärische Vorgänge. Die Kenntnisse über die angeblich oder tatsächlich entscheidenden Personen dürften deutlich weiter verbreitet sein als diejenigen über den wechselnden Verlauf von Frontlinien oder die Organisation einzelner Feldzüge. Der Grund für diese Konzentration auf die Handelnden anstatt auf deren Handlungen oder Gedanken in der aktuellen Geschichtskultur scheint leicht auszumachen zu sein, weil sowohl theologische Argumentationen als auch militärische Aktionen oder überhaupt größere Zusammenhänge recht schnell zu komplex oder auch zu abstrakt geraten, um leichthin erfasst werden zu können. Demgegenüber ist der Zugang über die Lebensgeschichte einer Person zunächst wesentlich einfacher, da Gegenstand und Rezeptionsgemeinde zumindest eine wesentliche Gemeinsamkeit teilen, nämlich ein Leben zu leben.

Die Antwort auf das eingangs gestellte Problem steckt also schon in der Frage selbst: Der Zweck der Personalisierung und Verlebendigung innerhalb der Geschichtskultur ist eben, dasjenige zu verlebendigen und zu personalisieren, was wir gemeinhin als ‚die Geschichte‘ bezeichnen und was uns in seiner monumentalen Übermächtigkeit derart zu überragen scheint, dass wir ihm nicht zuletzt auf dem Weg konkreter Lebensgeschichten von konkreten Menschen nahezukommen versuchen. Und warum nicht: Wo kämen wir hin, wenn wir darauf verzichten wollten, persönliche Geschichten über ‚die Geschichte‘ zu erzählen? Wahrscheinlich in eine Form der Struktur- und Sozialgeschichte, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zwar akademisch sehr erfolgreich war, aber zugleich einen tiefen Graben zum nicht-akademischen Publikum geschaufelt hat. Daher hat der verlebendigende Zugang ohne Frage einigen Charme. Biographien werden inzwischen ja nicht nur über Menschen erzählt, sondern auch über Städte, Flüsse, Ideen, Gott und den Teufel. Alles lässt sich in den Rahmen einer Lebensgeschichte einfügen.

Wittenberg als Wandtapete

Anlässlich des Reformationsjubiläums haben wir es aber noch mit ganz anderen Formen der Verlebendigung zu tun. Abgesehen von den üblichen Spielfilmen und Fernsehdokumentationen, in denen Luther Wiederauferstehung feiert, wurden wir in jüngster Zeit durch weitere Formen beglückt, die uns Luther möglichst konkret vor Augen führen sollten.

Da ist zum einen das 360 Grad-Reformationspanorama in Wittenberg, das unter der Leitung von Yadegir Asisi entstanden ist und das die Zeit des frühen 16. Jahrhunderts wieder ‚lebendig‘ machen soll. Es reiht sich nahtlos ein in die Tradition der Panoramabilder, die im 19. Jahrhundert zu einem Massenmedium wurden und die ferne Wirklichkeiten oder vergangene Zeiten in das Leben des städtischen Bürgertums holen sollten – beziehungsweise diese Städter in exotische Gegenden oder glorreiche Historien ‚hineinversetzen‘ wollten. Mittels technischer Möglichkeiten ging und geht es also darum, eigentlich unüberwindliche Distanzen von Zeit und Raum verschwinden zu lassen.

Dann ist da zum anderen die digitale Rekonstruktion des lutherischen Charakterkopfes in 3D, erstellt aufgrund der angeblichen Totenmaske. Dieser Digitalkopf dreht sich in einem kurzen Video der Betrachterin zu und schlägt dann auch noch die Augen auf, um sie anzublicken. Nicht genug also, dass Luther zu den meist portraitierten Menschen seiner Zeit mit mehreren hundert Verbildlichungen gehört, inzwischen wird ihm – ähnlich wie dem Ötzi – eine Form der ‚Rekonstruktion‘ zuteil, die uns den Reformator vor Augen stellen soll. Und das ausgerechnet aufgrund einer Totenmaske, von der man sich eigentlich nur sicher sein kann, dass sie nicht von Luther stammt. [1]

Vom Jetzt ins Früher

Abgesehen davon, dass man es technisch kann, gibt es einen weitergehenden Erkenntniswert solcher Verlebendigungen? Rückt uns Luther näher, wenn wir ihn in all der Übergewichtigkeit seiner letzten Lebensjahre vor uns sehen? [2] Können wir uns in die Zeit der Reformation ‚hineinversetzen‘, um diese höchst problematische Vokabel zu verwenden, wenn wir uns via Fototapete durch das Wittenberg des 16. Jahrhunderts bewegen?

Was daran so problematisch anmuten muss, ist die Erzeugung einer nahezu magischen Illusion, der Vorstellung nämlich, der Unterschied zwischen Jetzt und Früher ließe sich unproblematisch auflösen. Nichts anderes soll die Verlebendigung bewerkstelligen: so zu tun, als sei die Vergangenheit auf unmittelbare Weise wieder gegenwärtig zu machen. Eigentlich ein im höchsten Maße ‚vormodernes‘ Verfahren, zumindest wenn man mit diesen problematischen Kategorien des ‚Modernen‘ und des ‚Vormodernen‘ umgehen möchte. Warum eine solche Unterscheidung schwierig sein könnte, macht die verlebendigende Geschichtskultur selbst deutlich: Weil ‚wir Modernen‘ mit einem ‚vormodernen‘ Ansatz operieren und die Unterschiede zwischen den Zeiten verschwinden lassen. ‚Modern‘ wäre dann vor allem die technische Umsetzung – aber der Inhalt mutet nahezu archaisch an.

Auf Umwegen gelänge es uns dann doch, eine Gemeinsamkeit und Verbindung zu Martin Luther und seiner Zeit (oder besser: seinen Zeiten) herzustellen. Denn hatte er nicht mit den medial-technischen Möglichkeiten, die ihm zur Verfügung standen, ähnliches vor? Wollte nicht auch er die Kirche ‚re-formieren‘, also in eine Form zurückführen, die sie angeblich bei den ersten Gemeindegründungen des Urchristentums schon einmal besessen hatte und wie sie in den Worten des Neuen Testaments überliefert war? War die Bibel nicht sein Breitleinwandpanorama und waren die Briefe des Apostel Paulus für ihn nicht so lebendig, dass er sie unmittelbar auf seine Gegenwart beziehen konnte?

 

Anmerkungen

[1] Jochen Birkenmeier: Luthers Totenmaske? Zum musealen Umgang mit einem zweifelhaften Exponat, in: Luther-Jahrbuch 78 (2011) 143-189

[2] Lyndal Roper: Der feiste Doktor. Luther, sein Körper und seine Biographen, Göttingen 2012

 

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Bett-Postille

Man kann nicht sagen, dass der japanische Künstler Tatzu Nishi den Reformator Martin Luther von seinem Sockel geholt habe. Eher im Gegenteil. Er hebt uns auf Sockel hinauf. Mit der Installation „Als dann flugs und fröhlich geschlafen (In bed with Martin Luther)“ hat Tatzu Nishi das Eisenacher Martin-Luther-Denkmal mit einem vollständigen, sehr durchschnittlichen deutschen Schlafzimmer umbaut. Und zwar auf Sockelhöhe. Man kann nun ein Gerüst ersteigen, um dieses Schlafzimmer zu betreten und die einstige Luther-Statue aktuell als Bett-Statue zu begutachten.

Ist das nun Kunst oder höherer Blödsinn? Will hier jemand den Reformator veräppeln – oder warum muss man ihn ins Bett zerren (oder korrekt formuliert: ihn mit einem Bett umstellen)?

Es mag schon sein, dass Tatzu Nishi uns nicht nur auf den Sockel heben, sondern mit seiner Installation auch auf den Arm nehmen möchte. Und das ist gut so. Denn er spielt auf sehr intelligente, weil irritierende Weise mit der Frage, wie aktuell uns dieser Luther heute noch sein kann, was uns dieser Luther gegenwärtig bedeutet und wie nahe beziehungsweise entfernt uns dieser Luther ist. Mit eben diesen Fragen von Nähe und Distanz jongliert die Sleep-In-Installation.

Es ist insbesondere das heroisierte und nationalistisch aufgeladene Luther-Bild des 19. Jahrhunderts – das Eisenacher Luther-Denkmal wurde 1895 eingeweiht –, das durch die Installation konterkariert wird. Aus dem deutschen Übermenschen wird durch die Positionierung im Bett wenn schon keine Alltagsperson, dann doch zumindest ein entsockelter Heros. Man kann dem Reformator, der ansonsten mehrere Meter über den Betrachtenden thront, ganz nahekommen, kann den Helden veralltäglichen und kann sich vielleicht sogar für einen Moment der Illusion hingeben, die historische Distanz eines halben Jahrtausends zum Reformator zu überbrücken.

Aber der Clou der Installation besteht darin, durch die Bettsituation nicht nur Nähe zu schaffen, sondern durch die übergroße Intimität des Schlafzimmers auch schon wieder Distanz herzustellen – der Eintritt in die fremde Bettstatt als Moment der Scham.

Was also bedeutet uns Luther heute? Tatzu Nishi hat diese Frage auf komplexe und durchaus widersprüchliche Weise adressiert. Einige mögen darin den ‚Untergang des Abendlandes‘ sehen, wie manche kritische Stimmen sich mit Blick auf das Kunstwerk geäußert haben sollen. Aber wenn es darum geht, nationalistisch aufgeblähte Heroen vom Sockel zu holen, dann kann dieses Abendland meines Erachtens gar nicht schnell genug untergehen.